| espace d’essays | Anja Utler : “jeder Schritt ein Ausbruchsstadium”- Robert Prossers “verinnerlichte Halluzinationen”

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Anja Utler :

“jeder Schritt ein Ausbruchsstadium”- Robert Prossers “verinnerlichte Halluzinationen”


In Robert Prossers Text -lockruf (oder nach der kreisförmigen Struktur des Textes besser: -lockruf…//…Laut-) ist vom “Husarenritt” die Rede, und als solchen habe ich seine Arbeit auch kennengelernt: als rasanten Vortrag auf dem Ars Poetica Festival 2008 in Bratislava. Die Stimmlinien am Hip-Hop ausgerichtet, wohlgetuned und -getimed. (Und es lohnt sich, die rhythmischen Muster des Hip-Hop zu aktualisieren und beim eigenen Lesen über den Text zu legen.)

Schon das hat diesen Auftritt für mich von vielem abgehoben, was unter dem Stichwort ‚junge deutschsprachige Lyrik’ auf die Bühnen kommt. Noch stärker als die performerische Souveränität ist mir aber die Empfindung einer Reibung in Erinnerung geblieben. Denn die Texte brachten ihrem Vortrag hörbaren Widerstand entgegen – nicht wegen rhythmischer Ungereimtheiten, sondern weil sich Laut- und Bedeutungswerte nicht glatt an- und miteinander entfalteten. Anders als sonst bei performerisch ambitionierteren Gedichtformen gängig, wurde hier die Notwendigkeit nachzulesen deutlich, das Bedürfnis erzeugt, dem zwischen verhakten Mikroeindrücken wild ins Kraut Schießenden hinterher zu kommen. “Ein Blindschleichenende ragt nach” hieß es in einem der Texte, daran konnte ich mich, im Knäuel der akustischen Eindrücke, zunächst halten.

Es zeigte sich, dass solche Blindschleichenenden, in denen das Wahrgenommene als winziges, konkret-körperliches Detail aufglüht, auch beim Lesen in Robert Prossers Texten kleine Widerhaken bilden, an denen eine punktuelle Verankerung im Text-Rausch(en) möglich wird. Ausufernde Prosa ist der Untertitel von Robert Prossers erstem Buch Strom, das diesen Herbst im Wiener Klever Verlag erschienen ist, und er trifft: Denn keiner dieser Texte fügt sich in ein umfassendes, stimmiges Bild. Keiner ist bereit, das Wogen von Wahrnehmung und Assoziation zugunsten eines einzigen komponierten Bildes auszublenden. Es rauscht und überschlägt sich in allen diesen Texten. Und zwar tatsächlich: es. Es nicht in innerer Sicht; das äußere es : alles. Welt, was existiert und dieses sprechende Da-durch-Lebende, das sich zusammenliest aus seinen Wahrnehmungssplittern im “andauernden Ortswechsel” und – naturgemäß – nicht fertig wird damit. Alle bringen mich als Lesende ins Strudeln, ins Herz des Ausuferns, Überschießens.

Und dieses Überschießen in Robert Prossers Texten ergreift alle Ebenen, der Laut schießt im Aufwallen über die Bedeutung hinaus (und umgekehrt), die gesamte sprachliche Situierung über gängige Gattungsgrenzen. Nach einigem gemeinsamen Überlegen habe ich den Autor gebeten, in die Präsentation seiner Arbeit in dieser Lyrik-Rubrik einen Prosaabschnitt zu integrieren. Denn: Prosa? Vielleicht dort, wo der Text anhebt oder kurz zum Atemholen innehält, also dort, wo er nicht allzu rasant in Fahrt ist. Also alles Lyrik? Vermutlich auch nicht; doch in jedem Fall poetischer Text, wie er im Blick auf das, was gerade ‚Lyrik’ genannt wird, für mein Empfinden nicht fehlen darf.

Denn Robert Prossers poetisch übernervöse Sprecher stehen inmitten einer vollständig gegenwärtigen und überpräsenten Welt, unter “Sternkonstellationen” und “Peepshowfassaden“, auf “Eisschollen” und im “Kerosinmalheur“, mit “Schnabel“, “Gesicht” und “Überwachungskameras” als Gegenüber. Der willkürlichen und irrtümlichen Trennung zwischen Natur, Kultur, Stadt wird nicht explizit widersprochen, sie wird einfach nicht mitgemacht. Genauer: Robert Prossers Sprecher gehen oder fahren. Noch einmal in der Literaturgeschichte: Zug, Auto, U-Bahn, jetzt immer ins Flackern der Bildschirme gehüllt – so wirkt es, obwohl diese motivisch kaum zitiert sind. Die Sprecher scheinen sich aufzulösen im Wahrgenommenen und den Wörtern dafür; die Fülle der Wahrnehmungsdaten lässt ihnen kaum Platz für einordnende Wertungen oder Gefühl. Und doch schießen auch sie über das Wahrgenommene hinaus: Individualität, ein Moment Unabhängigkeit, konstituiert sich hier schon im Absprung in “verinnerlichte Halluzinationen“, in der Art, wie in die Reise hinter den Augen übergesprungen, wie das Archiv erinnerten Erlebens betreten und neu arrangiert wird. Kategorisierung ist dazu zunächst unnötig. Und wohl auch kaum möglich.

So ist “jeder Schritt ein Ausbruchsstadium“, wie es in einem der Texte heißt. Und ich empfinde es als wohltuend, dass Robert Prosser mehr am Aufbruch ins überschießende Ausgeschlossene jeder Kategorisierung gelegen scheint, als an der sprachlichen Fügbarkeit in ein schon bekanntes Bild (auf die sich gerade ja gerne konzentriert wird). Und dabei geht die Verbindlichkeit, Unentrinnbarkeit der Kategorien von Gattungen und Sprache, Welt und Wahrnehmung nicht verloren. Nur in infinitesimaler Annäherung federn die Schritte Richtung Ausbruch -

Springen von Gegenstand zu Gegenstand, über große gedankliche Entfernungen, und ein jeder von ihnen erhält in Robert Prossers Text etwas Massives, Stabilität und Festigkeit. Flüchtig ist nicht die Welt, flüchtig ist die wahrnehmende Bewegung. Ist der jagende Rhythmus, aus dem die aus widerstrebenden Partizipienkonstruktionen, sich reibenden Zeitformen gedrechselten Dinge eigentümlich herausragen wie ein Feld barock geschwungener Säulen, die nur im holographierenden Auge des Betrachters, der Betrachterin zum Kippen neigen.

Und vielleicht ist es gerade die große Kluft, die sich zwischen rasender Geschwindigkeit, kaum kontrolliertem Sprung und Stabilität der bekannten Dinge auftut, durch die sich mir beim Lesen dieser Texte ein großer Raum öffnet. Ein Raum, der nicht ausschließlich von den Bildern dieser Lyrik selbst gefüllt wird, sondern in dem eine Art De-Sedimentierung von eigenem Archiviertem stattfindet. Und es sind ausgerechnet Erinnerungen an sonst nicht Erinnertes, die mir von diesen Texten (vielleicht durch ihr Insistieren auf der physischen Bewegung) freigesetzt werden: Wahrnehmungssplitter aus den Null-Zeiten, in denen ich mich auf Rolltreppen und in Fahrstühlen aufbewahre, in Transportmitteln zu Bahnhof oder Flughafen, bei Spaziergängen und Blicken, die ich nicht aus Freude sondern aus Rat- und Lustlosigkeit unternehme. Von all dem sind offenbar Erinnerungsbilder angelegt, es gibt mich noch in meiner Nicht-Zeit. Das ist nicht schlecht zu wissen. Und es nährt Hoffnung, dass die Texte gerade diese Verwahrungssituationen mit zum Material eines zeitlich-örtlich rasenden Wahrnehmungsspiels werden lassen: dass der Ortswechsel womöglich doch möglich wäre?

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QUELLE

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HINWEIS

Robert Prossers Band “Strom . Ausufernde Prosa” ist im Klever Verlag erschienen ( Wien 2009 ) .

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