DISCLAIMER
Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren Text und Bilder mit ausdrücklicher Genehmigung von Herausgeber und Verlag .
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EIN ALPHABET DER VISUELLEN POESIE
Petra Johanna Sturm
Die Buchstaben als solche scheinen ( … ) heute zu reinen Bauteilen für Begriffsregale erstarrt zu sein, ihrer Anordnung indes liegt nach wie vor eine subkutane Wirkung inne, wie allein das Beispiel der simplen Rangreihenfolge veranschau-licht: Das B ist die Nummer 2, steht im Schatten des A, ist aber immer noch in prominenter Position verglichen mit dem D, das aus dem triadischen Abkürzungswort ABC herausfällt. Es liegt nicht zuletzt an der Visuellen Poesie, herauszuarbeiten, was hinter den Lettern steckt, hinter den Brettern, die vor die Köpfe gehalten werden.
Und die Visuelle Poesie eignet sich hervorragend dazu, die Mythen im Sinne von Roland Barthes, also die ganze Palette an sekundären Ver-schiebungen der Sprache, die in allen möglichen Kontexten, von der Politik bis zur Werbung, vorzufinden sind, ans Licht zu holen und aufzudecken.
Visuelle Poesie ist so gesehen auch eine Poesie der Schrift. Sie kann die vermeintliche Totalität der Schrift vorführen und ihre Brüchigkeit ästhetisch nutzen. Schrift – ein hohes, tiefes und zentrales Wort in Philosophie und Religion, von der gottsetzen-den Heiligen Schrift zur écriture bei Jacques Derrida, der die Schrift in der Linguis-tik und Philosophie stärker ins Blickfeld rückte, wider die Totalität suggerierende gesprochene Sprache, die Derrida zufolge als Logozentrismus das abendländi-sche Denken beherrschte; Schrift als “Gewebe der Spur” (trace), die es, so Derrida, “als Ursprung der Erfahrung des Raumes und der Zeit” möglich macht, “dass sich die Differenz zwischen Raum und Zeit artikuliert und als solche in der Einheit einer Erfahrung [...] erscheint”.
Genau diese différance eröffnet den Such-, Versuchs- und Gestaltungsraum für die Visuelle Poesie, sie spürt der trace als Spu-renbündel menschlicher Kulturentwicklung nach, das korrodiert, verwischt, sich in der Schrifttradition anlagert als Material – seit dem Expressionismus (August Stramm, Herwarth Walden) auch ein in der Literatur eingeführter Begriff. Nun ist es keinesfalls so, dass die Visuelle Poesie die konventionellen Schriftzeichen bräuchte, s ie kann auch eigene Schriften kreieren und eigene Schrifträume als Freiräume schaffen. Dennoch bleibt in diesen Fällen die konventionelle Schrift die Vergleichsfolie, zumindest für den Schriftgestus oder die Linienführung. ( Poesie der Buchstaben – Aus dem Nachwort Visuelle Poesie als Poesie der Schrift von Günter Vallaster ) .
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POESIE DER BUCHSTABEN – AUS DEM NACHWORT ‘VISUELLE POESIE ALS POESIE DER SCHFRIFT’
Von Günter Vallaster
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Um den Grenz- und Übergangsbereich von Sprache und Bild auszuloten, bieten sich die Buchstaben an, die kleinsten funktionalen Elemente einer Alphabetschrift. Sie stehen als Bilder für Laute, Lautverbindungen oder – zusammen mit Satzzeichen – eine Sprechanweisung (wie das stumme H), sie sind die skripturalen Bausteine für die Grapheme, Silben und Wörter, mithin die Stützen für Begriffe und können auch umfunktionalisiert werden, z.B. für Formelsprachen [1]. Schon ein oberflächlicher Blick in die Geschichte der Visuellen Poesie lässt einige favorisierte Lettern zu Tage treten, die damit motivisch oder leitmotivisch wirken.
Den Anfang macht auch da das A, wie in der typographischen Arbeit a des Fluxisten Emmett Williams, die nur aus dem Kleinbuchstaben a besteht und bei der er a für a den Abstand um einen Leerschritt vergrößerte, wodurch sich auf dem Blatt eine exakte parabolische Kurve ergab [2]. Ebenso das I als graphisch klarer Pflock, der vor allem in der deutschen Sprache Konsonanten zu Begriffen von elementarem Interesse bindet, wie ich, Licht, nichts oder im Englischen auch alleine als basiskategorialer Turm stehen kann. Kurt Schwitters’ i-Gedicht (1922) vergrößert es zu einem Emblem mit der Subscriptio “lies: rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf” [3]. Schwitters nannte eine Reihe von Arbeiten aus Fehldrucken beim Maschinenvorlauf und Druckereiabfällen “i-Zeichnungen”, da ihm die zufällige Auswahl aus den Makulaturen als Erstellungsprinzip, wie er es formulierte: “so einfach zu sein scheint wie der Buchstabe I” [4]. Später wurde das I u.a. häufig und nicht selten wegen ich und nichts von Gerhard Rühm eingesetzt, exemplarisch hingewiesen sei auf I in a landscape (1988) [5] aus seinen ab 1987 entstandenen “schrifttuschen” [6]. Darin breitet sich wie Tinte auf einem Löschblatt ein I samt Punkt aus, Assoziationen mit einer menschlichen oder gespenstischen Gestalt nahelegend.
Bei den Konsonanten findet beispielsweise das M eine signifikante Verwendung, so im visuellen Gedicht moral von Ernst Jandl aus dem Jahr 1969, in dem es sich durch Häufung zu einer dreieckigen Fläche ausdehnt, der an der rechten unteren Spitze direkt anschließend das Adjektiv bzw. die Wortfortsetzung oral folgt [7]. Bei Werner Herbst verbindet sich das M in einem Einblattdruck durch Verschränkung mit dem O [8]. Andere Zeichen verdienen ebenso Beachtung: Im Supplement zur Anthologie Grenzüberschneidungen. Poesie Visuell Interkulturell ergab sich durch die Beiträge von Lisa Spalt, Valeri Scherstjanoi und Ida Thonsgaard eine Leitmotivik des Pluszeichens [9].
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Das Alphabet der Visuellen Poesie gibt es nicht, so wie es auch die Visuelle Poesie nicht gibt. Das vorliegende Projekt präsentiert ein Alphabet der Visuellen Poesie. Dazu wurden über 50 Autorinnen und Autoren – bewusst mehr als das Alphabet Zeichen hat – aus dem deutschsprachigen Raum und aus Belgien eingeladen, einen Buchstaben nach Wahl visuellpoetisch umzusetzen. Den 57 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sei an dieser Stelle für die wunderbaren Beiträge gedankt. Die Arbeit konnte, musste aber nicht aus einem einzigen Buchstaben bestehen, der gewählte Buchstabe sollte jedoch als Leitmotiv erkennbar sein. Die Fragestellung nach der Zeichenmotivik richtete sich somit nicht an ein Korpus, sondern direkt an die eingeladenen Autorinnen und Autoren. Dabei ging es nicht darum, eine Labor- und Testsituation zu schaffen, in der die Beteiligten als Probandinnen und Probanden fungieren, sondern darum, dichte und vielschichtige Beiträge, in Summe ein vielfältiges Alphabet der Visuellen Poesie zusammenzustellen und damit einen poetischen Blick auf die alphabetischen Zeichen wiederzugeben. Das Projekt folgt in gewisser Hinsicht durchaus einem oulipotischen Ansatz: Beschränkung als Erweiterung – Konzentration auf Buchstaben als Erweiterung des Alphabets. Auch die Arbeiten zu mehrmals gewählten Lettern sind ganz unterschiedlich und zeigen die vielen Möglichkeiten und Nuancen, die in einem Buchstaben und der Auseinandersetzung mit ihm stecken können. Spannende Konvergenzen sind aber ebenso erkennbar – so können etwa die Gestalten und Formen der Lettern, down the rabbit hole [10], Türen zu bestimmten Bedeutungsfeldern öffnen. Zwei Buchstaben wurden nicht gewählt, oje, das J und grrr, das R – sie sprechen damit, frei nach Franz Mon: ainm l urd s ph bet g c [11], durch ihr Fehlen. Graphische Darstellungen der Buchstabenverteilung sind auf dem Umschlag abgedruckt.
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[1] – Dieser Definitions- oder besser: Beschreibungsversuch orientiert sich am Eintrag “Buchstabe” in: Helmut Glück (Hg.): Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart / Weimar: Verlag J. B. Metzler 2. Aufl. 2000, S. 118.
[2] – Emmet Williams: a (1959/63). Zitiert nach: Franz Mon: Wortschrift Bildschrift. In: Hans-Ludwig Arnold (Hg.) Text + Kritik IX/97. Sonderband Visuelle Poesie, S. 5-32. Hier: S. 15.
[3] – Kurt Schwitters: Das i-Gedicht. In: Karl Riha und Jörgen Schäfer, in Verb. m. Angela Merte (Hgg.): DADA total. Manifeste, Aktionen, Bilder. Stuttgart: Reclam 1994, S. 168.
[4] – http://www.kurt-schwitters.org/ (14.3.2010).
[5] – Gerhard Rühm: I in a landscape. Schwarze Tusche, laviert, auf Aquarellpapier. In: Michael Fisch (Hg.): Gerhard Rühm. Gesammelte Werke. 2.1 Visuelle Poesie (hg. von Monika Lichtenfeld). Berlin: Parthas Verlag 2006, S. 682.
[6] – Ebd., S. 663-684.
[7] – Ernst Jandl: moral. In: Ders.: der künstliche baum. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand Verlag 1970, S. 37.
[8] – Werner Herbst: m über o. Ein visuell-konkreter Text aus dem Jahre 1970. Wien: herbstpresse 2000.
[9] – Günter Vallaster (Hg.): Grenzüberschneidungen. Peresecenija granic. Poesie Visuell Interkulturell. Supplemente. Mit Beiträgen von elffriede, Elisabeth Netzkowa (Der Weg), Ida Thonsgaard / Valeri Scherstjanoi (7++), Ilse Kilic (Das Füttern), Ingo Springenschmid, Lisa Spalt, Valeri Scherstjanoi (Aus dem scribentischen Tagebuch, 23.10.2005) und Werner Herbst (Das Knoblauchhuhn). Wien: edition ch 2008 (= raum für notizen 2). Die Beiträge von Valeri Scherstjanoi (Aus dem scribentischen Tagebuch, 23.10.2005) und das Jean Paul-Porträt von Ingo Springenschmid auf der nächsten Seite fügen sich übrigens gegen das Licht gehalten auf interessante Weise zusammen.
[10] – Titel des ersten Kapitels von: Lewis Carroll: Alice´s Adventures in Wonderland with forty-two illustrations by John Tenniel. London: Macmillan 1865.
[11] – Franz Mon: einmal nur das alphabet gebrauchen. Stuttgart: Edition Hansjörg Mayer 1967.
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QUELLE
Günter Vallaster ( Hg. ) : Ein Alphabet der Visuellen Poesie.
Mit Beiträgen von Josef Bauer, Katja Beran, Michael Bloeck, Marietta Böning, Brandstifter, Theo Breuer, Gabriele Buch, Jelena Dabic, Gerhild Ebel, elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensysteme, Luc Fierens, Christian Futscher, Ulrich Gabriel, Petra Ganglbauer, Heinz Gappmayr, Harald Gsaller, Thomas Havlik, Wolfgang Helmhart, Ingrid Hoffmann, Christine Huber, Gerhard Jaschke, jopa, Günther Kaip, Christian Katt, Angelika Kaufmann, Ilse Kilic, Magdalena Knapp-Menzel, Anatol Knotek, Franz Konter, Erika Kronabitter, Manuela Kurt, Axel Kutsch, Andreas Leikauf, Kerstin Lichtblau, Michael Mastrototaro, Gerald Kurdoglu Nitsche, Jürgen O. Olbrich, Jörg Piringer, Helga Pregesbauer, Sophie Reyer, Roza Rueb, Nikolaus Scheibner, Valeri Scherstjanoi, Matthias Schönweger, Angelika Schröder, Hannah Sideris, Hartmut Sörgel, Lisa Spalt, Leopold Spoliti, Ingo Springenschmid, Petra Johanna Sturm, Sonja Tollinger, Liesl Ujvary, Günter Vallaster, Fritz Widhalm, Jörg Zemmler und Ottfried Zielke.
Nachwort “Visuelle Poesie als Poesie der Schrift” von Günter Vallaster -Wien : edition ch 2010 ( = raum für notizen 5 )
Zu beziehen bei guenter ( dot ) vallaster ( at ) chello.at
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ich bin begeistert von der Vielfalt und der Kompilation