LITERATUR ALS RADIOKUNST | Michaela Falkner im ORF- Studio | Produktionsnotizen

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GEWALT

Dass eine “Literatur als Radiokunst“- Produktion mit Michaela Falkner nicht eben von Bienchen und Blümchen handeln würde , war gewiss . Hat sich die Autorin und Performance- Künstlerin durch ihre insistierenden Konfrontation mit Gewalt einen Namen gemacht . Entsprechend hat sie auch ins “Kunstradio“- Studio einen Text mitgebracht , welcher von einem Kriegszustand handelt , in dessen Verlauf Jagd auf Kinder gemacht wird . Titel : “Es gibt diesen Krieg gar nicht – Eine Zurückweisung” .

Der Kriegszustand , ein autoritäres Regime , die Gewalt , de Kinder und Menschen erfahren , mag einerseits wie eine ( futuristische ) Dystopie anmuten , streift indes haarscharf an bereits bestehende Situationen , wo in Drogen- und anderen Kriegen vor allem Kinder zu den unmittelbaren Opfern zählen . Erzählt aus der Perspektive des 12jährigen Ivan , wechseln einander Wahrnehmungs- und Erinnerungs- Flashs ab , die – ohne einen kontextstiftenden auktorialen Erzähler – gleichwohl szenisch stringent wirken .

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DARSTELLUNG

Autorin und ihr Schatten , der Tonmeister

Die Herausforderung dieser “Literatur als Radiokunst”- Produktion besteht entsprechend darin – stimmlich und in der Komposition unter Zuhilfenahme von Soundeffekten -´die Gewalt sehr wohl ins Akustische zu übersetzen , ohne zum radiophonen Schockstück zu geraten . Entsprechend lautet eine atmosphärische Beschreibung Michaela Falkners :

Die Stimmung: sehr düster und grauenvoll aber dennoch irgendwie glockenhell !

Ein Teil dieses scheinbaren Widerspruchs wird allerdings bereits durch Falkners charakteristische Lesart aufgelöst : die in der Tat “glockenhelle” Stimme der Autorin , welche in regelmässigen Abständen in einrm kaum merklichen Rauen bricht , arbeitet sich in gewollter Emotionslosigkeit durch die Atrocitäten des Textes . Was wir vom Regieraum aus beisteuern können , ist lediglich , die Autorin zu bitten , beim Vortrag den Fuss vom Gaspedal zu nehmen . Einerseits dient die Verlangsamung der Wirkungskraft des Textes , anderseits benötigen wir ja auch genügen Raum für die von der Autorin zur polyphonen Komposition mitgebrachten Neben- und Hinntergrundtexte .

Diese Hintergrundtexte wiederum sind so ausgewählt , dass sie – je nach Lesart – äusserst ambivalente Konnotationen in sich bergen : So können mit dem “Einmaleins” , einer “Zählstrecke” , mit Kommandos für Turnübungen oder einem Cluster von persönlichen Fragen ebenso “unschuldige” Momente aus dem Kinder- und Schulalltag gemeint sein wie der Bodycount nach einem Anschlag oder der Drill von Inhaftierten .

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KOMPOSITION

ProTools- Session : “Es gibt diesen Krieg gar nicht – Eine Zurückweisung” .

Nachdem der Tag der Spachaufnahme dank der Artikulationskunst und Stimm(ungs)sicherheit der Autorin sehr zügig vorangeschritten war ( bis hin zur endgültigen Auswahl der in Frage kommenden Sprechversionen ! ) , konnte am zweiten Tag straks mit der Mischung begonnen werden . Als wirkungssicherer “Grundbeat” des gesamten Stückes wurde der Rhythmus des Herzschlags gewählt , womit zugleich eine durchgehende Bassline gewonnen war : dankbares Futter für den Subwoover ! -

Nun wurde Absatz für Absatz unter die Lupe genommen , um zu entscheiden , wo sich die Hintergrundtexte in die Hauptstimme “einmischen” sollten . Auf dass die verschienen Ebenen deutlich kenntlich seien , wurde jede Hintergrundstimme separat klanglich bearbeitet : Die Turnkommandos etwa so komprimiert , dass ein Kasernenhofton durchschimmert ; die “Zähltexte” waren bereits am Vortag im Flüsterton aufgenommen worden , es galt jetzt vor allem eine Logik zu finden , an welchen Stellen des Haupttextes die einzelnen Nebentexte quasi durchbrechen sollten .

Hand in Hand mit diesen Erwägungen wurde den verschiedenen Stimmen ihr jeweiliger Ort im 5.1- Surround- Spectrum zugewiesen und zwar so , dass diese beim Stereo- Downmix nicht etwa verloren gehen . Auch hier ergänzten sich das diskrete Vorgehen von Tonmeister Robert Pavlecka und die Entscheidungsfreudigkeit der Autorin perfekt : Nichts schlimmer , als einem Autor verschiedene Versionen anzubieten und selbiger vermag es nicht , sich für diese oder jene zu entscheiden .

So ist dank der resoluten Zusammenarbeit von Tonmeister und Autorin auf Basis eines nicht eben leichten Textes ein ungemein suggestives Radiokunst- Stück entstanden , welches ohne spekulative Effekte ein ebenso “düsteres” wie “glockenhelles” Szenario zum Erklingen bringt.

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