Papier und Papiere in Dystopie und Wandel

||| FIKTIVE ZERSTÖRUNG | FAKTISCHER WANDEL | KLANGAPPARAT

paper_burnt

FIKTIVE ZERSTÖRUNG

In welchem Masse sich literarische Utopien und dystopische Szenarien der “Science Fiction”- Literatur der Kommunikation und deren Medien befassen , geht aus hunderterlei von fiktiven Sprech- , Hör- oder Psy- Maschinen hervor . Auch das Buch als Werk des Wissens wird – und dies muss in Zeiten der Medienumbrüche besonders interessieren – mitunter als Leitmedium in die fiktive Zukunft gerettet , von Douglas Adams bis Dietmar Dath .

Oder es handelt sich umgekehrt um einen dytopischen Buchverlust , sei dies durch politisch absichtvolle oder “krankhafte” physische Zerstörung . Interessanter Weise befassen sich zwei Klassiker der “SF”- Literatur ( so schwammig hier der Begriff einmal bleiben muss ) quasi zur gleichen Zeit mit der Vernichtung des Buches als Wissensträger : Ray Bradburys “Fahrenheit 451 ( 1963 ) und Stanislaw Lems “Memoiren, gefunden in der Badewanne” ( 1961 ) . Ist es bei Bradbury – im Wissen um die Bücherverbrennung der Natis und in Zeiten der Furcht vor der Atmbombe – eine Diktatur , welche durch Zerstörung sämtlicher Bücher ein Wissensmonopol anstrebt , zerfällt die Papierwelt bei Lem in integralem Ausmass durch einen von einer Weltraum- Expedition eingeschleppten Virus .

Auch bei Stanislaw Lems figuriert unter dem Stichwort “Papier” zunächst dessen zu Buche geschlagene Form :

Dieses Zellulosederivat, eine zarte, fast weisse Substanz walzte man aus und zerschnitt sie zu rechteckigen Bögen, auf die mit dunkler Farbe alle Arten von Informationen gepresst wurden, woraufhin man sie falzte und auf besondere Weise zusammennähte.

Dann aber dehnt Lem das Papier und dessen plötzlichen “Grossen Zerfall” auf alle nur erdenklichen Anwendungsformen des Papiers aus :

Wir wissen nicht genau, wann und wo die Epidemie der Papyrolyse ausbrach. ( … ) Von einer der frühorbitalen Entdeckungsexpeditionen (nach dem Prognostor Phaa-Waak war es die achte malaldische Expedition) versehentlich auf die Erde verschleppt, rief der Hartius-F einen lawinenartig fortschreitenden Zerfall des Papyrs auf dme ganzen Globus hervor.

Im Unterschied zu Bradbury , der seinen Roman in einem künftigen Jetzt ansiedelt , erzählt Lem aus der Perspektive eines künftigen Archäologen , der einer versunkenen Kultur und ihrer Praktiken nachspürt .

Die Einzelheit der Katastrophe kennen wir nicht. Nach mündlichen, erst im vierten Galaktium kristallisierten Überlieferungen waren grosse Sammelstellen wissensträchtiger Papyre, sogenannte Bap-Blyo-Theken, die Zentren der Epidemie. Die Reaktion erfolgte fast momentan. Aus den unschätzbaren Lagerstätten des kollektiven Gedächtnisses wurden Haufen grauen Staubs, leicht wie Asche.

Die Zerstörung erfasst allerdings nicht nur das gebundene Buch , sondern umfasst schlicht alle Artefakte und Dokumente , bei welchem “Papyr” als Datenträger fungiert :

Die Papyrolyse ruinierte nicht nur das wirtschaftliche Leben. Mann nennt diese Zeiten mit gutem Grund die Epoche der Papyrokratie. Das Papyr regelte und koordinierte alle kollektiven Tätigkeiten der Menschen und bestimmte darüber hinaus auf eine für uns schwer verständliche Weise (als sogenanntes “Personalpapyr”) das Schicksal der einzelnen. Im Übrigen sind die Nutzungs- und Ritualbedeutungen des Papyrs in der damaligen Folklore ( … ) bislang nicht vollständig katalogisiert worden. wir kennen die Bedeutung bestimmter Arten, von anderen sind nur leere Namen auf uns gekommen (Pla-Kate, Kasa-Zette, Baun-Knote, Doku-Mente u. a.). In jener Zeit konnte man ohne Vermittlung des Papyrs weder geboren wrden noch aufwachsen, sich bilden, arbeiten, reisen oder den Lebensunterhalt erwerben.

|||

FAKTISCHER WANDEL

Die lautlich korrumpierten “Papier- Begriffe” führen uns mittelbar – und nicht ohne Komik – zum verwalteten Individuum . Da auch das Geld (“Baun-Knote”) rasend schnell zerfällt , mussten andere Formen des Austauschs von Werten eingeführt werden .

Wenn wir diese Situation mit der aktuellen “Folklore” vergleichen , bemerken wir , in wie vielen Belangen sich die Plastic- Karte gegenüber dem Bargeld durchgesetzt hat. Jetzt zieht auch das Dokumentenmaterial des Individuums nach: Demnach definiert uns in steigendem Masse eine Faustvoll Karten . Mit der zunehmenden Bedeutung von biometrischen Daten werden auf kurz oder lang auch die Plastic- Karten verschwinden : Per Iris- Scanner , Fingerabdrücken oder subkutanem Chip wird der Mensch selbst zum verwaltbaren Dokument . Ganz zu schweigen von den elektronischen Spuren , die man per Internet oder geolokalisierbarem Mobilphon hinterlässt -

|||

KLANGAPPARAT

Kein bisschen destruktiv , sondern eher wie eine breit angelegte Werkschau der verschiedenen Stimmungen und Klang- Modalitäten mutet die beim Netlabel Sektion 27 erschienene Release “Neurosurgeons Lounge” des Amerikaners Johnny Jitters : Minimal , Ambient , IDM und gepflegter Downbeat gehen auf den insgesamt neun Tracks immer neue Mischungsverhältnisse ein . Auf also ins akustische Abenteuer .

 

 

thx to New TechnoID

|||

There are no comments yet. Be the first and leave a response!

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2010/09/30/papier-und-papiere-in-dystopie-und-wandel/trackback/