| tableau de texte | Seitenweise – Was das Buch ist

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||| DAS BUCH | DIE PRÄSENTATION | DAS VORWORT | DAS INHALTSVERZEICHNIS

DAS BUCH

Mit dem Relaunch der irgendwann sanft entschlummerten Edition Atelier legt man als Titel Numero Eins nichts  Geringeres als eine grundsätzliche Befragung des Themas “Buch” vor : Seitenweise – Was das Buch ist titelt der von Thomas Eder , Samo Kobenter und Peter Plener herausgegebene Band , in welchem sich 33 Büchermenschen – literarische Autorinnen und Autoren , Literatur- und Buchwissenschafter , Archivare und Bibliothekare – sich Gedanken über den “Datenträger Buch” machen .

Den Betrachtungen, Fragestellungen und Bestimmungen sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Und dennoch bietet das gediegen gestaltete , 480-seitige Buch über das Buch am Ende keine umfassend gültigen Antworten, sondern eröffnet in seiner Überfülle an Gedanken und Positionen nur noch mehr Fragen an jede/n LeserIn – zum Weiterlesen und Weiterdenken.

Mit Beiträgen von Aleida Assmann, David Axmann, Walter Bohatsch, Alfred Dunshirn, Thomas Eder, Franz M. Eybl, Bernhard Fetz, Gundi Feyrer, Benedikt Föger, Michael Huter, Stephanie Jacobs, Amália Kerekes/Katalin Teller, Samo Kobenter, Mona Körte, Markus Krajewski, Stephan Kurz, Werner Michler, Lydia Miklautsch, Lorenz Mikoletzky, Manfred Moser, Wolfgang Pennwieser, Eva Pfisterer, Peter Plener, Evelyne Polt-Heinzl, Johanna Rachinger, Michael Rohrwasser, Gerhard Ruiss, Hermann Schlösser, Rotraud Schöberl, Daniela Strigl, Ernst Strouhal, Christoph Winder und Uwe Wirth

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DIE PRÄSENTATION

“Was ist das Buch ?” – 33 Antworten auf diese Frage versammelt der von Thomas Eder , Samo Kobenter und Peter Plener herausgebene Band “Seitenweise“.

Dabei geht es weniger um die historische Entwicklung des Mediums als um Buchkünste und -wissenschaften, aber auch um Bildung, Kunst, Wissenschaft, Politik und Religion.

AutorInnen, JournalistInnen, WissenschafterInnen, VerlegerInnen und BuchhändlerInnen haben sehr persönliche Texte über erste Begegnungen, (Buch-)Verluste und Lektüre-Erlebnisse aber auch Beiträge zu (Buch-)Neurosen und Fetischisierungen beigetragen .

Präsentation durch die Herausgeber in Anwesenheit von AutorInnen des Bandes . Lesung : Sven Kaschte

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DAS VORWORT

Der vorliegende Sammelband widmet sich der Frage, was das Buch an sich ist. Es geht weniger um historische Entwicklungen des Mediums, worüber andernorts längst sich sehr kundige Auskunft einholen lässt, als vielmehr um die Beschaffenheit und insgesamt Charakteristik des Gegenstands. “Was ist das Buch?” könnte sich ironisch gewendet sogar als Aufgabe einer speziellen Metaphysik verstehen – doch von ontologischen Ansätzen heruntergebrochen geht es mit den hier versammelten Beiträgen zunächst so simpel wie komplex darum, über das gedruckte Buch, Grundlage der “Buchkünste und -wissenschaften” im weitesten Sinn, zu reflektieren. Zweifellos stellt es das zentrale Instrument vergangener Jahrhunderte für Bildung, Kunst, Wissenschaft, Politik, Religion, Propaganda dar – und nicht zuletzt bereitet es Vergnügen.

Dass solche Komplexe auch unterschiedliche Erscheinungsformen des Sammelns, der Leidenschaften, Fixierungen, Fetischisierungen und Neurosen umfassen können, liegt nahe. Die UNESCO ist dahingegen um verallgemeinerbare Formen von Klarheit bemüht und definiert seit 1964 in ihrer “Recommendation concerning the International Standardization of Statistics Relating to Book Production and Periodicals” das Buch als eine gedruckte, der Öffentlichkeit verfügbar gemachte, nicht periodische Veröffentlichung mit – zuzüglich der Umschlagseiten – mindestens 49 [!] Seiten Umfang. 45 Jahre später ist das digitale Buch
(E-Book) nicht nur Diskussionsgegenstand, sondern bereits in den Verwertungskreislauf eingespeist; kaum verwunderlich, denn die Zuordnung per definitionem sichert oft genug die Ökonomisierung.

Will man dies prinzipiell unterlaufen, bedarf es jedoch nur einer Ausweitung des Definitionsbereichs. Doch was genau nun ein Buch darstellen kann – und ob es sich nicht auch einfach als ökonomisch interessante Einheit begreifen ließe –, ob die Haptik oder eher die Anschaulichkeit entscheidend ist, ob moderne Literatur nicht immer wieder auch auf die förmliche Sprengung des Buchs als eines Katalysators im Dienste der Linearität abzielt, welche Relevanz Papier- und Druckqualität tatsächlich zukommt, inwieweit Sentimentalitäten eines bildungsbürgerlichen Kulturbegriffes eine Rolle spielen … Auf dieses Bündel von Fragen gibt es meist nur partielle und verstreut veröffentlichte Antworten.

Seitenweise” hat sich zum Ziel gesetzt, ausgewiesene Kennerinnen und Kenner der Materie zu Essays und Statements anzuregen, die den gegenwärtigen Erkenntnisstand abbilden. Denn am besten wird man dem Buch, so die These, dadurch gerecht, dass man variantenreich darüber nachdenkt und von ihm erzählt. Aber gibt es überhaupt das eine Buch, lässt sich dieses definieren (abgesehen von: ›bedruckte Blätter, die in einer festgelegten Reihenfolge gebunden werden und als Gesamtprodukt nicht periodisch erscheinen‹)? Wie schätzen die Beiträgerinnen und Beiträger dieses Bandes einen – wenn nicht den – zentralen Gegenstand ihres täglichen Handelns ein, können sie über die individuellen Anwendungsformen hinausgehende Anleitungen geben? Möglicherweise ist ja das Buch über die Jahrhunderte hinweg eine Art Sammelmedium geworden, dem in Ermangelung anderer probater Träger ähnlicher Verbreitungs- und Darstellungsqualität höchst heterogene Inhalte zugewiesen wurden, gerade weil eine zunehmende Überfülle des zu Vermittelnden zu bewältigen war – genau dies dürfte eine der Fähigkeiten sein, die dem Buch seine umfassende Bedeutung geben.

Ausgehend davon haben die Herausgeber in einem gewiss das Attribut “willkürlich” verdienenden Ansatz von Ordnungsschein die eingelangten Beiträge sieben Bereichen zugedacht. (Ist das Inhaltsverzeichnis nicht, mit Ernst Bloch gesprochen, eine Art “Vor-Schein” der Ordnung des Buchmachens?) Diesem Phantom der Ordnung folgend liegen nun mit den Abschnitten “Material, Arbeit & Form”, “Buchgeschichten”, “Notwendige Begleitung”, “Mit Verlust ist zu rechnen”, “Lektüre, Umgang & Handhabung”, “Bibliothek, Kartei & Sammlung” sowie “Ausrichtungen” sieben nominell und also nur grob sortierte Formen der Annäherung an den Gegenstand vor.

Das Buch trägt mehr als nur Spuren einer ‘Außenwelt’: Druckerschwärze, Fadenbindung, Seitenraster, Typografie, Grammatur, Abbildungen, Lesebändchen … (mithin “Material, Arbeit & Form”) stellen nicht einfach nur Nachweise seiner Materialität dar, sie sind vielmehr signifikante ‘Fingerabdrücke’ kulturellen Ausdrucksvermögens. Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben über die Jahrhunderte den Gegenstand ihres Verbreitungsmediums in literarischen Texten verhandelt. Häufig kommen Bücher in Büchern vor, ist die Rede vom “Buch der Natur”, oder rückt die Buchform selbst vom Rand als gestalterisches Beiwerk
in den thematischen Fokus. Die Beiträge im Abschnitt “Buchgeschichten” geben davon Zeugnis. Als “notwendige Begleitung” verändern Bücher, die doch – zumindest als literarische – von fiktiven Gegenständen handeln, durch den Akt der “Lektüre” das reale Leben derer, die sie (be)nützen. Erinnerungen an die eigene Biografie sind mit verschiedenen mit Büchern assoziierten Handlungen (Lesen, Erwerben, Verschenken etc.) untrennbar verknüpft.

Bücher als Auslöser und Projektionsflächen lebensrelevanter Erfahrungen – in dem Kapitel “Notwendige Begleitung” eröffnen sich Einblicke in die intellektuellen Buch-Biografien von Leserinnen und Lesern unterschiedlicher Professionen. Bücher ziehen in ihren Bann, lassen die Lesenden versunken sein, transportieren sie in andere Welten: Gerade in dieser Hinsicht unterscheidet sich ein und derselbe Text, wenn er in elektronischer oder in Buchform gelesen wird. Zudem stellt sich, wie der Abschnitt “Lektüre, Umgang & Handhabung” zeigt, das Lesen von Büchern als nur eine der zahllosen Verwendungsmöglichkeiten
von Büchern heraus; mit ihnen lassen sich noch ganz andere ‘Wunder’ vollbringen.

“Mit Verlust ist zu rechnen” führt vor, dass Bücher – wie alle Gegenstände des Lebens und vielleicht sogar noch ein wenig mehr – vergessen werden können und wollen. Und werden sie zerstört, so wird mit dem ‘Leib des Buchs’ überhaupt viel mehr als nur ein raumzeitlicher Gegenstand aus Papier, Druckerschwärze, Bindfaden, Leder, Pergament o.Ä. vernichtet. Andererseits setzt die Aneignung von Büchern auch deren Nutzung voraus, wodurch das in ihnen Konservierte durch die Lesenden zu neuem Leben erweckt wird, auch und gerade um den Preis der physischen ‘Verletzung’ von Büchern.

Neben der wesentlichen Unterscheidung zwischen variabler (Karteikasten) und fester Ordnung (Buch) setzt der Abschnitt “Bibliothek, Kartei & Sammlung” auf die These, dass eine Sammlung von Büchern, z.B. in Bibliotheken, eine Ganzheit aufbaut, die mehr als die Summe ihrer Teile ist. Und zudem: Mit dem Sammeln beginnt es, mit dem Verzeichnen der Massen in Bibliotheken hört’s auf, Rares und Massenhaftes unterscheidet der Connaisseur, sei es einer aus Leidenschaft, sei es aus professioneller Berufung. Bücher haben Mediengeschichte geschrieben (‘natürlich’ in ihnen insgesamt und in dem Abschnitt “Ausrichtungen” nachzulesen).

Was wir ohne das Buch wären und was wir mit ihm, trotz ihm bzw. durch es sind – hier wird’s Ereignis. Und mehr noch: Was ist eigentlich die Rede vom Buch? Ist sie mehr als eine, die – wie der vorliegende Sammelband demonstriert – einen weiteren Gegenstand ihrer selbst zu generieren hilft, ein weiteres Ungefähres? Denn das Buch an sich erscheint als etwas Ungefähres, nicht Festlegbares, als bereits im Augenblick seiner seriellen Produktion für den Handel und zugleich den einzelnen Käufer bestimmtes Medium. Aus dieser Spannung von Vereinheitlichungszwang (alle verkauften Bücher einer Auflage
müssen sich gleichen) und dem durch individuelle Aneignung bestimmten je Eigentlichen speist sich eine nicht aufzulösende – nicht bis ins Letzte bestimmbare – Paradoxie. Und kann man überhaupt von dem “Buch” im Singular sprechen und müsste nicht viel eher die Rede von den “Büchern” sein?

Den Betrachtungen, Fragestellungen und Bestimmungen sind kaum Grenzen gesetzt; dies hat historische, kulturelle und praktische Gründe. Und so viele Fragen es auch gibt – es gibt noch mehr Probleme bei den Antworten. Dagegen ist womöglich allein die Freude am Gegenstand zu setzen, das Interesse am Nachdenken und Schreiben über das Buch. Auch wenn vielfach behauptet werden mag, dass die hier
angedeuteten (und noch viele weitere, damit in Zusammenhang stehende) Fragen doch nun wirklich erledigt seien und es längst um ganz andere, nämlich fundamental neue Fragestellungen ginge, bleibt aus unserer Sicht immer noch Essenzielles offen.

Und so greift auch der Einwand, dass die Überfülle möglicher Herangehensweisen ohnehin jedwede strukturierte Annäherung mit Wucht unterlaufen würde, unseres Erachtens zu kurz. In der so apostrophierten “Wendezeit” vom gedruckten zum digitalen Buch wissen wir über die Buchgeschichte dank umfangreicher wie kluger Arbeiten natürlich ausgezeichnet Bescheid im Hinblick auf die Entwicklung des Buches und seiner Artverwandten. Doch wissen wir auch Bescheid, wovon wir da an sich reden, was wir da überhaupt in der Hand haben – oder dereinst gehabt haben werden?

Der Anspruch bleibt vermessen, die Arbeit am so selbstverständlichen Gegenstand mit die schwerste. Und am Schluss steht: ein Buch. Denn dieses ist stets in souveräner Weise mehr als …

… die Herausgeber

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DAS INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort
Material, Arbeit & Form
Manfred Moser · Heutzutage
Walter Bohatsch · Inhaltsraum Buch
Stephan Kurz · “Allerlei in Akzidenz Grotesk und Lauftext in Sabon”. Schrift- und Druckgeschichte als Faktoren für die Lektüre
Michael Rohrwasser · Kleines Lexikon der anderen Verwendungsformen des Buches

Buchgeschichten
Alfred Dunshirn · Das Buch vor dem Buch – Schriftlichkeit der Antike
Lydia Miklautsch · Schrift – Körper
Uwe Wirth · Blattweise
Werner Michler · Utopie des Buches und Bücher der Utopie
Ernst Strouhal · Blättern. Rückblick voraus auf Raymond Queneaus “Hunderttausend Milliarden Gedichte”

Notwendige Begleitung
Aleida Assmann · Das Buch – Nährstoff des Geistes, politische Waffe und Lebensbegleiter
Christoph Winder · Immergrün. Über das Buch und sein Verschwinden als Gegenstand der Erinnerung
Eva Pfisterer · Um mein Leben gelesen. Eine kleine Kindheitsgeschichte
Rotraut Schöberl · Bücherleben
Wolfgang Pennwieser · “atemloser sturzflug am seitenrand”. Das Buch als Instrument für die Arbeit am psychopathologischen Befund
Samo Kobenter · Lesen: Zum ersten Mal. Immer, überall

Mit Verlust ist zu rechnen
Mona Körte · Büchertode
David Axmann · Bibliomania obscura oder Der Büchermörder Johann Georg Tinius
Gerhard Ruiss · Das Ende der Vortragskunst 600 Jahre nach dem Ende der Vortragskunst
Daniela Strigl · Vergessene Bücher

Lektüre, Umgang & Handhabung
Bernhard Fetz · “Für das Auge Gottes”. Über Buchhaltungen im Besonderen und die Lage des Buches im Allgemeinen
Hermann Schlösser · Wahlloses Stöbern in Bücherbergen oder Das Kulturgut als Lustobjekt
Thomas Eder · Wie es sich anfühlt. Phänomenale Aspekte des Lesens von Büchern
Gundi Feyrer · Man kann ein Buch wie einen Bach in die Hände nehmen, …

Bibliothek, Kartei & Sammlung
Franz M. Eybl · Vom Sammeln alter Bücher oder Das Einzigartige und die Masse
Markus Krajewski · Die Auflösung des Textes im Raum. Von Universalbibliotheken und der Transformation des Buchs zur Kartei
Johanna Rachinger · Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen … Annäherungen an ein viel-seitiges Medium
Stephanie Jacobs · »Außer Gefecht« – das Buch im Museum. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig
Lorenz Mikoletzky · Archiv und Bibliothek – Eine ewige Begriffsproblematik. Sowie einige unmaßgebliche Gedanken zum Buch allgemein
Amália Kerekes | Katalin Teller · Groß und bündig. Über Gebundenheit und Selektivität im Umgang mit Periodika

Ausrichtungen
Benedikt Föger · Verblassen die dunklen Buchstaben auf weißem Papier? Die Neuen Medien und die Buchverlage
Michael Huter · Die Bleiwüste lebt. Vermischte Anachronismen zum Thema Buch und Wissenschaft
Evelyne Polt-Heinzl · Das Buch aber verleiht Flügel oder Raus aus der Defensive
Peter Plener · Das Gesetz der Serie oder Die Handhabung der Ordnung

Anhang
33 Lemmata zu “Buch, das” bzw. “Bücher, die”
Autorinnen und Autoren

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