LITERATUR ALS RADIOKUNST | Christian Steinbacher im ORF- Studio | Produktionsnotizen

||| INNEN & AUSSEN | EINSPIELUNG – VERDOPPELUNGEN | SETZUNGEN | RELATED

INNEN & AUSSEN

ProTools SessionNeuer Anlauf zu 15 Minuten Radiokunst : Der sprech- hör- und performance- erfahrene “Salon”- Autor Christian Steinbacher wandelt in den Studios des Wiener ORF- Funkhauses seine präzise vorgearbeiteten Texte in Konkrete “Literatur als Radiokunst“- Schallwellen um . Dass Steinbacher – begnadeter Artikulations- Künstler mit “Fast Forward”- Funktion – die vielen anklangmäässig gefährlichen “Stellen” in Sang und Klang perfekt widergeben würde , stand zweifellos zu erwarten . Trotzdem horcht man fasziniert auf Steinbachers Bravour- Stück “Der Schluck auf der Lücke” hin ; wobei es dem Autor nicht notwendig darum geht , siich selbst zu verwirklichen , sondern seine intuitive Energie auf die Goldwaage der Artikulationskunst transferiert . Nichts liegt ferner als jede Form der Attitüde von Empfindsamkeit , der Akt der “Lesung” wird in mannigfaltigen Positionen durchgespielt . Hier zitierend , dort anspielungsreich und überhaupt insgesamt reichlich überdeterminiert , stellt Steinbachers Text ( “für die Beweglichkeit” ! ) ein situativ je neu zu situierendes Gebilde aus differenten Positionen , Sprechhaltungen und Dialogen dar , die der Autor wie folgt charakterisiert :

Sobald ich an die Möglichkeit Rundfunk denke, entsteht mir unweigerlich ein Bedürfnis, eine Sprecherposition in mehrere Stimmen zu versprengen und eine Situiertheit zu evozieren, die zum nicht mehr Verortbaren ebenso tendiert wie zu einer Irritation, die auch zu befreien vermag. Diverse dialogische Splitter verlieren sich eifrig im Areal des gewählten Sujets. Dieses ist hier abgesteckt durch allerlei Klinken und Türen, aber auch dem >>> Krickerl des Rehbocks changiert. Sprach- und Sprechteppiche geben den in sich verfahrenen Verläufen den Kitt: zum einen ein “Solo vom gekonnten Missglücken” (in >>> Alemmann’schem Duktus, als Sprengung nach innen), zum andern ein “Klinkenauflauf” (in >>> Hell’scher Manier als versprengtes Außen).

Schnitt“, “Plopp” und ein künstlicher Papagei begleiten das sinnliche Spiel der kaskadierenden Lücken .

Bereits der Titel “Der Schluck auf der Lücke” fingiert ein schieres Sprachspiel mit wechselnden Harmonien , Stimmlagen und Mikrophonen , wobei das Stammeln , die Lücke , die Unterbrechung ebenso zur Komposition des Stückes taugen wie manches schnurrende Sprachmaschinchen .

Zum einen wird sprachlich Vermittelbares persifliert und belacht ebenso wie ein ‘wirklich’ Gemeintes, zum andern verbleibt aber ein schwer erträgliches Bild wie das des Abschneidens des Gehörns von Böcken bei lebendigem Leib in seiner Krassheit bestehen und zeigt sich der Text somit eingespannt zwischen romantischem Nirgendwo und dennoch irreversilen Brüchen . Der letzte Schnitt zum Schluss kippt ins Reale (und selbst die Welt der die Welt aus Sprache via Sprache auszuhebeln versuchenden Sprüche wird jäh gestutzt: statt eines letzten Auspfeifens eines Spruches ein Plopp und weg damit). Schon im Beginn statt eines Untertitels jedoch ein Nicht-Gelingen der Suche eines solchen. Das heißt: Von Anfang an wird (und bleibt) es der Fehler, der als solcher ironisch mit aufgerufen ist.

|||

EINSPIELUNG | VERDOPPELUNGEN

Steibacher Ara 01 Artificial Ara …

Bei der konkreten Arbeit im Studio nehmen Autor | Vortragender sowie Techniker | Aufhorchender direkten Bezug zu den mechanischen bzw. elektronischen Tatsachen der unmittelbaren Umgebung . Nach Art der “DOGMA 95″ Prinzipien im Film wird angestrebt , vorhandene Räumlichkeiten und Materialien zur Umsetzung der intendierten akustischen Wirkung einzusetzen .

Daraus entstanden Situationen wie “Das Labyrinth ( Dynamik , Raumtiefe , Bewegung ) , “Der Kübelklang” ( >>> Autor spricht mit einem über den Kopf gestülpten Plastic- Eimer , was schön gedämpfte Höhen produziert ) , “Das Megaphon” ( agitatorische Positionen ) , “Blätter -Wind” ( Aussenaufnahme ) , welche jeweils in abgestimmter Weise auf den Text und die Sprechhaltung Bezug nehmen .

Als charmanter Studiogast erhielt ein lebensgrosser mechanischer Papagei hinreichend Raum , die Brosamen vom Tisch des Sprechers | Autors je zweimal zu wiederholen . Dass dies unter beträchtlichem Aufwand an mechanischen Geräuschen passiert , mindert mitnichten die Macht des Mechanischen , indem die materiellen akustischen Reibbeiwerte bewusst inbegriert werden .

Steinbacher Aufnahme Kübel Spiegelung Megafone In den Kübel gesprochen …

Bezugnehmend auf die jeweilige Situation wird die vielfältig variierte Mikrofonie den Gestus von Sprache und Haltung verstärken . Neumann TLM für das trockene , direkte , AKG D220 für das desolate , beschädigte , AKG 422 in Blümlein – Konfiguration für Dynamik und Bewegung , Aussenaufnahmen mit dem Neumann RS190 .

Damit treffen sich Steinbachers Artikulierkunst und -tempo an der Schnittmenge “Performance” mit dem Vorhaben der Live- Einspielung der einzelnen Abschnitte . Die haargenau getimte und geübte Partitur mit Vorüberlegungen zur Stimmführung kann sich entfalten , wird beflügelt und genährt .

|||

SETZUNGEN

Steinbacher Labyrinth 02 Im Labyrinth …

Nach den Aufnahmen erholt sich das Sprechwerkzeug bei im Zuge der Situierung gewisser Sequenzen auf der Zeitleiste : Ein Prozess der seinen Ausgang im Sprecherstudio nahm , bemächtigt sich sukzessive anderer Räume  sowie  erweiterter Bedeutungen . Und gebiert einen sprachspielerisch ergiebigen Intertext κατ’ ἐξοχήν .

Schon im direkten Dialog wird scharf gegengeschnitten , als Kontrast zum linearen Vortrag , die fiktiven Gesprächspartner werden auf gegenüberliegende Lautsprechern | Kanälen angelegt . Lautpoetische Silbenverstärkung z. B. URU( guay ) , OHRO( pax ) , IRRI( tation ) interveniert prima vista als weitere “Lücke” , konstituiert allerdings zugleich Fläche und Textur . Massiv aus 3 Lautsprechern baut sich ein antiker Männerchor in polyphoner Stimmführung vor dem Prospekt auf . Ein Wangen- “Plopp” fungiert als Trennzeichen und leitet – als “Schluck auf der Lücke” je eine neue Sequenz ein .

Steinbacher Leitner 02 … ästhetischer Argumente .

Gegen Ende der Montage fehlt noch Fundamentales , Tieftönendes , da kommt der Einfall wieder aus der Trickkiste analoger Bandtechnologie : Eine Audiospur wird vierfach verlangsamt abgespielt , extern aufgenommen , und wieder ins ProTools rückgespeist . Dies ergibt in wiederum vierfacher Verdopplung einen organischen Schwall an Morast , Fundament , auch beschrieben als “Nashornrücken aus dem Fluss ragend” , über welche gelenkig und behende die VOX HUMANA hüpft und springt .

Mit Fug und Recht darf Christian Steinbachers “Der Schluck auf der Lücke” als Paradebeispiel für die Kreativität des Tonmeisters Martin Leitner auf- und vorgeführt werden . Leitner legt Geräusche , Sounds und Sprache grundsätzlich lieber selbst an und formuliert somit seinerseits auf seine genuinen Klangvorstellungen statt einfach an einem Knopf oder Plug- in zu drehen . Wie so oft bei Produktionen von “Literatur als Radiokunst” dankt sich manche Differenzierung und Nuancierung dem Feingefühl der Tonmeister und dies ganz ohne einen “externen” Regisseur . Einmal mehr hat sich innerhalb dreier Studio- Tage erwiesen , wie organisch sich die konkrete Zusammenarbeit von Tonmeister und Autor gestaltet .

|||

HINWEIS

Christian Steinbachers “Der Schluck auf der Lücke” ( 15:15 ) wird nach Michaela Falkners Produkton “Es gibt diesen Krieg gar nicht – Eine Zurückweisung” ( 13:28 ) in der LARK- Ausgabe des ORF- “kunstradio” erstmals präsentiert – Sonntag 12. 12. , ab 23:03 H .

|||

RELATED

|||

There are no comments yet. Be the first and leave a response!

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2010/11/16/literatur-als-radiokunst-christian-steinbacher-im-orf-studio-produktionsnotizen/trackback/