espace d’essays | Leopold Federmair : Hiroshima – Ein Gespräch über Bäume

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Hiroshima – Ein Gespräch über Bäume

Den folgenden Text habe ich 2006 geschrieben. Literarisch Gebildete werden im Untertitel die Anspielung auf ein Gedicht von Bertolt Brecht erkennen. Viele Jahre habe ich dieses Gedicht in meinem Kopf herumgetragen, bis ich begonnen habe, seine Kernaussage abzulehnen. „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“

Jede Zeile, jeder Satz schließt immer ein Schweigen über alles andere ein. Wer die Nazi-Verbrechen sieht, wer über sie spricht oder schreibt, kann auch Bäume sehen und beschreiben. Er kann das trotz allem. Adorno wollte nach dem Zweiten Weltkrieg Gedichte regelrecht verbieten. Letzten Endes laufen diese strengen Winke auf den Wunsch hinaus, das Leben selbst verbieten zu können.

Mein Essay verfolgt unter anderem die Absicht, einem Nachdenken, das gebannt auf die Apokalypse starrt, einen gelasseneren Ton entgegenzusetzen, der die Stimme derer aufnimmt, die an einem Ort wie Hiroshima leben. Die Stimme der Lebenswilligen, zu denen ich mich zählen möchte. Trotz allem und auch heute, wenige Tage nach der atomaren Katastrophe, die nun den Nordosten des Landes heimgesucht hat. Wieder scheint eine Faszination für die Apokalypse erwacht zu sein, und zwar mehr in Europa als in Japan. Fast so, als gäbe man sich diesem Denken, dieser Wahrnehmung der Dinge umso bereitwilliger hin, je weiter man von der Wirklichkeit der Ereignisse entfernt ist.

Trotz allem sehe ich Bäume… Ich sehe die Pflaumenbäume, die hier noch blühen, die Kirschbäume, die dort schon Knospen treiben. Ich sehe den Schnee, der auf ihre Äste fällt und im Nordwesten des Landes die Arbeit der Helfer erschwert.

Kusunobaum vor dem Kaputten Haus

Als ich das erste Mal nach Hiroshima kam, war ich überrascht, wie gelassen und schmuddelig die Stadt auf mich wirkte. Im Vergleich zu Osaka, wo ich damals wohnte, oder zu Tokyo, wo ich die Tage zuvor verbracht hatte. In Tokyo hatte ich den Yasukuni-Schrein besucht, neben dem sich ein kriegsromantisches Museum befindet, das die Atombombenabwürfe nur als Fußnote erwähnt: Ausdruck, unter anderem, einer lang anhaltenden Scham. Und ich hatte Asakusa besucht, den volkstümlichen Schrein und die umliegenden Vergnügungsviertel: auch schmuddelig, aber nur eine winzige Insel im bewegten Zeitmeer der Großstadt, Reservat einer schon fernen Vergangenheit. Damals, bei meinem ersten Besuch in Hiroshima, wohnte ich einer buddhistischen Zeremonie zum Gedenken an die sieben Jahre zuvor verstorbene Großmutter meiner Frau bei. Die Großmutter ist in hohem Alter auf natürliche Weise gestorben. Irgendwann während der auf die Zeremonie folgenden Geselligkeiten erwähnte der Onkel, ein Sohn der Verstorbenen, daß sein Bruder, damals ein Kind, beim Atombombenangriff ums Leben gekommen sei. Ein paar Sekunden lang lagen bedeutungsschwere Blicke auf mir. Ich werde genickt oder sonstwie meine schweigende Betroffenheit ausgedrückt haben. Mehr über den Vorfall – wie soll man eine Katastrophe nennen, die um 8 Uhr 15 aus dem heitersten Himmel kommt und nach wenigen Sekunden eine vollendete Tatsache ist? – mehr über den schlimmsten Vorfall in der Menschheitsgeschichte habe ich aus den Mündern meiner Verwandten nicht vernommen. Sieht man von meiner oft redefreudigen Schwiegermutter ab, die mir erzählte, daß am Ufer des Motoyasu-Flusses, also dort, wo sich jetzt der sogenannte Friedenspark erstreckt und das große Atombombenmuseum täglich zahllose Besucher empfängt: daß also dort, wo das Skelett eines Ausstellungszentrums, der sogenannte Atombombendom, aufragt, bis in die siebziger Jahre hinein Barackenbauten von Menschen standen, die bei jenem Angriff ihre Behausungen verloren hatten. Meine Schwiegermutter ist in der Nähe von Hiroshima aufgewachsen, aber nicht geboren. Ihr Geburtsort liegt in Korea, und allein diese Tatsache verweist auf die Vorgeschichte der Katastrophe, den japanischen Imperialismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Günther Anders scheint bei seinem Besuch in Hiroshima 1958 diese Baracken nicht bemerkt zu haben. In seinem Bericht klagt er lediglich über den Wiederaufbau der Stadt mit modernen Mitteln, ganz so als, als sei es schon Verrat am erlittenen Leiden, wenn sich die Opfer ans Weiterleben machen. Das Nachkriegshiroshima erinnerte Anders an Los Angeles – ein besserer Vergleich ist ihm nicht eingefallen. Die Stadt Hiroshima wird von breiten und schmäleren Flußarmen durchzogen, ihre Behausungen erstrecken sich zwischen reich bewaldeten Hügeln und kleinen Bergen. Der Meereshafen ist nah, aber doch ein paar Kilometer von der Stadt entfernt. Vor der Küste, im sogenannten Setonaikai, dem Inlandsmeer, liegen zahllose Inseln, viele sind von Mandarinenbäumen überwachsen. Hiroshima ist anderen japanischen Städten mittlerer Größe ähnlich; manchmal denke ich, wenn ich mich im Viertel der Kaufhäuser und Geschäftsgalerien aufhalte, es ist ein kleines Osaka, luftiger und grüner als die monströse Großstadt. Die Gegend um den Bahnhof ist besonders schmuddelig, mit den kleinen Gemüse- und Fischmärkten, den alten Pachinko-Hallen, den Kaffeehäusern aus den sechziger oder fünfziger Jahren mit den abgesessenen Kunstlederbänken und den zerlesenen Mangas in den Regalen. Dieser Stadtteil wurde im August 1945 weitgehend vernichtet, er liegt wenig mehr als eine halbe Stunde Fußweg vom Explosionszentrum entfernt. Die hüttenartigen, mitunter schiefen Gebäude, welche die verwinkelten Gassen säumen, wurden allesamt in den Jahren nach dem Krieg errichtet. Obwohl die Shinkansen-Züge hier halten, wurde das Bahnhofsviertel bis heute nicht “saniert”. Auch stammen viele der Straßenbahnzüge, die vor dem Bahnhof halten, aus der Nachkriegszeit. Ihre Karosserien wirken ein wenig verbeult, auch wenn die Züge gut gewartet sind, und die Geleise quietschen unter den Rädern. Braunrot, wie rostig, sind die Quadersteine des Fahrstreifens; sie stammen aus den Steinbrüchen der Umgebung, dort habe ich dieselbe Farbe gesehen.

Auf den Bildern, die nach der Atomexplosion aufgenommen wurden, steht fast nichts aufrecht. Nur ein paar verkohlte Baumstämme und die Skelette der Straßenbahnwaggons. Die Steinplatten des Straßenbahnstreifens sind dieselben wie heute, sie wurden nie ausgewechselt. Dieser Stein hat den Angriff überstanden. Das Mineralische war, kein Wunder, stärker als das Organische. Tatsächlich aber blieben auch Steine nicht unverletzt; in Masuji Ibuses Roman Schwarzer Regen wird ein Stein beschrieben, dessen Haut sich gerade abgeschält hat. Manche der detaillierten Beschreibungen in diesem Buch würden, nähme man “ästhetische“ Kriterien als Maßstab, in den Bereich des Grotesken fallen. Auch Kenzaburo Oe weist mehrfach auf den grotesken Charakter der Zerstörungen hin: Verzerrung, Deformation des Menschlichen, das ist für ihn, der klassizistische Maßstäbe im Kopf hat, grotesk. In einem der nach Kriegsende gesammelten Zeugenberichte ist die Rede von Füßen, die bis zum Ansatz der Unterschenkel auf einem Gehsteig stehen: der zugehörige Körper ist verschwunden, vom atomaren Sturm weggeblasen wie die Baumkronen der Bäume. Es gibt auch eine unbeholfene Zeichnung davon, die eher lachen als weinen macht.

Gras ist über den ground zero gewachsen. Nicht nur Gras, sondern auch Blumen und Bäume, die hier besonders sorgfältig gepflegt werden. Die Kusuno-Bäume haben in den sechzig Jahren einen beträchtlichen Umfang erreicht, ihre Form vermittelt einen Eindruck von Harmonie. Ausgewogene Proportionen, Gegenteil des Grotesken. Doch die meisten Touristen haben Augen nur für die steinernen Denkmäler, die über das Areal verstreut sind. Einmal, als ich den Kusuno-Baum hinter dem Atombombendom photographierte, erntete ich verständnislose Blicke. Gras ist gewachsen, obwohl in den Tagen nach der Katastrophe das Gerücht aufkam, 75 Jahre lang würde an diesem Ort überhaupt nichts mehr wachsen.. An der Uferböschung des Motoyasu sitzen heute Liebespaare, junge Leute spielen Gitarre, singen Songs aus dem weiten Gebiet des J-Pop. Genau wie an Sommerabenden am Kamogawa in Kyoto, der alten Kulturstadt, die im Sommer 1945 bewußt verschont wurde. Gras ist gewachsen, aber nicht über das Ereignis, schließlich steht auf demselben ground zero das Museum, das die Katastrophe in allen Aspekten, samt Vorgeschichte und Spätwirkungen und jenem Teil der Schuld zeigt, der die japanische Führung, die japanischen Generäle trifft. Ich überquere das Areal, gehe an den Toren des Museums vorbei; gegenüber liegt die Tsuchiya-Klinik, wo vor zwei Tagen meine Tochter geboren ist. Ground zero: der Ort, wo sie wächst, nachdem sie zuerst, wie fast alle Kinder nach der Geburt, an Gewicht verloren hat. Es ist Zufall, daß ihr Leben ausgerechnet hier beginnt. Die Klinik bietet eine gute Betreuung, genügend Fachärzte, eine freundliche Atmosphäre, der Preis ist annehmbar. Wenn ich an das Fenster des Zimmers trete, in dem meine Frau liegt, streift mein Blick über den Museumsbau hinüber zum Atombombendom und weiter zum Baseballstadion, dessen Flutlicht auf das milde Licht der Abenddämmerung trifft. Hiroshima Carp gegen Hanshin Tigers, die populäre Mannschaft aus Osaka. Immer habe ich mich an den Orten, an denen ich lebte, für die Teams interessiert, mit denen sich die Leute identifizierten, und ein bißchen konnte ich mich dann auch identifizieren, wenn auch nur zum Spaß, ohne den Ernst, den manche Anhänger zur Schaustellen (in Japan ist er übrigens selten, dieser Ernst, falls es ihn überhaupt gibt). River Plate Buenos Aires, Chunichi Dragons… Die ganze Zeit über ist “meine“ Mannschaft VOEST-Linz geblieben; eine Mannschaft, die es längst nicht mehr gibt. Kenzaburo Oe erwähnt in seinen Hiroshima-Notizen, daß es beim ersten Gespräch, das er 1964 bei seinem ersten Besuch in der Stadt mit einem Taxilenker führte, um Hiroshima Carp ging.

Blick von der Tsuchiya-Klinik auf das Friedensmuseum

Was ist, wenn eines Tages kein Gras mehr wächst? Werden wir diesen Tag erleben, werden wir sein Näherkommen ahnen? In Großstädten wie Osaka ist dies bereits der Fall, unter dem Beton wächst kein Gras, es gibt nicht einmal Pflastersteine, in deren Ritzen Raum für ein bißchen Erdreich bleibt. Wenn eines Tages kein Gras mehr wächst, bleibt immer noch Natur, es bleibt dieses Dreieck: Himmel, Meer, wir selbst. Jene zwei Elemente – und wir selbst, unser Blick – werden manchmal von Architekten inszeniert, zum Beispiel in Kobe von Tadao Ando oder in Hiroshima auf dem Hijiyama von Kisho Kurokawa. In Kobe ist der schmale Streifen zwischen der Küste und den steil ansteigenden Bergen längst verbaut, und dennoch – nein: deshalb empfindet man nirgendwo die Präsenz von Himmel und Meer so stark wie im Kunstmuseum, das die Präfektur Hyogo hier von Tadao Ando errichten ließ. Anders auf dem Hijiyama, wo der Wald im Sommer von unglaublicher Dichte ist, die Bäume Jahrzehnte, Jahrhunderte alt, von der Atombombe, die wenige Kilometer entfernt fiel, unangetastet. Das von wuchernder, tiefgrüner Natur umgebene städtische Kunstmuseum betritt man über eine nicht allzu große Kreisfläche, die von Kolonnaden wie auf dem Petersplatz umgeben ist und zugleich, wegen ihrer erhöhten Lage, an den Campidoglio erinnert. Steht man in der Mitte dieser Kreisfläche, wird der Blick unweigerlich auf den Himmel gelenkt: einen Himmel, der im Sommer fast immer blau ist, so auch am Morgen des 6. August 1945. Bewegt man sich nun vom Museum weg, hat man zu Füßen, unter der Treppe, eine Skulptur von Henry Moore, die ebenfalls ein Stück Himmel einfaßt, und noch weiter unten dann die Stadt mit ihrem gedämpften Rauschen. Es ist ein Blick, der Versöhnung bedeutet: das Nächste und das Fernste berühren einander; im alles umschließenden Horizont sind wir als empfindende Wesen vereint. Aber kann man sich mit einem Himmel versöhnen, aus dem ohne Vorwarnung die Vernichtungsmaschine fiel? Könnte die Maschine nicht jeden Augenblick wieder herabstürzen?

Sie könnte. Und die Bewohner Japans sind aufgrund ihrer Geschichte äußerst wachsam, was die Möglichkeit atomarer Angriff betrifft. Wachsam, oft auch verängstigt, mitunter hysterisiert durch Atombombenversuche in ihrer Nachbarschaft, so zweifelhaft diese Versuche auch sein mögen, taktische Schritte in einer Strategie der Täuschung, deren sich nicht nur ein schwaches, von einer starrköpfigen Dynastie unterdrücktes Land in seiner verzweifelten internationalen Lage bedient, sondern auch die vorherrschende Großmacht der Erde. Der jüngste Atomwaffenversuch Nordkoreas wurden von der CIA bzw. von ihren Pressesprechern als Explosion einer “kleinen A-Bombe” verbucht. In jenem Denken, das Günther Anders unter dem Eindruck des 6. August 1945 entwickelte, kann es weder Versuche noch kleine Bomben überhaupt geben, derlei Formulierungen seien contradictiones in adiecto. Der erste Atombombenabwurf und die Denkmöglichkeit der Selbstausrottung der Menschheit habe die Apokalypse dauerhaft auf unserem Planeten installiert. Glaubt man Anders, dann leben wir in einem aus technologischen Gründen totalitären Zeitalter, dessen Bedrohung niemand entgehen kann. Allerdings stellt sich heute, mehr als sechzig Jahre danach, da auf dem ground zero längst wieder, von Menschen gehegt, die Bäume wachsen, das Anderssche Szenario als heillose Übertreibung dar, deren Wert als Warnung sich erschöpft hat. “Überpointiertheit”, zu derlei verqueren Ausdrücken fand der Philosoph in seinem mühseligen Stil. Tatsächlich haben sich Hiroshima und Nagasaki, während Anders den Zusammenbruch aller Grenzen beredete, als Beispiel für die Möglichkeit eines begrenzten Atomschlags erwiesen. Diese Feststellung nimmt dem Atomangriff nichts von seiner unmenschlichen Grausamkeit, sie trägt nichts zur Rechtfertigung einer angeblichen “Kriegsnotwendigkeit” im August 1945 bei.

Hier eine Passage aus Kenzaburo Oes Hiroshima-Notizen, die nie ins Deutsche übersetzt wurden:

Es gibt nur eine Möglichkeit, das Gleichgewicht im Alltagsleben zu bewahren und der Krise standzuhalten: an das grüne Gras zu glauben, wenn es vor unseren Augen aus der verbrannten Erde zu sprießen beginnt, und sich nicht verzweifelten Vorstellungen hinzugeben, solange nichts Ungewöhnliches geschieht.

Günther Anders hingegen, der im Unterschied zu Oe nie versuchte, die konkrete Existenz der Bewohner von Hiroshima zu begreifen, beschwor in der deutschen Nachkriegszeit unablässig das fehlende Vorstellungsvermögen angesichts der Apokalypse. Liest man die Beschreibungen von Hunderten von Atombombenopfern, Texte, die jahrelang der Zensur durch die amerikanische Besatzungsmacht zum Opfer fielen, so gewinnt man nicht den Eindruck, als besäßen diese Leute – und mit ihnen der Leser, also ich selbst – ein unzulängliches Vorstellungsvermögen. Die Schilderungen sind deutlich genug, nur entsteht durch die endlose Wiederholung von Szenen der grotesken Vernichtung ein unvermeidlicher Gewöhnungseffekt. Manchmal halte ich inne und staune über die Normalität, die Naivität dieser Sätze, die das Unerhörte – und es bleibt unerhört, auch für die Opfer – in Worte fassen. Für alles gibt es eine Grammatik, ein Lexikon… Wenn etwas unerträglich ist, dann dieser Gedanke. Aber man muß sich nicht an ihn klammern.

Das Außerordentliche des Ereignisses am 6. August 1945, 8 Uhr 15 Ortszeit, wird vielleicht am besten durch die stehengebliebene Uhr mit dem gesprungenen Glas symbolisiert, die im Atombombenmuseum ausgestellt ist. Außerordentlich ist an dem Geschehen letztlich nur seine Intensität. Diese zu erfassen und literarisch wiederzugeben, bedarf es eines abstrakten Entwurfs; die Aneinanderreihung von Zeugenberichten allein genügt nicht. Es gibt ein Buch, das es schafft, das Abstrakteste mit dem Konkretesten zu verbinden. Ein Buch, das im deutschen Sprachraum ebenfalls stiefmütterlich behandelt wurde: Schwarzer Regen von Masuji Ibuse, aus dem Englischen – nicht aus dem Japanischen – übersetzt und in der DDR erschienen, später dann, vielleicht zu spät, auch im Westen aufgelegt und kaum gelesen. Dieses Buch macht sinnfällig, wie die moderne Tragödie – die Tragödie der Moderne – in einem minimalen Zeitraum kondensiert und eine maximale Zahl von zumeist furchtbaren Schicksalen hervorruft. Der dauerhafte Schrecken von Hiroshima ist die Gleichzeitigkeit eines Ereignisses, das zahllose Ereignisse entfesselt. Natürlich haben die Atombombenopfer ihre jeweilige Vor- und Nachgeschichte; durch den Zeitpunkt, 8 Uhr 15, sind sie zusammengeschweißt. Dieses Phänomen konnte man auch früher bei Katastrophen beobachten, doch die Intensität hat sich dank der “Fortschritte” der Technologie auf der Grundlage der Forschungen von Einstein und seinen Kollegen um ein Vieltausendfaches erhöht. Sie ist nahezu unendlich geworden. Ich glaube, daß hier der Grund liegt, weshalb Kenzaburo Oe in seinem zwei Jahrzehnte nach der Tragödie entstandenen Buch die Bewohner von Hiroshima als Inbegriff des menschlichen, der menschlichen Existenz darstellen kann. Der häufige Gebrauch von Ausdrücken wie “wahrhaft menschlich”, “humanistisch”, “moralisch” oder “moralistisch” mag den europäischen Leser, der sie zur Genüge aus der Geschichte kennt, anfangs irritieren, doch am Ende geben Oe nicht Gefühle wie Mitleid und Entsetzen recht, sondern die Logik einer menschheitlichen Entwicklung, welche die Gattung an den Abgrund ihrer Existenz geführt hat. Am Abgrund leben, ihm den Rücken zuwenden, nicht durch Vergessen, obwohl es immer wieder auch die Notwendigkeit des Vergessens gibt, die Hoffnung auf ein “normales“ Leben bewahren, auf den sinnvollen, nicht absurden Umgang mit den verfügbaren Technologien – das ist der Humanismus von Hiroshima, der Humanismus seiner Bewohner, und zwar bis heute, über die Generation der Atombombenopfer hinaus.

Ich habe das Wort “Vergessen” gebraucht. Es ist mir nicht möglich, dies ohne Gedankenverbindung zur deutschen Vergangenheitsbewältigungskultur (die in Japan zumeist als vorbildlich erachtet wird) und zu Nietzsches zweiter unzeitgemäßer Betrachtung zu tun: vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Kenzaburo Oe erwähnt in seinen Hiroshima-Notizen mehrmals Auschwitz. Mit Recht, wie mir scheint, denn beides waren Höllen (dieses Bild wiederholt sich da wie dort in den Zeugenberichten), beides sind Sackgassen der Menschheitsgeschichte, in die wir uns nicht mehr begeben sollten. Allerdings gibt es auch einige Unterschiede, darunter den, daß die Katastrophe in Hiroshima von einer Siegermacht bewirkt wurde, die in Auschwitz aber von einer Verlierermacht. Verständlich (oder?), daß die Täter über ihre Untaten zumeist nicht reden wollen. In Deutschland wurden nicht nur sie, sondern ein ganzes Volk zum Erinnern und Reden verpflichtet, und es hat sich das Reden und Erinnern, in manchen Fällen vielleicht zähneknirschend, zur Verpflichtung gemacht. Anders im Nachkriegsjapan, hier verbot die Siegermacht das Reden über ein von ihr begangenes – ich wähle das Wort bewußt – Verbrechen, und sehr viele Japaner, viele Bewohner Hiroshimas zogen, einer kulturellen Prägung gehorchend, das Schweigen vor.

Rudolf Burger schrieb unlängst in einem Essay über die von Krisen geschüttelte, im wesentlichen aber ungebrochene Erinnerungs- und Bewältigungsroutine in Deutschland und Österreich, es könne nur individuelles Erinnern und Verdrängen geben, kein kollektives, daher auch keine Kollektivschuld – und wie die Schlagwörter der Nachkriegszeit alle lauten. Hier, glaube ich, stellt Burger sich viel dümmer, als er ist, denn an der metaphorischen Bedeutung dieser Begriffe bestand doch nie ein Zweifel. Daß das psychoanalytische Modell sich ohne weiteres auf soziale Vorgänge übertragen läßt, kann man mit guten Gründen bezweifeln. Tatsache sind aber die kollektiven, durch pädagogische Institutionen und Massenmedien vermittelte Stiftungen von Sinn und Identität einer sozialen Einheit, mag sie nun lokal, national, europäisch oder menschheitlich bestimmt sein. Die Parteinahme für Vergessen und Versöhnung in Ehren: wir sind durch derlei Absolutionen nicht der Notwendigkeit enthoben, unserer Vergangenheit, die wir nun einmal haben, eine Form zu geben. Für die existentiale Analyse ist das Vergessen selbst zunächst gar kein historisches Phänomen, sondern Voraussetzung jeglichen Handelns. Allerdings schließt Vergessen das Erinnern nicht aus. Auszuschließen ist nur die Gleichzeitigkeit von beidem: es gibt eine Zeit des Erinnerns, wie es eine Zeit des Vergessens (und in der Folge des Handelns) gibt. Diese Zeiten können einander durchaus benachbart sein. Auch in Hiroshima gibt es Zeremonien des Erinnerns, kollektive und symbolische Handlungen, an denen einfache Bürger der Stadt ebenso teilnehmen wie Repräsentanten der Stadt und des Staates. Das ist gut und notwendig, doch enthebt es nicht der immer erneuten Prüfung, des Neuschreibens auch der Geschichte, der Neubestimmung des temporären Vergessens und der Versöhnung. Bei nachfolgenden Generationen tritt Erinnerungsmüdigkeit auf, und die persönliche Betroffenheit wird schwächer. Das ist normal, aber es gilt auch, die Normalität nicht bloß hinzunehmen, sondern sie zu gestalten. Umgekehrt sind die emphatischen Bezugnahmen auf Momente einer fernen Vergangenheit mindestens problematisch, wie man an den Jugoslawienkonflikten (Schlacht auf dem Amselfeld) oder auch gegenwärtig in Palästina sieht. Wäre es nicht besser, das zu vergessen, woran sich (persönlich) kein Mensch mehr erinnert?

Nach Auschwitz ist das Gedichteschreiben barbarisch, Leben unmöglich… und so weiter, das Adorno-Zitat wurde nicht zufällig immer wieder abgewandelt. Nach Hiroshima ist Leben unmöglich: dieser Satz trifft sich mit den Intentionen von Günther Anders‘ Nachkriegsphilosophie. Aber sagen Sie das einem KZ-Insassen, der überlebt hat, sagen Sie das einem Überlebenden des 6. August 1945, 8 Uhr 15 Ortszeit. Im Grunde war auch dieser Satz schon vor dem zweiten Weltkrieg oft gefallen, zum Beispiel bei Brecht: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist? Immerhin war Brecht, vom Nationalsozialismus in die Emigration getrieben, noch vorsichtig, er gab dem Wörtchen “fast” eine Chance. Angesichts des Schreckens sind wir immer sprachlos, niedergeschmettert. Aber wir versuchen, uns zu erheben und die Sprache wiederzufinden. Hier scheint mir der Grund zu liegen, weshalb Kenzaburo Oe immer wieder den Selbstmord als bestürzende Tatsache ins Auge faßt und beschwört, bis hin zu einem seiner letzten Werke, Tagame, das mit Hiroshima unmittelbar nichts zu tun hat. Wie wird ein Mensch dazu gebracht, diese äußerste Konsequenz zu ziehen? Wie kommt es, daß er sich vor einem Abgrund wiederfindet und keinen Ausweg sieht? Liest man die Sätze von Anders oder Adorno und hört man ihren apodiktisch-apokalyptischen Sound, sieht man sich in die Enge der Schlußfolgerung gedrängt, daß nicht nur einzelne Menschen, sondern die Menschheit zu diesem fatalen Schritt genötigt sei. (Freilich hat keiner der beiden ihn persönlich getan.) Kenzaburo Oe hingegen, der gelernte, aber auch eingefleischte Humanist, sorgt sich um die konkreten Menschen ebenso wie um die gefährdete Menschheit. Er will ihr Überleben. Er fragt sich, wie der Betroffene dahin kommen konnte, und er fragt sich, ob und wie es möglich gewesen wäre, den letzten Schritt abzuwenden. Im Hiroshima der Nachkriegszeit finden wir zahlreiche Beispiele für ein Weiterleben dem Abgrund zum Trotz. Aber auch Beispiele der Resignation, für die Oe Verständnis aufzubringen versucht. In Ibuses dokumentarischem Roman wird der spontane Widerstand gegen die Unmenschlichkeit geschildert; meistens liegt dieser Widerstand im Weiterleben selbst, und nicht in abstrakten Anklagen von Schuldigen. Das Buch enthält aber auch Beispiele von Kleinmut und Egoismus. Es berichtet von der gesellschaftlichen Ausschließung von Atombombenopfern, zum Beispiel von jungen Frauen, die nur durch die Tatsache, daß sie zum Zeitpunkt der Explosion in deren Nähe waren, von allen Heiratschancen ausgeschlossen werden, selbst dann, wenn sie völlig gesund sind. Der Druck eines allzu mächtigen gesellschaftlichen Systems zwang diese Personen zu einer Schattenexistenz, ganz so, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. Sie wurden doppelt bestraft, vom Angreifer und von den Opfern. Es wäre verwunderlich, käme es inmitten der Tragödie nicht auch zu Schändlichkeiten. Auch diese sind “menschlich“, nicht nur der Heroismus der Normalität, den Kenzaburo Oe immer wieder beschwört. „Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein“, schrieb Brecht in seinem Exil-Gedicht. Als Nachgeborener die finsteren Zeiten bedenkend, in denen er lebte, will ich dennoch hinzufügen, daß es auch jenseits von zynischem Utilitarismus Formen des Widerstands gibt.

Nach einem meinem dritten Tag in der Tsuchiya-Klinik ging ich den sogenannten Friedens-Boulevard entlang in dem Bedürfnis, andere Teile der Stadt kennenzulernen. Der Boulevard führt geradewegs zum Hijiyama, den man erreicht, wenn man die Brücke über den Kyobashi-Fluß überquert hat. Auch dieser Berg ist irgendwie schmuddelig – nicht durch seine Vegetation, die mir hier fast erhaben erscheint, weil die Bäume im besiedelten Gebiet viel höher und mächtiger sind als auf den stadtferneren Bergen, wo die mäßige Kraft des einzelnen Gewächses durch die Dichte des Ganzen wettgemacht wird, sondern durch die etwas vernachlässigten Sonntagsausflugsplätze: die Aussichtsterrasse mit dem alten Fernrohr, durch das man nach Einwurf einer Münze eine Zeitlang blicken kann, die sich in der Abendsonne räkelnden Katzen und der windschiefe Udon-Laden mit der zum Trocknen ausgehängten Wäsche auf dem Vorplatz und die unvermeidlichen Getränkeautomaten. Auf dem Gipfel des Bergs stieß ich auf einen Komplex von langgezogenen, flachen Gebäuden mit Tonnengewölbe, die um einen Innenhof errichtet waren und mich an die aus dem 18. Jahrhundert stammenden “Jesuitendörfer” in Paraguay erinnerten. Erst nach einigem Umherstreifen entdeckte ich den Haupteingang und war überrascht, als ich auf dem Schild las, daß es sich um ein Radioactive Influece Laboratory handelte, betrieben in US-japanese cooperation. Was haben die Amerikaner hier verloren, war mein erster Gedanke. Müssen Sie Jahrzehnte nach dem Krieg noch ihre Finger im Spiel haben? Dann besann ich mich und überlegte: Immerhin haben sie irgendwann begonnen, ihr Wissen zur Verfügung zu stellen, das sie in den Tagen und Wochen nach dem Atombombenabwurf, als es bitter nötig gewesen wäre, um das Leid zu mildern und Schwerverwundete zu retten, den japanischen Ärzten vorenthalten hatten. Kenzaburo Oe, der 1964 hier die Forschungseinrichtungen begutachtete, schrieb nicht ganz ohne Bewunderung von diesem Ort, er sei “hell, sauber und funktional wie ein Spiegel”. Seither sind vier Jahrzehnte ins Land gegangen, und das Laboratorium kommt mir ein wenig abgelebt, fast altmodisch vor. Mag sein, daß man die Wirkungen der atomaren Strahlung auf Menschen mittlerweile genug erforscht hat. Hoffentlich wird auch der naheliegende Schluß gezogen: Keine Atomwaffen mehr.

Bürohaus und Flutlichtlampe flankieren den “Atombombendom”

An der Rückseite des Bergs, das Kunstmuseum links liegen lassend, kehre ich in die Stadt zurück. Hier hat man, wahrscheinlich ebenfalls in den zukunftsfrohen sechziger Jahren, eine lange und steile Rolltreppe gebaut, einen mit Plexiglas überdachten skywalk, wie er genannt wird, der die Funktion hat, den Himmel auf Distanz zu halten und vor seinen Sendboten, den Regentropfen, zu schützen. Nein, nicht nur das, auch der Blick ist getrübt, die Versöhnung aus dem Bereich unserer Verantwortung gerückt. Die jetzt schon dunklen Baumarme greifen von beiden Seiten nach dem Plexiglasschlauch, ohne daß sie ihm etwas anhaben können. Ich bin der einzige Fußgänger hier. Als ich mich der Rolltreppe nähere, setzt sie sich, ich hatte ein Quietschen oder Rumpeln erwartet, leise surrend in Bewegung. Die Bewohner von Hiroshima, schreibt Kenzaburo Oe in einem Nebensatz, lieben den Hijiyama nicht besonders. Ich weiß nicht warum; von mir selbst kann ich inzwischen sagen, daß ich ihn liebe. Die Rolltreppe macht weiter unten dann eine Kehre, oder genauer, die erste Treppe wird von einer zweiten abgelöst, die direkt in das Einkaufszentrum Saty führt. Dort bin ich in den fünften Stock hochgefahren, wo es billige Kleidung gibt und eine kleine Abteilung für Kinder. Dort habe ich ein Armband für meine Tochter gekauft, das ein leises Rasseln von sich gibt, wenn man es bewegt. Das erste Spielzeug, das ich ihr kaufe.

Ich kann dieses Gespräch über Bäume nicht beschließen, ohne meiner Empörung über die Zensur Ausdruck zu geben. Diese Strenge der Sieger war mir bislang nicht bewußt gewesen: die Strenge, mit der die US-amerikanische Besatzungsmacht das Land nach den Atombombenabwürfen in den Griff nahm. Ich lese einen Text, der so schlicht und bescheiden ist wie sein Titel “Sommerblumen”, eines der frühen Beispiele der sogenannten Atombombenliteratur, und erfahre, daß diese dokumentarische Erzählung, 1947 verfaßt, zunächst nicht erscheinen konnte, weil sie die Zensur nicht passierte. Was wurde da zensuriert? Der Text enthält keinerlei Anklage, er beschreibt in ruhigem Ton die Leiden der Bewohner von Hiroshima am 6. August 1945 und in den Tagen danach. Ich spüre dieselbe Empörung wie beim ersten Golfkrieg 1991, als die US-Streitmacht Falschmeldungen in die Welt setzte und eine strenge Zensur walten ließ, flankiert von Fernsehbildern, die eine saubere Kriegsführung suggerierten und einem Teil des Weltpublikums zur Unterhaltung dienten. Beim zweiten Golfkrieg wieder dasselbe, nur daß ein inzwischen viel größerer Teil des Weltpublikums skeptisch geworden war. Geheimhaltung, Irreführung, Manipulation, Lüge – gewiß, das gehört seit jeher zum Krieg. Trotzdem werde ich mich nie daran gewöhnen. Die Mißachtung von Wahrheit ist eine der abscheulichsten Seiten des Kriegs. Im zerstörten Hiroshima hätte man im August 1945 und noch lange danach dringend Informationen gebraucht, um die Symptome verstehen und die Verwundeten versorgen zu können. Man hat die japanischen Ärzte und ihre Patienten sich selbst überlassen. Kenzaburo Oe hat ihre Rolle hervorgehoben, die Intelligenz und Ausdauer, mit der sie, anfangs im Dunkeln tappend, im schwarzen Regen des Ungeists, ihr Möglichstes taten. Alle Berichte vom 6. August 1945 erwähnen diese schreckliche Ungewißheit: das Nicht-Wissen, was eigentlich geschehen war. Die Zensur als Niederhaltung der Wahrheit ist nicht einfach ein Mittel, dessen sich kriegführende Mächte nolens volens bedienen müssen. Die Zensur ist mörderisch, in Hiroshima hat sie Tausende Menschenleben auf dem Gewissen.

Das eine Wort in vielen Sprachen.

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Leopold Federmair

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Hinweise

Quasi als “Forsetzung” des oben veröffentlichten Textes schreitet Federmair mit seiner Tochter wiederholt das Friedensmuseum Hiroshima ab : Atomangriff Hiroshima : Niemand wird damit fertig ( Standard Album , 19. 3. 2011 ) . Zum medialen Schlachtfeld der Sensationen hat Federmair jüngst einen Artikel in der NZZ publiziert :  Wir sind dabei gewesen – Die Berichterstattung zur AKW-Krise in Japan und das Bedürfnis nach Unterhaltung ( NZZ, 5. 4. 2011 ) .

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