||| THOMAS HARLAN: DER EWIGE SOHN – DIE LITANEI AN DEN VATER ALS HÖRBUCH | HEINE: DEUTSCHE GEMÜTSSUPPE | NIZAMI: DIE HARFE IHRER LIEBE UND QUAL | ERNEST HEMMINGWAY: AUF TOD UND LEBEN | KLANGAPPARAT
THOMAS HARLAN: DER EWIGE SOHN – DIE LITANEI AN DEN VATER ALS HÖRBUCH
NZZ , Literatur und Kunst , 6. 8. 2011
czz – Trotz seines viel beachteten Romans “Heldenfriedhof” (2006) scheint Thomas Harlan – Sohn des Regisseurs Veit Harlan, der mit dem Propagandafilm “Jud Süss” (1940) eines der übelsten antisemitischen Machwerke geschaffen hat – die Scham über den uneinsichtigen Vater nie verwunden zu haben. Er verbrachte Jahre mit der Sammlung von Dokumenten zu den Vernichtungslagern und wurde nicht müde, personelle Kontinuitäten aus der NS-Zeit in der Bundesrepublik nachzuweisen. Thomas Harlan blieb der ewige Sohn, der – selbst nach dem Tod des Vaters – sich für selbigen schuldig fühlte und dies in Filmen und Büchern abzuarbeiten suchte. Von dieser obsessiven “Betroffenheit” des Sohnes zeugt ein Text, den der Lungenkranke am Vorabend seines Todes 2010 diktierte: “Veit” zitiert die Situation am Sterbebett des Vaters, um diesen in Form einer Litanei zu adressieren. Da dieses “Flehgebet” ein verbales Ritual darstellt und zudem im Diktat mündlich entstand, kommt es einer akustischen Inszenierung auf halbem Wege entgegen. Für den Bayerischen Rundfunk hat sich Thomas Thieme an das bestürzende Skript gewagt, um Reihungen und Kehrreime der Litanei in ihrer Dringlichkeit zu intonieren. Bestechend in seiner Rhythmik, mäandert der Monolog zwischen Selbstbezichtigung und Vorwurf, die mangelnde Schuldeinsicht des Vaters betreffend. “So lange Du Dir nicht eingestanden hast”, dass das antisemitische Hauptwerk des NS-Films ein Vorspiel zum Judenmord darstelle, wolle der Sohn die Schuld auf sich nehmen. Wo das Christusmotiv angesichts der Indifferenz des Adressaten ins Leere läuft, haucht sich das Flehgebet im Doppelsinn der Worte aus: Handkehrum mutiert die Bitte um Nähe “Lass mich Dein Sohn sein, Dein Ältester” in eine distanzierende Abschiednahme: “Lass mich: Dein Sohn”. Mit “Veit” wächst dem reichen Korpus an Vater-Sohn-Katastrophen ein starkes Stück zu. ( page )
- Thomas Harlan: Veit, gesprochen von Thomas Thieme- 1 CD (55 Min.), BR | intermedium 2011
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HEINE: DEUTSCHE GEMÜTSSUPPE
czz – Nach vier Bänden «Reisebilder» (1826 bis 1831) und zehn Jahre vor «Deutschland. Ein Wintermärchen» blieb Heinrich Heine dem Motiv der Reise treu, indem er den fiktiven Herrn von Schnabelewopski auf die Walz sandte. Die Route führt über Hamburg und Amsterdam bis nach Leiden, wo er dem Studium der Theologie obliegen soll. Im Gegensatz zu diesem idealischen Ziel fällt der Held in der Tat auf die Knie: dies allerdings eher vor Frauenzimmern. In Hamburg bewundert er die männliche «Republik» der Börsen, Banken und Bonitäten, verfällt indes gar willig den «hanseatischen Vestalen». Nach ausgedehnter Feldforschung formuliert Schnabelewopski sein Theorem, dass jedes Land eine besondere Küche habe und also eine «besondere Weiblichkeit». Die deutsche Küche jedenfalls erweist sich als hochgradig unerotisch: «Da gibt’s gefühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste (. . .), tugendhafte Hausklösse, Sauerkohl – wohl dem, der es verdauen kann.» Mit seiner klaren, scharfen Sprache, die enorm «heutig» tönt, zielt das sarkastische Satyrspiel weitgehend auf die deutsche «Gemütssuppe», die schon in den «Reisebildern» in keinen geringen Portionen serviert worden war. Als Sprecher konnte das «Stimmwunder» Stefan Kaminski gewonnen werden, der Heines Witz und Zweideutigkeiten bewusst im Moderato hält. ( page )
- Heinrich Heine: Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski, gelesen von Stefan Kaminski, 2 CD (120 Min.) – GoyaLit 2011
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NIZAMI: DIE HARFE IHRER LIEBE UND QUAL
czz – Der Stoff ist arabischen Ursprungs und gilt in praktisch allen orientalischen Kulturen als Klassiker; eine um 1180 in persischer Sprache entstandene Version dankt sich dem Dichter Nizami. Das Liebesdrama zweier junger Leute, die einander nicht finden dürfen, fasziniert noch in der deutschen Prosaübersetzung durch ebenso wunderbare wie drastische Bilder. Von der Familie der Geliebten abgewiesen, irrt der Liebende rastlos durch die Wüsteneien und verfällt dem Irrsinn: Ein Madschnun, «ein Wahnsinniger war er geworden und zugleich auch ein Dichter». Die aus der Schweiz stammende Schauspielerin Anne Bennent und der charismatische Akkordeonist Otto Lechner verweben das Epos mit Improvisationen und Kompositionen von «orientalischen» und europäischen Musikern. So programmatisch Bennent und Lechner seit Jahren die Kluft zwischen Orient und Okzident, zwischen Sprache und Musik überbrücken, so souverän hauchen sie den alten Gestalten Feuer ein. Und siehe, es erweist sich, dass die Dichtung mit ihren poetischen Bildern zu verschränken vermag, was die plane Plot-Erzählung unwiderruflich trennt. Zauberhaft tönen jene Passagen, in welchen zarte instrumentale Ornamente die klare Sprechstimme umspielen. Auf diese Weise kommt man der musikalischen Metaphorik des Poems auditiv nahe: Klagt Madschnun, er sei «die Harfe seiner Liebe und Qual», gleicht Leila einer «vor Liebesweh klagenden Schalmei». ( page )
- Nizami: Leila und Madschnun, Stimme: Anne Bennent, Musik: Otto Lechner & Ensemble, 2 CD (121 Min.) – Mandelbaum-Verlag 2011
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ERNEST HEMMINGWAY: AUF TOD UND LEBEN
czz – Im Gedenken an den Freitod Ernest Hemingways, der sich im Juli zum 50. Mal jährt, lanciert Der Audio Verlag eine im besten Sinne unzeitgemässe Edition mit acht Hörspielbearbeitungen der wichtigsten epischen Werke. Von der 1954 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Novelle “Der alte Mann und das Meer” bis hin zu den Short Stories des Bandes “Men without Women” liegen die Stoffe allesamt an den Magistralen des Hemingway’schen Kosmos: Kämpfe auf Leben und Tod – sei dies im Spanischen Bürgerkrieg, auf Grosswildjagd, in der Corrida oder im Boxring. Dabei ist bemerkenswert, dass weitgehend Hörspiele verlauten, welche während der fünfziger Jahre entstanden sind. Die systematische Produktion von Radiofassungen der Hauptwerke Hemingways ist zweifellos repräsentativ für die Hausse der deutschen Hemingway-Rezeption. Zwischen Kammerspiel und turbulentem Hörtheater vermitteln die Klangdramen spezifische Sounds der 50er Jahre und damit ein verkanntes Stück Radiogeschichte. Keine Patina haftet den Inszenierungen des Regisseurs Karl Ebert an: Mit grellen Stimm(ungs)bildern erscheint “Haben und Nichthaben” (1953) als akustischer Comic; in “Eine Viertelmillion” (1952) greift Ebert selbst zum Mikrofon, um als rasender Sportreporter den Endkampf des Boxmeisters zu kommentieren. Kurz: Hemingways Szenarien erscheinen dem heutigen Hörer weniger als Apotheose des Machismo (wie vielfach angenommen), sondern als Panoptikum der Geschlagenen und Gescheiterten, mit welchen innerhalb der deutschen Nachkriegsgesellschaft sich manch Einer zu identifizieren geneigt war. Eine fesselnde und durch informative Booklet-Texte erhellende Edition. ( page )
- Best of Ernest Hemingway – Die grosse Hörspieledition, 8 CD (528 Min.) – SWR | WDR | Der Audio Verlag 2011
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KLANGAPPARAT
Eine sehr relaxte Auffassung von Techno legt Marc Poppcke bei dem Label Night Drive Music an den Tag : Pegelmässig schön mittig , lässt
sich seine neue ep “Hello Again” ebenso atmorsphärisch einsetzen oder als praktikable DJ’s Clicks ‘n Cuts . 43 Minuten lang positive strokes , das lässt man sich gerne gefallen -
Marc Poppcke – Hello Again EP by Night Drive Music
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