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DISCLAIMER
Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung der Herausgebers und Verlegers .
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VORWORT GÜNTER VALLASTER
[Gekürzte Fassung des Vorworts im Buch, das noch eine kurze Darstellung der historischen Entwicklung des Paragramms enthält sowie seiner Verwendung als Stilmittel in unterschiedlichen Textsorten, in den Medien, vor allem in der Werbung, aber auch in der Werbekritik in Form von Culture Jamming und Adbusting. Zu den beiden letztgenannten Themenbereichen bietet der Sammelbandbeitrag von Peter Marwitz (www.konsumpf.de) einen kompakten Überblick ("Was ist eigentlich Culture Jamming? Und was soll Adbusting?", s. auch hier ).]
“Merry Crisis and a Happy New Fear” – dieser bekannte und markante Spruch, der erstmals 2008 während der griechischen Protestbewegung in Athen als Graffito auftauchte, ist strukturell betrachtet ein Paragramm. Auch die bislang unbekannte Urheberschaft, das Auftreten im öffentlichen Raum und die damit begünstigte breitere Verwendung, die bis zur Aufnahme in den allgemeinen Sprachgebrauch reichen kann, sind Merkmale, die bei Paragrammen bisweilen auftreten können. Zumal es in allen Textsorten, die sprachkreatives Schreiben erfordern, vorkommt, besteht berechtigter Grund zur Annahme, dass es sich beim Paragramm – zumindest in den europäischen Sprachen – um die beliebteste Form des Wortspiels handelt. Es wird nur selten als Paragramm bezeichnet. Während das Anagramm als Begriff und Bezeichnung sehr gut im Sprachgebrauch verankert ist, das Lipogramm zumindest denjenigen, die sich mit sprachkombinatorischen Möglichkeiten näher beschäftigen, vertraut ist, kennt die Bezeichnung “Paragramm” nahezu niemand, die Aufmerksamkeit weckenden und sprachironischen Möglichkeiten dieser Technik indes fast jede/r. Gründe genug, das Paragramm am Beispiel einer Textsorte, in der es eine ganz fundamentale Bedeutung hat, nämlich der sprachreflexiven, experimentellen Literatur, in einem Sammelband auszuloten. Denn dem Paragramm sind keine Grenzen gesetzt, weder frei assoziativ noch streng algorithmisch. Und diesen Aufbruch zur Grenzenlosigkeit kann die Literatur ganz hervorragend leisten. Bei vielen der im vorliegenden Band versammelten Autorinnen und Autoren, für deren Originalbeiträge an dieser Stelle gleich gedankt sei, spielt das Paragramm durchaus eine ästhetische Rolle in ihrer literarischen Arbeit, natürlich in unterschiedlichem Ausmaß.
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Strukturell könnte das Paragramm als Austausch eines oder mehrerer Buchstaben an einem Wort gesehen werden, wobei noch ein zumindest loser lautlicher und/oder graphischer Zusammenhang zum Ausgangswort bestehen bleibt bzw. auch der Kontext einen Konnex zum Ausgangswort legen kann, wodurch sich spannungsvolle doppelte und mehrfache semantische Böden eröffnen. Oft werden auch im Vergleich zum Ausgangswort Buchstaben (oder auch Silben) ergänzt, was eine begriffliche Schnittmenge zu den Wortverschmelzungen (auch Kofferwörter, Clippings oder Portmanteauwörter genannt) ergibt, oder weggelassen, wodurch sich eine begriffliche Schnittmenge zum Lipogramm zeigt. Denkbar wäre auch eine Ausweitung dieses permutativen Paragramm-Begriffes auf den Austausch ganzer Wörter, Sätze oder Textbausteine sowie auf die semantische Ebene, auf der nicht die Schriftzeichen, sondern die Bedeutungen den Austausch begründen.
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“Parlagramme” (Birgit Schwaner), “Partygramme” (jopa), “Paradings” (Wolfgang Helmhart), “Petragramme” (Petra Johanna Sturm), “ein paar Para-Gramme” (Katja Beran), “Paragrammpaarläufe” (Gerhard Jaschke), “Paragrarminisierungen” (Armin Baumgartner) oder “Paragrammelknödel” (Günter Vallaster) sind auch gerne gesehene Gäste in literarischen Texten. (…) Als akzentuiert paragrammatische möchte ich drei exemplarisch herausgreifen: Zunächst einmal “die winterreise dahinterweise” von Gerhard Rühm, ein Zyklus von zwölf Hörbildern, den er als Auftragsarbeit für den steirischen herbst 1990 realisierte und in dem er die Texte Wilhelm Müllers für Franz Schuberts Liederzyklus veränderte, indem er sich “für eine strenge phonetische bezugsmethode” entschied, “die die vokalstruktur (und noch dazu so viel wie möglich vom konsonantenstand) des müllerschen zyklus beibehält”.¹ Auf diese Weise ließ er sich “fortlaufend zu neuen wörtern in einem neuen satzverbund inspirieren”. So wird, nur um ein Beispiel zu zitieren, aus “Hügel hinterm Dorfe” bei Müller “Hügel in den koffer” bei Rühm. Weiters “saschaident. saschaideal” von Lisa Spalt, erschienen in der Edition Das fröhliche Wohnzimmer 2003. Dem Buch wurde folgender “Beipacktext” von Lisa Spalt beigegeben:
saschaident. saschaideal, dessen erster Teil die Geschichte der Konstruktion und Dekonstruktion der Figur ‘Sascha’ als das willkürliche Zuordnen von Eigenschaften zu einem Namen darstellt, während der zweite Teil eine erste Geschichte von Sascha nach dem Stille-Post-Prinzip verformt, immer wieder verformend erzählt: Jeder Satz wird assonierend verbeult; wenn man das Original und die Variation bzw. eine Variation mit der nächsten vergleicht, sollte man wissen können, was ‘falsch’ verstanden wurde. Die Entwicklung der Figur wird hier als eine bloße Entwicklung der Laute erzwungen. Die Entwicklung erfolgt aus dem Fehler.
Demgemäß wird aus dem Satz “Es ist einmal kein Königskind namens Sascha mit den gelben Haaren, darauf seine Mütze aus roter Wolle, die trägt ihre Quaste aus dem selben, grünen Stoff” in “Folge 1″ die Passage “Es schifft dann mal eins Königs Kind namens Sascha inner gelben Argo, darauf seine Schätze. Was? Tote Scholle! Wie trägt an den Lasten auch der falbe Hühnenkopf!”² in “Folge 2″ usf. In dieser Art werden alle Sätze der Geschichte zu insgesamt 10 dichten Folgen geformt. Schließlich begegneten mir im Zuge der Zusammenstellung des Bandes die Arbeiten des Berliners Robert Krokowski, der 1985 ein Buch mit dem Titel “Paragramme“³ vorlegte, das allein schon durch sein Format die Aufmerksamkeit weckt und pointierte Paragramm-Kreationen enthält. Es ist hier im Sammelband auf S. 27 abgebildet, zwei Paragramme daraus sind auf S. 94 und 95 wiedergegeben.
Der Plan zum Paragrammeband entstand während der Erstellung meines Beitrags zur Veranstaltung “Confessiones – Die Beichtshow” mit Manuela Kurt, Petra Johanna Sturm und mir am 15.1.2010 im read!!ing room, der von Gabriele Rökl und Thierry Elsen in der Anzengrubergasse in Wien-Margareten betrieben wird. Die Veranstaltung war eine Kombination der Veranstaltungskonzepte “Beichtstuhllesung” von Petra Johanna Sturm und “Alles muss raus!” von Manuela Kurt, zu der ich dankenswerterweise als Teilnehmer eingeladen wurde und für meinen Beitrag habe ich mir überlegt, wie ein liturgischer Text, etwa die Genesis, aussehen könnte, wenn entweder sein Vokal- oder sein Konsonantenkorsett mit anderen Konsonanten oder Vokalen aufgefüllt wird. Der Text “Auge des Fisch, Haie I” ging vom Vokalgerüst aus und ist auch im vorliegenden Buch abgedruckt, Manuela Kurt verwendete dann für ihren Beitrag zum Sammelband die gleiche Technik und erprobte sie an einem philosophischen Text von Karl Marx, den sie paragrammatisch zu einer Erzählung umgoss: “A) Kampf im All Tag Acht”. Damit war ich beim oben beschriebenen Weg zum Terminus “Paragramm” und bei der Frage, was sich für ein Bild zeigen würde, wenn er von mehreren Autorinnen und Autoren beleuchtet wird.
Para/gramm/dies! ist das Ergebnis, Erhebnis und Erlebnis.
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¹ – Gerhard Rühm über “die winterreise dahinterweise“. In: ORF Kunstradio – Radiokunst [5.8.2011]. In Buchform erschien “Die Winterreise dahinterweise” 1991 im Ritter Verlag, Klagenfurt.
² – Lisa Spalt: saschaident.saschaideal. Wien: Das fröhliche Wohnzimmer-Edition 2003, S. 41, S 45.
³ – Robert Krokowski: Paragramme. Berlin: Verlag Stephanie Castendyk 1985.
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PARAGRAMM- PARADE

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QUELLE
Günter Vallaster (Hg.): Paragramme. Ein Sammelband, mit Beiträgen von Theo Breuer, Ilse Kilic, Axel Kutsch, Gerhard Rühm, Fritz Widhalm u.v.a. -Wien , edition ch 2011
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RELATED
- Reihe “tableau de texte“
- Tableau de Texte | Günter Vallaster ( Hg. ) : Ein Alphabet der Visuellen Poesie – Wien , edition ch 2010
- Tableau de Texte | Ein Polylog der Visuellen Poesie , hg. von Juliana V. Kaminskaja & Günter Vallaster – Wien , edition ch 2010 ( = 20 Jahre edition ch )
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