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FUNKHAUS ALS FUNHOUSE
So einfach kompliziert die “Literatur als Radiokunst“- Regel die Autoren Autorinnen darauf beschränkt , statt mit Zuspielungen von Geräuschen , Klängen , Atmosphären all dies der eigenen Stimme anzuvertrauen ( und selbstredend der Gestik des eigenen Körpers ) , so oft ergibt sich aus dem mitgebrachten Textmaterial erst im Aufnahmestudio oder in den begleitenden Gesprächen in Regieraum oder Kantine ein tragfähiges dramaturgisches Konzept .
Mit einem Mal verwandeln sich die “membra disjecta” verschiedenster Gedichte in eine Art “Geschichte” , in welches ein jedes seinen Platz finden und behalten kann . In solchen Momenten der akuten Co-Operation von Autor Autorin mit Tonmeister und Kuratorin , begründet sich ebenso viel Hochgefühl wie bei beglückend artikulierten Tonaufnahmen oder superben Mischungsmomenten . All dies sind Augenblicke , in welchen sich das Funkhaus in ein poetisches Funhouse verwandelt , wo kollaborativ am Gelingen eines etwa 15-minütigen “Literatur als Radiokunst“- Stückes gearbeitet wird.

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EIN “RADIORODEO”
Nora Gomringer kam mit einem Konvolut von Gedichten und einer herrlichen Titelfindung an und es blieb zunächst offen , in welcher Weise die Gedichte in einen dramaturgischen Zusammenhang zu bringen seien , ohne dem Einzeltext “die Show zu stehlen” etc. Ziemlich eindeutig schien der Titel auf eine Radioshow hinzuweisen : also Moderatorin und Studiogast mit der inhärenten – in diesem Fall aber offen gelassenen – Frage , wer in einem solchen Format eigentlich wen reitet , die Moderatorin den Studiogast oder umgekehrt .
War demnach eine Grunddramaturgie bereits beim Kaffee in der Kantine akkordiert , würde man sich zuerst einmal an die Aufnahme der Gedichte , an Stimmspielereien ( für Soundeffekte ) und Improvisationen machen . Wobei das ärgerliche Problem mit der Gegensprechanlage zwischen Regieraum und Sprecherstudio ( “Kannst du uns jetzt hören ?” ) prompt einige nette Dialog- Szenen generierte , von welche eine noch in der “Signation” der “RadioRodeo”- Talkshow anklingt .

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FOR THE RECORD
Dass Tonaufnahmen mit einer so versierten Sprecherin und enorm komischen Improvisatorin wie Nora Gomringer ein Genuss sind , bedarf keiner weiteren Erklärung . Von vitalem Interesse bei der Aufnahme war deshalb nicht nur , für die zarten Momente ebenso wie für die mit enormem Stimmvolumen vorgetragenen Buffo- Modalitäten eine geeignete Mikrophonierung aufzustellen , sondern eben auch zwei Charakteristica der Gomringerschen Performance Rechnung zu tragen : Entsprechend wurde für die artikulatorische Präzision das klassische Sprechmikrofon Brauner VM1 gewählt , wobei gleichzeitig ein Bändchenmikrofon von Royer Labs die Bässe und den “Körperklang” der Stimme aufzeichnete .
Das der reichen Sammlung des Tonmeisters Martin Leitner entnommene , wie eine Stoppuhr aussehende Shure Kommandomikrofon mit Sprechtaste ( in schönstem Vintage- Hartplastic ) gab man Nora Gomringer zum Improvisieren direkt in die Hand : selbst ist die Dichterin bei Kommandos ! Gnade bei der Mischung fand allerdings besonders der typische Knacklaut , welcher beim Niederdrücken und Loslassen der Sprechtaste entsteht .

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MISCHEN UND MASTERN
Nachdem auch noch die Stimmern der ( ziemlich blonden , wie man hört ) Moderatorin mit ihren munter- betulichen Phrasen sowie die des mitunter um Worte ringenden Studiogastes ( Nora Gomringer als : Nora Gomringer ) aufgenommen waren , wurden diese klassisch im Stereo- Spektrum angelegt , wobei anstelle der Antworten des Studiogastes sukzessive Gedichte treten . Oder es dringt ein Gedicht quasi gewaltsam aus der Center- Position in den Dialog ein , überblendet diesen , ohne das Frage- Antwort- Spiel gänzlich ausser Kraft zu setzen .
Dies erledigen schliesslich Gomringers “Monster”- Gedichte , die von denen Lyanthropen , Vampyren , Wiedergängern und ähnlichen Spenstern handeln . Trefflich umspielt vom Knachsen des Kommandomikrofons gibt diese Fauna as imaginäre Talkshow- Studio wieder frei – gerade noch rechtzeitig mit der Abmoderation der Gastgeberin , die noch eine kleine Überraschung bereit hält .

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VOM PAPIER INS GEHÖR
Es ist immer wieder faszinierend und manifestiert sich bei jeder Produktion individuell , wie sich aus den papierenen Unterlagen langsam ein konkretes Hörstück pellt . Dies ganz ohne eine klassische “Regie” , sondern allein auf Basis der unhierarchischen Kollaboration von Künstler und Tonmeister . Gerade der Prozess der Sprachaufnahme öffnet den Anwesenden so manche Türe zu den nicht diskursiv formulierten Vorstellungen der Künstlerin , die ihrerseits das differenzierte Feedback aus dem Regieraum spürbar geniesst . Und so ist , hastunichtgesehen , wieder ein “Literatur als Radiokunst“- Stück innert dreier Tage entstanden : neu und originell , wie fast alle Vorläufer der vergangenen elf Jahre .
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HINWEIS
Nora Gomringers “RadioRodeo” wird zusammen mit Wolfgang Helmharts “Leesee” im “Kunstradio” am 18. 12. 2011 urgesendet .
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