Leopold Federmair : J-Sounds

日本

| J-Sounds | espace d’essays |

Leopold Federmair J- Sounds

Vor zehn Jahren, als ich mit der Aussicht, ein knappes Jahr zu bleiben, nach Japan kam, schrieb ich meinen ersten Text über die hiesigen Lebensverhältnisse. Der Titel war: Was ich in Japan sah und hörte. Literaturfreunde werden den Bezug zu einem Text von Ingeborg Bachmann mithören: Was ich in Rom sah und hörte. Bachmann lebte viele Jahre in Rom, und ich dachte damals, vor zehn Jahren, daß man wirklich gut sehen und hören nur dann kann, wenn man mit der Umgebung nicht allzu vertraut ist. Ungefähr so wie Kinder wirklich gut sehen und wahrnehmen – werden sie langsam erwachsen, ist es damit vorbei, sie kennen alles schon und schauen nicht mehr so genau hin.

Ich habe mich getäuscht, man kann auch nach zehn Jahren immer noch sehr viel wahrnehmen, das Gewöhnliche als ungewöhnlich erfahren und sich weigern, das Gehörige als gehörig hinzunehmen. Wie auch manche Kinder, wenn sie erwachsen werden, ihre Augen und Ohren weiterhin offen halten. Nach einigen Jahren entstand in mir das Bedürfnis, einen zweiten Text zu schreiben, den ich mir immer als “abschließenden” denke, so daß ich die Niederschrift jedesmal verschiebe, weil ein Ende noch nicht abzusehen ist. Der Titel wäre, wird sein: Was ich in Japan sonst noch sah und hörte. Der erste Text war überschaubar, nicht sehr lang. Bei diesem zweiten fürchte ich, daß er, einmal begonnen, kein rechtes Ende finden kann, auch wenn ich die Beobachtungen auf Fragmente beschränke (wie es der Bachmann-Text vorgibt).

Vielleicht werden in dieser Rubrik eines Tages Fragmente aus meinen japanischen Notizbüchern erscheinen. Vielleicht auch nicht. Einstweilen versammle ich hier einiges von dem, was schon einen Abschluß gefunden hat und noch findet. Auch das sind im Grunde Fragmente, ein bißchen größere, unförmige vielleicht. Einige Texte gehen auf Aufträge zurück, man hat mich um sie gebeten. Andere sind spontaner entstanden. Viele sind Essays, ein Genre, in dem nach meiner Auffassung, die der des großen Michel de Montaigne folgt, das Erzählen neben dem Denken Platz haben sollte.

Der Titel der Rubrik stammt von einem der japanischen Auftragstexte, geschrieben für ein Katalogbuch des Salzburger Festivals für Neue Musik. Darin habe ich versucht, japanische Geräusche zu beschreiben: Zikaden, aufeinanderprallende Bambusstäbe, Pachinkogeklingel, Riesentrommeln, kindliche Frauenstimmen, sportliche Anfeuerungsrufe, Selbstermahnungen, Zikaden, Gesäusel der Getränkeautomaten, lautlose Kraftfahrzeuge, abunai-Rufe, die Lautlosigkeit als letzte Gefahr.

|||

Leopold Federmair ( Bio- Bibliographie )

Bisher auf in|ad|ae|qu|at :

 |||


 

There are no comments yet. Be the first and leave a response!

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2012/02/16/leopold-federmair-j-sounds/trackback/