Leopold Federmair: Ōgai Mori, Arzt, Soldat und Schriftsteller

Leopold Federmair : Ōgai Mori, Arzt, Soldat und Schriftsteller

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Ogai Mori

( Maler unbekannt : ) Ōgai Mori – Bildnis im Haus der Gedenkstätte

Vor 150 Jahren, am 17. Februar 1862, wurde Ōgai Mori in einem entlegenen japanischen Provinzstädtchen geboren. Zwischen Pflicht und Neigung, künstlerischer Freiheit und konfuzianischem Pragmatismus zerrissen, leistete er wichtige Beiträge zur Grundlegung der modernen japanischen Literatur.

IM UMBAU

Eine der Erzählungen Ōgai Moris trägt auf deutsch den Titel Im Umbau. Titel und Erzählung kann man als sinnbildlich betrachten für die Situation des Landes zur Zeit, in der die Geschichte spielt. Als Ōgai diesen Text schrieb, war der Umbau Japans schon ziemlich weit fortgeschritten. Die Armee hatte zwei Kriege gegen mächtige Gegner erfolgreich bestanden, was damals als Zeichen für den Entwicklungsgrad eines Landes galt. Ōgai Mori diente als Arzt in der japanischen Armee, er war unter anderem in Taiwan und in der Mandschurei im Einsatz gewesen. Zwischen diesen beiden Einsätzen mußte er drei Jahre fern von Tokyo verbringen, in Kokura auf der Insel Kyūshū , was er als eine Art Verbannung erlebte. Als homme de lettres war er ein toter Mann.

Ōgai Gyoshi mag tot sein, da ihn die herrschende literarische Szene in Tokyo getötet hat, aber ich selbst bin noch recht lebendig,

schrieb er im Jahr 1900 in einem Artikel für eine Regionalzeitung. Gyoshi ist das Pseudonym, das er als Autor in der ersten Phase seines Schaffens verwendete. Nun hätte sich der recht lebendige Ōgai in der Abgeschiedenheit ganz dem Schreiben widmen können, ohne auf die Hauptstadt zu schielen. Das war aber nicht seine Sache, er wollte eingreifen, etwas bewirken, wollte am Umbau mitwirken, der auch die Literatur und die anderen Künste erfaßt hatte.

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TSUWANO

In Kokura war Ōgai gar nicht so fern von seiner Heimat Tsuwano (in der heutigen Präfektur Shimane). Trotz Flughäfen und Hochgeschwindigkeitszügen ist dieser Ort noch heute sehr abgelegen, ein Städtchen in einem sich weitenden Gebirgstal, von einem schmalen Fluß durchzogen, der bei Regen reißend werden kann, mit alten, von weißen Mauern umgebenen Häusern und einem Kanal an der alten Hauptstraße, in dem sich Karpfen in allerlei Farben tummeln, die so groß sind, daß man auf den ersten Blick erschrickt, weil man sie für Fabelwesen hält. Die meisten, die heute Tsuwano besuchen, wollen einen angenehmen Tag in einer schönen Landschaft verbringen und vor allem die Nostalgie genießen, die die Fahrt mit der schmalspurigen Dampfeisenbahn bietet.

Als Ōgai, der eigentlich Rintaro hieß und auch so gerufen wurde, ein Junge war, gab es diese Eisenbahn noch nicht. Die Reise in die nächste größere Stadt (Yamaguchi) muß beschwerlich gewesen sein. Als Rintaro Tsuwano verließ, war er zehn Jahre alt und hatte schon vieles gelernt, unter anderem Holländisch, das als Medizinersprache galt, bevor das Deutsche an seine Stelle trat. Rintaros Vater hatte dem örtlichen Fürsten als Arzt gedient und folgte ihm nun, da das alte Feudalsystem blitzartig aufgelöst wurde (ein wichtiger Teil des erwähnten Umbaus), in die Hauptstadt. Nach dem Medizinstudium, das Rintaro schon mit neunzehn abschloß, wurde er von der Regierung nach Deutschland geschickt, um sich fortzubilden und das dortige Gesundheitssystem kennenzulernen.

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JAPANISCHE TRADITION UND EUROZENTRISMUS

Ōgai Mori war Soldat, Arzt und Schriftsteller. Wie geht das zusammen? Geht das zusammen? Heinrich von Kleist war Soldat, Gottfried Benn war Arzt. Man kann die Tätigkeiten trennen, man kann sie auch aufeinander einwirken lassen. Der berserkerhafte Dramatiker Kleist, der distanziert sezierende Dichter Benn… Auch in den Werken Ōgai Moris herrscht eine gewisse Kälte, die der emotiven Wirkung des Erzählten auf den Leser nicht schadet, im Gegenteil. Vor allem aber wies Mori sich selbst eine strategische Rolle beim kulturellen Umbau zu, mit einer Selbstverständlichkeit, die des Sprößlings einer Samurai-Familie würdig war. So besonnen er seine Geschichten erzählte, so kämpferisch tat er sich in der kulturellen Szene Tokyos um. Schon in Deutschland hatte er einem deutschen Geographen, der zehn Jahre in Japan gewirkt hatte und nun Vorträge über das exotische Land hielt, die nicht ganz frei von Klischees waren, in zwei Artikeln, die in der Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden (und selbst nicht frei von Klischees und Irrtümern waren), die “Wahrheit über Nipon” entgegengeschleudert. Für Ōgai Mori gilt, was Yōko Tawada 1992 in ironischer Zuspitzung als allgemeinen Wesenszug ihrer Landsleute bezeichnete:

Viele Japaner haben keine Hemmung davor, die Kultur eurozentristisch zu betrachten. In ihren Augen ist die europäische Kultur kein Eigentum der Europäer, weil sie für die anderen leicht nachzuahmen ist. Sie sagen, eine Kultur, die die europäische Kultur am besten nachahmen kann, ist die beste Kultur, und das sei bestimmt nicht die europäische, sondern zum Beispiel die japanische.

Ōgais spätere Essays und Diskussionsbeiträge verschiedenster Art, beispielsweise über die in Japan sehr aktive Zensur, sind etwas geschwätzig und nicht gerade zurückhaltend, wenn es darum geht, Auffassungen zurückzuweisen, die von seiner eigenen abweichen. In der bereits erwähnten Erzählung Im Umbau steht der apodiktische, durchaus ernst gemeinte Satz: “Japan ist kein Land der Kunst.” Als Kunstkritiker, der er auch war, vertrat er die Meinung, nur die westliche Kunst, deren Techniken japanische Künstler damals erst zu übernehmen begannen, sei der Rede wert. Was die Literatur betrifft, so wußte er die heimische und die chinesische Überlieferung freilich zu schätzen. Letzten Endes steht Ōgai für das, was die kulturelle Besonderheit Japans im 20. Jahrhundert ausmachen sollte, nämlich die Verbindung von äußeren Einflüssen und eigenen Traditionen. Diese Verbindung kann auch ein bloßes Nebeneinander sein kann, sie folgt nicht den europäischen Standards von Aufhebung, Überwindung, Verschmelzung. Originalität ist dann keine rätselhafte Kraft, die aus dem Nichts schöpft, sondern Variation im Ergebnis genauer Nachahmung.

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ÜBERSETZUNGEN UND DEUTSCHE PRÄGUNGEN

Die Anfänge der japanischen Literatur, die ihrerseits auf der chinesischen fußt, liegen weit zurück; die Überlieferung wurde nie unterbrochen. Dennoch gab es in der Meiji-Zeit, als das Land sich westlichen Einflüssen öffnete, einen radikalen Neuanfang. Die moderne japanische Literatur entstand aus der Aufnahme des europäischen Erbes. Übersetzungen spielten dabei eine entscheidende Rolle, und Ōgai Mori, der schon als Kind Deutsch lernte, betätigte sich mit großem Eifer in diesem Feld. Er übersetzte sehr verschiedene Autoren, von Goethe über Kleist und E.T.A. Hoffmann zu Hans Christian Andersen, Ibsen und Schnitzler.

1889 gab er eine Anthologie romantischer Gedichte heraus; die Übersetzung von Clausewitz’ Klassiker über die Kriegskunst war eher für ein soldatisches Publikum gedacht. Bei dieser Auswahl fällt eine gewisse Vorliebe für die Form der Novelle auf, wie sie in Europa in der Epoche von Romantik und Biedermeier entwickelt wurde. Ōgais Erstlingswerk, die Erzählung Maihime – “Die Tänzerin”; in neuer deutscher Übersetzung auch “Das Ballettmädchen” – gehört zu diesem Genre. Es heißt, Maihime sei die erste fiktionale Ich-Erzählung der japanischen Literatur. Sie wirkt dennoch etwas stereotyp, der innere Konflikt des Erzählers, der seine junge Geliebte, die gerade ein Kind von ihm zur Welt gebracht hat und in ärmlichen Verhältnissen lebt, für seine Karriere opfert, könnte statt Mitleid auch Ärger über den vernünftigen, letztlich doch nur egoistischen jungen Mann wecken, hinter dem sich der Autor selbst verbirgt.

Die Konstellation von Maihime, ein junges Mädchen, das mit einem Elternteil, hier die Mutter, auf engem Raum ein durch die Armut bedingtes Bündnis zu leben gezwungen ist, wiederholt sich in Ōgais reifstem Werk, dem Roman Die Wildgans. In beiden Fällen haben die Mädchen nur eine Hoffnung, um sich selbst und die Mutter (bzw. den betagten Vater) aus dem Dämmer zu befreien: die Heirat mit einem Mann, der Geld oder zumindest eine Karriere vor sich hat. Zwei Halbwaisen ohne Geschwister, ohne irgendwelche Helfer… In Ōgais Biographie gibt es eine rätselhafte Frau, über die man nicht viel mehr weiß als den Namen. Der Name dieser Frau, die Ōgai nach seiner Rückkehr aus Deutschland nachgereist war, ist fast derselbe wie der des Mädchens in Maihime. Ōgai heiratete übrigens bald nach dieser Episode eine andere Frau, die Tochter eines japanischen Admirals, und ließ sich ein Jahr später scheiden.

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EUROPÄISCHER SUBJEKTIVISMUS

Die frühe Geschichte der modernen europäischen Literatur ist eine Geschichte der Subjektivierung, einer tastenden Suche nach Möglichkeiten, das Innenleben eines Subjekts – unabhängig davon, wie nahe oder fern dieses Subjekt dem Autor stand – mit sprachlichen Mitteln auszudrücken. Der durch die antike Rhetorik und enge Vorgaben der Genres gefesselte Literatur der frühen Neuzeit mangelt es in dieser Hinsicht an Individualität – jedenfalls empfindet es der heutige Leser so. Nur wenige Autoren wußten sich über die Schranken hinwegzusetzen: Shakespeare, Montaigne.

In Japan fand ein ähnlicher Prozeß innerhalb weniger Jahre statt, der hektische Umbau erfasste auch die Subjekte und ihre Ausdrucksformen. Das Ergebnis, oder genauer: die weitere Geschichte weicht dann doch ein wenig von der europäischen ab, ohne daß man auf einer allgemeinen Ebene angeben könnte, worin diese Unterschiede bestehen. Wolfgang Schamoni, einer der Übersetzer Ōgai Moris, vertritt die Meinung, Maihime sei “in seiner Bedeutung für die japanische Literatur nur mit der des Werther für die deutsche Literatur” zu vergleichen. Das mag zutreffen, insofern beide Werke einen tiefen Einschnitt bedeuteten und literaturgeschichtlich bis heute so wahrgenommen werden.

Davon abgesehen unterscheiden sich der Werther und Maihime aber in fast jeder Hinsicht – ich verweise hier nur auf die ganz unterschiedlichen Schlüsse, den Selbstmord Werthers einerseits, die vernünftige Resignation des jungen Japaners andererseits, der in seine Heimat zurückkehrt, wo er sich vermutlich eine bürgerliche Existenz aufbauen wird. Der japanische Liebhaber steht in der gesellschaftlichen Hierarchie über seiner Geliebten, der deutsche unter ihr. Lotte ist schon verheiratet, Elise will ihren Geliebten heiraten… Und so weiter.

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NEUE WELTEN

Leben und Werk Ōgai Moris lassen mich manchmal an Jorge Luis Borges denken, den Argentinier. Auch die moderne argentinische Literatur hat spät begonnen, vor dem 19. Jahrhundert war sie so gut wie inexistent, das Land eben noch neu – andererseits konnten die argentinischen Autoren im Unterschied zu den japanischen unmittelbar an die europäische Tradition anknüpfen, an die spanische und, im besonderen Fall Borges’, auch an die englischsprachige. Argentinien war, wie die meisten anderen Länder der Neuen Welt bis hinauf in den Norden des Kontinents, eben doch ein Ableger Europas.

Mir drängt sich eine andere Parallele auf, vielleicht noch schiefer als die zum Werther. Ōgais Novelle, die sich als feinfühliger Ausdruck eines unlösbaren seelischen Konflikts versteht und das Mädchen (mitsamt seiner Mutter) gleichsam mit Samthandschuhen behandelt, entspricht der primitiven Erzählung von Folter, politischen Ränken und entfesselter Mordlust eines unkultivierten Volks in Esteban Echeverrías Erzählung Der Schlachthof (zwischen 1838 und 1840 geschrieben, 1871 erstmals veröffentlicht). In beiden Texten kann man heute, mit dem historischem Abstand, der unvermeidlich ist, das Gären einer Formensprache und das Ringen um einen Stoff nachvollziehen, ohne daß der Autor zu endgültigen Lösungen fände, die dem Text jene Ruhe gäbe, auf die er eigentlich – trotz der inhärenten Unruhe der Stoffe – aus ist. Zwei sehr verschiedene Schauplätze: hier der Schlachthof, dort eine kleine Wohnung im Dachgeschoß (und in den Prachträumen eines großen Hotels). Nichts von Barbarei in der Novelle Ōgais, aber viel Kälte, innere und äußere Kälte.

Und Borges? 37 Jahre nach Ōgai geboren, der letzte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und der erste des zwanzigsten, machte auch er sich Gedanken um die Literatur seines Landes. Wie kann man sie voranbringen? Wie verhält sie sich zur nationalen Identität? Welche Werke der Weltliteratur sollte man in dem abgelegenen Land übersetzen und veröffentlichen? Welche Zeitschriften gründen? Auch Borges war umtriebig, doch ohne die Arroganz des japanischen Arzt-Generals, auch er sondierte, was als Grundlage für das weitere literarische Schaffen brauchbar war, und leistete selbst dazu einige Beiträge. Borges hatte keinen zweiten Beruf, statt dessen Zeit für lange Spaziergänge, für abendliche Treffen mit Freunden, zum Beispiel mit Adolfo Bioy Casares, der darüber genauestens Buch führte.

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IN EILE

Ōgai Mori hingegen hatte keine Zeit – schon von Kindheit an, hat man den Eindruck. Vielleicht war Japan schon damals so ein geschäftiges Land. Oder es handelt sich um einen persönlichen Charakterzug des Mannes aus dem Provinznest. Zum Tod des Schriftstellers Tatsunosuke Hasegawa fühlte sich Ōgai bemüßigt, einen Nekrolog zu veröffentlichen. Er beginnt den Essay mit dem Geständnis, daß er Hasegawa gern kennengelernt hätte, dazu aber keine Gelegenheit fand. Bei seinen Lebensumständen sei es unmöglich, andere zu besuchen.

Würde ich die vielen Pflichten ins Treffen führen, die mich belasten, wäre dies eine schlechte Entschuldigung. Wer von uns muß nicht seinen Pflichten obliegen?

Um dann zu insistieren, er habe genug damit zu tun, unliebsame Besucher von seinem Haus fernzuhalten… In einem anderen kleinen Essay aus demselben Jahr – Thema: Als ich vierzehn war – schreibt er:

Zufällig bin ich ein vielbeschäftigter Mensch. Meine Zeit ist zu kostbar, als daß ich darüber nachdenken könnte, welches Leben ich früher geführt habe.

Da fragt man sich schon, wie einer Schriftsteller sein kann, wenn er keine Zeit zum Nachdenken hat. Wahrscheinlich ist dieser Satz eine Übertreibung; eine der Schnoddrigkeiten, von denen die plauderhaften Zeitungsbeiträge Moris voll sind. (Zum öffentlichen Plaudern über alle möglichen Themen hatte er also doch Zeit…)

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VITA SEXUALIS:  ”GEFÜHLSKALT”

Als ich vierzehn war erinnert an Vita sexualis, den mehr oder minder autobiographischen Roman, der ebenfalls nach Kindheits- und Jugendjahren eingeteilt ist. Es ist ein schmales, auch seltsam gehaltloses Buch, in dem sich dennoch eine sehr eigene Atmosphäre breitmacht. Marcel Proust hat in den ersten Bänden der Recherche, die ungefähr zur selben Zeit wie Vita sexualis entstanden, weitaus hartnäckiger und tiefer in seinen frühen Erinnerungen geschürft als der Militärarzt. Seltsam ist, daß auch dann, wenn man dem Wort “Sexualität” eine weite Bedeutung zumißt, nur sehr wenig von dem die Rede ist, was der Titel ankündigt.

Shizuka Kanai, der Ich-Erzähler, hinter dem sich der Autor verbirgt, ist sich dessen auch bewußt: “Irgendwie schien ihm” – der Roman wechselt am Ende in die Er-Form – “er sei eine ungewöhnlich gefühlskalte Person.” Daß nun ausgerechnet dieser Anti-Casanova über Sex zu schreiben versucht, ist schon eine paradoxe Angelegenheit. Der Roman vermittelt auch nicht den Eindruck, daß es den Schreiber besonders dazu dränge. Nein, Shizuka Kanai – shizuka bedeutet “ruhig”, sein Vorname weist den Erzähler als Mann der Ruhe aus – Shizuka Kanai kann mit seiner Gefühlskälte und seinem Sexmangel recht gut leben. Die Frage, warum ausgerechnet er sich mit Sex beschäftigt, bleibt ein Rätsel. In einem weiteren, nicht als Fiktion gekennzeichneten Essay nennt Ōgai sich “herzlos” – ein Understatement vielleicht, und doch kommt man beim Lesen dieser Texte zu dem Schluß, daß an der Selbsteinschätzung schon was dran sein könnte.

Der Titel des Essays ist Safran, es geht tatsächlich um die bekannte, für viele ein wenig rätselhafte Blume, und er schließt mit der der lakonischen Bemerkung: “Bisher hatte die Safran-Pflanze ihre Existenz im Universum und ich die meine. Safran wird weiterhin existieren, und ich ebenso.” Zufällige Begegnungen – besser, man sucht nicht nach einem Sinn dahinter. Sich von der Welt abwenden, der buddhistische Grundsatz, bedeutet hier, auf Sinnzuschreibungen verzichten. Auch dies eine Spielart der “Resignation”. Es ist, wie es ist, wie es ist…

Müssen Ärzte gefühlskalt und herzlos sein? Wie Gottfried Benn, der die Kälte zu einer literarischen Tugend machte? (Oder sollte die Frage nicht andersrum lauten: Ist Mitleidsfähigkeit nicht die Voraussetzung dafür, daß einer den Arztberuf überhaupt ergreift?) Vita sexualis ist nicht einmal ein klinischer Bericht. Das Buch beschreibt einen Mangel, eine Abwesenheit, die das Einzelschicksal übersteigt. Es beschreibt auch jene Schulkollegen, Homos und Heteros, zu denen Shizuka Kanai nicht gehört und die ihn zeitweise verfolgen; die auf Sex und den eigenen Vorteil aus sind, auf den eigenen Vorteil und auf Sex, es läuft auf dasselbe hinaus. Die Ungehobelten, diese Barbaren. Solche gab (und gibt?) es also auch in Japan. Es herrschte Erziehungsbedarf.

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MEISTERWERK

Auf nicht leicht nachvollziehbare Weise haben diese vielfältigen, hier nur skizzierten Voraussetzungen persönlicher und zeitgeistiger Natur zu einem kleinen Meisterwerk geführt: Gan, “Die Wildgans”. Dieser Roman gewinnt seinen Zauber aus der kühlen Zurückhaltung, mit welcher der Erzähler in scheinbar flüchtigen Strichen erzählt, immer auf einzelne Augenblicke konzentriert, und aus der Zurückhaltung, mit welcher die Figuren handeln bzw. Handlungen unterlassen. Die Geschichte läuft am Ende, wie zuvor schon Maihime, auf Verzicht hinaus, auf Unterordnung unter lebenspraktische, gesellschaftliche und moralische Forderungen.

Daß daneben auch jene Figuren auftreten und im Grunde das Sagen haben, die sich ungeniert nehmen, was sie haben wollen, und dabei auf die Schädigung anderer keine Rücksicht nehmen, zeigt die Zweigleisigkeit der Gesellschaft; an den Schnittpunkten der beiden Geleise, Harmonie und Gewalt, Kommunitarismus und Egoismus, herrscht zwangsläufig die Lüge. Das Ende von Gan ist so unbefriedigend wie das Sexualleben des Shizuka Kanai. Und doch hat man beim Lesen und danach das Gefühl, daß es so sein muß und die mangelnde Befriedigung ein Bestandteil dieser Lebensverhältnisse ist, vielleicht sogar ihr Motor, der sie in Gang hält.

Alle betrügen sich und alle sind einander treu. Auch die edlen Gestalten sind Betrüger. Nur in den Blicken, die sich niemals zu Zeichen aufschwingen, wird das Unlebbare gelebt. Auch die Symbolik, die sich zu der pragmatisch-realistischen Erzählung gesellt, sagt dasselbe, sie überhöht, wie es sich für eine Symbolik gehört, das Geschehen. Die Wildgans, die für das schöne Mädchen stehen mag, wird getroffen und getötet, weil der, der sie wirklich liebt, nicht auf sie zielen will. Er verschont sie, und damit zieht er sie ins Verderben. Er überläßt sie – auf der realen, der eigentlichen Ebene – dem Scheintod in der Wirklichkeit, wo die junge Frau sich und ihren alten Vater durch Lügen über Wasser hält.

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STRÖMUNGEN, KOINZIDENZEN

Was ist da noch zu sagen? Nichts. Ein frühes Meisterwerk der japanischen Literatur, neben Natsume Sōsekis satirischem Roman Ich bin eine Katze. Antizipation alles dessen, was noch kommen würde? Man liest immer alles in alles hinein. Rintaro Mori, erfahre ich aus seiner Biographie, wurde als Kind anhand von konfuzianischen Texten geschult (was immer das heißen mag, ich verbinde mit dem Konfuzianismus nur vage Vorstellungen).

Von England haben die Japaner nicht nur den Linksverkehr übernommen, sondern auch die viktorianische Moral. Zufälle, zeitliche Koinzidenzen. So viele Ströme und Nebenflüsse kommen zusammen, manche von weit her, und die Literatur besitzt eine eigene Gabe, zu bündeln und das Ganze doch so leicht, so ätherisch – oder nichtig erscheinen zu lassen. Ōgai Mori war so ein Bündler, und in Gan ist ihm alles aufgegangen.

Einer seiner vielen sekundären Texte trägt den Titel Fasces, lateinisch für “Bündel”, seinerzeit auch als Machtsymbol gebraucht (die Faschisten haben hier ihren Namen geklaut). In Japan wird das Wort “Macht” im politischen Sinn kaum verwendet, als gäbe es das Phänomen hier nicht. In Ōgais Text, der mit dem in Europa gerade erst entstehenden Faschismus nichts zu schaffen hat, diskutieren ein Beamter, ein Journalist und ein Autor über Zensur. Warum dieser Titel? Wegen der Macht und ihrem Gerede, ihrem Schweigen? Oder beansprucht die Literatur hier eine andere, eine Gegenmacht? Freiheit statt Macht? Und wo stand Ōgai Mori?

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Leopold Federmair ( Bio- Bibliographie )

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One Response to Leopold Federmair: Ōgai Mori, Arzt, Soldat und Schriftsteller
  1. Melusine Barby
    February 17, 2012 | 08h03

    Spannend. Ich möchte in diesem Jahr viel mehr außereuropäische Literatur kennenlernen als im letzten. Japan. Sehr fremd in den Filmen Kurosawa und Ozus und zugleich sehr nah. “Gan” werde ich lesen. Danke.

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