Symposium : Europäischer Frühling. Literatur im Brennpunkt der Revolte

 

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ROBERT PROSSER : FRAMEWORK – DAS REVOLUTIONSPOTENTIAL ZEITGENÖSSISCHER LITERATUR

Der Eindruck drängt sich auf, dass Fähigkeit und Wille zur politischen Kritik unter jüngeren AutorInnen einerseits abnehmen (vielleicht, so die einfachste Schuldzuweisung, aufgrund karrieretechnischer Zwangsneurosen, vom Literaturbetrieb Neueinsteigern abverlangt), andrerseits kaum ein relevantes Forum für die Reaktion auf Missstände vorhanden ist, denn wohin, zu welcher Zeitschrift oder welchem Verlag, will man sich mit intellektueller, literarischer Kritik wenden? Selbstverständlich kann und muss kein schreibend tätiger Mensch zu allem eine Meinung haben, das grassierende Schweigen zu vielem ist dadurch aber nicht gerechtfertigt.

In dieser Diskrepanz, gegenwärtig zwischen politischen und sozialen Krisen und der literarischen Äußerung aufklaffend, entstand die Idee, mithilfe einer Autorentagung eine Plattform essayistisch-literarischer Diskussion zu kreieren – in einer Welt, die verstärkt an die Unsterblichkeit des Kapitalismus und dessen Alternativlosigkeit glaubt, ist diese Veranstaltung ein Experiment, das wert ist, versucht zu werden, neigt doch gerade die Literatur zur Erschaffung von Gegenwelten, Neuformulierungen und verwahrt in sich (ums als Widerstand zum marktwirtschaftlichen Kalkül pathetisch weiter zu formulieren) die Möglichkeit, dank unangepasster Phantasie der Konformität einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Literatur, oftmals aus Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach Veränderung entstehend, kann aber nicht nur die Defizite der Liebe oder des persönlichen Lebens zum Inhalt haben, sondern auch durch jene Defizite motiviert sein, die in Staatshaushalten und verschiedensten Budgets liegen und die Gesellschaft ins Brodeln, Kippen bringen. Symposien oder Tagungen sind dabei als Gegenmittel naturgemäß und immer zu hinterfragen, es lauert die gesellige Gefahr, über ein freundschaftliches Aufeinandertreffen nicht hinaus zu gelangen und während zwei schön verplauschter Tage weder Standpunkte erreicht noch der gähnenden Selbstgefälligkeit Paroli geboten zu haben.

Doch vielleicht muss man Feuer mit Feuer bekämpfen, und nachdem die (nicht ausschließlich, aber besonders) zu kritisierenden oberen Etagen von Wirtschaft und Politik mit Vorliebe Gipfel und Konferenzen abhalten, soll nun in ähnlicher Weise improvisiert werden, denn: In Europa passiert gerade Geschichte, die kaum literarisches Echo hervorruft, daher mag EUROPÄISCHER FRÜHLING. LITERATUR IM BRENNPUNKT DER REVOLTE das kreative Gespür für gesellschaftliche Vorgänge schärfen und ein Forum für in Aussprache und Text gebrachte Kritik ermöglichen, fern aller Ideologien durchdacht und individuell.

Das Symposium versammelt dreizehn Schreibende aus verschiedenen Teilen Europas, die im Angesicht der Proteste von Madrid, Athen, Tel Aviv und London, während Sozialsysteme zerbrechen und mithilfe von Wirtschaftskrisen Ängste geschürt werden, die Möglichkeiten engagierter Literatur verorten. Es ist zu hinterfragen, wie weit sich Bedingungen, Erfordernisse und Grenzen des literarischen Agierens innerhalb des gemeinsamen europäischen Rahmens unterscheiden, welche Chancen und Risiken das WWW beinhaltet – hinsichtlich der eigenen Textdarstellung in neuen Kanälen, als Plattform des Widerstandes und aufgrund ungeahnter Möglichkeiten zu Zensur und Überwachung. Als Zugabe erscheint im Herbst 2012 eine Anthologie (Edition Aramo, Reihe Unter Druck), um vom Treffen inspirierte, auf Missstände, Umwälzungen usw. reagierende Texte der TeilnehmerInnen zu versammeln; gedacht ist, dieses Buch romantisch-engagiert im Sinne der Aufklärung beispielsweise an Universitäten gratis zu verteilen.

Eingerahmt wird die Veranstaltung von zwei Autoren, die in ihrem Schreiben zeigen, welche Möglichkeiten sich dem literarischen Widerstand bieten – durch diese Gesprächspartner sollen aber keine Epigonen herangezüchtet, sondern unterschiedliche Erfahrungs- und Diskurswelten gegenseitig erprobt und in der Diskussion eigne Positionen vertreten werden. So eröffnet der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch mit einem Impulsreferat zur gegenwärtigen Situation in seinem Herkunftsland und spricht über die Rolle des Autors in einem diktatorischen System, bzw. über die schreibend (un)mögliche Opposition. Im abschließenden Gespräch mit Robert Menasse wiederum wird eine politische Poetik erörtert und der Frage nachgegangen, wie sich innerhalb des bürokratisch-postdemokratischen Ausuferungen der EU künstlerische Integrität erreichen und bewahren lässt.

( Robert Prosser , Initiator des Symposiums )

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TEILNEHMER:INNEN

Noémi Kiss (HU) , Michal Hvorecký (Slo) , Sophie Reyer (Ö) , Magda Woitzuck (Ö) , Finn-Ole Heinrich (D) , Barbi Markovic (Srb) , Christoph Simon (CH) , Martin Fritz (Ö) , Anna Weidenholzer (Ö) , Lorenz Langenegger (CH) , Stefan Schmitzer (Ö) , Tanja Maljartschuk (Ukr) , Robert Prosser (Ö)

Diskussionsfreudiges, interessiertes Publikum ist bei freiem Eintritt herzlich willkommen.

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PROGRAMM

Dienstag, 20. März 2012
Riots im Gläsernen Käfig: Europa, literarisch provoziert

14:00 H : Eröffnung, Vorstellung der Beteiligten

14:30 H : Impulsreferat Juri Andruchowytsch

15:00 H : Ein Blick in die toten Winkel der Demokratie

Zu diesem Programmpunkt:
Sinn des ersten Tages ist es, einerseits die unterschiedlichen Blickwinkel, die die teilnehmenden AutorInnen aufgrund ihrer Nationalitäten auf Europa einnehmen, vorzustellen, andrerseits eine Bilanz zu ziehen, über Demokratiedefizite (z. B. die Auswirkungen des Neoliberalismus, Rechtsruck in einigen Ländern) und (Un-) Möglichkeiten zum Widerstand (z. B. Occupy, Madrids Plaza del Sol…). Diese Gegebenheiten werden wir in der Diskussion auf ihr Potential abklopfen, literarische Kritik herauszufordern.

20:00 H : Die Showrandale zur Revolte (Kurzlesungen, Konzert von Karäil)

Mittwoch, 21. März 2012
Generation Digital Natives: Hinterm Avatar liegt der Kurzschluss

13:00 H : Neue Medien: Demokratisierung, Banalität und Überwachung

Zu diesem Programmpunkt:
Am zweiten Tag liegt das Augenmerk auf den virtuellen und realen Räumen, in welchen man als Privatperson, bzw. Autor handelt, konzentriert auf Möglichkeiten und Gefahren, die sich durchs WWW nicht nur der Kunst, sondern auch Protestbewegungen eröffnen – jüngstes Beispiel etwa der “Gorilla-Skandal” in der Slowakei, der ausgehend von einer Facebook-Gruppe zu nationalem Widerstand anwuchs (in diesem Zusammenhang lässt sich auch über den unterschiedlichen, von Land zu Land variierenden Subversionsgehalt sozialer Plattformen diskutieren). Weitere Themen können sein: ACTA und Staatstrojaner (und damit die postdemokratischen Verhältnisse, in denen sich die EU befindet), Blogs, Textverbreitung a la Cory Doctorow etc.

15:30 H : Möglichkeiten einer politischen Poetik

Zu diesem Programmpunkt:
Der Begriff des Engagements mag hinfällig geworden sein, trotzdem: Wie kann man als Autor handeln, sich verweigern, wie positioniert man sich? Will man schreibend kritisch sein und Handlung beweisen und wenn, warum? Solchen Sinnfixierungen wird unter dieser Diskussionsanregung nachgegangen, wie auch jener Gretchen-Frage, die über der gesamten Veranstaltung lauert: Begreift man sich als Künstler/Autor oder als “Bürger”, der seinen Fähigkeiten entsprechend das Schreiben als Job gewählt, aber keinerlei Verpflichtungen hat?

20:00 H : Abschlussdiskussion mit Robert Menasse

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VERANSTALTUNGSORT

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