Archive for the 'kultur | politik' Category

NEUES VON FREUNDEN



||| LAST CALL FOR “SOMMERFRISCHEN” | AUSGEZEICHNETES VON UND FÜR MONIKA RINCK | TRANSPIRATION STATT INSPIRATION : WETTBEWERB , REELL | TIERBABYBINGO & BEGRIFFSSTUDIO | BERNHARD KATHAN : DAS INDISKRETE ORGAN | HANNO MILLESI SUCHT ALTENBERG | UND ES DREHT SICH DOCH NOCH : LINKES WORT @ VOLKSSTIMMEFEST | KLANGAPPARAT

Sax DIOSCUR

LAST CALL FOR “SOMMERFRISCHEN”

“Befiel dem letzten Früchten , voll zu sein” , oder so ähnlich müsste man wohl das in den Untergeschossen der obenhin spätsommerlichen Ruhe fiebrige Feilen , Fummeln , Basteln und Eilen der Kulturarbeiter bezeichnen : Im Gewirr von Dead- Linien für die Herbstausgaben von Zeitschriften , für Buch- Erscheinungstermine , für Programme und Präsentationen mag sich Mancher verstricken . Aber hélas : Den einen oder andern mild lächelnden Tag des Altweibersommers sollte wir für uns uns die Unsrigen noch herausschlagen , bevor die spätestens Mitte September anhebenden regulären Stunden- und Tagespläne der urbanen Literaturveranstaltungsprogramme wieder anheben .

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AUSGEZEICHNETES VON UND FÜR MONIKA RINCK

czz-neuesvonfreundenZum Genuss der Gunst der Stünde würde zunächst einmal zählen , sich mit und für MONIKA RINCK zu freuen - in|ad|ae|qu|at via SALON und “Literatur als Radiokunst” wohlvetraut - : Der Berliner Autorin wurde für ihren Lyrikband “zum fernbleiben der umarmung” ( Kookbooks 2007 ) eben der mit 13.000 Euro dotierte Ernst- Meister- Lyrikpreis der Stadt Hagen zuerkannt.

Man lasse sich durch solche Ziffern allerdings nicht blenden : Wie die bisher nur inoffiziell belegten Ergebnisse der noch unveröffentlichten Studie der vom zuständigen Bundesministerium in Auftrag gegebenen Studie “Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich” ( wir berichteten | Dokumentation ) belegen , verdienen 37 Prozent der österreichischen Künstler weniger als 839 Euro im Monat - d. h. , mehr als ein Drittel der Kulturschaffenden in Österreich bezieht ein Einkommen , welches unter der offiziellen Armutsgrenze liegt . Und das trotz des laut FAZ angeblich überreich durch Preise und Stipendien alimentierten Literaturbetriebs ( “Autorenförderung ? Hungert sie aus !” , 30. 4. 2008 ) …

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TRANSPIRATION STATT INSPIRATION : WETTBEWERB , REELL

Das Bild vom frei auf den Wellen von Alimentationen und Inspirationen schwebenden Dichten ist so falsch wie veraltet : Per Lesungen , Übersetzungen und Jurytätigkeiten wird das oft nötige Zubrot verdient . Wo dies nicht funktioniert , werden Autorinnen und Autoren ( auch diese Fälle sind uns wohlbekannt ) zu irgendwelchen Hartz IV- Arbeiten vergattert .

Als erfahrene Lesebühnen- Autorin wurde jedenfalls mit Monika Rinck eine respektable Jurorin für den 16. open mike- Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin erkoren : Im Trio mit Thomas Glavinic und Feridun Zaimoglu wird sie am 15. / 16. November die Sieger aus den live lesenden Bewerbern küren : Auch hier verdient die Relation “Bewerbung - Auswahl - Kür” Beachtung : Aus den über 650 anonymisierten Einsendungen wählen sechs Lektoren bis zu 22 zur Lesung aus - 3 ( in Worten : drei ) Preise werden schliesslich vergeben .

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TIERBABYBINGO & BEGRIFFSSTUDIO

czz-neuesvonfreundenDa wir aus raum- zeitlichen Gründen die Berliner “Rotten Kinck Shows” von ANN COTTEN , SABINE SCHO und Monika Rinck leider nicht leiblich wahrnehmen können ( # 2 u. d. Titel “DIE EVOLUTION FRISST IHRE KINDER - wie bereitet sie sie zu ?” am 20. 8. im Lokal ) , sei auf die schriftliche Wiedergabe von # 1 ( “Tierbabybingo” ) in der Nummer 41 der Literaturzeitschrift “kolik” verwiesen : Exklusiv und sinnlich lediglich im Print - “viele kleine tiere frieren sich die augen rund” .

Wir kompensieren diese verpassten “bunten abende in der whisky-destille” ( # 2589 ) mit einem Extrakt der jüngsten Lieferung aus dem BEGRIFFSSTUDIO:

2555 trotzyoga
2556 das pony in der truhe
2557 simple thing for the devil
2558 nießbrauch
2559 der willenlos auf mich zu polternde resonanzraum
2563 große tiere mit kleinen stimmen
2564 stimmimitat
2565 raschwüchsig und frosthart
2566 der schlafkranke schwachkopf
2567 ein laubblattrauschender schrecken
2568 per pergulam ambulare
2569 das laub der geselligen linde
2573 strandwermut
2574 stân in einem înkaffenne - verharren in einem anstarren
2575 in eremo, der waldeinsamkeit
2576 le goût du néant
2577 lamettawuchs und kopfschneitelung
2578 ein gewaltiger zicklus
2579 das belutschistan-ohnehorn
2583 wächter der weltflucht
2584 weizenfeldgelb
2585 fälschungssichere falter
2586 antikatz-kalender
2587 schlacke im hauptraum
2588 zwischenschaftlich

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BERNHARD KATHAN : DAS INDISKRETE ORGAN

czz-neuesvonfreundenAnzukündigen und zu dringend ver- störenden Lektüre empfohlen sei das eben im Studien- Verlag erschienene Resultat der langjährigen Beschäftigung unseres SALON- Autors BERNHARD KATHAN mit dem Thema “Organtransplantation” : “Das indiskrete Organ . Organverpflanzungen in der Literatur” ist eine konsequente Fortschrift von Kathans bisherigen kulturhistorischen Untersuchungen zur Medizingeschichte , Körpertechnik , Ein- und Ausverleibung , Lebenswissenschaften und Mortifikationen . Der Denk- und Assoziationsraum wird dabei - wie stets - weit gesteckt und subjektiv inspirierend illuminiert .

Auch im HIDDEN MUSEUM , dem “zweifelhaftesten Museumsprojekt der Gegenwart” , gibt es Neuigkeiten zu betrachten : Zu den - in einigen Beispielen aus Hunderten auf in|ad|ae|qu|at publizierten - Kuhportraits ist nun eine diskursive Überlegung zum Thema “Kuhfotografie” zu lesen . Handfesten Kulinarikern sei dahingegen ein “mobiles Essmuseum” in Form eines konzentrierten Küchenschranks empfohlen . Klassischer titel : “Die Kredenz” .

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HANNO MILLESI SUCHT ALTENBERG

czz-neuesvonfreundenVon den einigermassen vergeblichen Unternehmungen , den Fin de siècle- Bohème- Poeten Peter Altenberg in der Wiener Echtwelt aufzusuchen , berichtet HANNO MILLESI in der Wochenendausgabe des “Standard” . Zur Verkürzung der Wartezeit bis zum Erscheinen des Prosabandes “Der Nachzügler” ( 29. 9. , Literaturverlag Luftschacht - wir werden berichten ) , sei diese “Grenzerfahrung” an den grauen Mauern der Wiener Wirklichkeit in einem kurzen Auszug zitiert :

Im Abbildungsteil eines Katalogs, der sich mit den Wohnverhältnissen berühmter Künstler meiner Stadt beschäftigt, stoße ich auf Fotografien jenes Hotelzimmers, in dem Peter Altenberg einen Großteil seiner bekannten Werke verfasst hat. Die Wände des Zimmers sind mit gerahmten Bildern übersät. Fotos, Grafiken, Zeitungsausschnitte. Ich sehe beispielsweise eine Reihe von Porträts junger Frauen. ( … ) Sein Zimmer trägt die Nummer 51 und befindet sich im Grabenhotel in der Dorotheergasse 3 im 1. Bezirk. Ich beschließe Peter Altenberg dort zu besuchen. Schließlich verfüge ich über alle notwendigen Informationen.

In der Dorotheergasse angekommen, bin ich erst einmal überrascht. Im Erdgeschoß des Grabenhotels, in dem Peter Altenberg residiert, befindet sich eine Trattoria namens Santo Stefano. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir das anders vorgestellt. ( … ) Nachdem ich mich vorgestellt habe, teile ich der Rezeptionistin mit, dass ich Peter Altenberg besuchen möchte. Mit einem verständnisvollen Lächeln bittet sie mich zu warten und tippt etwas in den Computer. Während ihre Pupillen den Bildschirm abtasten, verfinstert sich ihre Miene. Schließlich teilt sie mir mit, dass sich niemand dieses Namens unter ihren Gästen befindet. Mir ist klar, dass sie die Liste derjenigen durchgesehen hat, die vorgelassen werden dürfen. Ich weise sie darauf hin, dass es sich bei mir um einen Kollegen handelt, und sie nimmt an, dass ich ebenfalls in der Hotelbranche tätig bin. Ich antworte mit einem Seufzer und wiederhole, dass die ganze Stadt - was rede ich - die ganze Welt wisse, dass Peter Altenberg in diesem Hotel wohne. ( … ) Ich verheimliche nicht länger, dass ich sogar weiß, welches Zimmer Peter Altenberg bewohnt: Nr. 51 im 5. Stock.

Die dreiste junge Frau will mir weismachen, dass das Grabenhotel gar nicht über so viele Zimmer verfüge und der von mir gesuchte Herr - sie sagt tatsächlich der gesuchte Herr - daher unmöglich ein Zimmer 51 bewohnen könne. Offenbar folgt sie strikten Anweisungen. Ich bedanke mich höflich, als hätte ich meinen Irrtum eingesehen, und wende mich dem Stiegenaufgang zu, der zu den Zimmern führt. Mein Name mag auf keiner Liste aufscheinen, Peter Altenberg wird mich nichtsdestotrotz empfangen. Schließlich kenne ich intime Details seiner Lebenssituation und seiner Körperpflege.

Die Frau hat inzwischen ihr Rezeptionspult verlassen und stellt sich mir in den Weg. Einen Moment lang sieht es so aus, als müsste ich sie mit Gewalt beiseite räumen. Ehe mir das gelingt, kommt ein stattlich gekleideter Herr die Treppe herunter. ( … ) Zu meiner Überraschung wendet sich die Rezeptionistin mit meinem Anliegen an den unvermutet aufgetauchten Mann, als handle es sich bei ihm um einen von irgendwo oben herabgestiegenen Richter. Ich bin damit einverstanden, ihn als Unparteiischen zu akzeptieren, und erkläre, dass ich nichts weiter wolle, als Peter Altenberg auf Zimmer 51 zu besuchen. Der kompetent wirkende Mann sieht mich eindringlich an und bedeutet der ahnungslosen Angestellten, sich wieder an die Rezeption zu begeben. Er scheint begriffen zu haben, worum es mir geht, ich glaube sogar, dass er den Schriftsteller in mir erkennt. Verständnisvoll legt er einen Arm um meine Schulter und - man könnte fast sagen: geleitet mich behutsam zum Ausgang. ( … )

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UND ES DREHT SICH DOCH NOCH : LINKES WORT @ VOLKSSTIMMEFEST

czz-neuesvonfreundenMan wird dem traditionellen Volksstimmefest der KPÖ am letzten Augustwochenende im Wiener Prater und im Kontext des akuten Wahlkampfes eine gewisse Chuzpe nicht absprechen dürfen : Wenn’s nicht ( wie oft schon ) regnet , könnte die musikalische Stimmung zwischen dem unverwüstlichen Guitarrero Harri Stoijka und den Linzer Rappern “texta” recht nett werden . Dazu gibt es unter dem Titel “Linkes Wort” ( seit 1975 ! ) eine Reihe von Lesungen , welche diesjahr anhand der historischen Marker “1918 - 1938 - 1968″ aus dem “Bilanzbuch des 20. Jahrhunderts” erzählen . On stage u. a. : Werkkreis Literatur der Arbeitswelt , Gerhard Ruiss , Helmut Rizy und Rolf Schwendter . Detailprogramm und Hintergründe erschliesst die Seite “LINKES WORT” .

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KLANGAPPARAT

Langer Text , langer Abgesang : Heute mit Sascha Müllers ( MySpace ) Juni- Mix für Loopzilla , trefflich unter dem Titel “1 IST 2 UND 2 IST czz-hoerempfehlungSCHRAEG” rubriziert : Eine Stunde , acht Minuten , zwölf Sekunden lang aparte Mnipatterns á discretion : Besondere Beachtung verdient die so kurz wie herrlich schräg hereindrängende Querflöte bei Laufzeit 41:20 . CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN .

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Deutscher Buchpreis 08 : Lost in Longlist



||| DER PREIS WIRD HEISS | LONGLIST- LESEBUCH : MARKETING , EINFLUSSFREI | DIE LISTE | DIE VERLAGE | DIE AUTOREN | DIE THEMEN | DIE KOMMENTARE | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT

DER PREIS WIRD HEISS

dbp 08 rlogoEs konnte nicht hingehen , dass die Leipziger jährlich einen Buchpreis zu vergeben hatten und nicht etwa auch das Superlativunternehmen der Frankfurter Buchmesse : Entsprechend wurde von der Marketingabteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2005 der Deutsche Buchpreis ( dbp ) aus der Retorte geschüttelt und - in Analogie zum Booker Prize und zum Prix Goncourt - auf den “besten Roman deutscher Sprache“ ausgesetzt .

Nach Kräften aufsehenerregend erstellt man jährlich eine Longlist ( 2008 : 20. August ) mit 20 Titeln aus deutschen , österreichischen und schweizerischen Editionen , um diese dann im Laufe eines knappen weiteren Monats ( 2008 : 17. September ) auf eine sechs Titel umfassende Shortlist einzudampfen .

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse ( 2008 : 13. Oktober ) wird der von der Jury im Alleingang bestimmte Preisträger schliesslich und endlich mit Pomp und Gloria ausgerufen : “Der Preisträger erhält 25.000 Euro, die übrigen fünf Autoren der Shortlist erhalten jeweils 2.500 Euro.”

Nebenbemerkung für Buchhändler : Am 24. August endet die Bestellfrist für entsprechend themenorientierte Dekopakete

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LONGLIST- LESEBUCH : MARKETING , EINFLUSSFREI

dbp 08 rlogoDarüber hinaus gibt es diesjahr erstmanls ein “Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2008“ , herausgegeben von der Wirtschaftstochter des Börsenvereins , dem “MVB Marketing und Verlagsservice des Buchhandels GmbH” . Nach der desaströsen Verhaberung und Verhanserung des vorjährigen Auswahlverfahrens , legt man seitens des “Börsenvereins“- Marketings Wert auf die Feststellung:

Der Deutsche Buchpreis ist unabhängig, die Jury arbeitet ohne jede Beeinflussung von außen. Um dies zu verdeutlichen hat der Börsenverein entschieden, dass seine Wirtschaftstochter, die MVB Marketing und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, keine Druckkostenzuschüsse für die von ihr herausgegebene Publikation ‘Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2008′ erheben wird. ‘Es darf in keinem Fall der unberechtigte Eindruck entstehen, dass die Unabhängigkeit des Deutschen Buchpreises in Frage steht’, sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. ( … )

Mit dem ‘Lesebuch’ soll eine breite Öffentlichkeit für die nominierte deutschsprachige Gegenwartsliteratur geschaffen werden. Es wird in Buchhandlungen kostenlos erhältlich sein. Das Lesebuch erscheint zeitnah zur Veröffentlichung der Longlist.

Aber leider , leider , meldet börsenblatt online eben :

Die Auflage ist leider vergriffen.

EDIT : Als Kompensation für den solcherart vergriffenen Lese [ buch ] -genuss hat man Edelfeder Wolf Schneider gebeten , in einem Roundabout für bb online die Stories Sämtlicher Werke flott zu paraphrasieren : Irgendwann stinkt , sit venia verbo , auch die eleganteste Eigenwerbung zum literarischen Himmel -

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DIE LISTE

dbp 08 rlogoNachdem wir die diesjährige Jury bereits zuvor eingehend vorgestellt haben , beschränken wir uns heute knallhart auf die Liste , unterwinden uns allerdings auch der Last einiger unmassgeblicher Kommentare .

Unter dem leicht irreführenden Titel “Offener und eigensinnig” veröffentlichte das Magazin “buchreport” am Vormittag des Stichtages die libidinös hoch besetzte Liste der 20 aus 161 Titeln gekürten Romane ( alphabetisch nach Autoren ) :

  1. Lukas Bärfuss : Hundert Tage ( Wallstein , März )
  2. Marcel Beyer : Kaltenburg ( Suhrkamp , März )
  3. Dietmar Dath : Die Abschaffung der Arten ( Suhrkamp , September )
  4. Karen Duve : Taxi ( Eichborn Berlin , Mai )
  5. Sherko Fatah: Das dunkle Schiff ( Jung und Jung , Februar )
  6. Olga Flor : Kollateralschaden ( Zsolnay , Juli )
  7. Norbert Gstrein : Die Winter im Süden ( Hanser , August )
  8. Peter Handke : Die morawische Nacht ( Suhrkamp , Januar )
  9. Iris Hanika : Treffen sich zwei ( Droschl , Januar )
  10. Martin Kluger : Der Vogel, der spazieren ging ( DuMont, Februar )
  11. Judith Kuckart : Die Verdächtige ( DuMont , August )
  12. Rolf Lappert : Nach Hause schwimmen ( Hanser , Februar )
  13. Norbert Niemann : Willkommen neue Träume ( Hanser , August )
  14. Karl-Heinz Ott : Ob wir wollen oder nicht ( Hoffmann und Campe , August )
  15. Hans Pleschinski : Ludwigshöhe ( C. H. Beck , August )
  16. Ingo Schulze : Adam und Evelyn ( Berlin Verlag , August )
  17. Uwe Tellkamp: Der Turm ( Suhrkamp , September )
  18. Uwe Timm: Halbschatten ( Kiepenheuer & Witsch , August )
  19. Martin Walser : Ein liebender Mann ( Rowohlt , März )
  20. Feridun Zaimoglu : Liebesbrand ( Kiepenheuer & Witsch , Februar )

Und noch ein erratischer Satz in ‘buchreport’- Verkürzung :

Laut Jurysprecher Rainer Moritz hat sich die Gegenwartsliteratur stärker geöffnet und zeige wieder ‘mehr Eigensinnigkeit’.

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DIE VERLAGE

dbp 08 rlogoSchön paritätisch hat man je zehn Titel aus den Frühjahrsprogrammen und Herbstproduktionen der Verlage ausgewählt . Die Streuung über die Verlage scheint breit , reduziert sich indes bei näherem Hinsehen ein wenig :

  • Wallstein - 1 Titel ( Bärfuss zuvor bei Suhrkamp )
  • Eichborn - 1
  • Hoffmann und Campe - 1
  • C. H. Beck - 1
  • Berlin Verlag - 1
  • Rowohlt - 1 ( Walser zuvor bei Suhrkamp )
  • Jung und Jung - 1
  • Droschl - 1 ( Hanika zuvor bei Suhrkamp )
  • DuMont - 2
  • Kiepenheuer & Witsch - 2
  • Suhrkamp - 4 ( Gstrein , jetzt Hanser , zuvor bei Suhrkamp - Tellkamp , zuvor bei Rowohlt , jetzt bei Suhrkamp )
  • Hanser + Zsolnay : 3 Hanser + 1 Zsolnay - 4

Da Zsolnay dem deutschen Hanser- Verlag angehört , ertreckt sich das Spektrum der gekürten Roman- Verlag auf insgesamt 12 Verlage , davon mit Jung und und Jung sowie Droschl zwei österreichische . Schweizer Verlage sind nicht vertreten …. aber die haben ja jetzt ihren eigenen Buchpreis -

In Prozenten :

  • deutsche Verlage : 83,3 %
  • österreichische Verlage : 16,6 %
  • schweizerische Verlage : 0 %

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DIE AUTOREN

dbp 08 rlogo16 männliche Autoren wurden erkoren , vier weibliche , was einem Verhältnis von 4 : 1 entspricht . Nach Nationalitäten ( hinsichtlich Herkunft , nicht Lebensmittelpunkt oder Nationalpass ) : 16 Deutsche , drei österreichische , zwei schweizerische und ein türkischer Autor .

Interessant auch die Generationenverteilung , wobei die 1960er- Jahrgänge eindeutig vorne liegen ( 10 ) , gefolgt von den 1950ern ( 4 ) , ex aequo je zwei 1070er und 1940er Jahrgängen . Einsam grüsst aus den 1920ern und der späten Goetheliebe : Martin Walser .

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DIE THEMEN

dbp 08 rlogoWas aber wird da so preis- und zeitgeistvergächtig erzählt ? - Eine kurzer Rundblick durch die Mördergrube der Klappentexte . Das Buch , welches nach Lektüre dieser Textsorte noch irgend lesenwert erscheint , verdient vielleicht tatsächlich ein genaueres Hinsehen . Los geht’s : Tortur pur !

Die Geschichte eines moralischen Irrtums, der in Ruanda eines der größten Verbrechen des Jahrhunderts ermöglichte. Der Roman zweier Menschen, die im Chaos ihrer Zeit um ihre Unschuld kämpfen. Ruanda, April 1994, in Kigali wütet der Mob. David, Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe, hat das Flugzeug, mit dem die letzten Ausländer evakuiert wurden, abfliegen lassen. Er versteckt sich hundert Tage in seinem Haus, vom Gärtner mit Nahrung versorgt und mit Informationen über Agathe, Tochter eines Ministerialbeamten, die der Grund für sein Bleiben ist. Die vergangenen vier Jahre ihrer Liebe ziehen ihm durch den Kopf …

Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des “Dritten Reichs” flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben.

Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden … ?

Das Zeitalter, das wir kennen, ist längst eingeschlafen. Wo einmal Europa war, gibt es nur noch drei labyrinthische Städte, die eher gewachsen sind, als dass sie erbaut wurden. Die Welt gehört den Tieren. Fische streiten über Sodomie, Theologinnen mit Habichtsköpfen suchen in Archiven nach Zeugnissen der Menschheit, und Cyrus Golden, der Löwe, lenkt den Staat der drei Städte. Als ein übermächtiger Gegner die neue Gesellschaft bedroht, schickt er den Wolf Dimitri als Diplomaten aus …

  • Karen Duve : Taxi ( Eichborn Berlin , Mai )

Eine ziellose Jugend, eine spießige Familie, eine frustrierende Ausbildung - da kommt die Annonce “Taxifahrerin gesucht” schon fast wie die Rettung schlechthin daher. Auch wenn Alex Herwig leider ein Gedächtnis wie ein Sieb hat. Trotzdem büffelt sie Straßennamen und Wegstrecken - und hat das Glück auf einen extrem gnädigen Prüfer zu treffen. Bald sitzt sie zum ersten Mal im Wagen und schwitzt Blut und Wasser, weil sie die Straße nicht kennt, nach der ihr erster Fahrgast fragt. Und Alex wird - halb wider Willen - von einer Kollegen-Clique aufgesogen …

Das Buch erzählt die Geschichte des jungen Kerim, von Beruf Koch, der sich aus dem irakischen Grenzland auf die beschwerliche und gefährliche Reise nach Europa macht. Von früh an der Idee verfallen, sich zu verwandeln, hat er noch andere Gründe für seine Flucht, war er doch unter die Gotteskrieger geraten und mit ihnen durch das Land gezogen, bevor er sich von ihrem Weg der Gewalt lossagte. Kerim, bemüht, in Deutschland ein neues Leben zu beginnen …

Eine Stunde am frühen Abend in und um einen Supermarkt. Lichter, Autos, Menschen. Eine Allegorie des Alltäglichen. In ihrem neuen Roman stellt uns Olga Flor eine Reihe von Personen vor, die auf den ersten Blick nichts miteinander verbindet: die 29-jährige Doris etwa, die hier regelmäßig und fast immer kalorienbewusst einkauft; den Rentner Horst, ehedem im Stadtbauamt tätig und nun für die Pflege seiner krebskranken Frau zuständig; Anton, einen Obdachlosen …

Ein Vater und seine Tochter. Er hat sie nach dem Krieg als Kind in Wien verlassen und ist nach Argentinien gegangen, wo er jeden Sinn für die Realität verloren hat. Sie hat jahrelang Abbitte dafür geleistet, dass er im Krieg auf der falschen Seite stand. Jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, kommen beide in ihre jugoslawische Heimat zurück …

Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat …

Man weiß nicht, wann sie es tut, und man weiß nicht, wo es sein wird, aber eines ist gewiss - irgendwann schlägt die Liebe zu: “Was da jetzt geschehen ist, das ist eine Fuge im Leben oder ein Riss durch die Zeit oder ein Bruch in der Welt, was auch immer.” Hier geschieht es zweien, die schon seit geraumer Zeit allein durchs Leben zu gehen gewohnt sind …

dbp 08 rlogo

Samuel Leiser ist ein einsamer Vogel. Sein Vater Yehuda entkam den Nazis, indem er vorgab, Autor zu sein und als Künstler nach Amerika einreisen durfte - wo er zum gefeierten Kriminalschriftsteller Jonathan Still wurde. Nun übersetzt Samuel seine Bücher ins Deutsche. Zwischen den Zeilen sucht und findet er versteckte Botschaften. Doch was bedeuten sie? In einem Sommer Anfang der Siebziger zieht Samuels frühreife Tochter Ashley aus England zu ihm nach Paris, damit sich beide einmal in Ruhe kennenlernen. Bald aber wird es eng in der kleinen Wohnung …

Robert ist 39, sieht aus wie George Clooney und arbeitet beim Mord­dezernat. Seine Frau hat er bei einer Verkehrskontrolle kennengelernt, aber die hat ihn gerade verlassen. Da kommt zu ihm aufs Kommissariat eine Frau, an der alles seltsam ist, nicht nur der Kragen ihres Mantels, der ihr wie ein Rhabarberblatt über die Schultern fällt. Marga Burg will eine Vermisstenanzeige aufgeben. Sie war mit ihrem Freund Mathias auf der Kirmes, er stieg allein in die Geisterbahn und kam nicht mehr heraus …

Wilbur, gerade mal 1,50 Meter groß, ist wirklich kein Glückskind: Seine irische Mutter stirbt bei der Geburt, sein schwedischer Vater macht sich aus dem Staub, und sein erstes Zuhause ist der Brutkasten. Erst als seine Großeltern ihn nach Irland holen, erfährt er, was Heimat ist. Doch das Glück währt nicht lang: Sein bester Freund kommt in die Erziehungsanstalt, und seine Großmutter Orla stirbt bei einem Unfall. Auch wenn er gern so stark wäre wie Bruce Willis: Er ist und bleibt ein Verlierer. Erst die charmante Aimee …

Asger Weidenfeldt, ein junger, erfolgreicher Fernsehjournalist in Berlin, spürt, dass er das wirkliche Leben verpasst. Er legt eine Pause ein, fährt zurück in die Heimat, wo seine Mutter Clara, eine gealterte Schauspielerin, vom vergangenen Ruhm zehrt. Als Clara zur Rückkehr des verlorenen Sohns ein großes Fest organisiert, prallen die Generationen, Lebensentwürfe und Träume aufeinander. Es kommt zur Explosion.

Was passiert, wenn man nichts getan hat und dadurch schuldig wird? Wenn man im Gefängnis sitzt und sich durch Schweigen schützt, obwohl man sich unschuldig fühlt? In einem inneren Monolog entfaltet Karl-Heinz Ott das Seelenpanorama einer Figur, die einmal aufgebrochen war, sich selbst und die ganze Welt zu verändern, um schließlich in jeder Hinsicht im Abseits zu landen. Die einzigen Menschen, auf die sich der Erzähler dieser Geschichte stützen konnte, sind auf der Flucht, während er an ihrer Stelle verhaftet wurde …

dbp 08 rlogo

Die drei Geschwister Berg - Clarissa, Monika und Ulrich - machen ein vertracktes Erbe. Ihr Onkel Robert bedenkt sie mit gewaltigen und weit verzweigten Vermögenswerten, allem voran mit einer Villa am Starnberger See. All dies könnte sie auf einen Schlag von ihrem ermüdenden, nicht unbedingt aussichtsreichen Existenzkampf befreien. Aber er macht ihnen eine Auflage: Sie müssen dieses Haus als Hort und Zufluchtsort für Lebensmüde betreiben …

Die Frauen lieben Adam, weil er ihnen Kleider schneidert, die sie schön und begehrenswert machen. Adam liebt schöne Frauen. Wenn sie erst seine Kleider tragen, begehrt er sie alle, und abgesehen davon liebt er Evelyn. Die ertappt ihn eines heißen Augusttages 1989 in flagranti mit einem seiner Geschöpfe. Statt mit Adam fährt Evelyn gemeinsam mit einer Freundin und deren Westcousin nach Ungarn an den Balaton. Adam setzt sich mit seinem alten Wartburg dem roten Passat auf die Spur. Für Evelyn würde er bis ans Ende der Welt fahren …

  • Uwe Tellkamp : Der Turm ( Suhrkamp , September )

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der “süßen Krankheit Gestern” der Dresdner Nostalgie entfliehen … ?

Ein Oratorium auf eine zu allem entschlossene junge Fliegerin und eine ungelebte Liebe. Marga von Etzdorf, eine junge Fliegerin, erschießt sich im Mai 1933 in Aleppo, Syrien, nach einer Bruchlandung. Sie ist 25 Jahre alt. Ihr Grab liegt auf dem Berliner Invalidenfriedhof. Was hat sie hier, zwischen den Toten der preußischen Militärgeschichte, NS-Größen und zivilen Opfern der letzten Kriegstage, zu suchen? Gibt es eine Erklärung für ihren gewaltsamen Tod ?

Der 73-jährige Goethe - Witwer und so berühmt, dass sein Diener Stadelmann heimlich Haare von ihm verkauft - liebt die 19-jährige Ulrike von Levetzow. 1823 in Marienbad werden Blicke getauscht, Worte gewechselt, die beiden küssen einander auf die Goethe’sche Art. Er sagt: Beim Küssen kommt es nicht auf die Münder, die Lippen an, sondern auf die Seelen …

  • Feridun Zaimoglu: Liebesbrand ( Kiepenheuer & Witsch , Februar )

Am Anfang ist es fast zu Ende: Das Leben von Richard, sowieso nicht in bester Verfassung, droht bei einem Busunglück zu verlöschen. Doch er wird gerettet und begegnet einer engelsgleichen Erscheinung. Eine junge schöne Frau übernimmt die Erstversorgung und verschwindet in einem Auto mit deutschem Kennzeichen. Fortan ist der Erzähler in Liebe entflammt und macht sich auf die Suche nach der Frau seines Lebens …

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DIE KOMMENTARE

dbp 08 rlogoIna Hartwig ( FR , 20. 8. ) findet die Longlist des Jahres 2008 “insgesamt grundsolide” , inklusive Jury und Image des Preises . Auf Oldies wie Walser und Handke hätte sie gerne verzichtet , vermisst dagingegen einen Titel aus dem Hause Fischer ( den hat Julia Francks “Mittagsfrau” im Vorjahr mit dem Hauptpreis reichlich bedient ) . Nicht nachzuvollziehen dahingegen ist Hartwigs Suchruf nach der jüngsten Hervorbringung der Marlene Streeruwitz - einem , pardon , auch für die Verhältnisse dieser Autorin extrem kolportagehaften Roman .

Bemerkenswert an der diesjährigen Longlist findet Dirk Knipphals in der taz ( 21. 8. ) die Absenz der ( von in|ad|ae|qu|at anlässlich des Bachmann- Wettbewerbs zart angekrattzten ) “Literaturschulen”- Elaborate :

Was auffällig fehlt, sind nur Vertreter der Literaturlehrgänge, kein Thomas Pletzinger, kein Thomas von Steinaecker, um Leipzig und Hildesheim scheint die Liste einen Bogen zu machen.

NZZ , WELT und FAZ enthalten sich derzeit noch der Meingung , umso origineller versucht die SZ ( 21. 8. , sst ) mit dem lustigen Clou zu punkten , aus der Titelliste den folgenden Kurzroman zu komponieren :

Schon jetzt hat das Alphabet in der ihm eigenen Mischung von Ordnung und Willkür einen Kurzroman - oder ist es eine Novelle ? - zur Longlist halb vorgeschrieben, halb der Einbildungskraft überlassen:

Hundert Tage Kaltenburg vergingen, dann verstand sie die Abschaffung der Arten und rief ein Taxi. Das dunkle Schiff legte ab, der Kollateralschaden blieb zurück, schon nahm sie Kurs auf die Winter im Süden. Langsam brach die morawische Nacht herein, und jemand wisperte: ‘Treffen sich zwei - der Vogel, der spazieren ging, und der Verdächtige.’ Nach Hause schwimmen war von nun an unmöglich. Sie seufzte ‘Willkommen, neue Träume’. Denn Träume sind unausweichlich, ob wir wollen oder nicht. Zwar war ungewiss, ob sie die Ludwigshöhe je erreichen würde. Längst warf auf Adam und Evelyn der Turm seinen Halbschatten. Doch seit Jahrhunderten wartete dort ein liebender Mann. Und sie war bestimmt, den Liebesbrand zu löschen.

Wer jetzt kein Buch hat , schliessen wir unser in|ad|ae|qu|ates Roundabout , findet keines mehr.

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LINKS

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Das Literaturkarussell dreht sich , unkte die taz bereits im Vorfeld , im leeren Kreise . Dass und wie man sich gehaltvoll “In Circles” bewegen kann , czz-hoerempfehlungerweist der klabauternde Klangkünstler Tom Ellis aka Ekkis mit seiner Full Length- release bei Trimsound : Was zunäcsht eher abstrakt tönt , gewinnt im Laufe der Kompositionen zunehmend an Attack und Fahrt , bleibt dabei allerdings stets und sekündlich unberechenbar . So etwas würden wir gerne mal lesen ! - einem harmoischeren Hörverhalten enntgegenkommend , servieren wir das Album praktischerweise als Stream . CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( REALPLAYER ) .

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vienna demolition VII : a story in pictures - Kontraste Rembrandtstrasse ( Gastbeitrag Christoph Kepplinger )



||| 1020 : EIN BEZIRK WIRD GENTRIFIZIERT | NEUBAU UNTERE AUGARTENSTRASSE 18 : ZU VERMIETEN | REMBRANDTSRTRASSE : KONZERNOUTLETS STATT KLEINGEWERBE | REMBRANDTSRASSE 21 : EINE DEMOLIERUNG | PORTRAIT EINER SPEKULATIONSBRACHE | GEGENÜBER : EINE RENOVIERUNG | RELATED | KLANGAPPARAT

GASTBEITRAG VON CHRISTOPH KEPPLINGER

1020 : EIN BEZIRK WIRD GENTRIFIZIERT

rembrandtrasse stadtplan ( click to XL )

Was es bedeutet, wenn ein Wohnbezirk “AUF-gewertet” wird, wird spürbar, wenn zuerst einmal AB-getragen wird. Wien II. - Karmeliterviertel und Augartenbezirk - kommen nun dran, jetzt, wo die U-Bahn das alte “Judenviertel” zwischen Donau und stadtzugewandtem -Kanal erschliesst.

Die BewohnerInnen werden das langfristig im finanziellen Bereich zu spüren bekommen - der “freie Markt” schnappt sich die Objekte, wie sie fällig werden. Die “Entmietung”, wie es euphemistisch heisst, erfolgt nicht immer mit den feinsten Methoden. Juristische Gegenwehr wagt kaum jemand, wusste mir jüngst der Leopoldstädter Bezirksrat und Mietrechtsberater Josef Iraschko zu erzählen.

Ein Blick in die Untere Augartenstrasse: Hier sperrt noch mehr zu als auf und die Pächter der diversen Imbissstuben geben einander im Halbjahresrhythmus diverse Klinken in die Hände.

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NEUBAU UNTERE AUGARTENSTRASSE 18 : ZU VERMIETEN

Hier fuhren die Bagger im Jahr 2005 in eines der verbliebenen zweigeschossigen Althäuser, das bis zuletzt bewohnt schien. Ein Jahr später, 2006, stand das Nachfolgebauwerk, ein postarchitektonisches violettes Konstrukt samt Tiefgarage, der ehemals bestehende Hinterhof wurde zwecks Erhöhung der Nutzfläche ganz verbaut. Die Wohnungen sind bis heute nicht vollständig vermietet - ein Angebot gäbe es unter dem Stichwort “Moderne 3 Zimmer Wohnung mit Balkon“.

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Das geduckte Uhrmacherhäuschen daneben, das ein Zinshaus ist, in dem einzelne Zimmer ( ! ) vermietet werden und das in seinen niedrigen Geschossen die afrikanische Community des Grätzels beherbergt, droht über kurz oder lang das nächste Opfer zu werden.

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REMBRANDTSRTRASSE : KONZERNOUTLETS STATT KLEINGEWERBE

Ein Schwenk in die parallel verlaufende Rembrandtstrasse, deren Schick in etwa gleichzeitig mit dem der Unteren Augartenstrasse verblasst sein dürfte.

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Letzten Reste von Kleingewerbe und Nahversorgung.

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REMBRANDTSRASSE 21 : EINE DEMOLIERUNG

Bagger fuhren dort in den Augustwochen des Jahres 2007 auf und hielten vor Haus Nr. 21, einem ehemals prächtigen Gründerzeitbau aus dem Jahr 1880.

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Das übliche Spiel: Bereits seit 2005 ( und womöglich schon länger ) waren die Fenster mit Brettern vernagelt, das Haus offiziell eine “Baustelle”.

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Mit dem Abriss wird zugleich ein Stück der mitansässigen Geschichte beseitigt. Mindestens 58 Personen waren bis zu ihrer Deportation an dieser Adresse in diesem ehemals jüdischen Viertel einquartiert, zeigt eine Adresssuche auf der Webseite des Shoah- Memorial- Projekts “A LETTER TO THE STARS“. Selbiges übrigens beim zuvor gezeigten Neubau in der Unteren Augartenstrasse 18. Erinnerungszeichen oder Gedenktafeln sucht man vergebens.

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Dramatisch dokumentieren zwei YouTube- Videos das Geschehen des Abbruchs -

Demolition of Rembrandtstrasse 21 (1)

 

 

Demolition of Rembrandtstrasse 21 (2)

 

 

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PORTRAIT EINER SPEKULATIONSBRACHE

Warum die Bagger Ende August 2007 innehielten und schliesslich wieder das Weite suchten, ist ungeklärt. Grundstücksaufwertung oder Errichtungsgenehmigungs- Dinge sind zu vermuten. Portrait einer Spekulationsbrache. Stand: August 2008.

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GEGENÜBER : EINE RENOVIERUNG

Gegenüber des vor sich hindämmernden Häuserwracks findet sich ein Gegenbeispiel wie es gegensätzlicher nicht sein könnte. Ebenfalls im Zeitraum 2006 bis 2007 hat sich an der Adresse Zwerggasse 1-3 eine Renovierung zugetragen, die akribischer nicht hätte sein können.

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Der Ursprungszustand war in etwa mit dem gegenüber befindlichen Haus Rembrandstrasse 21 vergleichbar, die Fassade abgestürzt, die Fenster verbrettert.

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Hier wurde hingegen aufgemöbelt für stilbewusste und ebenso zahlungskräftige NeumieterInnen in schicker Augarten-naher Lage.

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Als Kontraindikation zum Getöse der Demolierungen und theatralischem Upgrade- Embellishment von marktgerechten Lebensräumen laden wir czz-hoerempfehlungin|ad|ae|qu|at zum Überschreiten der Schwelle in eine Sphäre , wo Schallwellen ins Jenseits der Kataster und Kategorien zu tragen vermögen . Vermöge der creative commons- Policy von Künsltern und Netlabels sind solche Klangräume nicht ( mehr ) den Hochmögenden reserviert . Wäre das Label yukiyaki nicht ohnehin schon als Adresse qualitativ sozusagen “beste Lage” , dürfte uns Emmerichk ( MySpace ) schlicht mit “4th” betitelte EP mit einer Ästhetik des Understatement überzeugen , wie sie wenig gang und gäbe ist . ‘Clicks and Cuts‘ in transatlantischer - genauer : mexikanischer - Rezeption und diskreter Fortentwicklung . Klangkörper als anmutige Amalgame aus technischen und organischen Komponenten . Als besonderes Service ( und ästhetisch absolut adäquat ) werden die sechs Tracks in Form eines Streams serviert ( via RealPlayer ) . Feiner lässt sich den disruptiven Kräften kaum entgegentreten ! - CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM .

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Dokumentation | Alte Schmiede : Wirtschaftspolitik und Kulturvernichtung - Trotzdem : Die “Alte Schmiede” lebt ( Gerald Grassl )



Alte Schmiede wohin ?

Fortsetzung unserer seit der ersten Meldung über den möglichen Verkauf des Hauses Schönlaterngasse 9 ( Alte Schmiede ) vor zwei Monaten unternommenen DOKUMENTATION . - Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at hält Meldungen , Meinungen , Äusserungen , Protestnoten und Politikerrepliken in chronologischer Folge fest .

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WIRTSCHAFTSPOLITIK UND KULTURVERNICHTUNG - TROTZDEM : DIE “ALTE SCHMIEDE” LEBT

( Gerald Grassl , Augustin Nr. 231 , Juli 2008 , S. 24f )

Die gute Nachricht: Entgegen anderer Medienberichte bleibt die Tätigkeit des Literarischen Quartiers “Alte Schmiede” in der Schönlaterngasse 9 zunächst aufrecht.

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LEHRSTÜCK ZUR LOGIK DES KAPITALISMUS - VORGESCHICHTE

alte-schmiede-was-tunEs bleibt jedoch ein ganz normales Lehrstück in welcher Logik der Kapitalismus “funktioniert”, wenn Gemeindeeigentum privatisiert wird.
Im Barockhaus “Alte Schmiede” in der Schönlaterngasse 9 war noch bis in die 70er-Jahre die alte Schmiede in Betrieb. Als sich der Besitzer des Hauses zur Ruhe setzte, vermachte er das Gebäude der Gemeinde Wien. Unter einer Bedingung: Die Schmiedewerkstätte soll in Betrieb bleiben, und zwar als kleine Kunstschmiede und die anderen Räume sollen im Lauf der Zeit für Kulturinitiativen, Künstlerwerkstätten, Ateliers zur Verfügung gestellt werden.

Die Gemeinde Wien überließ das Haus dem damals noch gemeindeeigenen Jugend & Volk-Verlag in Verwaltung.
Der 1969 gegründete “Kunstverein Wien ” zog im Haus ein. Als “unabhängige Institution, die künstlerische Initiativen fördern will, die Künstlern bei der Verwirklichung von Projekten, bzw. bei der Schaffung der Voraussetzungen dafür helfen will” und der Kunstverein Wien “ist keiner bestimmten Kunstrichtung ( und ) keinem bestimmten Künstlerkreis ausschließlich verpflichtet.”

Die Literaturreihe des “Literarische Quartier begann am 9. Juni 1975 mit einer Lesung von Friedrich Heer, die Folgeveranstaltung bestritt Ilse Aichinger. In den weiteren inzwischen etwa 5.000 Veranstaltungen waren Nobelpreisträger wie Elias Canetti, Günther Grass, Elfriede Jelinek und Gao Xingjian ebenso zu Gast wie neue unbekannte Autoren, Literaturgruppen- und Zeitschriften. Fast parallel entwickelte die “Musikwerkstatt ” ein ähnlich dichtes Programm für neue Formen der zeitgenössischen Musik. Im “Musiklabor” wurden Klassiker der Moderne wie György Ligeti oder Roman Haubenstock-Ramati genauso präsentiert wie junge unbekannte Komponisten ( anlässlich des 30jährigen Bestehens der “Musikwerkstatt” wurde eine Doppel-CD mit Hörproben herausgegeben ).

Eine ungewöhnliche Idee war auch die Einrichtung der “Arthothek“, eine umfangreiche Sammlung von Grafiken österreichischer Gegenwartskünstler. Wie in einer Leibibliothek können sich Kunstfreundinnen gegen eine geringe Leihgebühr Werke aus dieser mehrere Tausend Blätter umfassende Kunstsammlung mit nach Hause nehmen. In den oberen Stockwerken wohnten Mieter, die noch ihre Mietverträge mit dem alten Schmied abgeschlossen hatten. Sollten diese Wohnungen einmal frei werden, gab es Zukunftspläne, sie als Wohnungen für Autoren frei zu halten, die aus ihren Heimatländern flüchten mussten, oder andere Gäste aus dem Ausland.

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LEHRSTÜCK ZUR LOGIK DES KAPITALISMUS - DIE WIENER STÄDTISCHE VERSICHERUNG KAUFT ….

alte-schmiede-was-tunDer Verlag Jugend und Volk ging in Konkurs ( ein eigenes Kunststückl, ein Unternehmen, das hoch subventioniert und gefördert wurde, und außerdem sehr gut im Schulbuchgeschäft vertreten war, in die Pleite zu führen ? ). Das Haus wurde 1987 von der damals noch gemeindeeigenen “Wiener Städtischen Versicherung ” übernommen. Als Kaufpreis wurde eine Million Schilling kolportiert. Das nennt man ein wirklich gutes “Schnäppchen”! Auf Anfrage ob dieser Kaufpreis stimme, gab es von Seite der “Wiener Städtische” darauf keine Antwort.

Das Versicherungsunternehmen blieb in den folgenden Jahren dem Auftrag des Stifters treu: Die Räume wurden neu renoviert und adaptiert, im Hof ein zusätzlicher Veranstaltungsraum erbaut. In den Keller zog die “Zukunftswerkstatt” der SPÖ ein, was allerdings dem “Kunstverein” den ( unberechtigten ) Verdacht einbrachte, ebenfalls eine versteckte Vorfeldorganisation der Sozialdemokraten zu sein.

Und dann wurde die “Wiener Städtische Versicherung” privatisiert. Damit wurde alles anders. Aus der Sicherheit einer Versicherung als Eigentümer entstand - in diesem Zusammenhang muss der Werbespruch “Ihre Sorgen möchten wir haben !” wohl als Drohung verstanden werden ! - Unsicherheit, denn die neuen Eigentümer haben sich nach Gewinnzuwächsen zu richten aber nicht an kulturelle Aufträge. Außer sie taugen im Zuge einer “Umwegrentabilität” für Werbezwecke, doch damit erreicht man auf dem Gebiet der Literatur leider nur eine sogenannte “qualifizierte Minderheit”.

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LEHRSTÜCK ZUR LOGIK DES KAPITALISMUS - …. UND VERKAUFT

alte-schmiede-was-tunDie Wohnungen in den oberen Geschossen wurden leer. Vor dem letzten Jahresende erhielt die “Zukunftswerkstatt” die Kündigung.

Somit war die Immobilie für die Eigentümer wertvoller geworden. Mit Einschränkungen: Zum einen die lästigen Mieter ( “Kunstverein” ) zu ebener Erd’, zum anderen mindern die Auflagen der Denkmalschutzbehörden den Wert eines Hauses. Fachleute schätzen den derzeitigen Verkehrswert des Hauses auf etwa 2 Millionen Euro ( eher weniger ). Die “Wiener Städtische” bot das Haus um 6 Million Euro zum Verkauf an, und verkaufte es im Juni dieses Jahres um 5,6 Million an den Baumeister Martin Vogl und den Kaufmann Stefan Schmerschneider ( “IMMOKRASS ” ) . Beide sind Eigentümer und / oder Geschäftsführer mehrerer Bau- bzw. Handelsunternehmen.

Wenn diese “tüchtigen” Geschäftsleute überteuert ein Objekt erstehen, dann sicher nicht aus Liebe zur Barockarchitektur oder als Literaturmäzene.
- Weshalb also ? - Darüber kann nur spekuliert werden. Die Situation erinnert an die Geschäfte rund um das von Autonomen betriebene “Ernst-Kirchweger-Haus” in Favoriten. Das Haus gehörte ursprünglich der KPÖ. Um aus der Finanzkrise der Partei zu kommen, boten die Kommunisten die Liegenschaft der Gemeinde Wien zum Kauf an. Die Gemeinde Wien hatte zunächst kein Interesse an einem Kauf. Das Haus wurde an eine Immobilienfirma um 600.000,- Euro verkauft. Wie sich später herausstellen sollte, gehörten die Leute dieser Firma früher zum Umfeld der verbotenen ANR ( “Aktion Neue Rechte ” ). Einige Zeit später verkaufte diese Immobilienfirma das EKH an die Gemeinde Wien. Um 2,1 Millionen Euro.
Somit “diente” die Wiener Anarcho-Szene ungewollt als “Verhandlungsmasse”, um rechtslastigen Geschäftemachern zu optimalen Gewinnen zu verhelfen.

  1. Aber die neuen Eigentümer der Schönlaterngasse gehören weder der rechten Szene an, noch sind sie “Feinde der Literatur”.
    Wie würde nun ein “normaler”, nur auf satte Gewinne trachtender Immobilienhändler wahrscheinlich vorgehen ? - Dr. [ Stefan ]Schmerschneider empfahl in einer Kolumne im “Wirtschaftsblatt” am Beispiel des steirischen Immobilienhandels, dass man, um Gewinne machen zu können, den langen Atem benötige - bis 15 Jahre.
    Ein normaler Spekulant würde nun einfach das Haus der Gewalt der Natur, also das Haus verfallen lassen, keine Reparaturen mehr durchführen usw. bis das Gebäude für die letzten Mieter unwohnlich geworden ist. Dagegen wäre auch das Bundesdenkmalamt machtlos.
  2. Als die an Gegenwartsliteratur interessierte Öffentlichkeit vom Verkauf des Hauses erfahren hatte, erfolgte spontan eine Unterschriftenaktion für die Erhaltung der “Alten Schmiede“, die innerhalb von wenigen Tagen mehr als 1.000 Persönlichkeiten unterzeichnet wurde. Nun könnte sich Kulturstadtrat Mailath-Pokorny als Freund der Literatur präsentieren und veranlassen, dass das Haus von der Gemeinde Wien zurückgekauft wird, um es endlich dem ursprünglichen Zweck zu widmen.

Selbstverständlich möchte dann der bisherige Eigentümer eine gewisse Unkostenentschädigung für seine Risikobereitschaft haben…
Fast zur gleichen Zeit verkaufte “Wiener Wohnen ” übrigens die Hausanlage Schottenring 28 um kolportierte 20 Millionen Euro an die “Wiener Städtischen Versicherung“. Auch die Frage, ob diese Summe stimmt, blieb von der PR-Stelle der Versicherung unbeantwortet.
In diesem Gebäude waren bisher außer Dutzenden Mietern, einem Kindergarten auch der “Österreichische Jugendherbergeverband ” oder die jüdische Hilfsorganisation “SOCIETY OF THE FRIENDS OF ELTERNHEIM AND PEOPLE IN NEED ” untergebracht.

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LEHRSTÜCK ZUR LOGIK DES KAPITALISMUS - EINE FRAGE DER BUDGETS ?

alte-schmiede-was-tunEs stellt sich die Frage: Wäre es bei diesem Deal nicht möglich gewesen beim Verkauf dieses Objektes ein wenig runterzugehen und im Gegenzug Schönlaterngasse 9 zurück zu bekommen ?
Wie auch immer die Sache weitergehen mag, fragt sich: Aus welchen Budgetmitteln ?

Die Stadt Wien, die sich immerzu mit dem 1905 im bulgarischen Rustuk geborenen und 1938 aus Wien vertriebenen Literaturpreisträger Elias Canetti und der in Mürzzuschlag geborenen Literaturpreisträgerin Elfriede Jelinek brüstet, gab laut Kunstbericht im Jahr 2006 für Literatur 920.457,88 Euro aus, was 0,7% des Kulturbudgets entsprach. Während im Bereich Literatur stets eingespart wird, werden Subventionen im sogenannten “Event”-Bereich laufend ( die Tourismuswirtschaft als fordernde Lobby im Hintergrund ) erhöht: Für Musik, Theater, Großveranstaltungen 117,313.283,60 Euro oder 86,1 % des Kulturbudgets im Jahr 2006. Aber diese Missverhältnisse sind wenigstens öffentlich kontrollierbar.

Bei einem Privatunternehmen wie der “Wiener Städtischen” muss man sich mit netten Werbesprüchen zufriedengeben. Aus einem Mail :

Die ‘Wiener Städtische ‘ ist bereits seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Förderin von Kultur und Kunst. Dies ist integraler Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie und -kultur. Dabei stellen wir den Gedanken an den Nutzen für eine möglichst breite Allgemeinheit in den Mittelpunkt unserer kulturellen Aktivitäten.

Selten so gelacht.

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KLANGAPPARAT

Kunst , Kultur , Diskurs , Sprache , Klang und Film als niedrigschwellig ereichbare offene Quelle : Was die Open Source im Netz , leisten czz-hoerempfehlungInstitutionen wie “Musikwerkstatt ” und “Literarisches Quartierim ( Wiener ) “Echtleben” ( welches unter Netiziens auch als “Real Life” figuriert ) . Das mannigfaltig subventionierte Ubuweb hat hinsichtlich Musik- , Literatur- und Mediengeschichte ein mittlerweile stupendes Archiv etabliert , wo es auch Dinge zu hören gibt , welche man sonst eher von kommerziellen Datenträgerobjekten bezieht . So kennt man Laurie Andersons Titel “Born , never asked” grundsätzlich von der 1982 herausgekommenen Release “Big Science” . Bei Ubu gibt es diesen und andere ( eher frühere ) Tracks als Gratis MP3 - in diesem Fall als Teil des von John Giorno initiierten “Dial-A-Poem Poets“- Projekts ( LP “You’re the Guy I Want To Share My Money With” , 1981 ) . HÖREN SIE : “Born, never asked” ( MP3 ) in der Fassung von 1981 - und in einer Amateur- Video- Inszenierung @ YouTube , dessen bester visueller Teil wohl im Screentyping der Lyrics besteht . |||

Salon Littéraire | Florian Neuner : Aufruhr IV : Rheinhausen



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Florian Neuner :

Aufruhr IV : Rheinhausen ( Aus : “Ruhr.Text” )

Die Krise des Ruhrgebiets nimmt möglicherweise die Entwicklung künftiger Krisenzentren vorweg. Wenn es an der Ruhr brennt, reicht das Wasser des Rheins nicht, um das Feuer zu löschen. Wenn die Bastion des Aufruhrs nach 160 Tagen fällt. Wenn man das Ergebnis als Niederlage bezeichnen muß. Wenn wir die Mechanismen der Macht begreifen. Wenn die Spannungen im Betriebsrat zunehmen. Wenn alles wieder auf systemstabilisierende Reformen hinausläuft. Wenn politische Lernprozesse stattfinden. Wenn sie nicht stattfinden. Wenn der Versuch der Tabuisierung bestimmter Kampfformen nicht gelingt. Wenn die Probleme tiefer liegen. Wenn der Rückgang industrieller Produktion nicht zur Erhöhung der Lebensqualität führt. Wenn eine Gewerkschaftsbewegung sich selbst aufgibt. Wenn eine fortschrittliche Kampfbewegung bestehendes Recht bricht. Wenn die Opfer des Kapitalismus & seiner Propagandisten in ihrem täglichen Leben die Widersprüche dieses Systems erfahren. Wenn die Mehrheit des Betriebsrats keine Möglichkeit mehr sieht, den Kampf mit Aussicht auf Erfolg weiterzuführen. Wenn der Vorstand der Krupp Stahl AG im Rahmen eines “Optimierungskonzeptes” den Abbau von 2000 Arbeitsplätzen in Rheinhausen beschließt. Wenn der Gesamtbetriebsrat der Krupp Stahl AG diesem Konzept zustimmt.

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Unter der Voraussetzung, daß Ersatzarbeitsplätze geschaffen werden & alle Krupp-Standorte als gesichert gelten können. & nur zwei Monate später dann doch die Schließung des Rheinhausener Werks bekanntgegeben wird. Wochenlange Geheimverhandlungen der Vorstände von Krupp Stahl, Thyssen Stahl & der Mannesmann Röhrenwerke. Verteilung der Produktion auf Mannesmann & Thyssen. 3000 Stahlarbeiter der Nacht- & Frühschicht ziehen am 27. November 1987 vor die Hauptverwaltung, um vom Vorstandsvorsitzenden persönlich zu erfahren, was zwischen den Konzernen ausgehandelt wurde. Am Abend findet eine öffentliche Sitzung des Bürgercomités statt, das bereits 1979 gegründet worden war, um die Schließung des Bertha-Krankenhauses zu verhindern. Drei Tage später tritt im Walzwerk Rheinhausen unter Anteilnahme der Bevölkerung eine außerordentliche Betriebsversammlung zusammen. 10000 Menschen, Eier gegen den Vorstandsvorsitzenden. Später wird von einem Meilenstein der Gewerkschaftsbewegung die Rede sein. Am großen “Stahlaktionstag” kommt es in Teilen des Reviers zu generalstreikähnlichen Zuständen. Das kann selbst die bürgerliche Presse nicht leugnen. Mehrmals blockieren die Rheinhausener zusammen mit der Solidaritätsbewegung Straßen & Brücken. Greifen in die Straßenverkehrsordnung ein & erfüllen im juristischen Sinne den Tatbestand der Nötigung. Immer wieder gibt es Vorfälle & Ereignisse in Rheinhausen, die aus dem Rahmen fallen. “Wir planen & planen, zerbrechen uns den Kopf, dann kommt Thyssen mit einem Abbauplan, & alles war für die Katz.” Sagt der Oberbürgermeister a.D. “Die eigentliche Entwicklungsplanung für die Stadt betreiben die Konzerne.” Rheinhausen ist überall.

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Ein Fanal für die Arbeiterbewegung in Deutschland. Zahlreiche Arbeitskämpfe orientierten sich in den folgenden Jahren daran. “Rheinhausen” als letzter großer “Test”. Wofür? Wie viele Lügen geschluckt werden? Wie lange es dauert, bis eine Protestbewegung ins Leere läuft? Duldsamkeit in allen ihren Formen ist & bleibt der erste moralische Makel. Jede statische Ordnung zerfällt zu Staub. Früher oder später. Neue Kampfschritte & Kampferfahrungen sind vielleicht noch einmal etwas wert. Indem sie in die Geschichte geworfen sind, indem sie an der Arbeit & an den Kämpfen, aus denen diese Geschichte besteht, teilnehmen müssen, sind die Menschen gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. Werden Texte herübergeweht, die 20 Jahre alt sind oder 40. internationale sozialistische publikationen. Die Gesellschaft des Spektakels. Usf. Auf einem alten Photo sehe ich den Oberbürgermeister a.D. an einem Rednerpult mit der Aufschrift “Das Revier muß leben!”. Der Oberbürgermeister a.D. gestikuliert mit seiner rechten Hand, die beinahe aussieht wie zur Faust geballt. Ich sehe den Vorstandsvorsitzenden mit einem Stahlarbeiterhelm. Der Vorstandsvorsitzende duckt sich weg im Eierhagel. Am Rande einer Demonstration wird eine mit dem Namen des Vortandsvorsitzenden versehene Puppe verbrannt. Jugendliche scheinen Spaß zu haben an der Aktion. Wütende Stahlarbeiter (erkennbar an ihren Helmen) ziehen zur Hauptverwaltung. In ihrem Schwarzweiß wirken die Photos älter als sie sind. Die Erinnerung an die Arbeitskämpfe, die inzwischen 20 Jahre zurückliegen, wird gerne als “Nostalgie” denunziert. Die offizielle Lesart lautet, daß diese Arbeitskämpfe “sowieso nichts” gebracht hätten. Revolten seien sinnlos, weil es eben keine Alternative gebe. Was würde aus den Arbeitern werden ohne die Fabrikbesitzer, die so gut sind, sie zu beschäftigen? Ausgereizt - mehr war nicht drin! Aber war wirklich nicht mehr drin?

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Alles geht mit atemberaubender Geschwindigkeit vonstatten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel verbreitet sich die Nachricht von der Stillegung des hochmodernen Stahlwerks in Rheinhausen. Groß ist der Drang, nicht herumzusitzen, sondern etwas zu tun. Die Arbeiter sind gut gerüstet. Am Wochenende beginnt sich der Widerstand zu formieren. Nun weiß auch der Letzte, daß die Kruppianer die Schließung des Werks nicht kampflos hinnehmen werden. Fesseln spürt man erst, wenn man sich rührt. Schnelle Zuspitzung & erste Höhepunkte. Geladen mit Zorn ziehen die Stahlkocher vor das Verwaltungsgebäude. Der Platz ist voll, die Stimmung wie vor einem Gewitter. Sie haben mit uns Verträge gemacht & diese Verträge auf beschämende Weise gebrochen. Da treibt man die Krupp’sche Belegschaft zur Arbeit an wie noch nie. Da wird die Belegschaft auf unerträgliche Weise dezimiert. & nachdem wir alle im Dreieck gesprungen sind, wird uns der Dolch in den Rücken geknallt. Aber wir leben noch, & wir werden uns zur Wehr setzen! Lautsprecherwagen fahren durch die Siedlungen & spielen die kämpferische Rede des Betriebsleiters ab, die als “mitreißend” erlebt wird & inzwischen als “legendär” gilt. Wem kann man in diesem Land noch trauen? Die Frage wird nicht beantwortet. Welchem Menschen, der in der Öffentlichkeit steht, kann man noch etwas abnehmen? Natürlich niemandem. & früher konnte man es doch wohl auch nicht. Man will uns hier Beruhigungspillen geben. Krupp’sche Arbeiter, nehmt diese historische Stunde wahr, um endlich das auszufechten, was wir ausfechten müssen! Der Betriebsleiter beschwichtigt aber auch: Hier ist nicht die Hafenstraße. Wir werden keine Gewalt anwenden. Die innere Anspannung platzt, ein unbeschreibliches Pfeifkonzert setzt ein. Wir wollen hier keine Schwätzereien. Wir wollen Aktionen, die diesen Standort Rheinhausen erhalten. Hier ist der Teufel los. Aber entgegen dem “Stahlpolitischen Programm” der IG Metall ist die Vergesellschaftung der Stahlkonzerne nicht Kampfziel.

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Der fünfmonatige Kampf der Rheinhausener hat viel bewegt. Ziel & Inhalt des Kampfes haben Maßstäbe gesetzt. Wenn dieser Kampf aber dennoch nicht erfolgreicher beendet werden konnte, dann lag das u.a. an der einheitlichen Front der drei beteiligten Großkonzerne. An der mangelnden Solidarität führender Politiker. Am Mißlingen eine standortübergreifenden Kampfes. Die Stahlarbeiter hatten aber gelernt aus der Stillegung der Hattinger Henrichshütte, die kurz zuvor durchgesetzt worden war & wo die Orientierung des Kampfes auf Ersatzarbeitsplätze & symbolische Aktionen statt Streik in die Niederlage geführt hatte. Die Losung hieß: “Kein zweites Hattingen”! Gewerkschaftsfunktionären & führenden Sozialdemokraten bereitete derweil die Fülle von Verstößen gegen die herrschende Rechtsordnung Sorgen. Die Kruppianer haben kollektiv die Arbeit niedergelegt, Werkstore blockiert, Lieferungen behindert & Räume, Telephone, Kopierer usw. für ihre Zwecke genutzt. Die Belegschaft übte zeitweilig die Kontrolle über die Produktion aus. Im alten Walzwerk wurden Solidaritätsveranstaltungen durchgeführt, an denen sich Zehntausende Menschen beteiligten, die auf dem Betriebsgelände eigentlich nichts zu suchen hatten. Massendelegationen besuchten andere Betriebe, Glastüren gingen zu Bruch, Hunderte Kruppianer belagerten den Düsseldorfer Landtag innerhalb der Bannmeile. All das ist im Sinne der herrschenden Rechtsordnung illegal & verstößt in den meisten Fällen gegen bestimmte Gesetze wie Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten, Nötigung usf. Eine fortschrittliche Kampfbewegung bricht bestehendes Recht & muß das auch tun, weil dieses Recht offensichtlich die Positionen einer gesellschaftsfeindlichen, aber mächtigen Minderheit schützt. Es gibt keinen ernsthaften Arbeitskampf ohne Risiko. Schließlich handelt es sich um Notwehr. Seid nicht zimperlich in der Wahl der Mittel, die gegnerische Seite ist es auch nicht! Der Oberbürgermeister a.D. erkennt an, daß im Arbeitskampf eine eigene Gesetzlichkeit herrscht, die sich seinem Einfluß entzieht. Die Bundesrepublik ist eine Klassengesellschaft, & das herrschende Recht ist das Recht der Herrschenden. Legitimität & Legalität liegen oft weit auseinander.

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Die erste Brückenblockade! Schnell spricht sich die Nachricht herum. Als die Frühschicht Dienstbeginn hat, sind es schon Hunderte. Bürger bringen Kaffee & Brötchen. Die Rheinhausener zeigen viel Verständnis für die Aktion, die Polizei leitet den Verkehr um. In ihrem Kampf gegen die Werkschließung können die Kruppianer auf ein breites Bündnis zählen. Schüler demonstrieren gegen den industriellen Kahlschlag, Einzelhändler helfen mit Spenden. Arbeiterfrauen gehen auf die Straße & organisieren eigene Proteste. Mit 20 Bussen fahren Kruppianer nach Bochum & verschaffen sich Zutritt zur Aufsichtsratssitzung der Krupp Stahl AG. Zwei Tage später stürmen sie die Villa Hügel in Essen, wo der Mutterkonzern Krupp GmbH tagt. Die Villa auf dem Hügel ist erst in Gefahr, wenn die Hütte in der Ebene bedroht ist. Versichert ein Pfarrer. Tags darauf, am sogenannten Stahlaktionstag, werden zahlreiche Kreuzungen & die B 1 in Dortmund bis zu acht Stunden lang blockiert. Wir schützen unsere Stadt! Hafenarbeiter blockieren die Hafeneinfahrt, um einen Erztransport für Krupp aufzuhalten. Die Anzahl der Beteiligten, die Protestformen & die Unterstützung in der Bevölkerung kommen offenbar überraschend. Die Wucht, die Respektlosigkeit & die Frische des Kampfes. Der 10. Dezember 1987 ist für die Herrschenden ein Alarmsignal. Dem Krupp-Vorstand ist klar, daß sich ein Flächenbrand zu entwickeln droht, der eingedämmt werden muß. “Läuft euch die Sache hier auch nicht aus dem Ruder?” Fragen auch besorgte Gewerkschaftsfunktionäre. Haben offensichtlich Angst, daß der Protest etwas bewirken könnte. Ohren zu & durch. Der Konzern antwortet mit Hinhaltetaktik & will mit dem Betriebsrat über Zukunftsmodelle verhandeln. “Wenn du heute als Betriebsrat zum Megaphon & zur roten Fahne greifen mußt, hast du schon verloren.” Meint ein Betriebsrat & Aufsichtsratsmitglied. Nicht durchsetzen können sich diejenigen, die eine sofortige Arbeitsniederlegung fordern. Der Betriebsrat, der auch im Aufsichtsrat sitzt, sagt. “Nein, das werden wir nicht tun. Wir werden arbeiten & werden wieder rausgehen aus der Arbeit. Wir gehen wieder arbeiten, & wir gehen wieder raus, d.h.: Wir werden keinen unbefristeten Streik machen, zumal ein sogenannter Schaukelbetrieb für das Unternehmen am teuersten ist.” Der sozialdemokratische Städtebauminister sagt: “Die übertriebene Dramatisierung der Situation in Rheinhausen kann ich nicht akzeptieren.” Die Zeit läuft.

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Auf einem Photo ist das Schaufenster eines Duisburger Lebensmittelladens zu sehen, in dem ein großes Transparent hängt: “Solidarität mit den Rheinhausener Krupparbeitern”. Das Geschäft bleibt für einige Stunden geschlossen. Ich sehe Bilder von der Besetzung der Rheinhausener Rheinbrücke, die damals in “Brücke der Solidarität” umbenannt wurde & diesen Namen inzwischen offiziell trägt. Es ist Winter, die Betriebsfeuerwehr schafft Brennkörbe heran, in denen mit Holz gegen die Kälte geheizt wird. Ein Pulk, der sich im Verwaltungsgebäude der Krupp Stahl AG in Bochum eine Treppe hinaufdrängt. Kruppianer besetzen den Sitzungssaal, stecken sich feixend & demonstrativ Cigarren an. Im Hintergrund ist ein Photograph zu sehen, der sich die Szene nicht entgehen läßt. “Vorsicht bissige Belegschaft” steht auf einem Transparent, das mürrisch dreinblickende Männer in die Villa Hügel gebracht haben. Man weiß, daß das vielen braven Gewerkschaftern schon zu weit gegangen ist & daß die Bissigkeit dieser Belegschaft seine Grenzen hatte - auch wenn es vorübergehend zu Irritationen kam. Der Sturm ins Allerheiligste. Es wird behauptet, daß für den Vorstandsvorsitzenden eine Welt zusammengebrochen sei, der sich von “seinen” Arbeitern geliebt wähnte. Eine Menschenmenge, auf vielen Köpfen weiße Helme, in der riesigen Eingangshalle der Villa Hügel, mit den Gemälden der damals schon ausgestorbenen Krupps an den Wänden, Rüstungsfabrikanten, Ausbeuter, Kriegsverbrecher. Kürzlich wurde in der Villa eine Ausstellung mit Werken aus dem Folkwang Museum eröffnet, & die Kritikerin des Deutschlandfunks hob die Dissonanz zwischen der plumpen Protzarchitektur & der zur selben Zeit entstandenen modernen Kunst hervor. Die auf allen Ebenen immer weiter vorangetriebene kapitalistische Entfremdung macht es den Arbeitern immer schwerer, ihr eigenes Elend zu erkennen & zu benennen. Sie stehen vor der Alternative, entweder ihr ganzes Elend oder nichts abzulehnen. Erst wenn wir die Mechanismen dieser Macht, die uns gängelt, ausbeutet & unterdrückt, begreifen, können wir nach dieser Macht greifen.

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War wirklich nicht mehr drin? Stellen wir uns nur z.B. vor, die Stahlkocher hätten die Hütte besetzt & in Besitz genommen oder es wäre zum Generalstreik gekommen. Oder die Villa Hügel in Essen hätte gebrannt. Der Aktivist, der in der Leitung der gewerkschaftlichen Vertrauensleute in der Hütte tätig war, sagt: “Ich war rasend, mir war alles egal. Der Film war gerissen.” Er las die von der Betriebsgruppe der Marxistisch-leninistischen Partei (MLPD) herausgegebene Betriebszeitung Heißes Eisen: “Die hatten geschrieben, was auf uns zukommt, & so kam es schließlich.” & arbeitete deshalb mit den Aktivisten der MLPD zusammen. So stellt man sich ins Abseits. Erhalt der Hütte um jeden Preis! Der Betriebsrat, der auch im Aufsichtsrat saß, sagt: “Wir haben natürlich als betriebliche Vertreter auf Erhalt des Stahlstandorts gepocht bis zum Schluß. Wir konnten aber auch gar nicht anders, wir konnten nicht sagen: Also wir gucken mal, daß wir einen ordentlichen Sozialplan hinkriegen oder daß wir nur Teile des Unternehmens retten. Es ging nur eins - Sieg oder Blut am Stiefel.” Also Blut am Stiefel. Rheinhausen paßte nicht ins sozialdemokratische Konzept. Es herrschte Rat- & Konzeptionslosigkeit. Nach dem Arbeitskampf entschloß sich die IG Metall, die unter den Stahlarbeitern dramatisch an Ansehen verloren hatte, zu einer Aufarbeitung, die allerdings nie veröffentlicht wurde. Es fehlte vor allem an einer strategischen Diskussion um die Zukunft der Stahlindustrie. Die starke Orientierung auf den eigenen Standort gab dem Kampf insgesamt einen eher defensiven Charakter & erschwerte auch den Einbezug der Standorte, die selbst nicht unmittelbar gefährdet waren. Möglicherweise hätten die Probleme & politischen Defizite überwunden werden können, wenn man Rheinhausen zum Modellfall schlechthin gemacht hätte. Von der Dimension, der Heftigkeit & der Publizität der Auseinandersetzung her hätten dafür sicherlich gute Voraussetzungen bestanden. Die Chancen, am Beispiel Rheinhausen eine arbeitsorientierte Alternative in der Strukturpolitik zu realisieren, wurde nicht wahrgenommen.

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Der Vorstand spielt auf Zeit & setzt darauf, daß die Auseinandersetzung in einer Verhandlungsphase in ruhigeren &