Exposé, gekürzte Fassung
Grönland ist für mich das exotische Land schlechthin, sogar exotischer als die Osterinseln und Bali, exotisch nämlich im Sinne von: einerseits der Ort, der in der Imagination unbestimmte und undefinierbare Sehnsüchte und Fernweh auslöst, andererseits aber der Ort, der sich gerade meiner Vorstellungskraft entzieht, weil er sich lediglich in meiner Fantasie befindet.
Sich in das vollkommen Fremde zu begeben und mit ihm zu konfrontieren (denn das ist es, was die eigene Identität einer “Gefährdung” aussetzt), auch den Begriff des Exotischen zu untersuchen, zu sezieren, ist der eine Aspekt, der mich an diesem Thema interessiert. Der andere ist die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus in Grönland: Grönland hat eine sehr eigene Kolonialgeschichte, die bisher nur von den Dänen beschrieben wurde, als “sanfte Kolonisation” (die grönländische Seite fehlt leider noch). Ihr Prinzip bestand darin, die “Wilden” zu bekehren, sie in Protestanten zu verwandeln, allerdings ohne physische, dafür mit sozialer Gewalt – die Unbekehrten wurden aus der Gesellschaft ausgegrenzt, was in einem so dünn besiedelten Gebiet wie Grönland keine großen Folgen hatte, weil man sich ohnehin so selten zu Gesicht bekam –, aber ihre “natürliche Angepasstheit an die Natur” unter allen Umständen zu bewahren, das heißt, so wenig wie möglich in ihre Alltagssitten einzugreifen, sofern sie nicht den religiösen Grundsätzen widersprachen. So wurde zum Beispiel den Siedlern verboten, Inuit Waren wie Kaffee oder Zucker zu verkaufen, denn wären sie einmal daran gewöhnt, würden sie ihre bisher gewohnte Ernährung und damit auch ihre Lebensweise aufgeben. Letzteres war das, was die Kolonialherren unter allen Umständen verhindern mussten, denn sie brauchten das aus der Lebensweise der Inuit resultierende Wissen, um von ihnen genügend Felle und Waltran – das damals eine vergleichbare Stellung wie Erdöl heute hat – zu bekommen, das sie weiterverkaufen konnten. Wäre das Klima weniger hart gewesen, wäre die “sanfte Kolonisation” vermutlich weniger sanft ausgefallen.
Für meine Recherchen vor Ort möchte ich nach Nuuk, in die Hauptstadt reisen, die der erste Ort in Grönland war, der von den Dänen besiedelt wurde, Kangerlussuaq, das bis 1992 von den US-Amerikanern als Militärstützpunkt benutzt wurde, außerdem Kopenhagen, den Ausgangspunkt der kolonialen Bestrebungen.

