Exposé, gekürzte Fassung
Joseph Roth mit einer seiner Romanfiguren zu konfrontieren, sie gemeinsam auf eine räumliche wie zeitliche Reise zu schicken, eröffnet mir die Möglichkeit, mit zwei Perspektiven bzw. zwei Textebenen zu arbeiten.
Als Ausgangspunkt dient folgende Situation:
Paris 1939, Joseph Roth ist soeben von einem Spaziergang mit seinem Freund Soma Morgenstern ins Café Tournon zurückgekehrt. Noch hat er die Lieder im Ohr, die ihm Morgenstern vorgesungen hat. Roth nimmt Platz, ist völlig erschöpft, seit Monaten fällt ihm das Gehen schwer [...] als ein Mann auf seinen Tisch zutritt und ihn anspricht: “Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein.” Roth schaut verdutzt auf, erkennt die Worte nicht gleich als seine eigenen. Als sich sein Gegenüber aber als Leutnant Trotta vorstellt, erinnert Roth die Sätze, die er dem Vorabdruck seines Romans Radetzkymarsch voranstellte. Ehe Roth sich versieht, wird er von Trotta aufgefordert, sich mit ihm auf die Reise zu begeben, das Ziel werde er schon noch früh genug erfahren.
Wir starten. Vom ehemaligen Hôtel de la Poste Richtung Bahnhof, das moderne Paris vor meinen Augen, das Paris des Jahres 1925 in meinen Ohren – Roth erzählt von seiner Freundschaft mit Benno Reifenberg, von seinen ersten Tagen als Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Zeitung in der Seinemetropole. Parallel dazu Ausschnitte aus seiner Artikelserie Im mittäglichen Frankreich.
Auf der Zugreise nach Wien, Roth berichtet von seinen Aufenthalten in Südfrankreich, von seinen Reportagereisen durch die ehemalige Sowjetunion, ferner von seinen Tagen in Berlin, Prag, Amsterdam. Dann beginnt er, von Albanien zu erzählen. Parallel dazu Ausschnitte aus einem von mir geführten Interview mit einem Albaner, der in meiner Nachbarschaft wohnt.
Ferner sprechen wir über die Mühsal des Reisens, die Möglichkeiten der Reportage, ihren Rang als literarische Gattung etc.
In Wien treffen wir Personal aus anderen Romanen Roths, beispielsweise den einbeinigen Kriegsinvaliden Andreas Pum, der uns seine Geschichte erzählt und Einblick gewährt auf die Armut der Zwischenkriegszeit. Indes macht sich Trotta auf die Suche nach seinen Verwandten. Wieder zwei Ebenen: das Wien der 10er, 20er und 30er Jahre, Zentrum des Vielvölkerstaates, vor und nach Zerfall der Monarchie, die große jüdische Gemeinde, die verschiedenen Volksgruppen etc., im Hintergrund die moderne Großstadt und ihre “Migrationsproblematik” etc.
Von Wien aus mit dem Zug nach Lemberg. Während der Fahrt dorthin, erzählt Trotta von Sipolje, Roth von seiner Militärdienstzeit beim 21. Feldjäger-Bataillons in Galizien. Parallel dazu meine Eindrücke von einer Fahrt durch eine “versunkene Welt”, von der die beiden sprechen. [In Brody] begleite ich Roth zu den Orten seiner Kindheit, wir suchen die jüdische Gemeindeschule, das k.k. Kronprinz-Rudolf-Gymnasium etc. Roths Erzählungen von Mendel Singer stehen meine Eindrücke der modernen Gesellschaft von Brody, Lemberg etc. gegenüber.
Roth möchte nach Tarnopol, wo sein Freund Soma Morgenstern geboren wurde. Anhand von Ausschnitten aus dem Morgensternschen Werk reisen wir durch ein Galizien, das es in dieser Form nicht mehr gibt. Ganz entfernt hören wir Morgenstern sagen: “Hier ist ein anderer Himmel; nicht sehr hoch, nicht sehr fern: unter diesem Himmel könnte noch die Eintracht aller Dinge gedeihen.” Und Roth hat plötzlich wieder die Lieder im Ohr, die ihm sein Freund auf dem letzten Spaziergang durch den Jardin du Luxembourg vorgesungen hat, Hyla, hyla und Es war einmal eine Geschichte.

