Reiseprojekt Clemens Berger

Exposé, gekürzte Fassung

Aus keinem anderen Bundesland wanderten mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben aus als aus dem Burgenland. Der Migrationsstrom setzte zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein, als es das Burgenland noch nicht gab und es zu Ungarn gehörte; aber vor allem in der Zwischenkriegszeit und auch nach dem Zweiten Weltkrieg verließen Abertausende ihre kleinen Orte – allein zwischen 1921 und 1935 waren es 23,000 Menschen, insgesamt suchten beinahe 63,000 Menschen aus dem heutigen Burgenland eine bessere Zukunft in der Neuen Welt. Sie alle waren Wirtschaftsflüchtlinge, wie man im heutigen Österreich (und in der Europäischen Union generell) denunzierend sagen würde – als sei es ein niedriger Antrieb, den Herkunftsort zu verlassen, an dem es keine Möglichkeit auf ein einigermaßen angenehmes Leben gibt. Sie mussten sich assimilieren, um All American zu werden, aber gleichzeitig behielten viele ihre alten Bräuche und Gewohnheiten ebenso aufrecht wie den Kontakt zu ihren Herkunftsorten. Dazu gehörte der Aufbau einer veritablen Parallelgesellschaft, um ein weiteres heutiges Wort zu verwenden, das wiederum denunzierend verwendet wird: Wie viele Iren, Italiener, Juden oder Polen lebte auch der Großteil der Burgenländer in eigenen Vierteln, in denen sie sich teilweise bis heute noch kleiden, wie sich im Burgenland niemand mehr kleidet, und in denen ein Dialekt gesprochen wird, der hierzulande nicht mehr gesprochen wird.

Die Geschichte der Schwester meiner Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Neue Welt aufbrach, um innerhalb von drei Monaten (nach denen sie die Aufenthaltsberechtigung verloren hätte) einen Mann zu heiraten, der aus dem Burgenland in die USA ausgewandert und im Zweiten Weltkrieg als GI zur Befreiung Österreichs zurückgekehrt war, sie nach seiner Rückkehr aus dem Krieg angefordert und den sie kein einziges Mal gesehen hatte, soll als Startpunkt meiner Reportage gelten: Ein Bauernmädchen aus einem südburgenländischen Kaff, das nicht einmal Hochdeutsch sprechen kann, kommt nach Chicago, von wo sie später zu Weihnachten Geld schicken und als die reichte Tante aus den USA gelten wird, die es geschafft habe. Auf den Fotos sieht sie aus wie eines der Golden Girls, an ihrem Lebensende erzählte mir meine Großmutter, sie könne nicht mehr mit ihrer Schwester sprechen: die sei der Meinung, George W. Bush sei von Gott geschickt. Heute ist sie, durchrüttelt von psychischen Krankheiten, freiwillige Helferin der Polizei, die aus dem Fenster sieht, um nach dem Rechten zu sehen.

In meiner Reportage soll es um ein paar ineinander verwobene Lebensläufe gehen, die allesamt von ähnlichen Wünschen und Hoffnungen gespeist wurden: der Armut zu entkommen, ein neues, besseres Leben in Frieden und Stabilität zu finden, aber auch die Sehnsucht nach dem Großen Abenteuer und dem ganz Anderen.

Aus keinem anderen Bundesland wanderten mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit

und einem besseren Leben aus als aus dem Burgenland. Der Migrationsstrom setzte zur Mitte

des 19. Jahrhunderts ein, als es das Burgenland noch nicht gab und es zu Ungarn gehörte; aber

vor allem in der Zwischenkriegszeit und auch nach dem Zweiten Weltkrieg verließen

Abertausende ihre kleinen Orte – allein zwischen 1921 und 1935 waren es 23,000 Menschen,

insgesamt suchten beinahe 63,000 Menschen aus dem heutigen Burgenland eine bessere

Zukunft in der Neuen Welt. Sie alle waren Wirtschaftsflüchtlinge, wie man im heutigen

Österreich (und in der Europäischen Union generell) denunzierend sagen würde – als sei es

ein niedriger Antrieb, den Herkunftsort zu verlassen, an dem es keine Möglichkeit auf ein

einigermaßen angenehmes Leben gibt. Sie mussten sich assimilieren, um All American zu

werden, aber gleichzeitig behielten viele ihre alten Bräuche und Gewohnheiten ebenso

aufrecht wie den Kontakt zu ihren Herkunftsorten. Dazu gehörte der Aufbau einer veritablen

Parallelgesellschaft, um ein weiteres heutiges Wort zu verwenden, das wiederum

denunzierend verwendet wird: Wie viele Iren, Italiener, Juden oder Polen lebte auch der

Großteil der Burgenländer in eigenen Vierteln, in denen sie sich teilweise bis heute noch

kleiden, wie sich im Burgenland niemand mehr kleidet, und in denen ein Dialekt gesprochen

wird, der hierzulande nicht mehr gesprochen wird.

Die Geschichte der Schwester meiner Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in

die Neue Welt aufbrach, um innerhalb von drei Monaten (nach denen sie die

Aufenthaltsberechtigung verloren hätte) einen Mann zu heiraten, der aus dem Burgenland in

die USA ausgewandert und im Zweiten Weltkrieg als GI zur Befreiung Österreichs

zurückgekehrt war, sie nach seiner Rückkehr aus dem Krieg angefordert und den sie kein

einziges Mal gesehen hatte, soll als Startpunkt meiner Reportage gelten: Ein Bauernmädchen aus einem

südburgenländischen Kaff, das nicht einmal Hochdeutsch sprechen kann, kommt nach

Chicago, von wo sie später zu Weihnachten Geld schicken und als die reichte Tante aus den

USA gelten wird, die es geschafft habe. Auf den Fotos sieht sie aus wie eines der Golden

Girls, an ihrem Lebensende erzählte mir meine Großmutter, sie könne nicht mehr mit ihrer

Schwester sprechen: die sei der Meinung, George W. Bush sei von Gott geschickt. Heute ist

sie, durchrüttelt von psychischen Krankheiten, freiwillige Helferin der Polizei, die aus dem

Fenster sieht, um nach dem Rechten zu sehen.

In meiner Reportage soll es um ein paar ineinander verwobene Lebensläufe gehen, die

allesamt von ähnlichen Wünschen und Hoffnungen gespeist wurden: der Armut zu

entkommen, ein neues, besseres Leben in Frieden und Stabilität zu finden, aber auch die

Sehnsucht nach dem Großen Abenteuer und dem ganz Anderen.