Reiseprojekt Martin Pollack: “1955 gelang es, die letzten zwei Zigeunerfamilien wegzubringen …”

Exposé, gekürzte Fassung

Dieser erstaunliche Satz findet sich im offiziellen Bericht einer kleinen südburgenländischen Gemeinde über die Ereignisse 1945 bis 1946, erstellt für die Landesregierung in Eisenstadt. Ich wähle ihn als Arbeitstitel für eine geplante Reportage über den Umgang mit diesem gern verschwiegenen Thema: den verschleppten und ermordeten Roma des Burgenlandes, die bis heute niemand zu vermissen scheint.

Der oben zitierte Satz bezieht sich auf die Gemeinde Goberling in der Nähe von Stadt Schlaining, wo vor 1938 rund achtzig Roma lebten, von denen nur zwei Familien nach 1945 zurückkehrten. Und diese zwei Familien wurden 1955 “weggebracht”, wie es in dem Bericht heißt.

Was sollen wir uns darunter vorstellen? Wie ist das geschehen? Dem möchte ich in dieser Reportage nachgehen. Es geht mir weniger um das Schicksal der Roma, ihre Deportation und Ermordung, mehr um die Reaktion der übrigen Bevölkerung, der Nachbarn, während der Ereignisse und nach dem Krieg. Goberling ist nur ein Beispiel. Aus der Ortschaft Kemeten, zwischen Oberwart und Stegersbach, wurden über 200 Roma deportiert, zuerst in das Sammellager Lackenbach, dann ins Getto Lódz, und von dort nach Auschwitz. In Auschwitz wurden nachweislich 47 Roma aus Kemeten ermordet, andere in Mauthausen, in Buchenwald, bei den meisten ist weder der Ort noch der Zeitpunkt der Ermordung bekannt. Auch in vielen anderen Orten im Burgenland gab es größere Romasiedlungen.

Wie erinnert man sich heute an die Nachbarn von damals, die immer am Rand der Gesellschaft, der Ortschaft gelebt haben? Als Pariah, denen man mit Abneigung und Misstrauen begegnete (und vielerorts heute noch begegnet)? In ersten Gesprächen habe ich herausgefunden, dass es auch freundliche Erinnerungen gibt. Wie erinnert man sich an die Deportationen? An das plötzliche Verschwinden der Nachbarn? Und dann an die Rückkehr der wenigen Überlebenden?

Da für mich beim Schreiben auch die Fotografie wichtig ist, möchte ich herausfinden, ob die Menschen Fotografien von ihren Nachbarn aufbewahrt haben, die nach 1938 als Zigeuner deportiert wurden. Immerhin gab es Freundschaften, Liebschaften, auch Heiraten zwischen Roma und Nicht-Roma. Das erfährt man, wenn man ein wenig nachbohrt.