Reiseprojekt Radek Knapp

Exposé, gekürzte Fassung

Meine Reise wird in Wien beginnen und nach Krakau und Umgebung gehen. Nach einem langen Aufenthalt im Westen (über dreißig Jahre in Wien sind es inzwischen), der viele von uns (ob man es will oder nicht) zu Kennern aller möglichen Tücken der freien Marktwirtschaft gemacht hatte, möchte ich es mir erlauben das Land an der Weichsel mit den Augen eines skeptischen Fachmanns zu betrachten.

Banaler ausgedrückt: Seit langer Zeit habe ich Lust einen nostalgischen Schlußstrich zu machen und mit einem Land “abrechnen”, das nicht nur aufgehört hatte meine Heimat zu sein, sondern auch unzählige Menschen heimatlos gemacht hat, ohne dass sie das Land zu verlassen brauchten. Nach zehn Jahren intensiver Umwandlung hat die freie Marktwirtschaft nicht nur die Lebensgewohnheiten der meisten Mitbürger radikalisiert, einen unkontrollierten Zuwachs an Bausubstanz eingeleitet, sondern auch die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung untergraben (bereits jede dritte Werbung in Polen betrifft ein Medikament, der Anstieg stressbedingter Krankheiten steigt jährlich über 50 Prozent, etc). Und was den überproportionalen Zuwachs an Konsumgütern angeht hat Karl Marx das richtige Wort schon vor über hundert Jahren gefunden: “Solange es in einem Staat ein Gleichgewicht zwischen ‘ Material’ und ‘Moral’ gibt, spricht man von einer gesunden Gesellschaft. Sobald das Material überhand nimmt sinkt automatisch die Moral und umgekehrt”.

Der in Polen so mißtrauisch beäugte Philosoph gibt das Bild der heutigen, kränkelnden Gesellschaft treffend wieder. Es wäre spannend seine Theorie durch die Beschreibung zusammengesetzter Sachverhalte wie einfacher Strassenphänomene zu untermauern.

Da es natürlich in keiner Reise an humoristischen Elementen fehlen darf, würde ich sehr gerne etwas über polnische Politik einstreuen oder folgenschwere Fragen beantworten wie zum Beispiel, warum die priesterlichen Kutten in Polen so lang und die Miniröcke kurz sind.

Zum Schluß möchte ich noch das Grab von Stanislaw Lem aufsuchen. Er war nicht nur ein großer Autor, sondern einer der letzten (mir persönlich bekannten) Personen, die in Lemberg, damals Galizien geboren wurden. Obwohl Lem bereits tot ist, kann ich mir noch immer keinen besseren Reisebegleiter vorstellen, der mir bei diesem Unterfangen Gesellschaft leisten würde.