Exposé, gekürzte Fassung
Für meine Reportage möchte ich das Gebiet Siebenbürgens bereisen, das ich in zwei vorhergehenden Reisen noch zur Zeit der Ceausescu-Diktatur kennengelernt habe.
1979 fuhr ich recht unvorbereitet auf der Suche nach halluzinogenen Pilzen dorthin. Die Reise mit Zelt, Auto und Liebhaber führte durch wilde Wälder, hügelige Weiden, kaputte Industriegebiete und die Dörfer der ungarischen und sächsischen Minderheiten.
1989 brach ich dorthin auf, nachdem ich von der geplanten Zerstörung jener Dörfer und der Umsiedlung ihrer Bewohner in städtische Plattenbauten durch das Regime erfahren hatte. Dieser Versuch, die Macht der seit Jahrhunderten dort ansässigen Minderheiten zu brechen, regte mich auf. Ich wollte mehr wissen, wollte darüber berichten. Diesmal fuhr ich mit Auto, Tontechniker und einer festen Agenda los. Die Begegnungen in den Dörfern, die Gespräche mit Betroffenen, die heimlich stattfinden mussten, alles wegen der Überwachung durch den Geheimdienst unter nicht ungefährlichen Umständen, gestaltete sich zur anthropologischen Recherche, in der ich, besonders was die weiblichen Traditionen betraf, Verwandtschaften zu meiner eigenen bäuerlichen Herkunft zu erkennen glaubte.
Seitdem das Regime Weihnachten 1989 zu Fall gekommen war, [… haben anscheinend] die sächsischen Bewohner die Dörfer fast völlig verlassen und die Strukturen der größeren Städte wurden seit Rumäniens Eintritt in die EU verändert, da ausländische Investoren sich dort niederließen. Auch habe ich gehört, dass Siebenbürgen als Drehort für ausländische Filmproduktionen attraktiv geworden ist.
Nun möchte ich im Zuge dieses Projekts erneut einige Orte besuchen, die ich bei früheren Reisen kennengelernt habe: Es sind dies Sibiu, Brasov, Targu Murges, Medias, Rode, Sighisoara, Cluj-Napoca ( dt. Hermannstadt, Kronstadt, Neumarkt am Mieresch, Mediasch, Rode, Schäßburg, Klausenburg). In Medias, Rode und Sighisoara hatte ich damals Kontakte zu Lehrern, Bauern, Priestern, Schülern, die ich versuchen möchte, wiederzufinden. In Brasov und Sibiu möchte ich mich über die Textil- und Bekleidungsindustrie informieren. Eine befreundete, nunmehr in New York lebende Künstlerin, die in einem ungarischen Dorf Siebenbürgens aufgewachsen ist, könnte ich über ihre Kindheit befragen. Außerdem habe ich vor, Dozenten an den Universitäten Targu Mures und Cluj-Napoca zu treffen und über Veränderungen zu befragen. In Sighisoara wird mittlerweile der Dracula-Mythos als Disneyland-Kitsch vermarktet, auch das möchte ich sehen.
Meine Recherche-Methode ist eine Mischung aus geplanter Route und Treibenlassen, aus Eintauchen und Reflektieren. Eine Hauptfrage wäre: Sind wir Europäer der gleichen Art? Und: Wo sind die Minderheiten heute?
Die Notizen, sowie das auf dieser Reise Erfahrene werde ich mit Rückbezug auf meine früheren Reisen unter Einbeziehung einer Reflexion von Erwartungen und Enttäuschungen in meiner Reportage verarbeiten.

