Alexander Heinich : Die Kunst zu bleiben – oder die liebevolle Desillusionierung I

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Die Kunst zu bleiben – oder die liebevolle Desillusionierung , 1. Stück

Du denkst,
Du kommst zur Welt, nein,
du fällst hinein
als schlechter Freund
des sei gewiss!
Wenn Du nach anderm Dich bestrebst
als Albereien -
fällst unter Feinde nicht einmal,
noch tiefer fällst Du rein
in einer Welt, die alle Dinge mißt
an ununtersuchten Tüchtigkeiten
und für und für Gestank ausstößt,
sie nährt auch Dich von Schweinereien
versuchst Du`s doch anständiglich
dann brechen Bein und Hals-
komm Du nur her ins Leben
ich wollt ich könnts zerreden!

1. Stück

Die Geburt zur Kunst ist unterschieden von der Geburt an sich; denn, sie ist so verpflichtend, so fatal sie ist für den Geborenen.

Wer zur Kunst geboren ist, ist noch kein Künstler im Sinne, der ihn am Leben erhält. Der Künstler in ihm ist der Geborene zur Kunst; die Geburt zur Kunst ist ein Mißverständnis, das nur er aufzulösen vermag.

Das ist der Fatalismus nicht der Kunst, sondern der Geburt. Die Geburt ist nicht die Geburt zum Leben, sie ist andersherum das Leben zur Geburt. Die Verpflichtung ist ein bitter Wort, so bitter allerdings, wie es das ungeborene Leben ist, in dem die Geburt der Augenblick, der Schock, die Überwindung, der Glockenschlag, die Zerstörung, der Schritt oder was dergleichen Philosophereien mehr sind, bedeutet.

Die Pflicht besteht in der ungebrochenen Existenz, die nicht geboren ist, gleichwohl aber der Geburtshilfe bedarf, wie nichts sonst.

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Der zur Kunst geborene, zum Leben nicht geborene, lebt in der ungeborenen Kunst, wie die Metapher in der Iris der Sinnlichkeit. Das Pathos ist sein Bauch. Der Bauch ist nur dick, wenn er schwanger geht.

Der Geborene ohne seinen Sokrates findet seinen Geburtshelfer anderswo; er kann ihn im Ausland finden. Das Ausland ist nicht die Überwindung der Staatsgrenze, nicht das Hüpfen von der Schippe seiner Muttersprache; es ist der eigene Irrtum. Der Irrtum wird geboren, wenn er vollzogen ist, also er wird ausgetragen. Es ist die Geburt zur Kunst ein Irrtum, wie der Irrtum die Geburt der Kunst ist in dem Leben zur Geburt.

Der Irrtum ist eine Niederlage gegen alles, was bedrückend – konventionell, also überkommen und vertragen und unnütz dünkt. Es übermächtigt gleichsam von Innen. Der Irrtum ist die einzige Lebensform ohne Reue; er ist Lebensart.

Das Leid ist synonym mit dem Niveau und jeder andern Rangordnung. Ordnung ist Leid, weil unordentlicher Weise jedes Verlangen einzutreten pflegt. Die Kunst ist das Leben zur Geburt, die schwächer ist als das Verlangen. Das Verlangen und die Geburt sind faustisch.

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Die Rückkehr aus dem Verlangen heißt, das Verlangen durchquert zu haben. Es erweist sich zu dem Ende einer Geburt nachgerade. Verlangen ist nicht a priori. A priori ist die Pflicht, die jedem Widerstand trotzig die Stirn bietet, die ihn übermächtigt und dann womöglich: schwängert.

Das Wehweh des Irrtums ist die Kunst zur Geburt.

Zur Hilfe bieten sich Geburtshelfer an, die in der Schwäche, ihre übermächtigen Hände bieten. Es sind jene Helfer, die das Leben sobald es geboren worden, nicht erkennt. Es sind die Irrtümer, wenn sie vollzogen sind.

Die Illusion ist der Stoff, aus dem die Irrtümer gebaut sind.

Illusionen bauen auch die Helfer der Geburt.

Die Geburt, die Illusion, der Geburtshelfer sind ein und dasselbe sobald das Leben zur Geburt begonnen hat. Die Gestalt ist was den länderläufigsten aller Namen führt, ist die Liebe.

Die Liebe ist Koitus nicht, noch Romeo und Ophelia, noch ist sie das Kreißen des Helden im in den Wehen eines ungeborenen Irrtums. Sie ist die Desillusionierung, sie ist der Irrtum schlechthin.

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Alexander Heinich

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