Alexander Heinich : Die Kunst zu bleiben – oder die liebevolle Desillusionierung II

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Salon Littéraire | Alexander Heinich :

Die Kunst zu bleiben – oder die liebevolle Desillusionierung , 2. Stück

Grafiken : Enzo Orlikowsky

01 copyright Enzo Orlikowsky

Wer sich in der Kunst versucht, glaubt an den Protest am Gegenwärtigen und daran, dass es in der Vergangenheit einmal anders, und, für seine Zwecke jedenfalls, besser hergegangen sei, denn er glaubt an einen Sinn, der jenseits der Welt gewohnheitsmäßiger Eindrücke liegt, er glaubt an den Kunstsinn. Nun übt er nicht das Metier eines Historikers, sondern das eines Neuerschaffers; erprobt jedoch, in Ermangelung besseren, die Mittel derer, die ihm darin vorangegangen sein mögen. Jeder Künstler hat seine Vorbilder. Was immer er an Neuem schaffen will, er versucht es zuerst mit ihren Mitteln. Er tauscht sein Jahrzehnt gegen ein anderes oder sein Jahrhundert mit dem von Lautreamont. Und so macht sich der Künstler seine Gegenwart zu eben jenem Befreiungsakt der Zukunft aus einer Vergangenheit.

Daneben verläuft, mit demselben Recht zu rollen, der Rest der Weltgeschichte. Meistens eigene und durchaus eigensinnige Interessen verfolgend. Der Künstler, dieser Welt selbst entsprungen, sie zugleich in vielen Stücken ablehnend, fremdelt und fordert sich durch die Widersprüche dieser Beziehung. Günstigsten Falls werden diese Widersprüche zu seinen eigenen. In den meisten Fällen jedoch lassen sie sich beheben.
02 copyright Enzo Orlikowsky

Diese Weltgeschichte auf ihren jetzig fassbaren Bereich begrenzt, auf die Summe aller Mitmenschen und ihre gemeinsamen Wirkungskreise bis hin zum direkt ins Leben eingreifenden physischen, die Gesellschaft, kann des Künstlers Leben schwerer machen, oder aber doch erleichtern. Jenes ist dessen Chance, dieses sein Verderben. Sein Los ist oft letzteres.

Der Kunstschaffende wird von einem Publikum verstrickt, das, weil es eine Verwandtschaft zu dessen niedersten Notdurften wittert, denselben mit öffentlicher Lobpreisung ehrt und ihm dann einen gewinnbringenden Platz in seiner Mitte vorschlägt, wo er hinfort den Rum genießen darf, ein melancholisch fühlender Alkoholiker zu sein, der den Reichtum einer regionalen Kulturlandschaft um ein Unschätzbares vermehrt. Über den Erfolg dieses Verfahrens mag jeder selbst urteilen; es stehen dessen Schöpfungen an jeder Ecke aus. Sie dürfen besichtigt werden!

Über den Fortschritt in der Kunst zu handeln ist in dem Maße aussichtslos, in welchem man die Kunst weniger als Tat ansieht, denn als Zutat. Eine Kunst, die dem Leben hinzugefügt wird, entspricht durchaus der Denkhaltung, an der die Gegenwart bis herunter zum Gegenwartskünstler ihr breites Genüge findet. Ich halte dafür, ein Künstler, ist es dann, wenn er derselben einen Tadel zuzufügen fähig ist. Warum er schmähen soll? Weil er einem andern Zweck dienen kann, als dem seiner Notdurften und weil seine Gegenwart keine andern Absichten gegen ihn hegt, als dieselben zu befriedigen, vorausgesetzt natürlich, der Künstler wird es unterlassen, seine Rügen vorzutragen. Indessen haftet der Tadel dem Künstler unverbrüchlich als Merkmal an, solange sich nicht die Möglichkeit Mensch, von der er seine Mittel bezieht, entfalten kann. Diese Möglichkeit ist das Gegenstück zum jetzt herrschenden Niedergang. Niedergang ist, hässlich gesprochen, eine Kategorie, die das Nötige raubt, und mithin weh tut. Das Pamphlet ist die Folge. Die Möglichkeit Mensch betrifft alle. Einer wird nur, wenn ihn andere daran nicht hindern. Dieser Fortgang verlangt seine Kraftanstrengungen, welche die Gegenwart nicht haben will, denn solange sie ist, ist niemand im Interesse von Allen und Alle nicht im Interesse des Einzelnen. Ohne diese bleibt der Mensch aber eine Person, die es nicht gibt. Mit der Kunst hat es seinen Zweck in der Welt, der, will er leben, eben von Menschen besorgt wird. Was kann da der Künstler machen? Er kann aufhören die Gegenwart auf Kosten der Kunst zu schonen. Er kann die Bedingungen herstellen, die Kunst ermöglichen.

03 Paradise copyright Alexander Heinich

Der Künstler ist einer, warum immer, dem es nicht gelungen ist, einen andern Beruf zu ergreifen. Das heißt nicht, jeder, der keinen andern Beruf ergriffen hat, ist ein Künstler. Es deutet vielmehr an, in welchem Verhältnis sich der Künstler, allein aufgrund dieses Missgeschickes, zur Gesellschaft befindet. Er hat ihre Angebote zu Gunsten von etwas blaudunstigem, gefahrdrohendem ausgeschlagen; er hat es gewagt, sei es, dass ihn die Gesellschaft schon verdorben hat, vielleicht verdarb die Gesellschaft seine Familie. Wie denn schlechte Gesellschaft überhaupt verderblich ist, dass man sie meiden sollte. Im 18. Jahrhundert die schlichte Wahrheit, hingegen lässt sich`s heute wohl nicht nach Belieben anstellen. Lassen Sie uns aber noch bei der Gesellschaft verweilen.

Mit der Gesellschaft ist es ein kein einfach Ding. Sie greifbar machen, heißt immer, sie auszulegen, heißt also eigentlich, Politik zu machen. Sie gedanklich zu meiden aber bedeutet ein Entwicklungshindernis fürs Denken, wenn nicht, im schlimmen Fall, gar ein Interesse. Gedankliche Entwicklungshindernisse mögen in den Abstufungen des Grades gesellschaftlicher Pflichterfüllungen entschuldbar sein, in Hinsicht auf die Kunst sind sie es nicht. Eine gesellschaftliche Stellung ist von der andern darin unterschieden, dass sie die jeweilige, solange sie ihre auferlegten Pflichten erfüllt, schlichtweg nicht kümmern braucht. Der Künstler jedoch denkt weiter. Ihm gibt dieser Umstand Anlass an den Einrichtungen der Gesellschaft zu zweifeln, denn die Teilung menschlichen Lebens betrübt ihn. Ein Künstler, der sich der Politik am Tage enthält, der verfolgt sie bei Nacht. Anders gesprochen, kann sich der Künstler nicht seines politischen Gutachtens enthalten, weil ihn sein Beruf zu der gewissenhaftesten Aufklärung über seine gesellschaftliche Lage zwingt. Um in der Kunst fortzufahren, darf der Künstler nicht aufhören das Äußerste an ihr wahrzunehmen. Wenn das Äußerste seiner Kunst der Gesellschaft, in der er sie treibt, widerspricht, dann macht er, gesetzt er gehorcht seinen Musen, diesen Widerspruch noch kunstfähig und bringt ihn zur Darstellung. Wer hierbei schummelt, der sucht den Schutz der Dunkelheit. Einer, der nicht ablässt jene Schwaden der Dunkelheit auszubeuten, ist der Zeitgenosse. Sein Lieblingsstoff sind das Nichts und dessen vage Gefühlsäußerungen. Er besucht es unterschwellig, also bei Nacht. Am Tage ist er sich der Einrichtungen der Welt wieder sehr gewiss und genießt deren Vorzüglichkeiten.

04 copyright Enzo Orlikowsky

Wir sprachen über Gesellschaft, Politik und den Künstler, und über dessen beklagenswertes Los, das seine ungewisse Lage sei. Er hat nicht Platz genommen, sein Platz ist ein Dazwischen. Was immer er anfängt, er gerät zwischen die Fugen des Gebäudes. Das Gebäude ist natürlich die Gesellschaft, sein Publikum. Wir bemerkten ferner, dass nicht dieses Missgeschick einen Künstler macht, sondern die Kunst. Sie sucht ihn auf in Gestallt von Musen. Der Musengesang weist ihm das Äußerste seiner Kunst. Wer ihren Lockungen erliegt, findet sich oft unversehenen Ortes wieder. Daß es die Kunst ist, kaum der Mangel, das erfährt er bei seinen Besuchen in den Lagern der Armen und Gesetzlosen vor den Toren der Stadt. Woher die Musen Ursache haben, ihn dorthin zu führen, erklärt sich erst in seinem Werk. Der Drang es zu verfertigen ist unwiderstehlich, solange der Künstler etwas an seinen Musen findet.

05 copyright Enzo Orlikowsky

Doch vor unserm Zeitgenossen schrumpfen ihre Zauberkräfte zum Erbarmen. Er hat es bemerkt und macht so sein Geschäft mit der Musen Misere. Ihr Sturz aus dem Götterstand herunter bis dicht an den Staub überzeugt ihn von ihrem Ursprung im Nichts. Er entledigt sich des musischen Widerspruches am Gegenwärtigen, indem er die Musen erledigt. Mitleidig schaut er sie an. In seine kunstsinnigen Gebärden mischt sich Gewöhnliches, was er begrüßt. Er schüttelt Hände.

Aus dem Äußersten der eigenen Kunst singt jener Musenhain herüber; da klingt die Weise her aus deren Bauch herauskommt, was einmal Kunstwerk sein soll. Sie ist kein Spezielles, sie umfängt den ganzen Menschen, sie formt denn nicht bloß das Kunstwerk, sie formt den Künstler. Woran er auch rührt, es geschieht in der Weise. Die schließt freilich die Wechselwirkung dieses Vorganges mit ein. Der Mensch fasst das an, was ihn dazu reizt. Das ist, wenn es sich um ein empfindsames Wesen handelt, von den Launen seiner Musen abhängig. Ein und Aus dieses Kreislaufes ist mir nicht bekannt. Der Zufall steckt freilich mit drin. Seinen eigenen Zweck erfüllt hierbei das Kunstwerk. Die Wechselwirkung zwischen dem Künstler und der Welt sind für den Künstler nämlich sehr gefährlich. Diese Gefahren sind heute kaum noch klassisch, sie zerfallen in Disziplinen. Der Mensch aber weigert sich mit ihnen mit zu zerfallen. Seine Musen werden gehetzt. Von wem, ist nicht auszumitteln. Die Not zwingt ihn zu raffen. Das rascheste Raffverfahren, das des Zeitgenossen, passiert unter Preisgabe der zerrütteten Musen. Ihr Fall ist beschlossen. Der Künstler unterwirft sich, wie wenn er der nächste wäre. Ein Murmeln wird rege. Es hebt sich der Rumor eines großen Festes. Kaffee Burger.

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Alexander Heinich

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