Ann Cotten : NACH DER WELT – Die Listen der Konkreten Poesie

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NACH DER WELT – Die Listen der Konkreten Poesie

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Die uns so verhasste Charakterisierung “assoziativ” meint, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes, als dass die Natur der Beziehungen zwischen den Einheiten nicht festgelegt ist. Das kann “beliebig” sein, ist es aber in guten Texten nicht, auch wenn sich keine Regel feststellen lässt außer bewusstmachbare, begründete Urteile für jede spezifische Verbindung und ihr Zusammenspiel. Wie Neil Young über Songtexte sagte, dass sie am besten offen und widersprüchlich sind, wenn das Ziel ist, dass viele sie mit ihrem Leben verflechten wollen, ziehen auch die vielen losen Enden im Geflecht assoziativen Texts das Denken und Fühlen und Erinnern der Leserin, die den Text durchwühlt und mit den in ihrem Leben gelernten Bedeutungen verknüpft, ins Gedicht hinein. Und auch wieder hinaus. Das an sich lässt alle Qualitäten zu. Wenn wir “fünffache darstellung eines textes” durchwühlen oder, sagen wir, abtippen, finden wir Zitate und intertextuelle Verweise, aber auch Dinge, die es nicht schwer ist, aus eigener Erfahrung zu kennen, etwa “zuzweit”, “wegen andern”, “wegen einem andern”, “wer zuerst”, “allein gelegen”, “im schnee gelegen”, “anders als es alle sahn von weitem”, “anders wie zuvor”, “zu einem andern anders wie zuvor”, “als alle allein gelegen”, “wars wie zumeist” und so weiter. An Kulturgut finden wir neben Märchen wie Schneewittchen ( Farben, Wege, Eifersucht, Mord und Belege ) und Filmen wie “Fargo” etwa Schuberts Winterreise mit “andern wegen” und, vager, der Motivik eines Herummanövrierens in öder Winterlanschaft vor dem Untergrund einer problematischen Liebesbeziehung, die Hin-und-her-Schaufeleien von Anziehung “zuzweit” und “geschieden”, die in naher Rückperspektive wie das Umhäufen von gewaltigen Massen von Banalität oder Schnee zu aus unterschiedlichen Motiven gewünschten Wegen erinnert in einer Arbeit, die immer wieder von neuem angegangen werden kann, bis der Schnee, in eine andere Jahreszeit herübergerettet, zu Gatsch und Schmelze geworden ist. Abgesehen von diesen konkreten Bezügen ist die “assoziative” Ordnung etwas, was nicht so sehr “nachvollzogen” als realisiert wird. Die assoziativen Beziehungen sind weder etwas, was im System der Sprache jemals als etwas rein Allgemeines und Objektives fixiert werden kann, da sie, um Existenz zu gewinnen, von konkreten Erfahrungen konkreter Menschen ausgefüllt oder erweckt werden müssen, noch etwas, was von außen bzw. von einem Inneren von Individuen als Zusatz zur Sprache draufgepappt wird, die ohne sie einen rein beliebigen, axiomatischen Bezug zur Welt hätte – was wir zurecht behaupten, doch wenn das nicht nur die eine Seite der Geschichte wäre, wäre die Sprache wohl gar nicht entwickelt worden, weil zur Kommunikation zu aus dem, was wir in Metaformulierungen anerkennen, logisch begründbaren Zwecken auch ein kleines System an freudlosen Grunzern genügt, mit einigen Vokabeln aus der Industrie augmentiert. Wir suchen also in der Sprache schon auch das, worüber wir nicht so genau Bescheid wissen, und wenn sich auch nicht der heilige Gral dabei zeigt, zeigen sich die Suchbewegungen und sich gegenläufig kreuzenden und überlagernden Sinngeflechte. So ist es nicht so sehr eine Aussage als eher eine mehreren Teilen von Welt gemeinsame Funktionsweise, dass die gleichen Elemente immer neu gruppiert und kombiniert werden, wobei ein Wort, und auf einer anderen Ebene eine bildliche Vorstellung, etwa Schneelandschaft, weite Entfernung oder Affäre, zu mehreren benachbarten Zusammenhängen, von Denken über Fühlen bis zu Sehen, als Scharnier funktioniert. Und zwar in Einzelheit, Differenz und Wiederholung.

Materialität, dichte Anhäufung, Litanei, Trance, Intensität: Die Wiederholung stellt etwas vor, was einem so real vorkommt wie eine konkrete Masse. Wir bilden uns ein, dass wir das Konkrete der KP [ Konkreten Poesie ] spüren können wie harte Welt. Cognitive satiation wird in der Linguistik das Phänomen genannt, dass durch materielles Wiederholen eines Worts, sei es schriftlich oder mündlich, seine Bedeutung verlorengeht. Das Verlorengehen der Bedeutung ist ein Prozess, der viele Einzelheiten beinhaltet, die beim Verlorengehen noch einmal sehr deutlich und klar aufploppen, was die Reduktion der KP vorführt und uns daher interessiert. Die KP als Film des Lebens ist ein bisschen ein Cutup, wie ja auch unser Verständnis des Lebens, es entspricht sehr wohl. Wie könnten wir sonst denken ?

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Wenn die KP für das Wort einen Status erstrebt, in dem es nichts als sich selbst bedeutet, so nähert sie es den Materialien von Musik und bildender Kunst an. Wie wir oben bemerkt haben, ist eine solche Konkretheit inkompatibel mit dem praktischen Sinn einer Liste, etwas aufzuzählen. Es gibt indessen zahllose Beispiele, wie das in Bezug auf die “Tabellenfrage” angeführte von Franz Mon, die formal sehr stark Listen evozieren, deren Funktion jedoch im Wesentlichen rhythmisch und nicht semantisch ist. Auch Dinge wie Auszähl- und Kinderreime sowie Zaubersprüche stehen auf dieser Kippe; sind womöglich urspünglich, als Rezepte, Listen gewesen, und der Listencharakter verlor sich inzwischen zusammen mit der Bedeutung der Wörter zugunsten einer musikalisch-rhythmischen inkantatorischen Funktion.

Wir untersuchen hier dreierlei. Zum einen, was für Eigenschaften haben Liste und Rhythmus gemeinsam ? Wir werden dann das Erstellen von Listen als Technik zur Textproduktion betrachten – Produktion und Rhythmus sind ja quasi metonymisch verbunden – und die Frage stellen, auf welche Weise Eigenschaften einer Liste dazu beitragen, dass an einem Text sein Rhythmus hervorsticht und die Semantik überschattet: die Materialität den Sinn überragt. Zuletzt vergleichen wir anhand konkreter Übertragungen die Liste als visuelles und als akustisches Phänomen.

Wir können, scheint uns, den Punkt, an dem eine Liste zu einem rhythmischen Gebilde wird, genau bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Perspektivwechsel, die entscheidende Überschreitung eines gewissen Horizonts, sodass dasselbe Material von der anderen Seite rezipiert wird. Das Phänomen als sinnliches kennen wir von cognitive satiation, dem Sinnverlust eines Worts oder Symbols durch seine materielle Wiederholung. Der Inhalt einer Liste wird sekundär, der Sinn tritt hinter den Klang oder die Erscheinungsform zurück, also hinter den Rhythmus.

Die Semantik verschwindet mitnichten. Auch Witze, Wortfelder und Bedeutungen können rhythmische Strukturen erzeugen, tun es häufig auch im Zusammenspiel, im Wechsel von Einklang und Widerspruch mit den materiellen Erscheinungsformen.

Der Kipppunkt ist in der Art wie die Stelle, wo zwei Eisenbahnen aneinander vorbeifahren, ein flüchtiger Moment im Verhältnis von zwei graduellen Skalen zueinander. Häufig lässt sich ein Kunstwerk auf beide Weisen gültig betrachten. Wir wissen von Dichtung allgemein, dass ihr musikalischer Klang kaum nebensächlich ist und sich nicht nur im Mitschwingen von Homologien am Funktionieren des Gedichts beteiligt. Wir wissen auch von den unzähligen Erscheinungsformen eines Gedichts und dass dieselben Worte, flüchtig linear durchgelesen, gehört, langsamer, durcheinander gelesen oder gar analysiert mit Mühe als dasselbe Gebilde erkennbar sind.

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Gemeinhin wird ein Gedicht als etwas Statisches untersucht, man zielt dabei auf Ergebnisse ab. Was man vom Gedicht erfährt und durch es erlebt, wird dem Gedicht zugeschrieben, gegebenenfalls gutgeschrieben und im Gedicht verbucht. Man macht das Buch zu und die Ergebnisse der Lektüre sind fortan an dieser Stelle im Regal zu finden, bzw. in Annexform in einer Rezension oder wissenschaftlichen Arbeit. So vergrößert sich die Menge davon, was ein Gedicht ist, mit den Lektüreinstanzen, die Lesarten stapeln sich sozureden auf dem Text. Etwas seltener wird die Rezeption eines Texts in seinem Ablauf untersucht, als Abfolge von Ereignissen. Wenn auch die Metapher vom Text als Partitur eine gängige und abgedroschene ist [1], sind die Konsequenzen einer solchen Sicht- oder Hörweise nichts, womit wir sehr vertraut umgingen [2]. Während, wenn wir etwas mehr ins Detail gehen, der Klang, die sinnliche Manifestation von Texten durchaus ein akzeptiertes und bekanntes Rezeptionsfeld ist, sind die damit oft simultanen, aber ungleich komplexeren kognitiven Prozesse eher im Schatten geblieben, vermutlich gerade wegen ihrer Komplexität und Unsichtbarkeit einerseits, andererseits, weil Denken mit einem Hantieren mit Gedanken gleichgesetzt wird. Während uns die Terminologie der Musik zur Verfügung steht, um den klanglichen Ablauf eines Texts zu beschreiben, sind die Begriffe, mit denen wir arbeiten können, wenn wir geistige Prozesse untersuchen, disparat und erratisch, ziehen jeweils ganze philosophische Systeme und haufenweise Theorien und Annahmen mit sich, wie eben Pointe, Homologie, die ganze Terminologie der Rhetorik, der Psychoanalyse, etc. Hinzu kommt, dass die Metasprache häufig viel grober ist als ihre Untersuchungsgegenstände, wenn wir von Literatur sprechen. Erlauben wir uns dabei, alle sprachlichen Register zu ziehen, so kommt erst wieder ein quasiliterarischer Text zustande, der mehr abverlangt, als man offenbar auf einer normativen Ebene der Allgemeinheit zumuten kann.

( Was in der Literatur als “sprachliche Schöpfung” sanktioniert und als Originalität gefragt ist, wird in einem wissenschaftlichen Kontext als “Einführen neuer Begrifflichkeiten” scheel angesehen. Dann wird auf Ockham’s Rasiermesser verwiesen, obwohl ein Prinzip der begrifflichen Ökonomie ja gerade nicht besagt, man solle lieber mit umständlichen und plumpen, aber etablierten Begrifflichkeiten arbeiten, als neue zu erfinden. Außerdem kann sich ein literarischer Text erlauben, Wohlwollen vorauszusetzen, während wissenschaftliche Begrifflichkeit zwingend, allgemein einleuchtend, leicht handhabbar und übertragbar sein sollte, um in ganz unterschiedlichen Kontexten gebrauchstüchtig zu bleiben. Das sind nicht immer die Eigenschaften, die überlieferte Begriffe aufweisen. Sie sind nicht einmal immer besonders deppensicher. Jedes Mal muss man sie neu klären, bevor man mit ihnen arbeitet, nicht alle machen das, dann müssen auch noch Missverständnisse geklärt werden. Weil wissenschaftliche Begriffe nichts mit Unwägbarkeiten der Seele zu tun haben dürfen, bleiben diese außen vor und verdrücken dann doch alles in einem kaum unter Kontrolle zu haltenden Rahmen außerhalb der Reichweite der Wissenschaft. Man mag einen Begriff oder lehnt ihn ab, und meistens hat das Gründe, die für die Verfeinerung der Begriffe sehr interessant wären. Andererseits steht, wenn man das macht, immer mehr in Frage, als man überhaupt untersuchen kann, man verzettelt sich und so weiter.)

Ein textrezeptiver Ablauf, der völlig klar und einfach im Erleben vorliegt, kann oft kaum beschrieben werden, obwohl nichts Mysteriöses oder Außergewöhnliches an ihm ist, zum Beispiel sehen die Ironietheorien meist ziemlich blass aus. [3]

Auf einer primitiven strukturellen Ebene haben ein rhythmisches und ein Sinngebilde gemeinsam, dass sie sich dialektisch in den Möglichkeiten von Gleichförmigkeit und Differenz ( Abweichung, Kontrast ) bewegen. Das lässt sich nicht von der Funktionsweise des menschlichen Hirns abstrahieren. Wie Regelmäßigkeit und Abweichung erkannt werden, wird, zum praktischen Nutzen in der Informatik, als Pattern Recognition erforscht, ein Feld, das die Rezeption von allem betrifft und das wir hier nicht betreten wollen, mangels Übersichtsliteratur auch nicht können. Diese Dialektik lässt sich allerdings mit der von Selektion und Projektion kurzschließen. Um überhaupt den Unterschied zwischen Gleichförmigkeit und Abweichung zu konturieren, ist eine ausreichende Manifestation von Gleichförmigkeit notwendig, andernfalls wäre die ständige Unterschiedlichkeit gleichförmig. Die Liste “Ei, Lauch, Abstraktion, Jessasmaria, T-shirt, verdammt, Stift, Tisch, Erhabenheit, gegessen, singen, dreckig” werden wir, unfähig, darin Parameter zu erkennen, als zufällig, chaotisch, sinnlos verbuchen, während wir in “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” sofort ein Muster erkennen, das von einer Abweichung durchbrochen wird, ebenso in “Ei, T-shirt, Lauch, Tisch, Stift, Messer, Tesafilm, Papier, Erhabenheit, Laptop”: ein plötzliches Abstraktum sticht heraus. In “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” wird die Abweichung parallel zum Sinn auch durch den Klang erzeugt. Wir haben einige dieser Dynamiken oben beim Pointenwitz illustriert. Eine Pointe jedoch stellt eine Einlösung durch plötzliche Enthüllung der Doppelnatur der im Anlauf auf sie erlebten Strukturen dar, eine Sinngebung dessen, was wir bis zu ihr durchgemacht haben. Oswald Wiener zufolge vergessen wir danach die Sache, verbuchen sie als erledigt [4] , zumindest: Wenn wir Menschen sind, die sich keine Witze merken, dann aus diesem Grund.

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[1] – Aus irgendeinem Grund wird einfach das Wort “Partitur” gerne gesagt. Es klingt wohl etwas gelehrter und weniger naiv, als wenn man bloß ein Gedicht mit Musik vergleichen würde. Tatsächlich gibt die Metapher in den Fällen, wo sie nicht hinkt – beispielsweise angewandt auf Lautgedichte fuer mehrere Stimmen, wie sie Hugo Ball oder Tristan Tzara für ihr Cabaret zu Papier brachten, oder in Gerhard Rühms Stück “12:4 für 4 stimmen” (1962; in: Die Wiener Gruppe. Wien, New York: Springer 1997. S. 616ff) – nicht viel her, weil sie wörtlich zutrifft, und wo dies nicht der Fall ist, hinkt sie zum Himmel.
[2] – Und doch sein müssten, sind sie doch das, was auf Visualisierungen von Gehirnaktivitätsmessungen erscheinen.
[3] – Jemand müsste die Geduld und die wissenschaftliche Selbstsicherheit haben, um in der Arbeit eines Lebens ein paar der grundlegendsten und einfachsten geistigen Vorgänge auf einer Metaebene zu bezeichnen, denkt man sich. Damit man, jetzt im Beispiel Ironie, nicht immer von Differenz wie von einem großen fetten Kausalgrund spricht und dort stehenbleibt. Und so. Allerdings haben es eh schon viele gemacht. Sie haben sich mit ihren Begriffssystemen dabei aus intrinsischer Notwendigkeit zu weit aus dem Fenster der Konvention gelehnt, um vom Kanon getragen zu werden. Viele sind im Irrenhaus gelandet oder in der Gosse.
[4] – Oswald Wiener: Humbug. In: Der Ficker 2. Wien: Schlebrügge 2006. S. 96-116.

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Ann Cotten : Nach der Welt – Die Listen der Konkreten Poesie und ihre Folgen . Nicht- Erzählung mit Manifest – Klever Verlag , Wien 2008

Ann Cotten @ Salon Littéraire

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