Salon Littéraire | Ann Cotten : sie fällt

 

Salon Littéraire | Ann Cotten : sie fällt

 

es ist dunkel. nichts ist. ein helles, scharfes geräusch. zweimal knapp hintereinander, dann noch einmal. es ist ein vogel. es ist morgen.

die schulter ist da. neben ihr, sie spürts. der rücken ist hinter ihr…oben. unter ihr – der polster. er wird gewälzt, ist klein. der vogel zirpt.

in der nacht. es war völlig dunkel. der vogel zirpte. wann zirpt er nicht? dazwischen.

es wird schwarz. ihr gefällts.

sie wacht auf. wer ist da? morgen. sie wacht auf. es ist halbwegs hell. morgen ist! jetzt sind ihre beine. sie hüpft auf und schleudert die decken weit von sich. sie gähnt laut und stürmt ins bad. sie wälzt sich vorsichtig auf die andere seite. wo ist der rücken? da.

wo ist das tschilpen? dort! dort! sie springt auf und reißt die tür auf. etwas klägliches läuft davon, so schnell seine beine es tragen, zwei stück. war sie das? ich bin zu spät. ich bin zu spät. es fängt an zu regnen. sie spannt den rücken aus, sie spürt den mittleren teil. der rechte arm ist eingeschafen. er befindet sich unter dem polster. das fleisch fühlt sich fremd an. war das gestern? es ist gräulich. sie kann nicht dem gesamten vormittag ins angesicht schauen.

sie kann sich nicht ins gesicht schauen. wie denn! es gibt bröseln in den augen. die haare fühlen sich nicht gut an. sie ist nicht da. was wars gewesen, fallen? sie macht die augen zu. es ist dunkel. sie ist da. der vogel tschilpt. sie ist nicht da. sie ringt mit einer schlange.

Copyright Anne COTTEN sie schlaeft 01

die schlange heißt schlaf. sie will sie mit gift beißen. die giftzähne streifen ihren arm. der arm liegt eingeschlafen unter dem polster. die schlange muss sie beißen. ihre linke hand kann den nacken der schlange nicht fassen. sie windet sich raus und die zunge der schlange züngelt um ihren nacken. sie hat den mund offen, sagt nichts. sie schreit nicht bei alpträumen. sie kennt sich aus. sie weiß, was schlaf ist. sie ist nicht da.

wer ist da? sie! morgen ist.

was tun? der vogel tschilpt zweimal pro sekunde. dann drei sekunden nicht, dann wieder. sie hat die ganze nacht verschlafen, dann dreimal das tschilpen gehört, dann nicht. die ganze nacht sein und nichts. jedes tschilpen könnte das erste sein. handelt es sich um solipsie oder überredungskunst? sonst könnte der andere vogel einmal einwilligen. bins ich? aufstehen? es regnet nicht mehr.

wer ist sie? da!

ich stehe. der vogel tschilpt zweimal pro sekunde. dann drei sekunden nicht, dann wieder. ich hab die ganze nacht verschlafen.

DER VOGEL
Es ist wie mit dem Ofen abdrehen. Oder du: ich habe dich ja beim Zähneputzen gesehen. Du gehst herum, du putzt dir gerne die Zähne, und das hat damit zu tun, wie es funktioniert. Es putzt dir die Zähne. Du bist nie ganz durch, du musst dich ständig wieder einer anderen Stelle zuwenden, die du ungeputzt glaubst, obwohl du sie in der letzten halben Minute schon oft geputzt hast. Es macht das von alleine. Du musst nur die Hand an der Zahnbürste lassen und kannst in die Gegend kucken. So machen wir das auch. Jedes Tschilpen ist das erste überhaupt. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob wir schon vorher getschilpt haben. Jedenfalls nicht, ob wir so gut getschilpt haben wie möglich. Sobald vergangen, hat das Tschilpen einen anderen Status, einen ungreifbaren, ja seine Existenz ist im höchsten Grade fragwürdig.

sie geht durch wiesen, sie muss es, sie nässen sie. es ist tau oder regen. hat es in der nacht geregnet, ist es regen, nein? dann tau. sie hat keinen blassen schimmer. sie geht zügig und was sie stört ist der gedanke, dass sich grashalme zwischen die teile der sohlen ihrer schuhe keilen, die ohnehin auseinanderfallen. sie lässt die füße in einem winkel von jeweils 45° auf das gras und auf den boden treffen und hofft, damit der keilung zu entgehen. sie weiß nicht, ob sie ist, sie schläft vielleicht. es gibt eine trübung ihres gesichtsfelds, links. die farben sind anders. sie geht, sie läuft, sie geht, sie dreht um, sie denkt: genug, ich drehe um. nach drei viertel des wegs brennt sie eine brennessel am schenkel, durch die hose durch. da!

so ähnlich wie die grashalme ist der gesang der vögel. gesang ist ein euphemismus. es sind schmucklose geräusche von einer wohlgerundetheit und schlanker funktionalität, wie sie auch von grashalmen aufgewiesen werden. auch hier treten manche heller ins bewusstsein, von einer gegebenen perspektive aus, andere verschwinden im schatten dahinter, alle sind grün. nur die funktionalität des gesangs lässt sich nicht so einfach durchschauen wie die der halme. bieten sie dem hören eine möglichst große fläche? ähnlich wie die eigene haut aufgrund der fältchen, der unsichtbaren oder weniger sichtbaren teile also, eine weit größere fläche besitzt als angenommen? so werden in der stadt werbeflächen verkauft, dazwischen schießen die keiler hervor, wer gewinnt? wer mehr schwung hat. man kann, wie jeder weiß, mit einem zwischen zwei daumen gespannten grashalm die radikalsten geräusche erzeugen.

Copyright Anne COTTEN sie schlaeft 02

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Ann Cotten

geboren 1982 in Ames , Iowa, seit 1987 in Wien , seit 2006 in
Berlin als Schriftstellerin und Übersetzerin . Studium der Germanistik , Produktion von Prosa und Lyrik .

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