Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER I , Nikolaj Gogol

 

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Obstsorten 01

NOKOLAJ GOGOL. Eine Kohlsuppe mit Pastete aus Blätterteig, die man in Gasthöfen für die Durchreisenden wochenlang aufzuheben pflegt, Hirn mit jungen Erbsen, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Poularde, eine Salzgurke und der obligate Blätterteigkuchen, aufgewärmt und kalt, eine Portion kalten Kalbsbraten, eine Flasche Kwas, eine einfache Kohlsuppe, die von Herzen kommt, eine Pastete aus Eierteig gebacken, Pilze, Pastetchen, Pfannkuchen und Fladen mit allerlei Zutaten, mit Zwiebeln, mit Mohn, mit Quark, mit Stinten und weiß Gott mit was sonst noch allem, eine Pastete aus Eierteig, Austern, Seespinnen und andere Meerwunder, ein Spanferkel, eine Scheibe Stör oder irgendeine Bratwurst mit Zwiebel, eine kochend heiße Sterlettsuppe mit Aalen und Fischmilch, Pasteten mit Schwanzstücken vom Wels, ein Spanferkel mit Meerrettich und saurer Sahne, ein Huhn, einen Kalbsbraten, Hammelleber, gedörrten Stör als Vorspeise, Ebereschenschnaps, so mild wie Rahm, aber nach gemeinstem Fusel schmeckend, Tee neben einer Flasche Rum, Brotkrumen, kleine Vorspeisen, je ein Glas Schnaps, zum Schnaps einige gesalzene und andere appetitanregende Gottesgaben, eine Kohlsuppe, ein Riesenstück von der bekannten “Njanja”, eine Kohlsuppe, die mit Buchweizengrütze, Hirn und Füßchen gefülltem Hammelmagen gereicht wird, Schweinekoteletts und gekochte Fische, einen Kater, das Fell abgezogen und als Hasen aufgetragen, was in den Mülleimer gehört, landet in der Suppe, Hammel, eine Hammellende mit Brei, kein Frikassee, wie es in den Herrschaftsküchen aus dem Hammelfleisch gemacht wird, das vier Tage auf dem Markt herumgelegen hat, Schweinebraten, Hammelbraten, den ganzen Hammel, Gänsebraten, eine ganze Gans, Käseküchlein, jedes größer als der Teller, ein Truthahn von der Größe eines Kalbes, mit allerlei guten Dingen gefüllt, mit Reis, Eiern, Leber und Gott weiß was sonst, Tellerchen mit Eingemachtem, Birkhühner oder Wildenten zu Mittag, zuweilen auch nur Sperlingseier, aus denen sich eine Eierspeise machen lässt, verschimmelter Zwieback vom Stollen, den Alexandra Stepanowna mitgebracht hat (den Schimmel mit einem Messer abkratzen), Weißlachs, Störe, Salm, Preßkaviar, Malossolkaviar, Heringe, geräucherte Fische, Käse aller Sorten, geräucherte Zungen und Störrücken, eine Pastete mit den Knorpeln und dem Kopf eines neun Pud schweren Störes, eine andere Pastete mit Schwämmen, ferner Butterbrezeln, Pastetchen und Quarkkuchen, ein etwas abseits liegender Stör, ein dunkler, olivgelber Schnaps, von der Farbe, wie sie nur bei gewissen sibirischen Halbedelsteinen vorkommt, winzige gedörrte Fischchen, den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes mit den Nieren, eine Pastete mit vier Ecken, in der einen Ecke Backen eines Störs und Hausensehnen, in der anderen Buchweizengrütze mit Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und ähnlichen Sachen, die eine Seite schön braun, die andere Seite heller, durchgebacken, ganz durchgeschmort, dass sie nicht auseinanderfällt, sondern im Mund wie Schnee zergeht, ohne dass man es merkt, als Beilage zum Stör Sternchen aus roten Rüben, Stinte, Pfefferschwämme, dann noch junge Rüben, Möhren, Bohnen und noch so was, überhaupt recht viel Garnierung, im Schweinsmagen ein Stück Eis, damit er ordentlich aufquillt, eine Suppe aus frischem Grünzeug und den ersten Kräutern des Frühjahrs bereitet … In den Toten Seelen wird viel gegessen. Doch dann ein Brief, in dem Gogol schreibt, lieber hungers sterben, als ein unüberlegtes, unüberarbeitetes Werk publizieren. Und dann zu Beginn der Fastenzeit ein letzter Brief an die Mutter mit der dringenden Bitte, sie möge doch alles tun, um ihre kostbare Gesundheit zu bewahren, sich einer Kräuterkur unterziehen, “natürlich unter Maßhalten in der Ernährung und Beachtung einer Diät.” Kurz darauf, am 21. Februar 1852, starb Gogol an den Folgen seines Hungerns. |||

Bernhard Kathan

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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )

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