Salon Littéraire | Bernhard Kathan :
HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms
VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

1. Tue jeden Tag etwas Nützliches. / Man druckt mich nicht mehr. Man zahlt mir das Geld nicht aus und begründet das mit irgendwelchen zufälligen Verzögerungen. Ich fühle, es geht etwas Geheimes, Böses vor. Wir haben nichts zu essen. Wir hungern fürchterlich. Ich weiß, dass mein Ende gekommen ist. / 2. Stehe spätestens um 12 Uhr auf, außer in extremen Fällen. / Schwäche, Hunger und belegte Zunge, der ewige Drang zur Nahrungsausscheidung und die schmiegsamen Säfte zärtlicher Mädchen sind schreckliche Störungen. / 3. Wenn du aufgewacht bist, stehe sofort auf, ergib dich nicht in morgendliche Betrachtungen und auch nicht dem Wunsch zu rauchen. / Mich interessiert nur der “Quatsch”; nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung. Heroismus, Pathos, Schicksal, Moral, hygienisch Reines, Sittlichkeit und Glücksspiel - sind mir verhasste Wörter und Gefühle. Dagegen begreife und achte ich zutiefst: Entzücken und Begeisterung, Inspiration und Verzweiflung, Leidenschaft und Beherrschung, Laster und Keuschheit, Kummer und Leid, Freude und Lachen. / 4. Treib jeden Morgen und jeden Abend Gymnastik und reibe dich danach trocken. / Ich will nicht länger leben. Ich brauche nichts mehr. Hoffnungen habe ich keine mehr. Ich brauche Gott um nichts zu bitten, was Er mir auch schickt, soll geschehen: ist es Tod, dann Tod, ist es Leben, dann Leben, - alles, was Gott mir schickt. In Deine Hände, Jesus Christus, lege ich meinen Geist. Behüte und bewahre mich und schenke mir das ewige Leben. Amen. / 5) Täglich mindestens 10 Gedichtzeilen schreiben. / So beginnt der Hunger: Morgens erwachst du frisch und munter, dann beginnt die Schwäche, dann beginnt die Langeweile; dann kommt der Verlust der raschen Verstandes Kraft, - dann kommt die Ruhe. Und dann beginnt das Entsetzen. / 6). Mindestens eine Seite Prosa im Heft schreiben. / Mein Gott, was für ein entsetzliches Leben, und ich in was für einem entsetzlichen Zustand. Ich kann nichts tun. Dauernd will ich schlafen, wie Oblomov. Keine Hoffnung. Heute haben wir das letzte Mal gegessen, Marina ist krank, sie hat beständig Temperatur von 37-37,5°. Ich habe keine Energie. / 7). Etwas über Religion oder Gott lesen, oder die Wege hinzugelangen, mindestens drei Seiten. Über das Gelesene nachdenken. / Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen … Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, vor allem an Fleisch, an Vodka, an Bier, an eine mollige Jüdin. / 8) Zeitungen lesen. / Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er der Tag des Leidens. Kein Essen, kein Essen, kein Essen. Ich will essen. Oh oh oh! Ich will essen. Ich will essen. Das ist mein Wort. Ich will meine Frau ernähren. Ich will meine Frau ernähren. Wir hungern sehr. Ach wieviele schöne Sachen gibt es! Ach wieviele schöne Sachen gibt es! / 9) Jeden Tag die Anzahl der umsonst verbrachten Stunden notieren. / Ich staune über die menschlichen Kräfte! Heute ist schon der 12. Januar 1938. Unsere Lage ist noch um vieles schlimmer, aber wir schleppen uns immer noch weiter. Mein Gott, schick uns nur bald den Tod. / 10) Wenn du allein bist, beschäftige dich mit einer klar umrissenen Arbeit. / Unsere Lage hat sich weiter verschlimmert. Ich weiß nicht, was wir heute essen werden. Und was wir weiter essen werden, weiß ich ganz und gar nicht. Wir hungern. / 11) Verringere die Zahl derer, die bei dir übernachten, und nächtige selbst vor allem zu Hause. / Die Tage meines Untergangs sind gekommen. Habe gestern Andreev gesprochen. Ein sehr schlechtes Gespräch. Keine Hoffnungen. Wir hungern, Marina wird immer schwächer, und mir tut außerdem wie wahnsinnig ein Zahn weh. Wir gehen zugrunde - Gott, hilf! /12) Nicht später als 2 Uhr nachts ins Bett gehen (Licht aus). / Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, lass mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.
Daniil Charms (1905 - 1942) : Tue jeden Tag etwas Nützliches.
Daniil Charms, Autor zumeist grotesker und absurder Kurzgeschichten, Theaterstücke und Gedichte . Er starb am 2.2.1942 während der Leningrader Blockade in der Gefängnispsychiatrie an Unterernährung.
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- Bernhard Kathan
- Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER I , Nikolaj Gogol
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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )
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