Salon Littéraire | Bernhard Kathan :
HUNGERKÜNSTLER III , Paul Scheerbart
VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Geschäftig packen gehorsame Diener Wein- und Esskörbe aus. Das verbessert die Stimmung. Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende Getränk. Alsdann werden Datteln und Bananen, Feigen und Kirschen, Äpfel und Mandeln, Weintrauben, Pfirsiche, Nüsse, Oliven, Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in fein getriebenen Metallschalen herumgereicht. Wird die Köchin nicht bald eine neue Torte backen? - mit Zucker, Zitronen und - und frischen Kräutern oder so was weich Zerfließendes? Wenn Du mir einen Apfel schälen wolltest, würd’ ich Dir dankbar sein. Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge, würd’ ich mich sehr freuen. Die Kirschen sind gut. Ich liege auf einer Wolldecke auf dem Rücken und betaste mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite. Ich blicke zu den verblassenden Sternen hinauf und träume von meiner Köchin. Das Boot schaukelt so wohlig, und die Augenlider fallen mir zu. Ich taste im Traum überall umher. Bald fasse ich nach Sternen, bald nach Kochtöpfen. Im Traum wird mir befohlen, aller Menschen Nase zu befühlen. Ich atme sehr schwer, denn die Aufgabe dünkt mich nicht leicht. “Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht!” Bei diesen Worten hebt die Köchin schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer runter, stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das Fleisch aus dem Topfe heraus. Das Feuer schlägt lodernd in den rußigen Schornstein empor. Ich greife nach ihrer Hand, die noch immer den Blechlöffel hält, berühre sehr demütig mit den Lippen die braunen Finger, um dann der Köchin den Mund mit einem Kuss zu schließen. Das weiße Leinenhemd, das den Oberkörper faltig umschließt, sieht auch sackartig aus. Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes, das so bläulich-weiß aussieht wie Kuhmilch, die verwässert wurde. Die kräftigen braunen Arme wirtschaften eifrig am Herde, ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder Bewegung bald nach rechts - bald nach links, ihre großen schwarzen Augen glänzen unter buschigen Brauen. Sie zeigt ihre weißen Zähne, schüttelt sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn: “Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren?” “Ich habe Hunger.” Rechts die weiße Küchenwand, an der eine lange Reihe starker Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufblitzt. Hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke. Der Holzteller, auf dem die Eier ruhen, ist ganz neu und von einem ganz alten Beduinen am Rande geschnitzt. Auf dunkelblauem Porzellan sauren Waldsalat. Dann Bratfisch: Ich fühle mich so sehr wohl. Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben. Ich empfinde das jetzt noch. Kennst Du das auch? Es ist mir in meinem ganzen Körper so unbeschreiblich wohlig. Es überkommt mich so plötzlich eine ganz selige Stimmung. Ich denke Nichts, ich fühle nur. Mein ganzer Körper fühlt. Ob eine so allgemeine körperliche Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist? Ich habe noch garnicht Lust zum Essen. Ich fühle mich so sehr wohl. Jetzt merke ich etwas über dem Magen - unter der Brust … Die Köchin pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen herum, rückt den Dreifuß zurecht, setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett darin. Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und bratet den Fisch. Gib mir Brot und den Salzbottel. Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig. Die große Köchin kostet ihn und sagt: “Hm!” Danach reicht sie mir Brot, Salz und Fisch und sagt: “Nun?” Ich streichle ihre Hand und will noch eine Zitrone. Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken Zinnteller. Mir ist, als wäre ich ein Riese und säße vor dem großen Meer - und mir kämen die einzelnen Fischteile wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören, in dem die Windfische herumspringen. Ich beiße in eine Olive hinein und umarme meine Köchin, küsse ihr die Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die heißen Lippen. Aus dem Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche. Vom Feuer her riecht man jetzt das kochende Fleisch. Im rußigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen. Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der schmutzige Scheuereimer. Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf. Der Wein macht mich Dichter ganz tiefsinnig. Der Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern. Wir müssen immer wieder neue Reize suchen - sonst stumpfen wir ab. Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht alle Tage essen. Ich blicke in eine tiefe Holzwanne, in der sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln; sie winden sich durcheinander und hauen sich mit den Schwanzspitzen … Die Köchin rührt Teig, aus dem dunkle Kronenklöße gemacht werden. Ein paar dicke blutige Rindskeulen, die an kräftigen Eisenhaken vor der weißen Kalkwand hängen. Und nun noch die vielen Kiepen mit Pfirsichen, Birnen, Gurken, Waldbeeren und Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben - in einer Reihe - ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite. Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken. Ich erinnere mich heute fast an meine halbe Vergangenheit. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse - so empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge - nur so halb - aber sie würzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen. … Verschärfen lässt sich ein Genuss, aber nicht verlängern - das ist wichtig. … Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen - als sie ist - sie ist auch kein Gummiband … Und dann darf man nie vergessen, dass man einen andauernden Glückszustand nicht in sich erzeugen kann. Und nun eine lange Küchenrechnung. Zuerst gibt’s Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln. Wie die roten Schalen knacken und knistern! Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen. Der zweite Gang ist saurer Aal in Panthertunke. Der Springbrunnen plätschert. Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein. Und dann gibt’s indische Schnecken. Die Gesichter der Gäste glänzen. Man isst Antilopenschinken mit gefrorenem Wurzelsalat - und zwar nicht wenig. Kamelsgehirn gebacken. Nun kann ich mich nicht länger halten. Schildkröten gesotten. Gebratene Tauben. Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern, wird mir so gereizt zu Mute. Süßigkeiten werden herumgereicht, Zuckergebäck, Kirschenpudding. Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen heißen Tee in blau bemalten Porzellanschalen herbei. Wie die Mädchen verstummen, wird in goldenen Gefäßen seltenes kostbares Zuckergebäck herumgereicht. Und darauf gibt’s Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken - teils gebraten - teils gekocht - Hammel, Rind und Hühner … aber viele viele Pfunde. Man isst mit dem Dolch. Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen - ein Morgenfest soll immer in großen Zügen gefeiert werden. Ein paar tausend Sklaven bedienen. Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen. Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den Blumen - durch das Grün der Bäume. Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln - wie Rubine, Saphire, Smaragde. Blumenmädchen - ganz mit bunten Blütenketten umhüllt - wandeln langsam hinter einander mit knisternden Pechfackeln in wohlberechneten Kurven über den Kies der Gartenwege. Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor - rote und grüne - bengalische Flammen. Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in die Luft - die Pulverflammen schlagen blitzschnell - unheimlich - wie Geisterfäuste - in den dunklen Sternenhimmel hinein. Und morgens dann frische Fische aus dem Tigris. Und wenn ich betrunken und ohne Dolch nach Hause komm, wird die Köchin nicht müde, auf mich loszuhacken, mir einen Topf mit Milch an den Kopf zu werfen, dass mir die weiße Milch übers Gesicht rinnt. Als reichte das nicht, schreit sie wie verrückt und haut mir mit einem Schrubber auf den Kopf. Ich packe sie an die Gurgel. Aber ach! - in dieser wüsten Nacht bin ich schwächer als die Köchin. Sie verprügelt mich und wirft mich durchs Fenster in den Garten. Töpfe, Flaschen, Kruken, Holzstücke, Gläser, Eimer voll Wasser - und alte Fleischstücke - greulich! - alles Dieses fliegt mir an den Schädel. Derweil liegen Frauen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen und langweilen sich. Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument, das mit blitzenden Diamanten verziert ist. Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Zymbeln von Zeit zu Zeit leise an einander. Doch nach dem Bade werde ich von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen gesalbt. Die Köchin zerschneidet vorne eine große Nusstorte und kümmert sich nicht um die Gesellschaft. Die Blumen duften paradiesisch und goldene Äpfel fallen mir auf die Nase. Der Himmel wird ganz dunkelblau. Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel - auch herunter in den Garten, in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies. Ein Duft von gebratenen Hasen weht mir aus dem Fenster entgegen. Die Köchin bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen. Es gibt Fleischpasteten und kalten Bratfisch, Pfirsiche, Oliven und Weintrauben, afrikanische Schotentorte und Marzipan. Ich liege unter Oleanderbäumen, starre in den Vollmond und träume von tiefer Einsamkeit, von einem Weibe, das nirgendwo lebt, das ich mir nur denke, von einer andern Welt, in der’s andre Frauen gibt als hier auf der Erde. Ich will einsam leben, ganz einsam, ganz allein, auf Alles verzichten und nur allein sein. Alle meine Freunde kränken mich nur. Ich bin es müde, mit ihnen zu spaßen. Ich will sie nicht mehr sehen.
Essphantasien des darbenden Paul Scheerbart ( 1863 - 1915 ). So man es glauben will, starb er am 15. Oktober 1915 an Entkräftung, nachdem er aus Protest gegen den Krieg jede Nahrungsaufnahme verweigert hat. Sicher ist, dass Scheerbart oft nicht wusste, wovon er in den nächsten Tagen leben sollte.
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- Bernhard Kathan
- Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER I , Nikolaj Gogol
- Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms
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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )
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