| Salon Littéraire |
Die Formel zum Sturz der Welt haben wir nicht in Büchern gesucht, sondern auf Irrfahrten.
Guy Debord
Deutschlands größte Stadt ist gar keine Stadt, zumindest verwaltungstechnisch bildet sie keine Einheit. Der größte Ballungsraum des Landes mit seinen mehr als 5 Millionen Einwohnern hat je nach Betrachtungsweise viele Zentren oder keines. Auch seine Grenzen sind nicht klar definiert. Jedenfalls handelt es sich beim Ruhrgebiet um die exemplarische Stadtlandschaft der Moderne: zusammengewuchert nach den Maßgaben von Bergbau & Schwerindustrie, weitestgehend ohne städtebauliches Konzept – eine Stadt, die es vor der Industrialisierung nicht gab & die sich nach dem Ende des Industriezeitalters neu erfinden muß. Eine städteübergreifende Planung wurde nur zur Schadensbegrenzung & in Krisenzeiten angestrebt, vom Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, der die Ansiedlung der nach dem 1. Weltkrieg benötigten Arbeitskräfte in geordnete Bahnen lenken sollte bis zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park in den neunziger Jahren, die Konzepte kreierte für Reparaturen an der geschundenen Landschaft.
Das Ruhrgebiet stellt sich heute dar als Patchwork aus alten Ortskernen, Industriebrachen, Arbeitersiedlungen, Verkehrsflächen. Die Grenzen zwischen den Städten verschwimmen dabei ebenso wie die zwischen Zentrum & Peripherie. Mit dem Erfahrungswert ›europäische Stadt‹ kommt man hier nicht weiter. Wenn ich mich in Stockholm, Köln oder Budapest von der Innenstadt aus in Richtung Stadtrand bewege, dann weiß ich im Prinzip, was mich erwartet: ein Altstadtkern (zerstört oder nicht), ein Gründerzeitgürtel, Wohnbauten des 20. Jahrhunderts, schließlich der sogenannte Speckgürtel. Im Ruhrgebiet weiß ich es nicht. Unversehens finde ich mich wieder im Zentrum der Nachbarstadt, in einer ländlichen Enklave, an einer Autobahnbrücke oder auf einem Zechengelände.
Diesem urbanen Flickenteppich an Ruhr & Emscher versuche ich mit den literarischen Mitteln einer Großcollage nachzuspüren, deren Gefüge sich natürlich erst in der Spannung mehrerer Abschnitte richtig erschließt. Grob unterscheiden lassen sich Passagen, die als historische Tiefenbohrungen angelegt sind & die Texte & Überlieferungen unterschiedlichster Provenienz mobilisieren & montieren, um in diese Räume “einzudringen”, von Abschnitten, über denen auch das Zitat von Ilse Aichinger stehen könnte, das ich meinem Buch China Daily vorangestellt habe: “Die Oberflächen sind wichtig.” Bei diesen mit “Dérive” überschriebenen Passagen, die damit auf die urbanistischen Theorien der Situationisten anspielen, handelt es sich um Bewegungen im Hier & Jetzt des Stadtraums, den “Verlockungen des Terrains” folgend, wie Guy Debord sie beschrieben hat – eine strikt subjektive Aneignung der Räume, die durchaus etwas Abenteuerliches hat.
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- Aufruhr IV : Rheinhausen
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