Salon Littéraire | Harald Gsaller :
ZWANG
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WENN DICH ALSO JEMAND REIZT, SO WISSE, DASS ES DEINE EIGENE VOR-
STELLUNG IST, DIE DICH GEREIZT HAT. Epiktet
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1
Im Zwang
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1.1.
Wittgenstein
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Der Mann muss den Pullover noch einmal hervorholen und wieder weglegen, ohne diesen Gedanken zu denken. Erst nachdem das geglückt sein wird, wird er den Schrankraum verlassen können.
Der Mann muss die Tasse noch einmal hochheben und wieder abstellen, ohne diesen Gedanken zu denken. Erst nachdem das geglückt sein wird, wird er die Küche verlassen können.
Er wird auch den Wohnungsschlüssel noch einmal hineinstecken und wieder herausziehen müssen, ohne diesen Gedanken zu denken. Erst nachdem das geglückt sein wird, wird er in die Stadt gehen können.
Wenn ich gestört werde, muss ich von vorn beginnen.
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Er hat Angst, jemand könnte denken, er sei verrückt.
Sind Sie immer noch nicht fertig?
Als Ferialpraktikant, den die VÖEST (noch mit Ö-Strichen) für einen Monat zur befreundeten, drei Jahre später konkursreifen, Stahlhandelsfirma Bartella Ltd. in die Londoner City geschickt hat, zählt der junge Mann am Dach der Firma die großen, über die Dächer hereinschwebenden Jumbos, sooft er sich freimachen kann, weil die Kollegen keine Aufgaben – “What can our Junge do”? – für ihn finden. Selbst Amanda aus Australien, die oft mit VÖEST-Österreich telefoniert, weiß nicht genau, wo Linz oder Österreich liegt. Gleich am ersten Morgen im Landladyhaus verliebt der Junge sich in eine Studentin aus Paris, in Beatrice, als er, die Türe zum WC aufreißend, eine junge, sich zwischen den Beinen das Lulu abwischende Frau vor sich hat. Während die Jumbos über den Dächern der City hängen, intoniert der Junge den Beginn von “Atom Heart Mother”, kauft in einem vierstöckigen Ding nur für Schallplatten mehrere Platten Pink Floyd, die es in der Linzer Landstraßen-Musikhandlung Pirngruber noch gar nicht gibt, taucht ein in große SF-Buchhandlungen wie “Dark They Were and Golden Eyed”, versucht es mit gesalzener Butter und Bitterorangenmarmelade auf Toastscheiben, sieht beim letzten gemeinsamen Samstagsfrühstück mit den weiteren Mitbewohnern des rosa und hellblau gehaltenen, gastfreundlichen Hauses, zwei Jungbankern aus Luzern (in der Phase bezahlter Sprachaufenthalt) und genannter, in Kuba geborener, höherer Pariser Tochter unter den Augen der Landlady zwei Scheiben Toast aus dem Toaster am Beistelltisch 50 cm hoch als doppelt goldene Stichflamme in die Luft schießen, gehorcht der Dame des Hauses und geht doch noch am vorletzten Tag seines Aufenthalts in die National Gallery, fühlt sich Rembrandt, den er von Bleistiftzeichnungen seines Vaters her kennt, stark verbunden, detto den großen Leonardo-Zeichnungen, die nur drei Personen zur gleichen Zeit in einem stark abgedunkelten Raum anschauen dürfen. Unglaublich. Der Junge stößt in der, wie man ihm sagt, größten Buchhandlung der Stadt auf Wittgensteins “On Certainty”, merkt sich Titel und Mann, lernt den Speakers’ Corner kennen und schaut noch am selben Tag, gegen 23 Uhr, als das Nachthemd Beatricens geht, zum ersten Mal eine Fut (das Trapez, nicht das Dreieck).
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Aber hundertprozentig sicher war er nicht.
(Wittgenstein möchte nicht, dass ich die hinlänglich bekannte, leidige Sache mit dem Herd erwähne.)
Wenn ich Pareto treffe, ihn erschieße ich.
Mit den Aufgaben.
Der Mann wurde nicht mehr fertig.
Sicherheit, Sicherheit und auch Schutz! Darum geht es.
Aber Bausteine erklären nicht alles.
Das Waschen, dem Waschen geht selten ein Auslöser voraus, eher eine Auslöserwolke. Ein Klebeband verfängt sich, ein schief liegender Bleistift, Staub auf den Fingerkuppen …
Wie oft lesen Sie einen Brief durch, bevor Sie ihn abschicken? Und für wie lange steckt Ihre Hand im Postkastenschlitz?
Oder eine Mail?
Wittgenstein beginnt, ihm zuzuflüstern: Eine hundertprozentige Garantie, dass die Mail fehlerfrei ist, hat man nicht.
Wittgenstein fährt fort, ihm zuzuflüstern: Eine hundertprozentige Garantie, dass die Mail fehlerfrei ist, hast du nicht!
Wittgenstein brüllt.
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Ungern tut man unter Zwang, was man freiwillig gerne tut.
Wenn nicht viel passieren kann, muss man nicht viel können.
Hüsteln als Geste des Abtastens.
Es kommt auf die Maßstäbe der Betreffenden an; es kommt auf den Bereich und die Risiken an.
Prinzip Gewöhnung.
Dieser unangenehme Mix aus Gedanken, Gefühlen und Körperreaktionen unter der Lupe. Verbringen Sie mal wieder in Ruhe Zeit mit ihm. Ihr Zwang kennt Sie – und Sie kennen ihn.
Hannibal war ein Niemand. Machen Sie alles richtig? Der Erfolg kann sich nur einstellen,
wenn Sie x-mal über den Berg gekommen sind. Denken Sie ruhig an Sisyphos.
In der Überforderung liegt die Ruhe.
Der Mann macht seinen letzten Gang durch die Wohnung. Die letzte Runde. Vor dem Zähneputzen.
Motten sind zu töten.
Das hat sich verselbständigt.
Einmal ist keinmal!
Der Herd schreit mich an. Der Herd in meiner Küche, die Schalter, die Skalen, die roten Striche, sie schreien mich an!
Ablenkung und völlige Vermeidung gehören dazu. Bitte, lasst es uns zu einem guten Ende bringen, Dinge! Habt Einsehen! Gute Nacht, helft mit!
Im Stich gelassen werden heißt: verbluten.
Ich weiß, ich werde mich verraten.
Ich überlege, wie ich heil aus dieser Küche kommen könnte. Nach zehn oder mehr Minuten unaufhörlichen Blinkens stehe ich auf und lege den verdammten Schalter um. Ich beginne zu ahnen, warum Körper auf Standby gehen. Ins Koma.
Wir stehen zu siebt – Fuck! Wo kommen die her? – in der für maximal zwei gedachten Küche. Die Reste von Pizzas der letzten zwei Wochen liegen im Flur um die Eingangstür herum. Ich mache auch auf stärkeres Klopfen hin nicht auf. Vorerst nicht. (War dies der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte?) Er weist sich als Vertreter aus, doch sein gesamtes Auftreten flößt mir große Furcht ein.
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- EMBLEME oder Merk- , Sinnen- , Redende- , Ausgeklügelte- , Schlag- und Sinn- Bilder
- SCHAKOLATTA // WINTERSCHLAF
- Die ( leere ) Hülle der Libelle
- Music instruments instruction
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