Hartmut Abendschein : ANNA – Nur ein lieblicher Flor | 17

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Salon Littéraire | Hartmut Abendschein :

ANNA – Nur ein lieblicher Flor | 17

isbnAnnaVORBEMERKUNG : Die Erzählung “Anna” ist eine der zwei “embedded narrations” in dem sonst nicht-linear organisierten Tiddlywiki- Roman bzw. Hypertextexperiment “Bibliotheca Caelestis“.

Ein Schriftsteller, Benedikt, arbeitet darin an seinem Zweitling. Trotz der Bedenken seines Agenten Röhrling, lässt er sich nicht davon abbringen, als Ort und Gegenstand seines Schreibens eine Bibliothek auszuwählen. Anna, eine dort Angestellte in unbestimmter Funktion, mischt sich in sein Unternehmen ein. Es beginnt eine Textreise, bei der sich am Ende sämtliche Gewissheiten in Luft auflösen.

Im Volltext der “Bibliotheca Caelestis” findet sich eine Anhäufung von Texten zu einer diskursiven Formation und Ereignissen, tatsächlichen wie fiktiven, sowie Sekundärliteraturen – sämtliche aus ihren Kontexten und Genealogien gelöst. Letztere wurden auch als literarische Quellen rezipiert, um ihnen so etwas wie eine “literarische Aussage” abzuringen.

Sichtbarer Text und die in ihm verborgenen und doch aufgetürmten Materialien sowie ihre fortschreitenden Verknüpfungen werden damit zunächst als negative Arbeit einer historisch-literarischen Diskursanalyse bezeichnet.
“Anna” bietet die Gelegenheit eines konventionellen Lektüreinstiegs rund um das Thema der Auflösung von Schriftkultur und ihrer Speicher. ( Hartmut Abendschein )

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WAS BISHER GESCHAH : Metadaten

WAS BISHER GESCHAH : Metadaten
Titel : Ainda tem sopa
Serie : Anna
Seriennummer : 16
Haupttitel : Bibliotheca Caelestis
Personen : Benedikt (p1) , Röhrling (p2)
Funktionen : Gast (p1) , Gastgeber (p2) , Weintrinker (p1 , p2)
Orte : Wohnung (p2)
Inhalt | Abstract : Röhrling lädt Benedikt zu einem Umtrunk ein. Dabei stellt er interessante Theorien zur Analogie der Wein- und Literaturwelt vor. Benedikt fühlt sich etwas unter den Tisch getrunken, lamentiert über dieses und jenes und sieht sich am Ende durch die Zweifel Röhrlings an diesem und jenem in Bedrängnis gebracht. Röhrling gibt ihm eine Warnung mit auf den Weg …
Schlagwort | Thema : Spanischer Wein , Degustation , Konkurrenzmärkte , Bibliothekspolitik , Das Schreiben , Anna
Erzählzeit : Imperfekt , Präs.
Perspektive : Auktorial , Icherzähler
Kategorie : Hauptteil
Konzepte : Gedächtnis , Selektion , Sichtbarkeit
Text-Kontext : http://tinyurl.com/anna016

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ANNA – Nur ein lieblicher Flor | 17

isbnAnnaDie Tram war ihm vor der Nase abgefahren. Dabei hätte er sie eigentlich mühelos erreichen können, wenn ihn nicht etwa eine Irritation verstockt und erstarrt hätte. Ein Werbegag eines Möbelhauses. Die Strassenbahn war innerlich mit weissen Vorhängen und einem Sortiment von Hockern, Sesseln, Bänken und Sofas ausgestattet, das reichlich besessen war, von den kleinen Angestellten mit dicken Überstundentaschen, die sich alle versteckten hinter Gratiszeitungen, wie es sie hier im Dutzend gab. Benedikt wusste zunächst nicht so recht, womit er es bei diesem Gefährt zu tun hatte. Eine Sonderfahrt? Ein Dreh? Versteckte Kamera? Erst als es sich ihm von hinten mit dem Schriftzug präsentierte: Nächster Halt – Ihr Wohnzimmer, fiel bei ihm der Groschen, doch da war es schon zu spät.

Ganz und gar nicht zu spät war es aber für einen Schlummertrunk, und Benedikt fand es bedauerlich, dass Röhrling ihn schon hinausgeworfen hatte, aus bestimmt anderen Gründen, als den vorgegebenen – aber das war seine Sache.

Auf einem Bein stand es sich schlecht und auf dem Rückweg zu Fuss, entlang der klirrenden Gleise, scherte er an einer Stelle aus und kehrte in ein Weinhaus ein, das er schon lange einmal aufgesucht haben wollte. Er fand darin Sprichwörtliches. Eine traurig gewordene Trinkhalle. Zu nah am Wasser gebaut, wie sich schon nach Eintritt feststellen liess, die verschobenen und versumpften Gesichter. Pockennarbige. Aufgedunsene. Eine Männergesellschaft in vollständiger oder teilweiser Vereinzelung. Benedikt machte wieder auf dem Absatz kehrt, als er das Dukeboxgedudel im Hintergrund entzifferte. La Paloma.

Lieber noch ein kaltes Bier und etwas Klares, dachte er sich und schlenderte entlang der Fassaden sogenannter Welt, den Bettenhäusern, Modediscountern, Schnellimbissen heimwärts in die Küche zu etwas Reellem. Zu einer Auslage, die Einlage war. Zu Naturtrübem und seinem Pendant. Zu Ruhe und versöhnlichem Schnurren einer Maschine, die auch in geschlossenem Zustand Kälte versprach.

Eine Stunde, zwei Stunden, und ein paar gelöste und nichtgelöste Fragen einer Quizshow, etwas Zahnpasta, und ein paar Seiten eines Buches. Die Lücke, die der Teufel läßt. Leben. Bestandsaufnahmen in appetitlichen Portiönchen, die Hals und Atemwege verstopften. Benedikt wurde ein wenig eifersüchtig. Könnte er doch so schreiben und sammeln und verknüpfen und verschalten. So, so und so ungefähr hatte er es sich vorgenommen, musste es aussehen, so, nur so war alles auszulegen. Dann schob er das Buch zurück in die Ecke und zerstörte dabei ein Spinnennetz. Soll es doch neu gewoben werden. Soll es doch eingewoben werden. Du hast viel Zeit, Arachne. Soll es doch dort mit der Wand verschmelzen. Daher zog sich, am Ende dieses Gedankens – wie lange lauerte dieser? Eine Stunde? Zwei Stunden? Mehr? – ein Speichelfaden, Unterlippe, Bettkante, über die rechte Hand, die dies seltsam fand und ihn weckte.

War da ein Schatten am Fenster? War das Fenster selbst Schatten? Bewegung? Verzug? Schwer auszumachen bei einer Beleuchtung, die gegen Null ging, doch hell genug war, das Fenster zu spiegeln. Oder war es gespiegelte Bewegung seines sich räkelnden Körpers. Und wie spät war es? Die Balkontüre, den Austritt hatte er offen stehen gelassen. Liess er nur Luke sein zu seinem Schlag. Stand da etwa jemand?

Das Wesen, das sich da langsam auf ihn zu bewegte, schien an den Rändern etwas ausgefranst, zumindest bildete es keine Konturen aus, umriss nichts, nur ihn, mehr und mehr, wie er anfing darüber zu spekulieren: Ohne Zweifel – ein weibliches Wesen. Eine Traumfrau – wie von seiner unzimperlichen Phantasie zurecht imaginiert, dunkle Haare, Haargold, wer – es musste Anna sein, oder: ihr Gegenteil, das sich mit ihr befüllte, ihren Umriss austarierte, bald seinen Schleier verlor, sodass sich Brüste abzeichneten unter dem Flor. Vorhöfe. Bedeutungen. Kniekehlen, die bald an ihm rieben, als sie sich auf ihn zu bewegte. Er geriet ins Gleiten geriet? Schweigend. Atmend. Im Gegenrhythmus. Dann wieder gleichsam. Häute deckten sich, gingen ineinander über und verschmolzen, teilten sich wieder und so fort, bis das Licht zu flackern begann, bis aller Atem verbraucht und nur noch Vakuum war in diesem Zimmer. Und keine Ecken mehr. Muscheln. Wölbungen. Rundungen. Dann wieder Stockdunkelheit. Flüssigkeiten. Plätschern. Schweiss. Anderes. Undsoweiter.

Sie lagen noch eine Weile, immer noch schweigend, immer noch auf anderen Ebenen unter diversen Decken. Immer noch hektischen Herzens. Nur beide vollständig und ganz anderes.

Das war das eine. Zu Anna: Können wir reden? Anna! Die nur scheinbare Anna, schwieg weiter beharrlich, aber lächelnd bei näherer Betrachtung, zumindest soweit erkennbar. Und schweigend.

Ich wollte dir noch einen Vorschlag machen. Vielleicht könntest du … Vielleicht wäre es besser, wenn es dir lieb ist, wenn dir dein Leben lieb ist, wenn du all das nicht verantworten magst, möchtest, in deinem Namen … Ich gäbe meinen. Vielleicht fühltest du dich dann sicherer.

Anna drehte sich um ihre eigene Achse, suchte nach ihrem Schleier, zog ihn an sich. Und dann möchte ich dir noch etwas zu Röhrling sagen, begann Benedikt erneut. Du erinnerst dich? Der Alte, von dem ich sprach. Hat einiges an Erfahrung. Vielleicht auch in solchen Dingen. Könnte uns, könnte dir vielleicht helfen. Möchtest du, dass ich dich mit ihm bekannt mache?

Anna erhob sich. Stieg in ihr seidenes Zelt, erst ein Bein, dann das andere. Strich es weiter an den Beinen hoch mit beiden Händen, dann über Hüfte, Gesäss und den Bauch mit der kleinen Beule. Bald den Oberkörper, sodass sie wieder nur Wesen war. Unbestimmbarkeit, mit etwas Kopf.

Was ist los mit dir, Anna? Benedikt versuchte sie festzuhalten, konnte nichts greifen, nur ein Stückchen Stoff. Das Material glitt ihm durch die Finger. Widerstandslose Anna, gib mir eine Antwort. Doch diese schwebte zur Tür und davon, hinaus in den Nachthimmel. Benedikt liess sich zurück ins Bett plumpsen. Stocherte, suchte blind nach einer Flasche Wasser, einen Fetzen, der ihm als Handtuch dienen konnte. Dann knipste er sein Nachttischlämpchen an und schaute auf die Uhr.

KONTEXTLINK : http://tinyurl.com/anna017

isbnAnna

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Hartmut Abendschein

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QUELLE : “Bibliotheca Caelestis , Tiddlywikiroman“- ebook @ etkbooks.com sowie @ Deutsche Nationalbibliothek – edtion taberna kritika 2008

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TO BE CONTINUED : Lesen Sie in drei Wochen ( 8. 11. 2009 ) : ANNA – Myomorpha | 18

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