Hartmut Abendschein : ANNA – 0/1 | 21

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Salon Littéraire | Hartmut Abendschein :

ANNA – 0/1 | 21

isbnAnna 1VORBEMERKUNG : Die Erzählung “Anna” ist eine der zwei “embedded narrations” in dem sonst nicht-linear organisierten Tiddlywiki- Roman bzw. Hypertextexperiment “Bibliotheca Caelestis“.

Ein Schriftsteller, Benedikt, arbeitet darin an seinem Zweitling. Trotz der Bedenken seines Agenten Röhrling, lässt er sich nicht davon abbringen, als Ort und Gegenstand seines Schreibens eine Bibliothek auszuwählen. Anna, eine dort Angestellte in unbestimmter Funktion, mischt sich in sein Unternehmen ein. Es beginnt eine Textreise, bei der sich am Ende sämtliche Gewissheiten in Luft auflösen.

Im Volltext der “Bibliotheca Caelestis” findet sich eine Anhäufung von Texten zu einer diskursiven Formation und Ereignissen, tatsächlichen wie fiktiven, sowie Sekundärliteraturen – sämtliche aus ihren Kontexten und Genealogien gelöst. Letztere wurden auch als literarische Quellen rezipiert, um ihnen so etwas wie eine “literarische Aussage” abzuringen.

Sichtbarer Text und die in ihm verborgenen und doch aufgetürmten Materialien sowie ihre fortschreitenden Verknüpfungen werden damit zunächst als negative Arbeit einer historisch-literarischen Diskursanalyse bezeichnet.
“Anna” bietet die Gelegenheit eines konventionellen Lektüreinstiegs rund um das Thema der Auflösung von Schriftkultur und ihrer Speicher. ( Hartmut Abendschein )

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WAS BISHER GESCHAH : Metadaten

Titel : Noshowarea
Serie : Anna
Seriennummer : 20
Haupttitel : Bibliotheca Caelestis
Personen : Benedikt (p1)
Funktionen : Schriftsteller (p1) , Suchender (p1) , Einbrecher (p1)
Orte : Wohnung (p1) , Strassenbahn , Wohnung (Röhrling)
Inhalt | Abstract : Benedikt fabriziert in einer Klausurphase und unter Einsatz experimenteller Techniken ein Textdossier, das er nun Röhrling zeigen möchte. Röhrling ist in seiner Wohnung nicht anzutreffen, doch Benedikt kann sich dort Zugang verschaffen. Einige in der Wohnung herumliegende Schriftstücke weisen auf sehr seltsame Arbeitspraktiken Röhrlings hin, ja, stellen grundsätzlich Person und Existenz Röhrlings in Frage.
Schlagwort | Thema : Schreiben <Legen> , Einbruch , Hausdurchsuchung , Bibliotheca Caelestis <Titel> , Verlagsvertrag
Erzählzeit : Imperfekt, Präs.
Perspektive : Auktorial , Icherzähler
Kategorie : Schluss
Konzepte : Kombinatorik , Abwesenheit
Text-Kontext : http://tinyurl.com/anna020

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ANNA – 0/1 | 21

isbnAnna 1Werfen wir, bevor wir Benedikt verlassen, noch einen letzten Blick auf sein zurechtgemeistertes Schicksal, dem wir viel abgewinnen könnten, von dem wir profitierten, würden wir daraus nur die richtigen Schlüsse ziehen.

Mit seinem neu installierten und nun optimal funktionierenden Breitbandinternetzugang versetzte sich Benedikt in die Lage, nie und nimmer mehr seine Wohnung verlassen zu müssen. Theoretisch. Er wusste sich eigentlich stationär mit allem zu versorgen und konnte sich auch hie und da an einen anderen Ort in ein zweites Leben bewegen, ein Leben, in dem es für alle erdenklichen Situationen einen Deleteknopf gab, auch er selbst war bald geübt sich ein ums andere Mal auszulöschen, um den Preis der Reinkarnation, freilich: in andere Zeichenketten, in Bilder, in lange Reihen aus Nullen und Einsen.

Für das leibliche Wohl war rund um die Uhr gesorgt, denn die wichtigsten von ihm sonst frequentierten Läden lieferten – ohne dämliche Rückfragen – schnell und bequem über Onlineshops aus, und es hatte sich bei diesen herumgesprochen, dass angelieferte Waren durch einen dunklen Schacht auf der Rückseite des Hauses zu schieben waren, was ihm eine persönliche Begegnung mit Übermittlern ersparte.

Die Fensterläden seiner Wohnung waren halb heruntergezogen und manchmal in Gänze, denn ob Tag oder Nacht: was spielte das für eine Rolle? Noch immer, wenn auch sporadisch, begleitete ihn aber die Idee einer Luftbibliothek, und dann und wann trieb es ihn zu Versuchen, diese für wenige Sekunden sichtbar zu machen, aber das Verlangen liess nach, allmählich und auch der Antrieb, diese weiter mit Arbeit zu verfeinern. Dies auch, weil er in einem Anfall genialischen Schaffens diese um eine Proposition erweitern konnte: Eine nur konsequente Ableitung, die da lautete: natürlich musste alle Rezeption auch in dieser aufgenommen werden, automatisch, war alle Rezeption selbst ebenfalls Produktion und sei es nur im Abtasten von Text, selbst bei der Überspringung war Geist am Werke und möglicherweise messbar.

Mit der Einsicht in diese Konsequenz konnte er sich allein der Lust der Zeichen überlassen, ohne diese jemals berühren zu müssen, was ihm wiederum jede nur vorstellbare Zeit schenkte. Zeit, wohin er blickte. Zeit. Und was das Denken mit Löchern und über diese anging, und ob jene auch angemessen gespeichert wurden – nur dieser Punkt war für ihn noch nicht gelöst und gab ihm dann und wann etwas zu denken.

Ungelöst blieb auch weiterhin der Fall Röhrling. Zwar hatte es Benedikt versucht, das eine oder andere Mal Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber erfolglos. Und so liess auch das Interesse mehr und mehr nach, dessen Identität und Wahrheit zu beweisen. An einem anderen Tag hatte Benedikt das Gefühl, Anna im Netz wiedergetroffen zu haben. Selbstverständlich trug sie dort einen anderen Namen, nannte sich Luna66 oder ähnlich. So genau wusste diese Person immer, wovon er sprach und die Rede war, also auch Dinge, die nur Anna wissen konnte, und benannte diese in einschlägigen Foren. Zu verdächtig waren die Fragen zu seiner Person, egal, wie er just heissen mochte und was geschehen war, als dass es sich hier um eine Unbedarfte handeln konnte. Nach weiteren Nachforschungen sowie der Bestechung von Providern, nach der Auskunft und im Strudel verwirrlicher IP-Adressen und Aufenthaltsorte der Person, wurde ihm mehr und mehr klar, dass er es mit einer ganzen Menge verschiedener Einheiten zu tun hatte, die sich um ihn bemühten und er brach den Kontakt mit Anna/Luna und wie sie alle hiessen ab und besuchte fortan nur noch harmlose Seiten.

Als Benedikt sich nach einer Phase der Konsolidierung wieder einmal auf heissem Pflaster bewegte, wurde wenige Tage später an seinen Fensterläden gerüttelt und geklopft. In der Nacht. Oder war es am frühen Morgen? Sicher. Es konnte auch ein Anlieferer sein, der den neuerdings eingerichteten Pincode zu seiner Warenschleuse vergessen hatte. Aber wusste man es? Oder die unter der Laterne wie arglos wartenden Menschen mit ihren dunklen Sonnenbrillen, die ausschauten, wie bestellt. Was wusste man also?

Solche Ereignisse mehrten sich und Benedikt drängte es, zog es hin zu einem externen Ratschlag von Bekannten, halbwegs internen Seelen, die nicht nur das waren: zufällige Erzeugnisse von Programmen. Noch einmal suchte er die Nummer Röhrlings heraus, kramte lange und fand sie schliesslich in einer vergessenen Agenda. In seinem Telefon hatte sie vor Unzeiten schon einer Horde nützlicher Dienste Platz gemacht. Er wählte. Freizeichen. Freizeichen. Und Freizeichen. Und Besetztzeichen.

Immerhin war etwas geschehen am anderen Ende der Leitung. Immerhin, Benedikt schöpfte neue Hoffnung auf ein klärendes Gespräch – in mancherlei Hinsicht. Als er aber wieder und wieder wählte und sich das Schema der Tonsignale nicht mehr veränderte, gab er auf, resignierte: Die Dinge lösen sich allmählich auf, ein Satz Röhrlings fiel ihm wieder ein, und wir uns mit ihnen. Klänge und Pausen.

Nach einigen Tagen hatte er einen Massnahmenkatalog entworfen, in dem festgehalten wurde, was und in welcher Abfolge noch zu erledigen war. Was er noch tun konnte, von hier aus und im Rahmen seiner Möglichkeiten. Diesen war er nun bereit abzuarbeiten, vor allem, als er einsehen musste, dass es heute wieder kein Frühstück geben würde.

Er vervollständigte die vorbereitete Vermisstenanzeige und lud diese an ebenso vorbereiteter Stelle hoch. Dort hinterliess er auch einen codierten Hinweis darauf, wo er und das Werk zu finden waren. Nach einer gewissen Zeit, nach wenigen Tagen oder Stunden schon würde es von den Suchmaschinen aufgespürt und verarbeitet werden. Er hatte also nur einen kleinen Vorsprung.

Nachdem er auch dies erledigt und alle ihm zur Verfügung stehenden Daten in die Freiheit entlassen hatte, ging er in die Küche und schaltete die Herdplatten an, nahm dann Mantel und Hut von der Garderobe und prüfte sich ein letztes Mal vor dem Spiegel mit dem kleinen Holzelefanten. Er war mit seinem Spiegelbild zufrieden. Dann ging er hinaus, ging den direkten Weg zur Bushaltestelle und stieg dort ein in den nächsten Postbus Richtung Oberland.

KONTEXTLINK : http://tinyurl.com/anna021

isbnAnna 1

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Hartmut Abendschein

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QUELLE : “Bibliotheca Caelestis , Tiddlywikiroman“- ebook @ etkbooks.com sowie @ Deutsche Nationalbibliothek – edtion taberna kritika 2008

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TO BE CONTINUED : Lesen Sie in drei Wochen ( 31. 1. 2010 ) : ANNA END – Metadaten – Vollversion

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