Hartmut Abendschein : ANNA – Ablegen | 4

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Salon Littéraire | Hartmut Abendschein :

ANNA – Ablegen | 4

isbnAnnaVORBEMERKUNG : Die Erzählung “Anna” ist eine der zwei “embedded narrations” in dem sonst nicht-linear organisierten Tiddlywiki- Roman bzw. Hypertextexperiment “Bibliotheca Caelestis“.

Ein Schriftsteller, Benedikt, arbeitet darin an seinem Zweitling. Trotz der Bedenken seines Agenten Röhrling, lässt er sich nicht davon abbringen, als Ort und Gegenstand seines Schreibens eine Bibliothek auszuwählen. Anna, eine dort Angestellte in unbestimmter Funktion, mischt sich in sein Unternehmen ein. Es beginnt eine Textreise, bei der sich am Ende sämtliche Gewissheiten in Luft auflösen.

Im Volltext der “Bibliotheca Caelestis” findet sich eine Anhäufung von Texten zu einer diskursiven Formation und Ereignissen, tatsächlichen wie fiktiven, sowie Sekundärliteraturen – sämtliche aus ihren Kontexten und Genealogien gelöst. Letztere wurden auch als literarische Quellen rezipiert, um ihnen so etwas wie eine “literarische Aussage” abzuringen.

Sichtbarer Text und die in ihm verborgenen und doch aufgetürmten Materialien sowie ihre fortschreitenden Verknüpfungen werden damit zunächst als negative Arbeit einer historisch-literarischen Diskursanalyse bezeichnet.
“Anna” bietet die Gelegenheit eines konventionellen Lektüreinstiegs rund um das Thema der Auflösung von Schriftkultur und ihrer Speicher. ( Hartmut Abendschein )

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WAS BISHER GESCHAH : Metadaten

Titel : Die Scherben
Serie : Anna
Seriennummer : 03
Haupttitel : Bibliotheca Caelestis
Personen : Röhrling (p2) , Benedikt (p1)
Funktionen : Literaturagent (p2) , Autor (p1) , Zuhörer (p1, p2) , Vorleser (p1) , Kritiker (p2)
Orte : Die Wohnung (p2) , Die Strasse
Inhalt | Abstract : Benedikt liest Röhrling aus seinem Manuskript vor und erläutert Konzept und Poetik seines Vorhabens. Röhrling findet dieses “unausgegoren” und will etwas “Handfestes”.
Schlagwort | Thema: Manuskript (p1) , Daniil Ivanovic Charms <Fälle> , Kleine Formen , Spekulative Bibliotheken , Gottfried Wilhelm Leibniz , Narrativik
Erzählzeit : Imperfekt
Perspektive : Auktorial , Dialog
Kategorie : Einleitung (Ende)
Konzepte : Form / Inhalt , Monadologie , Das Private , Das Abstrakte
Text-Kontext : http://tinyurl.com/anna003

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ANNA – Ablegen | 4

isbnAnna

Gerade als er dachte einen Standort für sich, nein wohl eher: für sein Schreiben und dessen Ergebnisse bestimmt, das heisst: gefunden zu haben glaubte, kam er an und die Maschinenstimme riss ihn aus einem besonders verrätselten Satz. Monbijou. Sagte sie. Das war die Haltestelle an der er neuerdings auszusteigen hatte. Ein Kleinod, dachte er sich, da war er nun hingewachsen, und dass es sich nach Kurzatmigkeit anhörte. Und Kleinod wieder: Bijou. Mit den semantischen Restbeständen eines freimaurerischen Logenzusammenhangs, wie die wenigsten noch wussten und er nur deshalb, weil er es eher zufällig in einem Wörterbuch fand, wie das Meiste seines Findens eher auf Zufall beruhte, hier passend: nur wenige Schritte bergab und er befand sich in der Gutenbergstrasse mit den grossen Wohnhäusern aus der Gründerzeit.

Das Einzige, was ihn an seinem neuen Domizil störte, war das Wissen, dass es nur Übergang war. Aber er war zugleich dankbar, dass er es doch so gut getroffen hatte. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass niemand der ehemaligen Anwohner seiner damaligen Wohnung an dem gewaltigen Hausbrand schuld war, wie verschiedene Experten bestätigten, versprach die Versicherung, die Schäden vollumfänglich zu übernehmen. Man sorgte gut dafür, dass die Hinausgebrannten bald und mehr als erträglich unterkamen, in frisch renovierten Altbauten nicht unweit des voll zu sanierenden Wracks, als Interim, allerdings.

Benedikt nahm dies als Chance, wieder von vorne anzufangen. Sicher, vorerst schien alles verloren: die Bücher, das Persönliche, kurz: all das – wie man sagte – Hab und Gut, das bestimmt die meisten Menschen als massgeblichen Anteil ihrer Identität ausmachten. Ihm dagegen gefiel der Gedanke, sich wieder neu beschriften zu können, und einmal überlegte er sich sogar kurz, sich vielleicht auch noch einen neuen Namen zuzulegen, verwarf ihn aber schnell wieder. Die Formalitäten schienen ihm zu widrig.

Warum er Röhrling nur die halbe Wahrheit erzählt hatte? Benedikt vermutete, er täte gut daran, nicht allzu viele Fragen aufzuwerfen.

Das neue Herz war bald gezimmert. Eigentlich bewohnte er nur zwei Räume dieser Vierzimmerwohnung im Hochparterre. Die anderen liess er Raum sein. Mit was sollten sie denn auch ausgestattet werden? Die Bücher und Regale: die Lungenflügel seiner Wohnprojekte: Rauch und Asche, und das Meiste: “ehemaliger Ballast”, wie er es jetzt bezeichnete. Und die wieder zu beschaffenden Bücher in den noch zu beschaffenden Regalen: nicht viel mehr als eine vage Vorstellung. Doch auch so: es entstand schnell wieder ein kleiner, lebensfähiger Organismus. Ein Schreibtisch, ein Computer und die üblichen kommunikationstechnischen Ergänzungen, und nicht unwichtig für seine Arbeit: eine grosse Registratur aus einer Brockenstube, mit Schienen, auf die schon etliche, leere Mappen aufgegleist waren. Ein Ablagesystem, das im Moment noch mehr als System aussah, im Moment, den es war noch fast hohle Struktur.

Hohl: war ihm auch immer noch die “neue Sicht” auf das, was er zu bearbeiten und ergo zu schaffen plante; kaum mehr als eine Phrase, die um Bedeutung rang und schwer zwischen ihren Einzelteilen taumelte. Bearbeitungen. Verwandlungen. Metamorphosen ausgedachter Ordnungen und ihrer Konkretionen sollten entstehen und hatten sich hie und da auch schon materialisiert, nicht zuletzt, weil ihm dieses Buch geblieben war. Merkwürdige Leute. Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Eine wahre Fundgrube, wie sich bald herausstellte. Mit grossem Genuss blätterte er darin, auch oder vielleicht gerade weil er wusste, dass es sich nicht mehr unbedingt auf der Höhe der Zeit bewegte. Aber ein durchaus oft zitierter Text in der einschlägigen Wissenschaft. Doch was kümmerte diese ihn? Ging es ihm doch zunächst und vor allem um seine Ausschlachtung. Um das eine oder andere Element, in das er seine Haken schlagen konnte. Das und in dem er sich verwandeln konnte, das ihn erzeugte, wie er einmal notierte. Das: was ihn ausmachte, wenn er es und sich damit befasste. Das: war die vorläufige Ortsbestimmung, so zumindest ihr Prozess, für den er vor wenigen Minuten Worte gesucht hatte, bevor ihm die Stimme diese Schleife zerschnitt. Es war doch so oder so: ein Schlachtfest. Was man üblicherweise als Literatur bezeichnete, und die Zubereitung der Fleischfetzen, oder ihre Grösse, oder die Art und Weise ihrer Verbratung oder Würze, kurzum: der ganze Vorgang vom Mord bis zum Auftisch – eine Frage der Modellierung, und diese wiederum: historisch ziemlich instabil, dachte Benedikt.

Nachdem also alles zu Bruch gegangen war, und damit war nicht nur das jüngste Ereignis, das ihn an diesen Ort versetzte, gemeint, sondern eine lange Kette von Ereignissen, die aber in dieses jüngste Ereignis kulminierte, sodass Benedikt dieses und den ganzen Vorlauf der Einfachheit halber als ein Ereignis betrachtete, das sich allerdings in einem langen Zeitraum ausbreitete und das er einmal ICH nannte, wovon er nun aber – so sein neues Konzept – stets nachdrücklich und völlig bewusst Abstand nahm, sah er sich kurz darauf nur wenigen Möglichkeiten der Fortexistenz gegenübergestellt. Es waren, um genau zu sein: zwei. Einer Schreibenden. Und einer Nichtschreibenden.

Dabei handelte es sich um eine der wenigen Kontinuitäten seiner Existenz. Denn heute wie schon damals, als das Ich, wenn er es sagte, nach diesem anderen Leben klang, war ihm ein Nichtschreibendsein begrifflich gar nicht vorgesehen, also zur Existenz gehörend, folglich seiend. So konnte man gar nicht sein, also war man nicht so, hiess es dann. Was wiederum seinen Begriff des Schreibens oftmals dehnte. Selbstverständlich galt ihm das auch für den Rest der Menschheit, auch wenn er sich über diesen herzlich wenig den Kopf in dem einen Leben zerbrach. Möglicherweise auch, weil eine grösser angelegte Betrachtung dieses Phänomens ihn zu Revisionen genötigt hätte. Und hierzu war denn doch auch – zweite Kontinuität – etwas bequem.

Nachdem Benedikt die Türe hinter sich geschlossen und sich aus dem Kühlschrank mit kaltem Bier versorgt hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und startete seinen Computer. Während dieser hochgefahren wurde, nahm er – wie er es nun regelmässig tat – diese Zeitspanne von genau drei Minuten zum Anlass, weiter an der Liste wiederzubeschaffender Bücher zu grübeln; er ergänzte und strich und schrieb wieder darüber und verwarf erneut, sodass sich die Liste nur unwesentlich, im besten Falle um sehr wenige Titel verlängerte. Es bestand auch keine Eile, diese anzufertigen. Bis der Grossteil der Versicherungssumme dieses Schadens freigegeben wurde, würde einiges an Zeit vergehen. Zudem waren die nun zu beackernden Texte nicht gerade diejenigen, die er zu kaufen bereit war. Es waren Texte, die sich ohnehin nur noch in Antiquariaten oder ausgezeichneten Bibliotheken befanden, und diese konnte man nun üblicherweise an der Oberfläche bereisen.

Das Interface war nun bereit. Er blätterte noch einmal in den “Merkwürdigen Leuten”, die er, wie er befand, nun zur Genüge zerlegt und gefleddert hatte, glitt dann mit dem Zeigefinger über die Bibliographie.

Der Einstiegspunkt der Bibliothek bestand aus einem grosszügigem Suchfeld, in das er nun Kombinationen aus Autorennachnamen und Titelstichworten füllte. Viele gesuchte Titel waren dort nachgewiesen und zu seiner Freude auch vorhanden, und nicht etwa ausgeliehen. Diese würde er morgen schon einsehen können, wenn er wollte. Das heisst: man hatte seine Anfrage registriert. Man verhielt sich ihm gegenüber prinzipiell wohlwollend.

KONTEXTLINK : http://tinyurl.com/anna04

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Hartmut Abendschein

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QUELLE : “Bibliotheca Caelestis , Tiddlywikiroman“- ebook @ etkbooks.com sowie @ Deutsche Nationalbibliothek – edtion taberna kritika 2008

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TO BE CONTINUED : Lesen Sie in drei Wochen ( 8. 2. 2009 ) : “ANNA – Wort & Vita | 5

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