Leopold Federmair: Eine Reise nach Matsuyama

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Salon Littéraire | Leopold Federmair :

Eine Reise nach Matsuyama

Die japanische Inlandssee zwischen der Hauptinsel Honshu
und der kleineren Insel Shikoku ist von zahllosen noch kleineren
Inseln und Inselchen übersät.

Interessant, so ein U-Boot. Auch für ein noch nicht dreijähriges Mädchen, das im Sommerkleid durch die engen Gänge läuft, auf die zahllosen Gestänge, Meßuhren, Tasten und Knöpfe zeigend. “Was ist das? Und das?”

Keine Ahnung, wie so ein U-Boot funktioniert. Es funktioniert auch nicht mehr, läuft gar nicht aus, ist gestrandet neben dem Großkaufhaus Youmetown, dessen künstliche Kühle man aus der Augusthitze kommend durchquert, um auf dem im Freien weiterlaufenden Hochweg die Anlegestelle für die Schiffe nach Matsuyama zu erreichen. Japan ist keine Kriegsnation, es hat nicht einmal eine Armee, nur “Selbstverteidigungskräfte”. Im Hafen von Kure, Präfektur Hiroshima, der im Juli 1945, wenige Wochen vor dem Atombombenabwurf, von der amerikanischen Luftwaffe zerstört wurde, liegen graue Kriegsschiffe. “Langweilig”, sage ich zu meiner Tochter mit Bezug auf die Tarnfarbe. “Überhaupt nicht”, entgegnet sie mir.

Trotz aller Friedenspolitik ist das öffentliche Interesse an Kriegstechnik ungebrochen. Es gibt Stimmen, die nach einer Atombewaffnung des Landes rufen, schließlich spiele Nordkorea in nächster Nähe mit seinem nuklearen Arsenal. Und überhaupt, warum dürfen die Amerikaner solche Waffen haben, wir aber nicht? Diese Logik läßt sich nicht brechen, allenfalls ersetzen durch die Frage: Warum überhaupt Atomwaffen? Mayuko wird mich später – nicht im U-Boot, sondern auf der Burg von Matsuyama, wo Besucher Samurai-Rüstungen anlegen, um sich darin photographieren zu lassen – fragen, was ein Samurai ist, und in der Folge, was Krieg ist. Ich versuche zu antworten: “Krieg ist Streit.” Was Streit ist, versteht meine Tochter. “Ein ernsterer Streit als im Kindergarten, mit vielen Toten.” Auf einem der Plätze innerhalb der Festungsmauern werden Kampfspiele vorgeführt, zwei junge Frauen in roter Rüstung gegen viele schwarze Männer. Natürlich siegen die Frauen, die Männer liegen wie in einer Shakespeareschen Schlußsszene auf dem Boden.

“Warum sind sie hingefallen? Stehen sie nicht mehr auf?”
“Doch, sie stehen wieder auf, sie sind nicht wirklich tot, es ist nur ein Spiel.”

Manchmal frage ich mich, wie stark oder schwach der militärische Stärke begehrende Nationalismus in Japan wirklich ist. Vor kurzem habe ich hier, in einem Städtchen der Präfektur Hiroshima, um halb sechs Uhr früh in einem Klubhaus eine Versammlung von älteren Leuten gesehen, eine Frau hielt eine ernste Rede, ein weißes Stirnband mit rotem Kreis um den Kopf gebunden. Opas und Omas, Onkeln und Tanten (wie man alte und weniger alte Leute in Japan nennt). Meine Frau war unlängst beim Vortrag eines rechtskoservativen Schriftstellers in Hiroshima, etwa 1300 Zuhörer, sagt sie, und 200, die gegen die Veranstaltung lautstark protestierten. In einem seiner Bücher, die ich nicht lesen kann, sind Fotos, darunter das berühmte von Yukio Mishima, wie er vor den Soldaten einer Kaserne, die er kurzfristig mit seiner nationalistischen Truppe besetzt hat, eine Rede hält: weißes Stirnband, roter Kreis. Mishimas “Putschversuch” im Jahr 1970, der mit seinem Selbstmord endete, ist eine alles in allem groteske Episode der japanischen Geschichte geblieben. Oder?

Jede japanische Stadt, die auf sich hält, besitzt eine mehrstöckige Burg.
Wenn sie, wie die Burg von Hiroshima durch die Atombombe,
durch höhere Gewalt ausgelöscht wurde, baut man sie einfach neu.
Die Burg von Matsuyama, im 17. Jahrhundert erbaut, ist eine der
wenigen, die nie zerstört wurden.

Friedliche See, heute, bei Windstille; friedliches Schiff, das seine weiße Spur über die glatte Fläche zieht. Setonaikai, harmonischer Raum, erfüllt von Landzungen und großen Inseln, Buchten und winzigen Inselchen, Waldrücken, Kais und Häuserzeilen, Sandstränden und Befestigungesmauern. Die Überfahrt, knapp zwei Stunden, erinnert mich an die Fahrt im Marmarameer von Istanbul zu den Prinzeninseln, die wir im letzten Sommer öfters machten. Wie damals haben wir die Wahl zwischen Schnellboot und langsamer Fähre, und wie in der Türkei ist nur die langsamere Variante eine wirkliche Reise, auf der man die Meerluft riechen, die Küstenstreifen mit dem Auge abtasten, die Fortbewegung ermessen kann. Vielleicht gibt es für den praktisch denkenden Japaner aber zwei andere Gründe, auf der Fähre zu reisen: erstens, man kann das Auto mitnehmen; zweitens, die Fähre bietet großzügige Räume für Kinder, mit Teppichböden und Spielzeug. Ein dritter Grund: wer bequem schlafen will, legt sich auf den Teppich, betretbar natürlich nur ohne Schuhe.

Viele Japaner wollen schlafen, sobald sie nicht arbeiten müssen, manchmal habe ich den Eindruck, der Rhythmus Arbeiten-Schlafen würde ihnen genügen. Ein Paar habe ich auf der Fähre beobachtet, Opa und Enkelin, ein etwas zehnjähriges Mädchen; der Mann breitete soviel Zeitungspapier auf den Teppich, daß zwei Körper darauf Platz hatten, und dann legten sich die beiden wortlos hin – ob das bedruckte Papier sauberer ist als der täglich mehrmals gesaugte Teppich? – und schlossen die Augen, die sie während der ganzen Überfahrt nicht mehr öffneten. Folgsame Enkelin! Ob sie wirklich so müde, so desinteressiert war? Oder ist die Fahrt für die beiden Routine, das Meer langweilig, viel zu oft gesehen? Tatsächlich aber stelle ich beim Vergleich mit meiner Tochter immer wieder fest, wie viele Kinder hier ihre Lebenslust zäumen, gezäumt bekommen, wie Zombies erscheinen, lebend Tote schon in diesem frühen Alter, lange vor dem Eintritt in das tötende Berufsleben.

In letzter Zeit hat sich Mayuko zur Regisseurin entwickelt. Sie entscheidet, ob und welches Spiel gespielt wird, wo sich die Spieler zu postieren haben, welches ihre Rolle ist, wann es zu einem Wechsel kommt. Meistens sind die Kinder – auch die Erwachsenen, wenn sie ins Spiel gebracht werden – froh darüber, aber manchmal frage ich mich, ob die kleine Regisseurin nicht zu selbstbewußt, ja, schon ein bißchen eingebildet ist. “Erst zwei Jahre alt, und schon kann Mayuko das und das…”: sagt nicht ihr Vater, sondern sie selbst. Bald wird sie als arrogant gelten, wie ihr Vater, der freilich nie soviel Selbstbewußtsein besaß. Auf der Hinfahrt nach Matsuyama lief Mayukos Theater fast zwei Stunden lang wie geschmiert, während draußen Licht, Wasser und Land miteinander spielten. Auf der Rückfahrt trafen wir dann auf eine Familie, die ständig über Mayuko lachte. Anfangs gefiel ihr das noch, aber nach einer Weile kam sie zu mir und flüsterte: “Die lachen immer so blöd, ich spiele nicht mehr mit ihnen.” Passives Konsumverhalten kann sie nicht leiden, die Leute müssen schon selbst etwas tun. Später habe ich den Vater dieser Familie und neben ihm seinen Sohn in der Spielecke vor einer der slotmachines angetroffen. Mayuko mag das Geflunker dieser Maschinen auch; oft versuche ich, sie daran vorbeizulotsen; andererseits überlege ich, doch einmal einen gemeinsamen Erkundungsgang in eine Pachinkohalle zu machen. (Bei der Hinfahrt fanden wir auf dem obersten Deck der Fähre einen kleinen Raum, in dem nichts als slotmachines und ähnliche Apparate waren. Daneben ein Fitneßzimmer, wo man mit Blick auf das Meer Standfahrrad fahren konnte.)

Gegen Ende unserer Rückreise begab sich Mayuko ins zweite Kinderzimmer. Dort war eine Familie mit einem schon etwas größeren Mädchen und einem Buben, noch ein Baby – würde Mayuko jedenfalls sagen. Für kleine Kinder, die keine Säuglinge mehr sind, ist diese Unterscheidung wichtig. Ab und zu fällt es Mayuko ein, Baby zu spielen – das geht nur, wenn der Unterschied zwischen akachan und onechan klar ist. Der kleine Bub war von seiner Mutter geweckt worden, aber er wollte lieber weiterschlafen. Er weinte, und Mayuko versuchte, ihn zu trösten, streichelte ihn, schlug ihm Spiele vor. Es nützte nichts, und eine Zeitlang war Mayuko darüber traurig. Von dem Mädchen bekam sie einen Papierfisch zum Aufblasen, ein traditionelles japanisches Spielzeug. “Wir haben es selbst geschenkt bekommen”, sagte die Mutter. Die Familie, von der Insel Shikoku stammend, war zum ohakamairi gefahren, zum Totengedenken auf dem Friedhof. Nicht wenige Japaner bewegen sich überhaupt nur zu diesen traditionsbezogenen Gelgenheiten von ihrem Wohn- und Arbeitsplatz fort. Der Vater der Familie war allem Anschein nach Jahrzehnte älter als seine Frau – Zahnlücken, zerfurchtes Gesicht, ein wenig gebückt, Kleidung und Gesten aber viel jünger wirkend. Ungewöhnlich in einem Land, wo die Familien eifrig danach streben, einem Standardmodell zu entsprechen.

Dogo Onsen: das über heißen Quellen errichtete Holzgebäude soll Hayao Miyazaki
zu seinem Film “Chihiros Reise ins Zauberland” angeregt haben. Im August geht es
in Dogo Onsen genauso turbulent zu wie im Aburaya in Miyazakis Zauberland.

Shiki Masaoka, in Matsuyama geboren und aufgewachsen, war ein Autor, der die traditionelle Form des Haiku erneuerte, an Tuberkulose erkrankte und mit fünfunddreißig starb. Als Natsume Soseki, ein früher Klassiker der modernen japanischen Erzählliteratur, 1895 in Matsuyama als Gymnasiallehrer arbeitete, freundete er sich mit Shiki an und ließ sich von ihm in die Kunst des Haiku einführen. Über sein Jahr in Matsuyama hat Soseki einen Roman geschrieben; eine Szene beschreibt, wie der Titelheld Botchan mit einer kleinen Eisenbahn zur Schule fährt. Eine solche Eisenbahn aus der Meiji-Zeit hat man in Matsuyama nachgebaut, sie dient als Touristenattraktion, erfreut vor allem Kinder und bringt Reisende vom Stadtbahnhof nach Dogo Onsen am Rand der Stadt (man kann auch die normale, schnellere und klimatisierte Straßenbahn nehmen). Die Zukunftsplaner von Matsuyama wollen aus der Stadt ein Freilichtmuseum machen, mit der alten, mehrstöckigen Burg und dem immer noch dicht bewaldeten, mit Seilbahn und Sessellift ausgestatteten Berg, auf dem sie steht, im Zentrum.

Die Literatur ist bei dieser Art der Stadterneuerung der wichtigste Stichwortgeber. Natürlich werden die Werke auf diese Weise verniedlicht und auf ein Konsumgut reduziert. Andererseits verbietet dies nicht eine ernsthafte Lektüre der Werke, die im Falle Natsume Sosekis meistens von Humor gesättigt sind. Die Stadt Matsuyama folgt mit ihrer politischen Entscheidung einem Trend, der nicht auf Japan beschränkt ist: statt Geschichte zu machen oder einfach nur zu leben, ohne sich sonderlich um das “große Ganze” zu kümmern, lebt man in und von der vergangenen Geschichte. Wir Österreicher, die wir die Last der Kulturgeschichte besonders spüren, kennen diese Verlockung. Ein bißchen anders, gemächlich und dynamisch zugleich, wirkt solches Verhalten in der doch recht entlegenen japanischen Provinz Ehime. Vielleicht agiert man dabei ja im Sinne Kenzaburo Oes, des Nobelpreisträgers, der hinter den Bergen und in den Wäldern aufgewachsen ist, in Kochi, ebenfalls auf der Insel Shikoku. Oe, der längst in Tokyo wohnt, in seinen Romanen aber immer wieder nach Shikoku zurückkehrt, hat die japanischen Randgebiete oftmals gegen den herrschenden Tokyo-Osaka-Dualismus ins Spiel zu bringen versucht. Ich weiß nicht, ob man ihn selbst an seinem Herkunftsort bereits zum Genius loci gemacht hat. Diese Untersuchung behalte ich einer anderen Reise vor.

Mayuko und ich sind also durch das allgemeine Museum spaziert, haben die Seilbahn genommen, sind die steilen Holztreppen bist ins oberste Geschoß der Burg hochgestiegen, haben den Blick zum Meer in der Ferne schweifen lassen, haben das ehemalige Haus von Shiki Masaoka wenigstens von außen gesehen, sind danach im Botchan-Zug gefahren und haben erschöpft das Hotel aufgesucht, wo wir wenige Schritte hinter dem großen öffentlichen Onsen-Gebäude ein Zimmer reserviert hatten. Dieses nicht allzu teure Hotel zeugt durch sich selbst, ohne museale Anstrengung, von einer anderen vergangenen Größe Japans, nämlich der des Wirtschaftswunders der Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg. Nicht gleich nach der Katastrophe, aber in den sechziger und siebziger Jahren wurden zahlreiche Erholungsstätten vor allem in der Nähe von Thermalquellen, die das Land überziehen, gebaut, alte Traditionen mit moderner Technik, feinsinnige Ästhetik mit häßlichen Betonklötzen und Asphalt kombinierend. Diese Einrichtungen wurden und werden sorgfältig gewartet; trotzdem hat die Zeit hier deutlichere Spuren hinterlassen als an den viel älteren, aus Holz errichteten Gebäuden. Mir gefällt dieser leise Verfall, den die Bemühungen des Personals und der Besitzer nicht gänzlich aufhalten können. Sie selbst, Besitzer und Personal, sind mit den Dingen gealtert. Ein klobiges altes, schwarzes Telephon, das pfeift, wenn man den Hörer nicht richtig auflegt; abgestoßene Tischkanten, sich lösendes Furnier; großer Speisesaal mit ich weiß nicht wievielen Tatami, verlassen wirkend trotz der frühstückenden Gäste. Als wären das Land und seine Bewohner aus den alten Modernisierungsszenarien herausgewachsen, ohne sich ganz davon trennen zu können.

Mann mit Zigarette und Kaffeedose,
das Meer betrachtend.

Unsere Erschöpfung verwandelte sich in eine angeneme Abendmilde, als wir das öffentliche Onsen aufsuchten. Das 1894 ganz aus Holz erbaute, im Stil buddhistischer Tempelarchitektur gehaltene, vielteilige und mehrstöckige Gebäude, das zahlreiche Besucher im Yukata oder Djinbei betreten, nachdem sie sich die Geta von den Füßen gestreift haben, wird in dieser Jahreszeit hauptsächlich von Touristen – Japaner, kaum Ausländer – frequentiert. Der Vorplatz besteht aus Steinquadern, an den Außenwänden sind einfache Bänke aus Bambus, und eine einzelne, aus dem sogenannten Botchan-Zimmer ganz oben mit Händen zu greifende Trauerweide an einer Ecke der Fassade gibt dem etwas streng wirkenden Ensemble durch ihr lichtvolles Grün eine weiche Note. Dringt man ins Innere des Gebäudes vor, bewegt man sich in einem Labyrinth von Gängen und Winkeln, Treppen und Räumen, deren Wände von Kästchen (für Schuhe, Kleidung) gebildet werden. Der große Aufenthaltsraum liegt im ersten Stock, alle Schiebtüren stehen offen, ein wenig hat man das Gefühl, auf den Tatami im Freien zu sitzen. Viele Paare, die Geschlechter werden erst im Bad getrennt; auch Kinder, aber Mayuko ist die kleinste. Alle legen, bevor sie, zu den Warmwasserbecken gehen, einen Yukata an, geben ihre Kleider und Habseligkeiten in einen Korb, warten eine Weile, plaudern. Im Männerbad ist Mayuko das einzige Mädchen. Mir ist das egal, ich glaube nicht, daß das für irgendwen eine Rolle spielt. Japaner fragen oft, ob wir Europäer denn überhaupt in ein Onsen gehen könnten, dort seien doch alle nackt, und die kulturellen Gepflogenheiten seien eben verschieden. Was mich betrifft, so habe ich mich in einem Onsen nie eingeschränkt oder beschämt gefühlt – im Gegenteil. Eher scheint mir, daß die meisten Japaner auch im Nacktbad etwas von ihrem Schamgefühl behalten, indem sie ein sehr kleines Badetuch ins Wasser mitnehmen, es sich auf den Kopf legen, während der Körper eintaucht, und es sich notdürftig vor den Körperteil halten, den wir als “Scham” bezeichnen, wenn sie wieder heraussteigen. Mir ist das Tuch im Wasser lästig, ich verzichte darauf.

Mayuko war das Wasser in Dogo-Onsen zu heiß. Mir eigentlich auch, aber ich habe die Zähne zusammengebissen, nach einer Weile gewöhnt sich sogar mein empfindlicher europäischer Körper an die 44 – oder wieviel? – Grad Celsius. “Geh du hinein”, verlangte Mayuko von mir. Sie lief unterdessen zwischen nackten Männerkörpern umher, füllte Holzzuber mit Wasser, spritzte und plantschte. Am nächsten Tag sind wir vor sechs Uhr aufgestanden, danach hatten wir das kleine Onsen in unserem Hotel – weniger elegant natürlich, aber das Becken und der wasserspeiende Löwe dem in dem alten Gebäude recht ähnlich – ganz für uns… Mayuko wird des Plantschens nicht so schnell müde.

Als wir in den großen Aufenthaltsraum zurückkehrten, brachte uns eine Bedienstete grünen Tee und Senbei, eine Art von Keksen. Dieser nicht mehr jungen, aber auch nicht wirklich alten Frau rann der Schweiß übers Gesicht. Im August herrscht zugleich mit der schwülen Hitze ein äußerst reger Onsen-Betrieb. Als drei Münzen zu Boden fielen, hob ich sie auf und drückte sie der Frau, die sie zuerst gar nicht als “ihre” erkannte, in die Hand. “Eine harte Arbeit”, sagte ich, und sie antwortete, dankbar für meine Bemerkung, mit einem gedehnten japanischen Ja: sodesuneee. Ich glaube, daß kaum je ein Besucher der Mühe dieser Frauen Beachtung schenkt; der Dienst wird höflich angenommen und bedankt, aber für selbstverständlich gehalten. Nachdem wir Tee und Senbei zu uns genommen hatten, lief Mayuko zur Veranda und schlug vor, daß wir uns dort auf Kissen setzten, den Blick auf den Platz unten und die Häuser gegenüber gerichtet. Es ist eine eigene, sanfte Wollust, wenn man, in einer solchen Welt aufgehoben, das Treiben in einer ganz anderen verfolgt.

Ich weiß nicht, ob es normal ist, daß Mayuko in einem fort auf Bewunderung stößt. Ein österreichischer Freund, der Japan gut kennt, meinte, Kinder würden hier von vornherein als Wunderdinge betrachtet (“kleine Kunstwerke”, wie ein argentinischer Autor neulich zu mir sagte). Andererseits höre ich oft die in resigniertem Tonfall, als seien Japaner nicht fähig, hübsche Kinder zu erzeugen, vorgetragene Meinung, half, also japanisch-ausländische Mischlinge, seien eben hübscher. Ich habe Mayuko vorgeschlagen, das nach meinem Empfinden abschätzige (aber nicht so gemeinte) Wort durch double zu ersetzen, das entspreche den Tatsachen: Mama Japanerin, Papa Österreicher. Ich glaube allerdings nicht, daß doubles grundsätzlich hübscher sind als – nennen wir sie, dieses eine Mal, singles. Sowohl bei diesen als auch bei jenen habe ich unschöne Exemplare kennengelernt (was nichts daran ändert, daß ich die Ansicht jenes argentinischen Autors teile).

Jedenfalls, was ich erzählen will: Der weißhaarige ojichan vom Hotel hatte uns ein Restaurant empfohlen, das wir dann nicht gleich fanden. Wir schlenderten weiter, und Mayuko machte vor einem kleinen Lokal halt, sie beschloß, daß wir hier essen würden. Es war ein Ramen-Geschäft, der Abend noch relativ früh, keine Gäste. Wir setzten uns, und noch bevor ich die Speisekarte in die Hand nehmen konnte, kam der Koch oder Besitzer (vermutlich beides) zu uns und gab Mayuko mit einem schlichten “Für das hübsche Mädchen” einen Tausend-Yen-Schein. Ich hielt das zuerst für einen Scherz, vielleicht war die Banknote nicht echt. Ich bestellte, das Essen erwies sich als gut, zweimal bekamen wir grüne, leicht gesalzene Bohnen, als Geschenk des Hauses; als eine Familie, erst die zweite Kundschaft an diesem Abend, den Nachbartisch besetzte, schenkte Mayuko dem kleinen Mädchen ein paar von den Bohnen. Am Ende zahlte ich und ließ den Tausend-Yen-Schein auf unserem Tisch zurück. Die Kellnerin kam und drückte ihn Mayuko – nicht mir, ich hätte ihr die Hand entzogen – in die Hand. Der Preis von 2200 Yen, den wir für Speis und Trank bezahlt hatten, war mir unverständlich, aber ich hatte keine Lust, viele Gedanken darauf zu verschwenden. Ich hatte zwei Bier getrunken, Alkohol ist in Japan ein bißchen teuer, ich hatte mich nicht eigens erkundigt, doch so oder so, wenn ich nachzurechnen versuchte, kam ich nie und nimmer auf diese Zahl. Überhöht, ja, aber nicht sehr. Hatte der Besitzer vielleicht jene 1000 Yen auf die Rechnung gesetzt? Dann wäre der Preis zu niedrig gewesen. Wollte er uns unausgesprochen einen kleinen Rabatt geben? Alles war möglich; ich beendete meine Grübelei. Als wir am Onsen-Gebäude vorbeispazierten, fragte mich Mayuko, was sie mit dem Geldschein machen könne.

“Etwas kaufen”, sagte ich.
“Was zum Beispiel?”

Sollte ich jetzt Waren nennen, deren Preis diesem Betrag in etwa entsprachen? Sollte ich ihr vorschlagen, ein Zukunftssparbuch zu eröffnen, wie es meine Verwandten einst für mich getan hatten? Zum Glück wurde Mayuko das Thema bald langweilig. Den Geldschein trug sie mehrfach gefaltet als eine Art Trophäe nach Hause. Am nächsten Tag hatte sie die Geschichte vergessen, sie sagte, indem sie auf den Tisch wies: “Papa, du hast das Geld da verloren.”

Da ich Mayuko versprochen hatte, mit ihr im Meer zu schwimmen – “ein bißchen schwimmen”, sagte sie, denn das große, unruhige Wasser ist ihr ein bißchen unheimlich -, fragte ich den ojichan, welchen Ort er dafür empfehlen könne. Er beriet sich mit seiner Frau, diese schrieb in zögernden lateinischen Buchstaben “Baishinzi” auf einen Zettel, daneben die chinesischen Zeichen. “Baishinji” mußte es richtig heißen, das war mir klar, der Ort war nach einem Tempel benannt. Wir nahmen wieder den Botchan-Zug, stiegen beim JR-Bahnhof aus – ein Irrtum. Ich fragte nach dem Zug nach Baishinji, Takahama-Linie. Der Bahnhofsbeamte verstand nicht gleich. “Haishinji?” sagte er. Ich zeigte ihm den Zettel, auf den die Frau im Hotel geschrieben hatte. “Haishinji”, wiederholte er nachdenklich. In Warheit war die richtige Lesung doch Baishinji; derlei Ungewißheiten bei Orts- und Personennamen sind in Japan alltäglich. Der Mann erklärte mir, das sei eine andere Linie, ein anderer Bahnhof: nicht JR (Japan Railways), sondern der Stadtbahnhof. Ich solle aber zum Otemachi-Bahnhof gehen, das sei näher.

Mayuko war inzwischen in meinen Armen eingeschlafen, es war Mittag, die Hitze sengend, und ich fand diesen Bahnhof nicht. Ich ging zurück zum JR-Bahnhof und fragte einen anderen Beamten. Der schickte mich zur Iyotetsu-Bushaltestelle. Dort stieß ich auf jemand, der mir den Weg zum Iyotetsu-Bahnhof verständlich erklären konnte. Ich überquerte den Bahnhofsplatz, lief eine Straße entlang – Betonwüste, wie in allen diesen Stadtzentren. Ich fragte zweimal nach dem Iyotetsu-Bahnhof. Mein Herz schlug heftig, die Kräfte schwanden, aber ich wollte nicht in den Schatten eines Hauseingangs sinken. Ich fragte eine Schülerin auf einem Fahrrad. “Da hinter Ihnen ist der Bahnhof.” Ich hatte gerade die Geleise überquert, die Haltestelle zwischen zwei Häuserblocks war leicht zu übersehen. Dann stand ich noch eine Weile, Mayuko auf dem Arm, vor einem Schalterbeamten, der in irgendwelche Schreibarbeiten versunken war. Als er endlich meine Not erkannte, entschuldigte er sich buckelnd. Der Zug kam, und Mayuko erwachte. Trübe Fensterscheiben, das Grün draußen wucherte nach der langen Regenzeit.

Der Bahnhof von Baishinji ist ein winziges Häuschen wenige Schritte vom Strand entfernt, der Bahnhofsvorsteher ein milder, fast süßlich wirkender Mann, der bestimmt einer geheimen Leidenschaft nachgeht und zur Tarnung diesen tatenlosen Beruf ausübt. Ich mußte an Gianmaria Testa denken, den Liedermacher, der angeblich an der ligurischen Küste ein ähnliches Dasein führte. Wir überquerten die Geleise, ich zog Mayuko den Badeanzug an, krempelte meine Hosenbeine hoch. Jetzt, noch in der Mittagszeit, waren nur wenige Leute am Strand. Ein Mann mit einer Tochter im Volksschulalter, beide in Badekleidern, streckte uns einen Schwimmreifen entgegen: Ob wir ihn gebrauchen könnten? Mayuko freute sich, ich nahm dankend an. Das Wasser war zwischen zwei Molen ganz ruhig, Mayuko hatte keine Angst, im Gegenteil: ich sollte selber schwimmen, mich von ihr entfernen. Später begann der grüne Tang sie zu interessieren, und sie holte soviel wie möglich aus dem Wasser. Wakame, sagte sie, aber ich weiß nicht, ob das, was sie mir entgegenstreckte, wirklich eßbar war.

“Jetzt nicht”, sagte ich, “wenn man das essen will, muß man es zuerst trocknen.”
“Warum denn?”
“Weil…”

Später kam ein Mädchen mit einem kleinen Seifenblasenzylinder. Die Mutter war in der Nähe, sie hatte noch einen solchen Zylinder und schenkte ihn Mayuko. Nach einer Stunde beschloß ich, daß Mayuko genug in der Sonne geschwommen und gespielt hatte. Ein Stückweit entfernt war ein Schuppen am Strand, dort konnte man duschen. Aus dem senkrechten Rohr eines Drahtzauns kam Wasser, oben war ein wackeliger Duschkopf angebracht. Nachdem Mayuko angekleidet war, setzen wir uns in den Schuppen, dessen meerseitige Wände einfach hochgeklappt und oben mit Drähten festgebunden waren. Estrichboden, einfachste Möbel, zwei alte Frauen kochten und bedienten, eine dritte saß mit ihnen am Stammtisch; drei winzige Hündchen besetzten dre Stühle, einer verlangte tänzelnd nach menschlicher Zuwendung verlangte, während die anderen faul auf der Sitzfläche lagen, so daß wir sie anfangs gar nicht bemerkten. Ich bestellte Udon und Onigiri, die Getränke holte ich aus einem Kühlschrank mit Glastür. Ich erwähnte, daß wir heute noch nach Hiroshima fahren, und eine der beiden Frauen fragte: “Wohin in Hiroshima?” Sie meinte die Präfektur.

“Higashihiroshima.” Weil ihr das nicht viel sagte, erwähnte ich das Städtchen Saijo.
Die Frau dachte zwei Sekunden nach, dann sagte sie: “Ah, dort gibt es guten Sake.”
“Ja”, sagte ich, “dort.”

Als Gäste kamen, um sich kakigori zu holen, geriebene Eiswürfel mit Sirup, wollte Mayuko naturgemäß auch welches. Die Reibemaschine, aus der das zerkleinerte Eis direkt in den Becher glitt, war die einzige Spur von neuerer Technologie. Der Apparat, sichtlich der Stolz des Besitzerduos, stand in der Mitte des Schuppens auf einem hohen Podest, er prangte vor dem blauen Streifen Meer und dem etwas fahleren Himmel. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei und wirbelte ein bißchen Staub auf. Hiroshima war fern, Kure war fern. Das U-Boot und das Kaufhaus waren fern, die Gaszylinder am Horizont waren fern. Der Krieg war fern, es hatte nie einen gegeben, würde nie einen geben. Selbst die Samurai waren fern. In der Ewigkeit dieses Küstenschuppens gab es nicht einmal einen Fernsehapparat, in dem ein Samuraifilm hätte laufen können.

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Leopold Federmair

Von Leopold Federmair sind der Essayband Buenos Aires , Wort und Fleisch sowie die Übertragung Ricardo Piglia : Der letzte Leser soeben im Klever- Verlag erschienen . Der Roman Erinnerung an das , was wir nicht waren liegt bei Otto Müller vor. Im Mitterverlag ist kürzlich das Italien- Buch Scherbenhügel herausgekommen .

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