Salon Littéraire | Lisa Spalt :
TULPE 4 | Textkarte 2 – (epische Rotation)
Der Text TULPEN hat seinen Kristallisationskern in der so genannten Tulpenhausse oder Tulpenmanie des siebzehnten Jahrhunderts, in der Frage nach der Gestaltung der Verbindung zwischen der Welt und ihrer Bewertung. Damals wurden Tulpen, deren bizarre Schönheit unter anderem – was allerdings erst 1924 bekannt wurde – davon herrührte, dass ihre Blüten von einem Mosaikvirus teilentfärbt wurden, zum Gegenstand von Geschäften mit Optionen. Man spekulierte somit mit Tulpenzwiebeln, deren Blütenentwicklung (gebrochen oder nicht gebrochen) nicht vorhersehbar war. 1637 platzte die Spekulationsblase, nachdem bereits ganze Häuser um drei Tulpenzwiebeln verscherbelt worden waren.
Was ist schön? Was ist Verzückung, ein Fan, Gläubigkeit? Mit welchen Sätzen schreibt man aufgrund welcher Muster – zum Beispiel der Natur – Wert zu? Welche Formulierung der Natur ersetzt den Begriff von ihr et cetera.
Die Tulpe als ein Shuttle zur bewertenden Natur; es geht darum, mit einem solchen Granum-Spielzeug Auslassungen, Serialisierungen und Blendeffekte der Bewertungsvorgänge prismatisch zu streuen oder vielleicht eine fassungslose Beleuchtung zu strukturieren als eine Art Hand, durch deren Finger man– dem Begriff des immer dem Nutzen folgenden Eindringens in die Natur auf der Spur – sieht. (Lisa Spalt)
Dann wieder die Veredelung durch das Rollenspiel in der epischen Rotation: in Gestalt eines papierenen Tiers von einer Heldin – Friedenstaube, welche die epischen Tragflächen zuklappt, um im Sturzflug den Geist zu mimen; vom Knie des Flussgottes endlich den grünen Gürtel wieder gleiten zu sehen; indem die Zellulose ins eng anliegende Nadelkleid sich zurückfädelt, ja, da die sich krümelt, schweißt, ins aufgewertete Symbol unserer im neunzehnten Jahrhundert schon in Hochöfen verheizten europäischen Wildnis; Tannendüfte zu lassen im Kropf der Nähte aufgeforsteter Gehölze; ins Köpfchen abzudrücken sich selbst als das gehärtete Echte; die Münze einer eisernen Pofalte oder den schicken Span ausscheidendes Spitzen-Heldenkupfer; auf dass das Image sitze; beim Geschäft des Lesens, von Gotisch Geschefte/Verrichtung.
1/ Zum Thema der künstlichen Wiederherstellung eines für ursprünglich gehaltenen Zustands aus dem Heldenzeitalter der Natur – wobei für sicher gilt, dass die Natur umso natürlicher ist, je älter sie ist: Bereits die alten Ägypter verwendeten anstelle der noch nicht erfundenen Wundklammern Majorarbeiterinnen von Waldameisen. Die Ärzte pressten die Tiere gegen die Wunden und trennten deren Körper ab, sobald sich die Wütenden ins Fleisch verbissen hatten, den wiedererlangten – ursprünglichen – Zustand des Gewebes | wieder | zu erhalten.
2/ An Horkheimer/Adorno zu erinnern und die Vorstellung von der Aventüren-Reihe, die der Ausdruck einer schwachen Identität sein sollte, welche sich im episodenhaften Handeln an der Natur als Gewalt erst zu entzünden hätte; wäre das dann die Gewalt des Zusammenhaltens? Jedenfalls könnte die inkriminierte Episodenhaftigkeit im digitalen Zeitalter durchaus zur Metapher für ein geschichtsloses Wechseln von Pixelzuständen deformiert werden. Natürlich: von daher die in diesen Tulpen geübten Aus- und Einblendungen anstelle der Simulation von Kontinuität. Ich bin nur der Kommentar zu dieser Welt; zu deuten als Versuch einer Einverständniserklärung mit der unabänderlichen Unverbundenheit und dem Eindruck, von den Systematiken bloß benutzt zu werden: vielleicht den Zweck verfolgend, die Bewegung selbst als einen mit mindestens zwölf Bildern pro Sekunde hergestellten Illusionstrick der Identitätsvorspiegelung zu üben. Das diese Täuschung bewerkstelligende Verfahren würde in Brücken wie dieser hier sichtbar. ⇒ Analog
3/ Variation: Oder noch weiter zurück zu gehen als bis zu den Wäldern und den im Feuer ihres Holzes gestählten Statuen, nämlich zu den Helden selbst und denen, die sie singen, zeitgemäß: im Badezimmer. ⇒ Orcus
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- Winterweiss
- T-U-L-P-E _1 ( Nukleus zu TULPEN )
- T-U-L-P-E _2 ( Nukleus zu TULPEN )
- T-U-L-P-E _3 ( Nukleus zu TULPEN )
- TULPE 1/5 | Bildkarte 1 ( Gaumensegel )
- TULPE 2/5 | Textkarte 1 – ( Ritual )
- Tulpe 3/5 | Bildkarte 2 ( Nautilus )
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Hinweis
Lisa Spalts Band “TULPEN” wird im Herbst 2010 im Czernin- Verlag erscheinen .
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