Salon Littéraire | Robert Prosser :
STROM ( Auszug )
und immerzu dieser Drang zu gehen, rauszugehen, irgendwohin, Hauptsache sich bewegen und einschieben, einzwängen in den Weltverkehr einen Versspan, und geh doch ins Rauschen Geschichtenwispern der Schuttinseln steingrau einen Kopf hoch über Wasser, steingraues Bollwerk durchädert vom Lärmtosen und höchstens Gehölz das höchste der Gefühle angeschwemmt am Ufer angesammelt verlorene Holzhaut des schaukelnden Festhaltens 26 Buchstaben abgekratzt von Lerchenrinden abkopiert und mäandere schrittweise trotz Overkills der Dosen beobachte ich fluchend brachiales Heranrasen und in der Hand liegt nervöses Klappern, ich werfe die Dosen weg und mich zu Boden, drück das Gesicht neben Gleisen in faustgroße Steine, leg das eigene Schreien in ihr Rostbraun, da es sonst niemand hört im Rattern verliert es sich und eine Handbreit entfernt entfaltet ein EC aus Italien kommend seine ganze Durchschlagskraft auf morschem Schienenholz, und dieser zusammengekauerte Mensch wäre also der Notenschlüssel, neben die Tonleiter gerutscht, und nach Augenblicken, in denen am Bahndamm nur Schreien ungestört verwuchert, stehe ich zitternd auf, blicke dem letzten Waggon nach, bis die morsche Klaviertastatur erneut stumm ausgebreitet liegt, auf den nächsten Virtuosen, dessen Zugstakkato wartet
während der Positionsbestimmung Gestirne, Briefe ausgemessen, berühre das Tagebuch eines Zehnjährigen, notierte Detektivphantasien und das Verschwinden des Großvaters inmitten erster Anflüge der Pubertät ist mir das Handeln der Mutter im Gedächtnis geblieben, wie sie einmal ihr eigenes Tagebuch aus der Schublade holt, rot-weiß eingebunden wenn mich nicht alles täuscht war sie irgendwie stolz darauf, in ihrer Hand lag ein Stück Heimat und Jugend und Liebe, sie befühlt ihr Leben Blatt für Blatt, ehe sie nach Tirol ins Tal einheiratet und fängt zu lächeln an in der Dunkelschraffur des Dachzimmers zeigt sie mir das Tagebuch, verlangt mir das Versprechen ab, es nie zu lesen meinetwegen wenn ich tot bin sagt sie und legt es ungeöffnet zurück, das geschriebene Mosaik einer Frau, das sie vielleicht deshalb aus der Schublade nimmt, um sich selbst im Anblick des heranwachsenden Sohnes die eigene Jugend noch einmal hervorzuholen, ins rot-weiß verstörte Licht zu stellen. Am Nordhang liegen ungemähte Wiesen und vor der Balkontür kreisen Wespen und Bienen überm kniehohen Gras was wohl drinnen steht
und verzeichnet wurde der Auslöser ihres wehmütigen Lächelns, eine ungemähte Wiese, ein rotweißes Buch skizzieren mit schnellem Strich Wespenstimmen Zungenstachel eine bisher unbekannte Sommergravur der Mutter, der Inhalt nähert sich möglicherweise ihrer Erzählung an, wie sie nach einem Besuch der Eltern die Tränen hinter einer großen schwarzen Sonnenbrille versteckte und so zum Bahnhof kam, um mit ihren zwei kleinen Kindern einen Zug zurück nach Tirol zu nehmen. Meine kleine Schwester und ich stehen in einer frühmorgendlichen Wartehalle neben dem Koffer, schüchtern eingezwängt zwischen Schülern und Beamten, und unsere Mutter verweint die Augen versteckt tritt an den Schalter und dort sitzt ihre Jugendliebe, der Name liegt vermutlich im Tagebuch verwahrt und sie ist sich sicher, dass er sie erkannt hat durchs Schweigen, sein Blick bricht an einer schwarzen Sonnenbrille, und kurz darauf fährt der Regionalzug nach Graz ein, fährt los mitsamt einer Frau Anfang Dreißig und ihren zwei kleinen, verschlafenen Kindern, wieder unterwegs zurück ins Tal zum gesicherten Tagesablauf. Auf die Wiesen vorm Haus zeichnet gelegentlicher Wind dunkle Böenschraffuren, wie eine Jugendliebe kurz die Routine überschattet, dunkelgrüne Lebendigkeit freigibt und sich darüber kräuselt als kleiner Wirbel hinunter zu einem besonderem Lächeln, welches schnell wieder verjagt wird, gleich den Wespen am Balkon. Vom gedeckten Tisch für einen Nachmittagskaffee werden im Spätsommer die letzten Überbleibsel des Wespenstaates angezogen, schwächliche Arbeiterinnen stürzen sich auf Süßes, mit dünnbraunen Flügeln filigran verdreckte Eisblumen / als ersten Hinweis auf den Winter lassen sich die Wespenpanzer lesen, welche mehr und mehr auf Holzdielen liegen, als tickender Verlust der Windböen über kniehohem Gras nimmt mir meine Mutter ein Versprechen ab oder kehrt Wespenhülsen zusammen verdorrte Abenteuerkapseln / schwarzgelb stachelspitz verkommt das Fühlerstrecken manchmal punktgenau zum staunend betrachteten Panzer einer vergangenen Gefahr, während des Auskundschaftens eines neuen Graffitis an den Mauern entlang der S-Bahn: nom de guerre nächtliche Decknamen und Codewörter, um die Motivation zu benennen, sich raus zu schleichen, raus aus den Häusern und zweckgebundenen Lichtern, hinein in Geruch und Einsamkeit, halte dort die Zungenspitze in Gegenwart und Flamme: geleckte Pupille / bezüngelter Sehnerv und geleeartiger Moment des gläsernen, durchlässigen Tages, denn in Wespennestern müsste man den Goyaposten beziehen, im Insektenpanzer und Blitzlichter über Brachländern: überwucherte Anarchiezonen und bette mich dazu ins feuchte Moos, such mir ein Exil in überwucherten Ruinen versteckter vergessener Mühlen, schau auf den gerodeten Wald, auf den Berghängen dahinter sitzen mir Raben in den Haaren weiß eingefärbt von Nebel Schnee verwischt zum Körper, welcher über dem Tal schwebt als Wächter und Zeuge und blanker Hohn.
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Hinweis
Robert Prossers Band “Strom . Ausufernde Prosa” ist im Klever Verlag erschienen ( Wien 2009 ) .
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