Salon Littéraire | Monika Rinck :
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IN KLEIDERN SCHLAFEN
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Je vois de si terribles choses en rêve, que je voudrais quelquefois ne plus dormir, si j’étais sûr de n’avoir trop de fatigue. ( Baudelaire: Symptomes de Ruine )
Das Unverstandene nahm sich aus wie Hall. Doch woher kam er zurück? Die Resonanz braucht schließlich Formen. Im Weltraum hör ich niemanden schreien. Jemand sagt: Wir brauchen eine Horchanlage, doch wo baue ich sie auf? Seitdem ich zwischen Innen und Außen nicht mehr unterscheiden kann, erstaunt es mich, dass diese Unterscheidung jemals möglich gewesen sein soll. Und habe fast die Sprache in der Nähe verloren. Die Nähe hat mich eingeweicht, das heißt, ich bin verliebt. Nein, ich bin nicht verliebt, ich bin verpflichtet. Ich tue das, wozu mich meine Gefühle verpflichten. Sie verpflichten mich zu einem Handeln, das dem der Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht. Es ist die Pflicht. Später beseitige ich in einem Zustand höchster Angst die Folgen und begebe mich in den Schein einer Schreibtischlampe. Ihr Licht ist falsch, seit jüngstem. Da es dennoch für evident zu halten ist, dass sie wirkt wie eh und je, zeigt sich aufs Neue, dass Innen und Außen nicht unterscheidbar sind. Was dort hindurch treibt, ist indes von einer dummen Grobheit - der taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird. Darin mischt sich alles in der Art, wie wenn die Schuhe drücken und der erste Gedanke ist, etwas in der Konfiguration löschen zu müssen, damit es besser geht - haltlose Konzentration. Andernorts ist es mir bereits Erleichterung, das Wort Psychoanalyse nur zu lesen! Ein stummer Trost, ich glaube, ich habe in Kleidern geschlafen.

Ich schlage alles nach, jedes Wort. Erst sind sie außen, dann innen: amertume? Bittertum, im Plural wären das die Bittertümer, eingekreiste? Hochgereizt und heruntergeregelt gleichermaßen ist der Nachhall des nicht justierten Worts: malediction. Was ich innerlich höre, was ich äußerlich höre, was - ununterscheidbar in der steten Präsenz, die beide miteinander teilen - zu sprechen nicht aufhört: recalling damaging speech. Ein klassischer Fall von negativer Fixation, die keine Grenzen kennt. Language made me say that! Dunkel an der Grenze. Aber, aber nimm doch mal zum einfachen Beispiel das Laub, das Laub ist doch unbenommenermaßen außen. Das Laub schläft nicht. Und den Kopf am Abteilfenster sehe ich es vorbeiwischen, im Morgendämmer erheitert. Doch der Fluch funktioniert. Das falsche Wort in mir - das ausgesprochen nicht nicht in mir ist, sondern um so mehr in mir, ja, es werden schon gar andere daran beteiligt, die dann auch in mir sind. Das passiert immer wieder.

Balzac in der Oper. Eine distinguierte Dame wirft ihm vor, er rieche nach Wein. “Nein”, entgegnet Balzac, “Sie täuschen sich. Ich rieche nach Musik”. Ein mehrspuriger Zubringer sorgt dafür, dass sich das Gesagte und das Gehörte mit der Summe des vage Gemeinten multipliziert. Die Analyse quietscht. Was hast du nur gesagt? Krümmst dich unter Deutungsdruck. Wirst es nicht entscheiden können. Kannst niemanden fragen, solltest auch nicht. Es wächst aus meiner Stirn knapp über Augenhöhe ein lappiges Trapez, befestigt links am Pol der Projektion und rechts an dem der Gegenprojektion. Das ist mein hermeneutisches Sicherheitsnetz, nicht recht gespannt, leicht lose. Wie es trotzdem jede schnelle Bewegung erschwert, könnte mich kränken, wüsste ich nicht, dass es das Außen nicht gibt. Es kränkt ja doch und der fremde Soziotop steht da und regt sich ganz benetzt. Wo sie größer sind als ich, ists ihnen ein Haarnetz, wo sie kleiner sind, eine Abhängung, die ihnen die Höhe des Raums zur Höhle umdeutet. Sie wollen wohl raus, oder wollten es wirklich, wenn sie sich sähen wie ich.

Will die Visite pflügen. Lächele. Bin noch hier. Muss grüßen. Tabletts werden durch die Plauderbrache getragen, alle sind fleißig. Nimm keines, keines davon. Wohin, wenn niemand mit mir spricht. Dorthin, wo niemand ist und keiner spricht. Im Jargon der Autoindustrie heißt das: untersteuert. Retard mordant: die bissige Verzögerung auf regennasser Fahrbahn, nachdrücklicher meldet sich der Bremsassistent. Überhaupt muss sich die Bremsanlage in keinster Weise verstecken. Ziehe ich die Tür ins Schloss und ertaste den Schalter. In dieser strategischen Partnerschaft von Anspruch und Erwartung werde ich noch einmal untergehn und später dann wieder, ein weiteres Mal. Die Vierspurigkeit der Strategie: ich erleide eine Dankbarkeitsdepression und alles, was ich denke ist außen, und ist dort der Verrat. Ich sehe eine angelehnte Tür, die sich unter meinem Blick um wenige Grad öffnet, oder habe ich das nur geträumt? Ich sehe einen bösen Weinstock und die Spur nach Süden. Mein Körper hat etwas entlassen. Ich brauche einen Arzt, oder wie man das nennt. Wahrscheinlich schlafe ich schon, ohne es bemerkt zu haben. Ich bin im Resonanzraum des Traums. “Aber schon der Traum selbst ist Deutung - die genaueste Deutung, zu der der Träumer im Augenblick des Traums von sich aus fähig ist.” (Morsbach: Über die Wahrheit des Erzählens)

In meinem Traum war die Filmkritik eine Cafeteria. Alle waren sie da, die meisten hatten ihre Wahl schon getroffen und steuerten auf rote und blaue Tische zu. Nur ich konnte mich nicht entscheiden. Ich stand am verglasten Dessert-Regal und wusste nicht, was ich nehmen sollte, Obstsalat, Phrysalis, etwas Grünes, diverse Moussen. Es nahm sich ungenau gemischt (mies arrangiert) auf meinem Teller aus; ich dachte, dass das nicht richtig sein könne. “Du musst es ja nicht essen - du wirst es ja doch essen, wenn du erstmal einen Tisch gefunden hast”, mit diesen Gedanken wandte ich mich um zur Kasse. Bevor ich zahlen konnte, kam ein verkohltes Rettungsboot aus Holz mithilfe von Überrollbügeln hereingerollt, überschlug sich mehrfach, darin ein sehr aufgeräumter Cary Grant, im angespannte Sportlersitz, die Füße ruhten sicher auf ihren Stützen, beide Hände umgriffen das Steuer. Das Boot war so kaputt, man konnte alles sehen. Es kam zum Stehen. Cary Grant nahm seinen überraschend großen Schwanz heraus und strahlte. In der Brusttasche seines Sakkos entdeckte ich ein geschlossenes Cocktailschirmchen, das etwas bedeutete. Alle Anwesenden waren freundlich interessiert. Unter einem Regenschirm kam eine ältere Frau (die Bibliothekarin?) hinzu - und beide, sie und Cary Grant, waren sich ungemein einig, als sie feststellten: Das, was sie hier sehen, ist das Äußerste was im Hollywoodkino momentan möglich ist. Ich stand nahe bei, den Dessertteller in der Hand, und war völlig d’accord. Das war ein warmes Gefühl, entsinne ich mich.

Die Fragen, die ich beantworten sollte, entsprangen einem fremden Bewusstsein. Ich hörte sie erst, als es bereits zu spät war. Momentweise hatte ich nur Zugriff auf den Schaum, der über einer großen Anstrengung schwappte, es wühlte, rührte und rief: Denke! Denke! Ich schöpfte den Schaum ab, panisch, und besprühte das Auditorium damit. Das Auditorium ging davon aus, dass es sich bei der Sprechenden um eine Person meines Namens handelte. Es täuschte sich. Ich sprach nicht aus, was ich weiß, sondern nur das, was sich mir in diesem Moment anbot. Ich hatte keine Wahl. Insofern war ich das Auditorium und die anderen waren es nicht. Die Kollision von Selbstfiktion und Wahrheitsbedürfnis, sagte jemand einige Stunden später beim Verlassen des Rathauses. Ein anderer wies sanft darauf hin, dass der Leser ja nur die fertigen Bücher kenne, und daher zu Vorurteilen neige. Müdigkeit kam auf und legte sich wieder, als wäre man in einen Regen gekommen und hätte auskühlend allen Kredit sich genommen, ja, das Erbe reichte gerade noch dazu, wieder zu trocknen. Innerlich kragte Schilf in mir und der Sturm brachte meinen Kreislauf zum Erliegen. Etwas sehr Mitteilenswertes in Sachen Filmkritik fiel mir ein und ich wollte es allen sagen. Die Übergänge, dachte ich noch, der so durchlässige Container des Denkens, und dass ich mir, wenn ich könnte, von diesem Tag an einen schmalen und guten und sehr kontrollierten Oberlippenbart stehen lassen würde, und den pflegen wie mein Leben. Jeden Morgen, jeden Abend.

Das ist der Grund, weshalb diese Reisen so ungemein anstrengend sind. Dass ich eine sehr nervöse Nomadin sei, will ich mich entschuldigen, als ich den Tisch verlasse und 50 Minuten zu früh auf den Bahnhof zustrebe. Draußen dann, in den nach oben offenen Gassen turbiert mich ein Deutungssturm, der sich erst im fahrenden Zug wieder legt. Das gute Wort begegne als welthafte Bleibehilfe. Der Schutzwert dessen. Die Worte sind innen. Die Worte sind außen, harte Worte sind innen und außen. “The hard word reverbarates - so much so that it holds the appeal of false etymology (it’s easy to assume that to reverberate derives from characteristically self-repeating verbal actions, whereas it meant striking or beating back.) That it reverberates, rather than echos, places it well beyond the possibilities of ironic recuperation that echo offers, reverberation will only resound, to its own limit.” (Riley: Malediction) Schrittweise, durch eine Folge von Stößen bewegt sich die Luft als Medium, in dem der Schall sich ausbreitet. Sie tut das bedingt, ihre Moleküle schwingen um die jeweilige Gleichgewichtslage, anders als der Wind, der sich weltweit fortbewegt. Der Schall ist daher vergleichsweise lokal. Stell dir vor, du müsstest alles irgendwann hören. Mir scheint, das ist schon der Fall. Ich übersetze aus dem Englischen: “I think they call this transverberation, speaking in the voice of another person, absent or departed.” Das kann nicht stimmen: Ich glaube, man nennt dieses Phänomen Durchprügelung, mit der Stimme einer anderen Person zu sprechen, die abwesend oder verstorben ist. Ich werde dich so durchprügeln, dass eine andere Stimme aus dir spricht. Dieses Phänomen nennt man Transverberation. Glaube ich.

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Monika Rinck
Geboren 1969 in Zweibrücken , lebt und arbeitet in Berlin . Bis 1998 Studium Religionswissenschaft , Geschichte , Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum , Berlin , Yale . - Poesie , Essay , Erzählung , Roman , Übersetzung ( lyrikline.org ) , Online ( Begriffsstudio Monika Rinck + newsletter , Forum der 13 ) .
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Buchpublikationen
- ZUM FERNBLEIBEN DER UMARMUNG - Gedichte , Berlin | Idstein , kookbooks 2007
- AH, DAS LOVE-DING ! - Ein Essay , Berlin | Idstein , kookbooks 2006
- FUMBLING WITH MATCHES - HERUMFINGERN AN GLEICHGESINNTEN - Berlin , Sukultur 2005
- VERZÜCKTE DISTANZEN - Gedichte , Springe , zu Klampen! Verlag 2004
- NEUES VON DER PHASENFRONT - Berlin , b_books 1998
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Anthologien | Zeitschriften ‘07
- ETWAS HAT HUMOR, in: nicht schreiben ist auch keine lösung - jahrbuch der literatur # 13 , hg . : gauch , steinbrecher , wasner , Frankfurt 2007
- DIE GANZE ARBEIT NÄHE - in : 40 Minuten Literatur , manuskripte 177 , Herbst 2007
- DIE DRITTE STIMME - Nachwort für Orsolya Kalasz‘ Lyrikband Alles, was war will seinen Strauch - Frankfurt 2007
- THIS DOES DOOR MEAN - in : Judith Hopf und Henrik Olesen : TÜREN - Portikus , Frankfurt 2007
- SUCHEN / VERLIEREN / BEHALTEN / WEGWERFFEN - Festvortrag im Rahmen der Absolventenfeier der Fakultät Philosophie / Sprachwissenschaft der Humboldtuniversität im Juli 2007
- EDENKOBEN , im sommer 2005 - in : Vom Ohrenbeben zum Edenkoben , hg. von Gregor Laschen , Heidelberg 2007
- 4 GEDICHTE in poet[mag] 3 / 2007
- NÜTZLICHE RUINEN - Nachwort in Istán Keménys gleichnamigen Lyrikband , Frankfurt 2007
- DASS IHR MICH VERSTEHT, das verbiet ich . zum märchen - in : die horen, 1 / 2007
- THE SUMMER OF LOSS [ich wollte dir etwas geben, worüber du nachdenken kannst] - in : LA MER GELÉE , Berlin - Paris , printemps 2007
- GEDICHTE - in : BELLA triste # 17 - sonderausgabe zur deutschsprachigen gegenwartslyrik , Frühjahr 2007
- DAS INNEN AHNUNGSLOSE . zu den arbeiten von judith hopf - katalog , sezession wien 2007
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Texte im Netz
- Forum der 13
- lyrikline.org
- DIESE PEEPSHOW IST DEIN SARG @ konkursbuch ANGST ( Sommer 2007 ) & @ Lisa Spalts KiR
- Text des Monats # 14 @ Literarisches Quartier Alte Schmiede | Liesl Ujvary zu AH, DAS LOVE-DING !
- KONTEXTE @ metroprolet.de
- satt.org: teich ( Ron Winkler )
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