Tag Archive for '2008'

Déja- Vu : Karl Kautsky über Georgien 1921 und den russischen “Überfall”



||| KARL KAUTSKY : DER BOLSCHEWISTISCHE ÜBERFALL | LINKS | KLANGAPPARAT

Nach der Oktoberrevolution erklärte sich Georgien am 26. Mai 1918 unabhängig. Am 16. Februar 1921 wurde die Demokratische Republik Georgien von der Roten Armee besetzt und in die Sowjetunion eingegliedert ( Wiki ) . Wir zitieren in|ad|ae|qu|at aus dem Papierarchiv .

|||

KARL KAUTSKY Georgien 1921

|||

KARL KAUTSKY : DER BOLSCHEWISTISCHE ÜBERFALL

In der kurzen Zeit des Bestehens des unabhängigen Georgien hat seine Wermacht schon manch harte Probe abzulegen gehabt. Die härteste und schwerste muss sie aber zu der Zeit bestehen, in der diese Zeilen abgefasst werden, infolge des plötzlichen Einfalls starker bolschewistischer Streitkräfte vom Süden, vom Osten und Norden gleichzeitig.

Ohne jede Kriegserklärung erfolgte der verräterische Überfall in der ersten Hälfte des Februar. Er wurrde der Welt zuerst von georgischer Seite mitgeteilt. Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften Georgiens sowie die Partei der Russischen Föderalisten teilten ebenso wie die georgische Regierung positiv mit, dass Georgien von russischen Streitkräften überfallen und aufs äusserste bedroht sei. Sie erwarteten einen sofortigen stürmischen Protest gegen das Vorgehen Moskaus, namentlich durch die internationale Konferenz in Wien. Leider kamen die Telegramme verspätet an, ausserdem stand die Konferenz unter dem Eindruck der furchbaren Krisis, in die das kontinentale Europa durch die wahnsinnigen Forderungen der Entente an Deutschland gestürzt ist, was das allgemeine Interesse mehr nach dem Westen als nach dem Osten lenkte. Vor allem aber wurde das sozialistische Urteil verwirrt durch die Darstellungen, die von Moskau kamen und die jedes Eingreifen der russischen Armee in Georgien entschieden leugneten.

Diese Darstellungen einer eingehenden Kritik zu unterziehen ist nicht mehr notwendig. Sie kritisieren sich selbst durch ihre Widersprüche und Wandlungen.

Um das Eindringen russischer Truppen leugnen zu können, wurde zuerst erzählt, an den georgischen Grenzen häten sich einige Dörfer erhoben, erbittert über die Tyrannei der Georgier. Armenier an der Südgrenze, hätten den Anfang gemacht, dann sei der Aufstand nach Signach übergesprungen, das im Osten Georgiens gegen Aserbeidschan zu liegt, und gleichzeitig hätte sich Abchasien erhoben, im äussersten Nordwesten, dicht an der russischen Grenze.

Merkwürdigerweise brachen die Aufstände gerade dort aus, wo, in Armenien wie in Aserbeidschan und bei Abchasien, schon seit November grosse und vermehrte russische Truppenmassen lagerten.

Unaufhaltsam sollen die Bewohner der paar armenischen Grenzdörfer gegen Tiflis vorgedrungen sein. Die russische Regierung teilte mit, sie hätte versucht, voll Friedensliebe und Wohlwollen dem bedrängten georgischen Regime zu helfen und ihr Vermittlung zwischen den Georgiern und den Armeniern angeboten. Sie könne nichts dafür, wenn Georgien diese Vermittlung schnöde zurückweise.

Aber kaum ist Tiflis erobert, wandelt sich sofort das Bild. Die Armenier haben ihre Schuldigkeit getan, die Armenier können gehen. Es ist in den russischen Telegrammen keine Rede mehr von den armenischen Aufständischen, sondern jetzt heisst es plötzlich, die Kommunisten hätten Tiflis erobert und die Menschewiki verjagt. ( … )

Kein Wort mehr mehr von den armenischen Aufständischen, kein Wort von Friedensvermittlung. Kann ein Mensch mit gesundem Verstand es für möglich halten, dass sie jemals ernsthaft gemeint war, dass Moskau einer von Kommunisten bedrängten menschewikistischen Regierung jemals seine hilfreiche Vermittlung angeboten hätte ? ( … )

KARL KAUTSKY Georgien 1921 detail 02

|||

Ein “Déja- Vu” mit austauschbaren Vokabeln ?

|||

Dies und mehr über den “Russischen Bonapartismus” [ nach der "bolsschewistischen" Oktoberrevolution ] in :

Georgien . Eine sozialdemokratische Bauernrepublik - Eindrücke und Beobachtungen von Karl Kautsky [ Kapitel 12 u. 13 ] , Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1921 , S. 64 - 73

KARL KAUTSKY Georgien 1921 detail 01

|||

LINKS

|||

KLANGAPPARAT

Auch Estland war ( und ist bis vor kurzem ) vor grossrussischen Begehrlichkeiten nie sicher gewesen . Trotzdem und gleichwohl dringen ein paar elektronisch- melancholisch vertrackte Klangsequenzen vom winzigen czz-hoerempfehlungNetlabel PATTERNIMUUSIKA aus Talinn zu uns her . Wenn wir hier und heute Release Numero sechs - “MIIA” - vorstellen , dann tönt dies weniger Tarkowski- mässig , als es das nebelig verhangene Cover suggeriert . Über den | die Uhrwerker hinter diesen Miniaturen , Eksleja , erfährt man reichlich wenig . CLICK LINKS TO LISTEN . 01. tants ( 1:28 ) | 02. talvel ( 1:56 ) | 03. sinu juures ( 1:56 ) | 04. miia ( 1:52 ) | 05. pai ( variant kaks ) ( 2:56 )

|||

Karl- Sczuka- Preis 2008 für Hörspiel und Radiokunst an Thomas Meinecke & David Moufang - Förderpreis an die “Literatur als Radiokunst”- Produktion von Anja Utler



||| KARL- SCZUKA- PREIS : MEINEKE & MOUFANG | KARL- SCZUKA- FÖRDERPREIS : ANJA UTLER | TERMINE | KLANGAPPARAT | LINKS | RELATED

KARL- SCZUKA- PREIS : MEINEKE & MOUFANG

icon soundDer Autor Thomas Meinecke und der Musiker David Moufang erhalten den vom Südwestrundfunk gestifteten Karl- Sczuka- Preis 2008 für Hörspiel als Radiokunst . Sie werden für ihr gemeinsames Radiostück “Übersetzungen | Translations” ausgezeichnet , das als Produktion des Bayerischen Rundfunk am 19. Oktober 2007 urgesendet wurde . Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 12.500 Euro verbunden .

Insgesamt sind 89 Wettbewerbsbeiträge aus 22 Ländern eingereicht worden , davon 38 freie Autorenproduktionen . Das vom BR produzierte Preiswerk ist innerhalb des CD-Doppelalbums “flugbegleiter - übersetzungen | translations“ beim Label Intermedium Records erschienen .

Über die Zuerkennung der Preise hat eine unabhängige Jury entschieden . Jurymitglieder waren der Musiktheater- Regisseur und frühere Rektor der Freiburger Musikhochschule Johann- Georg Schaarschmidt ( Vorsitz ) , der Schriftsteller Marcel Beyer , der Journalist und Medienkritiker Frank Kaspar , die Musikkritikerin Monika Lichtenfeld sowie die Publizistin , Literaturwissenschaftlerin und ehemalige Kultur-Staatsministerin Christina Weiss .

Aus der Begründung der unabhängigen Jury unter früheren Rektors der Musikhochschule Freiburg Johann- Georg Schaarschmidt :

In ihrer Gemeinschaftsarbeit ‘Übersetzungen | Translations’ entwickeln Thomas Meinecke und David Moufang (alias Move D) aus dem Alphabet als Lautvorrat zehn musikalische Miniaturen. Semantisch und akustisch assoziationsreiche Wortpaare wie Osterglocke – Daffodil werden zerlegt, rebuchstabiert und mit Klängen und Mustern der Club- und Jazzmusik verzahnt. Ein ironisch-reflektierendes Spiel zwischen Sprachen und Stilebenen, zwischen zwei souverän interagierenden Künstler-Freunden, das die Phantasie des Hörers an der langen Leine spazierenführt.

|||

KARL- SCZUKA- FÖRDERPREIS AN ANJA UTLER

icon soundDer diesjährige Karl- Sczuka- Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro geht an die in Wien lebende Lyrikerin Anja Utler , die ihren Text “suchrufen, taub” für das ORF Kunstradio als mehrkanalige 5.1-Produktion realisiert hat , die am 8. Juli 2007 auf Ö1 urgesendet wurde .

Nach Oswald Egger ( “tuning, stumm” , ORF- Produktion und SWR- Auszeichnung 2004 ) darf die Reihe “Literatur als Radiokunst” mit dem ausgezeichneten Werk Anja Utlers nun bereits den zweiten Karl- Sczuka- Förderpreis für sich verbuchen . Wir gratulieren !

|||

TERMINE

Die Preisverleihung findet am 18. Oktober als öffentliche Veranstaltung im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 2008 statt .

Im Radio :

|||

KLANGAPPARAT

Einen - im Klangspektrum freilich reduzierten - Eindruck hinsichtlich Art, Takt und Charakter von Anja Utlers prämierter 5.1- czz-hoerempfehlungProduktion “suchrufen, taub” lässt sich via Audio- File ( RealPlayer ) von den Seiten des ORF- Kunstradio abrufen . Kommentar der Autorin , auch vor dem Mikrophon Sprecherin in eigener ( poetischer ) Sache :

Wellen, die zu vielen lecken können und zu niemandem: das ist blind sprechen, und taub. Die asymmetrische, richtungslose Form des Radiosprechens. Der Körper, an dem die Strömungen des eigenen Munds vielleicht aufbrechen, verbleibt im geschützten Raum des Ungesehenen und Ungehörten. Er gibt nicht direkt Laut, aber er treibt Laute hervor: am Widerstand gischtet das Wasser auf. Umfließend, lösen sich immer neu gemaserte Wörter aus einander – in welchem Suchlaut könnten die Konturen der fantasierten Hörerin, des fantasierten Hörers sich treffen? So brechen für die Sprecherin die tastenden, fragenden Wörter in sich selbst zurück; nicht in einem Widerstrom von außen werden sie gefangen, allein in der Zeit heben sie sich auf.

CLICK LINK TO LISTEN |||

icon sound

|||

LINKS

|||

RELATED

|||

Henryk M. Broder - eine Heimsuchung Hildegards von Bingen ?



||| HL. HILDEGARD | DER HILDEGARD- VON- BINGEN- PREIS | POLITICALLY INCORRECT | DIE ACHSE DES GUTEN : NEOCONS AUS DEM GEISTE ‘68 | KEIN SCHWEIN | … UND DIE HEILIGE HILDEGARD ? | KLANGAPPARAT

HL. HILDEGARD

Hildegard von BingenHildegard von Bingen ( ca. 1098 bis 17. 9. 1179 ) : In lexikalischer Verkürzung gilt die Heilige als einflussreiche Mystikerin , deren Visionen in illuminierten Büchern “Liber Scivias Domini” ,”Liber Vitae Meritorum” sowie “Liber Divinorum Operum” ) sowie als Streiterin wider die Verweltlichung des Klerus .

Die Äbtissin des Benediktinerklosters Rupertsberg bei Bingen ist heute noch am ehesten als Autorin der heute von Esoterikern gleichwie von Kulturhistorikern geschätzten natur- und volksmedizinischen Heilbücher “Causae et Curae” bzw. “Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum” ( “Buch über das innere Wesen [ Beschaffenheit und Wesen ] der Heilkraft ) der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen” bekannt sowie für die von ihr überlieferte Sammlung geistlicher Lieder , “Symphonia armonie celestium revelationum” .

Wie mögen all diese aus Brockhaus , Meyer und Wikipedia kompilierte Daten mit dem Umstand zusammen hängen , dass ausgerechnet der bekennende Anti- Islamist, Anti- Zionist , ja bisweilen gar das Provokationsschlachtross eines jüdischen Antisemitismus reitende ex- linke Publizist Henryk M. Broder im Jahr 2008 den Hildegard- von- Bingen- Preis zugesprochen erhielt ?

|||

DER HILDEGARD- VON- BINGEN- PREIS

Hildegard von Bingen PreisDer “Tagesspiegel” , als dessen stets für kraftige Erregungen dienlicher Kolumnist Broder fungiert , berichtet am 18. 7. 2008 :

Mainz - Der Publizist und Schriftsteller Henryk M. Broder erhält in diesem Jahr den Hildegard- von- Bingen- Preis für Publizistik. Das teilte das Kuratorium des Preises am Freitag in Mainz mit. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird von der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz seit 1995 an Journalisten und Publizisten vergeben, “die sich in besonderer Weise verdient gemacht haben“. Der 61-jährige Broder arbeitet für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und den Tagesspiegel und ist Autor mehrerer Bücher. Er erhält die Auszeichnung am 13. September in Mainz.

Im vergangenen Jahr ging die nach der Mystikerin und Gelehrten Hildegard von Bingen (um 1098 bis 1179) benannte Auszeichnung an den Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Giovanni di Lorenzo. Zu den bisherigen Preisträgern zählen auch der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier, der Reporter und Buchautor Peter Scholl-Latour sowie die Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger.

Wir komplettieren in|ad|ae|qu|at die Liste der bisherigen Preisträger :

Maybrit Illner , Claus Kleber , Harald Schmidt , Joachim Kaiser , Joachim Fest , Johannes Gross , Gabriele Krone-Schmalz , Walter Kannengiesser sowie Helmut Markwort . Letzterem - der als alleiniger Preisrichter fungierte - verdankt Broder übrigens bereits den Ludwig- Börne-Preis 2007 . Eine Entscheidung für den “geborenen Polemiker“ [ ? sofern dies ontogenetisch überhaupt möglich ist ? ] , welche Jedem , der auch nur eine Zeile Börne gelesen hat , sofort einleuchtet .

Hilfreich zum Verständnis des Zustandekommens der Kür eines einstmals originellen und streitbaren , mittlerweile allerdings zum unflätigen anti- islamistischen und -liberalen Hassprediger mutierten Publizisten mag dabei sein , dass das Wahlkuratorium des Hildegard- von- Bingen- Preises für Publizistik aus dessen bisherigen Preisträgern besteht . Schlagen wir die Satzung und Begründung des Preises nach , erfahren wir Folgendes :

Der mit 5.000 Euro dotierte Hildegard- von- Bingen- Preis zeichnet ein Lebenswerk oder eine große, umfassende publizistische Leistung aus. Er soll ‘die Pluralität im Chor der Meinungen’ fördern und Frauen und Männer ehren, die ‘nicht ohne Zivilcourage ihr Bild von der politischen, sozialen und kulturellen Welt‘ besonders markant weitergeben.

Gewürdigt wird damit eine herausragende, die Gesellschaft prägende publizistische Leistung.

Dabei verweist die Namensgeberin nicht nur auf den regionalen Bezug zu der den Preis auslobenden Körperschaft, sondern vor allem auf die zu ihrer Zeit Weg weisende publizistische Arbeit der Hildegard- von- Bingen im Hochmittelalter.

|||

POLITICALLY INCORRECT

PI logoDiese sogenannte “Pluralität der Meinungen” , vorgetragen in beispielloser “Zivilcourage” : Mehr noch in den per Print und im TV unter fremdredaktioneller Aufsicht publizierten Glossen und Suaden lässt sich des Broders Kern in allen Formen des lexikalischen und argumentativen UNTERGRIFFS studieren : Sowohl in Broders eigenem Kollektiv- Blog “Die Achse des Guten” als in dessen Gastkommentaren in Stefan Herres “Politically Incorrect” [ Policy : "Gegen den Mainstream" , "Proamerikanisch und -israelisch" , "Grundgesetz und Menschenrechte" und last , but surely not least : "Gegen die Islamisierung Europas" *] wird mit provokativem Unflat nicht gespart .

[ * Im November 2007 schreibt Stefan Herre : PI sei in den drei Jahren seines Bestehens "zum grössten politischen Blog in deutscher Sprache herangewachsen und informiert derzeit täglich 20.000 Leser. Das hat mir natürlich nicht nur Freunde, sondern auch erbitterte Feinde eingebracht. Aufgrund massiver Morddrohungen gegen mich, meine Familie und sogar meine Eltern, übergebe ich 'Politically Incorrect' an einen neuen Besitzer im Ausland. - Dafür meldet sich Herre per 1. 7. 2008 mit neuer HP und Lincoln Zitat cowboybehütet zu Wort : "Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt ..." ]

|||

DIE ACHSE DES GUTEN : NEOCONS AUS DEM GEISTE ‘68

Achse des Guten logoIn der WELT hatte “Achse”- Koautor Hannes Stein 2005 sogar die Stirne , das Blog der Seinen

als “Zentralgestirn” der quasi in den Untergrund abgedrängten “Amerikafreunde” zu bezeichnen und die Community der pro- amerikanischen resp. : pro-israelischen Blogger als neues Samizdat auszurufen . So viel Gutheit in einem von Rot- Grün geschürten Klima des Anti- Amerikanismus ?! - Vgl. Dazu Philipp Dudek in der taz : Wohin sind denn hierzulande nur all die streitbaren Freunde der USA verschwunden ? Ins Internet , ach so.

Thomas Rothschild , dem die Aporien der Linken in dern zurückliegenden Jahrzehnten nicht verborgen geblieben sind , steuert eine unauferegte Herleitung der Neocons aus dem Geist von ‘68 anlässlich des Verleihung Börne- Preises an Broder bei :

Der Ludwig-Börne-Preis wird von jeweils einem einzigen Juror vergeben, und das war in diesem Jahr der Herausgeber und Chefredakteur des Magazins Focus, Helmut Markwort, dem man gewiss nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als ausgewiesenen Verfechter eines militanten Konservatismus charakterisiert. ( …. )

Als ich Henryk M. Broder vor knapp 40 Jahren kennen lernte, trat er als wohltuend frecher, gescheiter Provokateur auf, der formidabel in die Landschaft der 68er-Rebellion passte. Er liebte es, Tabus zu brechen, vor allem die herrschenden Tabus der restaurativen Gesellschaft, in der sich alte Nazis ungeniert breit machten und Spießer das Sagen hatten. ( … )

Inzwischen aber hat sich in Broders Kopf ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Es existiert ein weit über Broder hinausgehendes Phänomen, das der genaueren Untersuchung bedürfte. In den Jahren des Nationalsozialismus, aber auch schon davor, gab es unter jüdischen Intellektuellen eine Tendenz, mit der Linken zu sympathisieren, ja in kommunistische Parteien und andere Organisationen der Arbeiterbewegung einzutreten, weil diese die konsequentesten Gegner der Nazis waren und somit auch des Antisemitismus unverdächtig zu sein schienen. Als dann der lange verdrängte Antisemitismus in der Sowjetunion und - im Zusammenhang mit dem Rajk- oder dem Slánsky-Prozess - in deren Satellitenstaaten erkennbar wurde, als sich zudem im Kalten Krieg die ursprünglich positive Haltung der UdSSR gegenüber Israel zu einer antizionistischen Position umzukehren begann, gerieten viele von diesen Juden in einen Loyalitätskonflikt.

Solch einem Konflikt ist Broder offenbar erlegen, als er in seiner deutschen Umgebung den “linken Antisemitismus” zu entdecken meinte. Nun wäre es borniert, wollte man leugnen, dass es auch unter Linken antisemitische Ansichten und Äußerungen gibt. Aber für Broder wurden sie - ungeachtet des ungebrochenen Einflusses alter und neuer Nazis - zum zentralen Objekt seiner Angriffe. Als er dann bald zur Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus gelangte, war es nur noch ein kurzer Weg zum Vorwurf des “jüdischen Antisemitismus” gegenüber Juden, die seine Einschätzung der Politik Israels nicht teilten. ( … )

Aber warum muss die Ablehnung des Antizionismus einhergehen mit einer bedingungslosen Apologie des Kapitalismus, den Broder in seiner Jugend durchschaut hatte? Warum muss sie einhergehen mit der Befürwortung sozialer Kälte, dem Kotau vor den USA und der Hetze gegenüber dem Islam? Gewiss wurden diese Begleitmelodien nicht in Hinblick auf den Luwig-Börne-Preis intoniert. Aber sie dürften ganz wesentlich dazu beigetragen haben, die Zuneigung von Helmut Markwort zu erobern. Die Zuneigung des Focus-Chefs für einen Mitarbeiter des konkurrierenden Spiegel immerhin. ( … )

|||

KEIN SCHWEIN

Aus der Perspektive einer jüngeren Generation sah dies die Netzzeitung schon etwas gelangweilter:

Und auch in der Vision von einem Islam-beherrschten Europa der Zukunft fällt ihm außer den zu erwartenden Verboten von Schweinefleisch, Sexkinos und Bikinis nichts ein. Ja, der Islam, im Moment entzündet sich hier sein Furor. Eine seiner Lieblingsgeschichten: Britische Banken haben keine Sparschweine abgeschafft aus Rücksicht auf Moslems! Die Story, die 2005 durch englisch-sprachige Medien geisterte, war eine schlichte Ente, vom australischen Fernsehsender ABC längst enttarnt.

Broder hat damit auch das kommerzialisierte Weblog ‘Die Achse des Guten’ bestückt, das er mit dem Autorenteam Maxeiner & Miersch betreibt. Die Achse trägt akribisch zusammen, was die katastrophalen Folgen von Gutmenschentum und Political Correctness für die zivilisierte Welt beweist. Die wirklich «Guten» munitionieren sich hier für ihre Schriften. Aktivster Sammler: Hendryk M. Broder.

Lassen wir die mit allen Mitteln der gegenseitigen Verstänkerung betriebene Privatfehde zwischen dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier ( 1 , 2 , 3 ) und der Fraktion “PI- DADG- Broder” ( 1 , 2 - Nachdruck bezeichnenderweise in der WELT , 3 ) als Profilierungsduell beiseite .

Auf ästhetisch wie intellektuell höchst differenten Niveaus beobachten Seiten wie “Der Spieglefechter” ( “Rechtspopulisten unter sich” , “Tabubruch reloaded” oder Erhard Arendts “… selber schuld , wenn Sie so schreiben Henryk M. Broder !” Broders ( blog- ) publizistische Umtriebe . Auch Thomas Knüwer ist in anderem Zusammhang die “sinkende Schamgrenze” Broders aufgefallen .

|||

… UND DIE HEILIGE HILDEGARD ?

Hildegard von Bingen Liber Divinorum OperumWarum allerdings ein Publizist , dessen ( satirisch getarnten ) Tiraden regelmässig weit unter die Gürtellinie greifen - so wird aus Jürgen Todenhöfers Versuch , den Irak- als Angriffskrieg vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen bei Broder die “Achse des Guten“- Schlagzeile : “Hodentöter will es wissen” , Sefan Niggemeier wid abwechselnd als “Schweinchen Schlau” , “die Laus die brüllte” tituliert .

Warum ein Journalist , welcher derart regelmässig mit faulen Eiern wirft , ausgerechnet mit dem nach einer grossen Ethikerin und Heiligen benannten Preis ausgezeichnet werden sollt , ist kein , sondern nimmt Wunder .

Vielleicht lässt sich da nur in Hildegards eigenen Worten replizieren . In der Sammlung “Heilwissen” schreibt sie “Vom Wasser” :

… Sumpfwasser, wo auch immer auf der Erde es sei, ist ganz wie Gift; denn es hat in sich die werthlosen und schädlichen Feuchtigkeiten der Erde und den giftigen Geifer der Würmer. Dies ist ganz schlecht zum Trunk und überhaupt zum Gebrauch der Menschen und kann nur zum Waschen dienen, wenn man es hierzu nehmen muss. Wer es aber aus gänzlichem Mangel an anderm Wasser trinken will, muss es vorm Genuss erst kochen und dann abkühlen lassen;

P. S. Ob die Auspreisung etwas mit Broders jüngster Konversion zum Islam ( ! ) zu tun haben könnte ? - Weiss der Teufel !

|||

KLANGAPPARAT

Lange vernachlässigt , endlich wieder zurückgefunden : Das japanische Netlabel BUMP | FOOT ( dessen generischem Splitmodell seither viele czz-hoerempfehlunggefolgt sind ) bringt mit “Tuesday Morning Huricane” eine ebenso nachdenkliche wie kraftvolle Vexation in die tristen Kulissen dieser sommerlichen Regentage . Instrumental International für Fortgeschrittene - mit selten geglücktem Einsatz digitaler Streicher . Schöpfer dieser Sounds einer urban tristesse mit sanften Achtziger- Alusionen ist Jupiter Makes Me Scream aka Kafka aka Karolis Buržinskas aus Litauen , der - tröstlich genug - Musik auffasst als eine fortschreitend zu erkundende “science of soul” . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Alinai ( 3:16 ) | 02. Picture ( 2:03 ) | 03. Routine ( 3:28 ) | 04. Sunshine Radio ( 3:52 ) | 05. This Girl ( 2:24 ) |||

NEUES VON FREUNDEN



RAdio Apparat

||| LITBLOGS.NET DIGEST| RINCKS FLORLEGIUM | ANGELIKA REITZER : PRIESSNITZ- STATT BACHMANN- PREIS | KUNSTRADIO : RE- INVENTING @ REVOLVER | KUNSTRADIO : HOMMAGE À HEIDI GRUNDMANN | KLANGAPPARAT

LITBLOGS.NET DIGEST

czz-neuesvonfreundenNach längeren Absenzen ist das Termin- und Turbulenzen- Team wieder ausgerückt , Neues aus den lokalen , fremdwendigen und freundlichen Netzwerken zu sammeln und in|ad|ae|qu|at zu präsentieren .

In nahezu eigener Angelegenheit wird freilich zunächst auf das Erscheinen des vierteljährlichen Digest aus den Gesammelten Werken des Netzwerks literarischer Blogs ( litblogs.net ) hinzuweisen : Leserzeichen # 2 bietet je ein Werkstück aud den assoziierten Blogs

Zur Poetologie der einzelnen Blogs haben wir ein ander Mal gehandelt . Das Digest & Blogilegium ist auf dieser Seite zu betrachten sowie per RSS- Feed zu abonnieren .

|||

RINCKS FLORLEGIUM

czz-neuesvonfreundenDie assortierte Begriffsliste aus dem Begriffsstudio der Salon Littéraire- Autorin Monika Rinck ist per Frisch- Lieferung soeben eingetroffen . Wir bemerken und geniessen sommerlich , der aktuelle Hang zu Kühlaggregaten aller Art :

2520 flusslandschaft mit kellereingang
2521 edelrohbauphase
2522 scheckige schönheit
2523 hämeneutik
2524 der spätkauf der häme
2525 mit erhobener haut
2526 königin der langen nacht der dummheit
2527 in der sauerstoffschuld
2528 beispielswiese
2529 débondieuser (entliebergottisieren)
2530 caperationen von pferden und helmzierden sowie unmengen anmutiger schlitten
2531 ein flammender kelch (das flügelgelenk)
2532 gewaltiges wolkenpferd
2533 lorenzo lotto: mann mit tierpranke
2534 master of the beheading of st. john
2535 zum schutz der empfindlich austreibenden bambussprosse
2536 als hausmeister der welt
2537 horse-gliding
2538 die wiederholung
2539 faustische schubumkehr
2540 bewegtheit im thesenhafen
2541 die türklinge
2542 instabilder (body)
2543 im heuhochdeutschen (the god of hay)
2544 formstabil verschichtete wollfasern
2545 filled with mindness
2546 filled with mindmess
2547 alternatives to pain
2548 croissant terrible
2549 festnetzwaldschrat

Weitere Erfrischungen @ Salon Littéraire sowie @ Begriffsstudio Monika Rinck .

|||

ANGELIKA REITZER : PRIESSNITZ- STATT BACHMANN- PREIS

czz-neuesvonfreunden“”Wie nervend darf ein Text sein ?” hatte der Redakteur der “Presse” anlässlich der Lesung Angelika Reitzers beim Ingeborg- Bachmann- Wettbewerb sein Mütchen gekühlt . Wenig später erscheint nun eine Meldung , welche die Stimmung der Autorin sowie der Proponenten einer etwas komplizierteren Literatur wieder versöhnen dürfte : Denn eben wird bekannt , dass Angelika Reitzer den Reinhard- Priessnitz- Preis 2008 erhalten wird .

Die Begründung der Jury ( Gustav Ernst @ kolik , Robert Schindel ) :

Angelika Reitzer beeindruckt durch ihren souveränen Umgang mit Sprache. Ihre poetischen Bilder bestechen durch Präzision und Sparsamkeit. Im gekonnten Einsatz von Schnitten und Überblendungen, von Schärfe und Unschärfe und Lichtführung wird ihr Blick Kamera und ihre Erzählungen werden gleichsam zu Filmen .

Als Laudatorin wird die jetzt als selbständige Konsulentin und Veranstalterin arbeitende Valerie Besl auftreten . Die Überreichung des mit 3.700 Euro dotierten Preises findet am Montag , 27. Oktober 2008 , 20.00 Uhr , im Literaturhaus Wien statt . ( Man erinnere sich an Ann Cotten im Vorjahr ! )

Heute , 17. 7. liest Angelika Reitzer übrigens im Wiener MuQua im Rahmen des Sommer- Literatur- Festivals “O- Töne” ( 20:30 Uhr ) .

|||

KUNSTRADIO : RE- INVENTING @ REVOLVER

czz-neuesvonfreundenDass und wie RADIOKUNST nicht nur klingt , sondern durchaus auch des theoetischen Denkens fähig ist , erweist ein mit 544 Seiten stolzer Essayband , welcher soeben im Revolver- Verlag ( Frankfurt ) erschienen ist : “Re-Inventing Radio – Aspects of Radio as Art” . Der von Heidi Grundmann , Elisabeth Zimmermann , Reinhard Braun u. a. herausgegebene Sammelband formuliert sich durchwegs in englischer Sprache , gleichwohl sei ein Teil des Thesentextes in deutscher Zunge zitiert :

Während einmal mehr der Tod des Radios als Massenmedium vorausgesagt wird, zeigen aktuelle Entwicklungen der Übertragungstechnik, was lange bekannt war: beim Radio geht es nicht um die Übertragung von Sound sondern von Signalen. Nach mehr als einem Jahrhundert der Erneuerung, Aneignung und Veränderung wird das Radio heute in grossem Stil von neuem erfunden, um zu werden, was es immer schon war: ein Kommunikationsraum im weitest möglichen Sinn. Von diesem Ansatz her wendet sich das Buch ‘Re-Inventing Radio’ in einem grossen Bogen auch den Anfängen des Radios zu, das eine Kommunikationstechnik war, bevor es in ein Massenmedium verwandelt wurde. Angesichts eines ständig zwischen unterschiedlichen Polen oszillierenden Begriffes von ‘Radio’ kann weder von einer einheitlichen Geschichte des Radios noch von einer solchen Radiokunst die Rede sein. Der Band ‘Re-Inventing Radio’ versammelt internationale Medientheoretiker, KunsthistorikerInnen, KuratorInnen und vor allem KünstlerInnen, die eine solche einheitliche Geschichte in ihren unterschiedlichen Perspektiven, Zugriffen und Konzepten als Fiktion verdeutlichen - ohne allerdings Bezüge zu kunsthistorischen Entwicklungen wie z.B. Konzeptkunst, Mail Art, Fluxus oder Telekommunikationskunst zu verleugnen. ( mehr … )

Die Beiträge haben mehrere Generationen der dem von Heidi Grundmann gegründeten ORF- KUNSTRADIO verbundenen , vernetzten und mitdenkenden Künstler , Autoren , Kuratoren und Musiker gestaltet . Um nur einen Bruchteil der Netz- und Text- Denkenden zu nennen : Robert Adrian , Inke Arns , Johannes Auer , Robert Barry , Gottfried Bechtold , Hank Bull , Peter Courtemanche , Wolfgang Ernst , Bill Fontana , Adrew Garton , Daniel Gethmann , Heidi Grundmann , Wolfgang Hagen , Honor Harger , Candice Hopkins , José Iges , GX Jupitter-Larsen , Douglas Kahn , Friedrich Kittler , Tetsuo Kogawa , Richard Kriesche , Brandon LaBelle , Norbert Math , Doreen Mende , Sergio Messina , Roberto Paci Dalò , Garrett Phelan , Winfried Ritsch , Christian Scheib , Tom Sherman , Rasa Šmite , Anne Thurmann-Jajes ( pdf ) , Lori Weidenhammer , Sandra Wintner

|||

KUNSTRADIO : HOMMAGE À HEIDI GRUNDMANN

czz-neuesvonfreundenHeidi Grundmann , Radiojournalistin und Gründerin des ORF Kunstradio , begeht im Juli 2008 ihren 70. Geburtstag . In Anerkennung der Pionierleistungen , welche Grundmann für die Bildende Kunst und besonders die Radiokunst geleistet hat , werden neue Hörstücke mehrerer Künstler vorgestellt : Roberto Paci Dalò , Seppo Gründler und Liesl Ujvary zollen Heidi Grundmann mit akustischen Arbeiten Reverenz .

Als Beispiel sei Liesl Ujvarys , erstmals im Rahmen des IMA salons #7 | Ars Electronica 2007 öffentlich präsentierte Komposition “sprache der gene - hommage à heidi grundmann ” genannt :

sprache der gene‘ schreibt ein virus-genom in musik ab, wandelt genetische sequenzen von hefebakterien, hühnern, insekten und menschen (wir sind alle eine grosse familie) in sequenzen elektronischer musik um. minimalistische wiederholungen und verschiebungen analoger klangmuster bilden leben ab, randomisierungen erzeugen quasi evolution, strukturverschiebungen verweisen auf falsche kopiervorgänge. auch heidi grundmann gehört zu dieser familie, sie hat an dieser produktion, entstanden 1996, mitgearbeitet, mitgesprochen, mitgedacht. ’sprache der gene - hommage à heidi grundmann‘ ist ein neu bearbeitetes teilstück dieser produktion. mögen heidis genen noch viele fehlerfreie kopiervorgänge bevorstehen!

HIER die 31- minütige Arbeit im Vollton , versetzt mit einigen Partikeln der Stimme Heidi Grundmanns . Und HIER die Originalarbeitsprache der gene” ( 1996 / 1997 ) . Man néhme eine attentive Sitzhaltung ein . Und erwarte nichts generisch Bequemes ! - Mehr im ORF KUNSTRADIO , Sonntag , 20. 7. 2008 , 23:05 - 23:45 ( Radio Österreich 1 ) .

|||

KLANGAPPARAT

Die teilweise tribenden 4/4 mögen mitnichten darüber hinwegtäuschen , dass auch die langen Bögen , welche der Stockholmer DJ Subpilot für czz-hoerempfehlungsein Mixtrum Compositum arrangiert hat , zunächst dem tagesüblichen Soundgeschmack ein wenig befremdend anmuten mag : “Move out” lässt während einer vollen Stunde lang bemerkenswerte Metamorphosen sich vollziehen : Wie Schlieren sich langsam zu Schemen formen , Schatten ins Grob- dann Feinkörnige gleiten , bis schliesslich das , was zunächst nach sanfter Wassergeburt klang , zuletzt ausgewachsen tanzbar stampft . Man schreibe sich diesen Mixotic- Mix Numero 131 hinter die Ohren . CLICK LINK TO SEE PLALIST AND LISTEN . |||

Play it again : FÜR den Bachmannpreis und WIDER die Literaturschulen - Eine Übertragung



||| IM FEUILLETON : FUSSBALL UND FISCHGERICHTE | IM FEUILLETON : FLUCH DER FERNSEH- FORMATIERUNG | “EVENT” ALS ENDE DES EXKLUSIVEN | DEALS DER JURIEN | FERN- SICHT VIA INTERNET : SELBSTTEST IN ECHTZEIT | AUFERSTEHUNG DES HÖRSPIELS VIA BILDSTREAM | ZUM GEZETER ÜBER DAS “PROFESSIONELLE” : EIN CETERUM CENSEO | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT

IM FEUILLETON : FUSSBALL UND FISCHGERICHTE

TDDL 2008 banner 300pxMusste man über Jahre hinweg lesen die stereotypen Stoss- Seufzer über den Bachmannpreis am ( Vorsicht : Wortspiel ! ) Wörther See und wie man sich abends bei Maria Loretto im berühmten Fischrestaurant unter den gruselig präparierten Fischköpfen an den Wänden ( Vorsicht : Bildwitz ! ) beim Gastmahle traf und wie dort oder auf den literaturjournalistischen Amateur- Fussballfeldern der Ehre es die Outsider den Insidern gaben

Musste man alljährlich lesen dieselben Protokolle von Outfits und Aussagen ( halbprivat ) , dasselbe Raunen über die echten , aus dem Genusse geistiger Getränke ergossenen Literaturbetriebswahrheiten …., so rächt sich das Feuilleton in diesem Jahr unisono mit Groll und Hohn für die Verknappung seiner Sport- und Spielwiese von zwei auf vier Tageslängen .

|||

IM FEUILLETON : FLUCH DER FERNSEH- FORMATIERUNG

picto TVIn chorisch harmonierenden Einzelstimmen wendet man sich gegen die Layoutierung der Show zu Zwecken und zu Gunsten der 3- sat- TV- Übertragung . Im fernsehgerechten Format , so der beleidigte Tenor ( Die Presse , taz ) , verwandle sich Literatur eben in jenes Ärgernis einer “prime time”- ( Der Standard ) , “Mittelstands-” ( DIE WELT ) , “Vita contemplativa”- ( FAZ ) und “Langweile”- ( NZZ ) Veran- oder -unstaltung , als welche sie sich anno 2008 den vor Ort Wesenden präsentierte .

Keiner mochte da einlenken , dass es eben die Fernsehübertragung sei , welcher die Juroren ihre Prominenz ( und guten Gagen ) danken , die im Besonderen allerdings dafür garantiert , dass Literatur im Feuilleton weiterhin für “der Rede wert” befunden wird . Anderseits gestattet just die Fernseh- Übertragung eine Teilhabe Vieler an einem lokalen “Event” : eine Zeugenschaft , welche die Lesungen selbst - allerdings auch die Leistungen der Jury , nicht zuletzt aber auch die Beurteilungen durch das Feuilleton - ÜBERPRÜFBAR macht .

|||

“EVENT” ALS ENDE DES EXKLUSIVEN

picto TVSomit gerät die Oberhoheit der Kanzelrede und der exklusive Deutungsmacht des Feuilletons ins Wanken : Prompt reagiert das Feuilleton auf die solcherart “globalisierte” Information , indem es die Stadt Klagenfurt ebenso kleinredet und zur kleingeistig- protofaschistischen Provinz ( DIE WELT ) erklärt wie überhaupt den ganzen Bewerb inklusive der Juroren samt der von ihnen “vorgeschlagenen” und diskutierten Text- und Autoren- Funktionen .

Denn aber , hallo und sorry , möchten wir bescheiden daran erinnern , dass Klagenfurt noch immer ein Erbmöbelstück der “Gruppe 47″ ist und von deren berüchtigten Meetings , deren Lesungen und deren , jedem Widerspruch abgeneigten Ab- Urteilungen derer , die da lasen . Die , die da lasen , waren ( siehe : das Prinzip der “Einladung” bzw. der Juroren- Vorschläge ) selbstverständlich nur ein Teil “sie selber” . Der Löwenanteil war und bleibt allerdings das , womit sich ein Juror zu profilieren gedenkt , WEN er ins Rennen schickt und WAS er der Arena des Sammelkampfes vorwirft … zur Augenweide oder zum Frasse .

|||

DEALS DER JURIEN

TDDL 2008 banner 300pxWas das Juryprinzip ist in vielen verschwiegenen Versammlungszimmern , an Tagungstafeln und bei Konferenztisch- Kaffee aus Thermoskannen vollzieht , liegt in Klagenfurt vor Aller Augen . Deals , Kontrakte , Freundlichkeiten im Austausch gegen Imagepunkte , oder - bei Schlagseite des eigenen Kandidaten : der schnelle Seitenwechsel und Überlauf , der mit rhetorischer Verve überbrüht werden muss , damit der Sieger als selbstgekochtes Süppchen verkauft und vertreten werden kann .

Ja mei : All das ist hinlänglich bekannt . Was aber nun , wenn wir zugucken dürfen ( live dabei sein ! ) in der durch die Fernsehkameras und die hitzige Ausleuchtung nachvollziehbar unangenehm schwül- bedrückten Arena ? - Seit zwanzig Jahren weder im Besitze eines TV- Apparates noch des Animo , sich leiblich dem “Betriebsausflug” auszusetzen , hat in|ad|ae|qu|at das sogenannte “Wettlesen” stets via Feuilleton- Rapports und Insider- Witzen rezipiert . Und dabei Hunderte der oben genannten Fischessen , Fussballschweisstreibereien , Beschwipstheiten und Ausflügen ins lokale Puff nachlesen dürfen . Wenn im September dann oder im Oktober der jährliche Band “DIE BESTEN” bei Piper erschien , konnte und wollte sich eh Keiner mehr an das frühsommerliche Klagenfurt erinnern .

|||

FERN- SICHT VIA INTERNET : SELBSTTEST IN ECHTZEIT

picto TVNun aber hat das Netz auch für fernsehfrei lebende Zeitgenossen die “Zugänglichkeit” zu diesem eminenten Ereignis der Eliten von Feuilleton und Sozial- Performanz ermöglicht . Und solche “Zugänglichkeit” zu höherer - menschlicher , kultureller , emotionaler - Bildung gilt mittlerweile als Menschenrecht . Na gut , machen wir von solcher “Zugänglichkeit” via “Stream on Demand” Gebrauch und vollziehen “Klagenfurt” im totalen Echtzeit- Selbsttest und unter verschärften Bedingungen von sukzessiver Mitschrift und Fortverlinkung mit : Vierzehn Stunden lang an Bildschirm und Tasten , plus Mittagspausen usf.

Hier das Testergebnis : Auch unter den eingeschränkten Erwartungen , was ein Stream- Bild an Qualität vermitteln kann , ist der visuelle Faktor erbarmungslos kläglich . Im Chiaroscuro eines nur spotmässig ausgeleuchteten Studios verhindern abstruse Kamera- Totalen eine Konzentration auf den logisch zu fokussierenden Sprecher . Tritt selbiger allerdings - egal , ob gebeugter Autor , gestikulierender Juror oder bräselnder Moderator - ins Bild des Nah- Objektivs , erstarren die Talking Heads hinter der dick aufgetragenen und unvorteilhaft angestrahlten Maske . Da man Menschen , welche man schätzt und kennt , nur ungern in solcher Ensor’schen Masken- Übermalung betrachtet , verlegt man sich bald aufs Abblenden . Und siehe : Man beginnt zu HÖREN . ZUZUHÖREN sogar .

|||

AUFERSTEHUNG DES HÖRSPIELS VIA BILDSTREAM

TDDL 2008 banner 300pxUnd statt des blauen Studios erleben wir das blaue Wunder der Verwandlung eines “Literaturwettbewerbs” in ein HÖRSPIEL in Echtzeit : Mit den klassischen Chargen , Beschleunigungen und Retardierungen , Strophe und Refrain , Solo und Chor sowie viel lokal gefärbter Sprachmusik . Da treten die ausgestellten ( literarischen ) TEXTE als ebenso subjektive STIMMEN und CHARAKTERE auf wie das Geplänkel der Juroren , deren ebenso ausgestellten Bekenntnis- TEXTE und kulturtheoretische ROLLENPROSA . Solcherart sind wir - auch über manche Mühen der Textebenen ( aller Fraktionen ) hinweg - in den Genuss eines selten so unterhaltsam vernommenen HÖRSPIELS gekommen .

Fazit : Wenn schon das Radio sein Selbstbewusstsein als AKUSTISCHES Medium hinter Internetbildchen , LOGO- Optik und visuellen User- Interfaces am Handy verleugnet , wird man fortan das live übertragene , respektiv netz- gestreamte oder ON DEMAND abgespielte TV- BILD als neues Radio gebrauchen . BILD AB , TON AUF : Lass es jazzen , Mann , horch hin und maule nicht .

|||

ZUM GEZETER ÜBER DAS “PROFESSIONELLE” : EIN CETERUM CENSEO

picto TVUnd WENN man sich zu Klagenfurt bzw. in den Redaktionsstuben postum seit Jahren über die ( Vorsicht ! ) “gut gemachten , aber …“-Schreibstücke beklagt , dies Jahr erstmals auch über die ( Vorsicht ! ) “gut vorgelesenen , aber …“-Texte , dann schliesse man doch bitte endlich und einfach die VEBs der Literaturschulen und entlasse deren renommierte Lehrer , welche eben die SERIENTEXTE und -BEFINDLICHKEITEN mitproduzieren , über die sie und ihre Kollegen dann öffentlich mäkeln . Sorry : Bei diesem Betriebsspiel werden Menschen verbraucht … Der Rest der Argumentation ist unter der Kategorie “Germany’s Next Topmodel” bzw. “Deutschland sucht den Superstar” ( DSDS ) nachzulesen . Oder hiesse es doch nicht noch besser : “Dschungel-Camp - Ich bin ein Star – holt mich hier raus” ?!

|||

LINKS

  • Tilman Rammstedt erhält Bachmann-Preis - Der deutsche Autor Tilman Rammstedt hat den renommierten Ingeborg-Bachmann- Preis gewonnen . Der 33-jährige Schriftsteller wurde im österreichischen Klagenfurt für seinen Roman “Der Kaiser von China” ausgezeichnet . Rammstedt wagte etwas , das in Klagenfurt selten goutiert wird : Humor ( Elmar Krekeler , DIE WELT , 30. 6. 2008 )
  • Bachmann-Preis 2008 : Darauf haben wir gewartet ( Oliver Jungen , FAZ , 29. 6. 2008 )
  • Vom Dienstbotenelend der Literatur - Der 32. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb - Mit einer Grossvater- Geschichte holt sich der Berliner Tilman Rammstedt den Ingeborg- Bachmann- Preis 2008 . Seine Erzählung ist komisch , wo die Qualität der sonst noch vorgetragenen Texte fast tragisch ist . Selten zuvor war die Literatur in Klagenfurt so durchschnittlich wie diesmal ( Paul Jandl , NZZ , 30. 6. 2008 )
  • Neuigkeiten aus Klagenfurt - Öl im Getriebe - Beim diesjährigen Ingeborg- Bachmann- Wettbewerb haben sich die Schriftsteller , die Jury und das Publikum auf die Bedingungen des Fernsehens eingelassen ( Dirk Knipphals , taz , 30. 6. 2008 )
  • Das Jahr der Freundlichkeit - Der 32. Bachmann- Preis ging an den in Berlin lebenden Tilmann Rammstedt - Markus Orths und Patrick Findeis hatten Chancen . Eine Entscheidung , unentschieden ( Cornelia Niedermeier , Der Standard , 30. 6. 2008 )
  • Bachmann-Preis : Ein Tyrann als komischer Held - Tilman Rammstedt gewinnt mit seinem schwarzhumorigen “Der Kaiser von China“ in Klagenfurt . Er setzte sich bei Jury und Publikum durch ( Harald Klauhs , Die Presse , 30. 6. 2008 )
  • Literatur , im Wörther See versenkt - Beim Wettlesen zum Bachmann-Preis wird alles den Erfordernissen des TV , der Marke untergeordnet . Ein Text ist aber kein Waschmittel ( Harald Klauhs , Die Presse , 30. 6. 2008 )

|||

RELATED

|||

KLANGAPPARAT

Ein Eintauchen in buchstäbliche Liquid Levels gestattet das herrlich verhaltene LOOPZILLA- MIX Numero 60 . Fern von jeder hochsommerlichen czz-hoerempfehlungBeach- Life oder Sonstwie- Fröhlichkeits- Frenesie , bleibt das “Sofa Mix” cool abgedimmt im gangbaren Takt , ohne ins loungig- Beliebige abzudriften : Daniel P. aka “Project Swirl” bedient sich mit seiner exquisiten Mischung aus Releases von Netlabels wie yukiyaki , Thinner , unfoundsound oder clear-cut allerdings nur beim Feinsten . - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN . |||