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Salon Littéraire | Liesl Ujvary : “privatsachen” - eine fotoserie



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Salon Littéraire | Liesl Ujvary :

“privatsachen” - eine fotoserie

die fotoserie “privatsachen

versammelt fotos der arbeitsumgebungen von schriftstellern. hier entsteht literatur - zwischen schichtungen von beschriebenem papier, bekritzeltem papier, bedrucktem papier, anhäufungen von büchern, zwischen stofftieren und technischem gerät, zwischen weichen polstern und warmen decken, zwischen fundstücken konkreter natur, einem rindenstück, zimmerpflanzen und blumenvasen, fahrrädern, kinderzeichnungen, rezepten, jacken und hosen, kabeln und steckern, stössen von cds und musik-cds, umhängtaschen, adidas-schuhen, kaffeetassen, einem spielzeugpinguin auf einem fernseher, handtüchern, buddhas, ansichtskarten, tellern, tastaturen, stiften, blättern, feuerzeugen und vielen anderen sachen.

alle bücherregale ähneln sich, jedes bücherregal ist auf seine weise einmalig. obwohl das inventar, mit dem und aus dem wir unsere private umgebung gestalten, zivilisatorische ähnlichkeiten aufweist, ist es doch andererseits vollkommen persönlich. indem das objektiv diese kleinen environments herausgreift und in ihrer trivialität und einzigartigkeit abbildet, gewinnen sie an farbe und format, zeigen uns fantastische oberflächen, bieten ein spiel von licht und plastizität, das vieldeutig ist, enigmatisch und überdeutlich in einem. hier wird die mehrfach-codierung unserer persönlichen existenz belegt und präsentiert. ( Liesl Ujvary )

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BRIGITTA FALKNER

fotoserie_PRIVATSACHEN_copyright_Liesl_UJVARY

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER

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HANNO MILLESI

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MARTIN BREINDL

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Liesl Ujvary

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HINWEIS

Die Ausstellung “privatsachen - fotos von liesl ujvary” ist im Literaturhaus Wien von 11. 11. bis 19. 12. 2008 im Rahmen des “Europäischen Monats der Fotografie” zu sehen .

Die solcherart durch Details ihrer Lebens- und Arbeitsumstände porträtierten Autorinnen und Autoren :

Neda Bei , Martin Breindl , Ann Cotten , Brigitta Falkner , Ilse Kilic , Margret Kreidl , Benedikt Ledebur , Norbert Math , Friederike Mayröcker , Hanno Millesi , Lydia Mischkulnig , Florian Neuner , Monika Rinck , Elisabeth Schimana , Ulrich Schlotmann , Ferdinand Schmatz , Andrea Sodomka , Lisa Spalt , Deter Sperl , Oliver Stummer und herbert j. wimmer .

Zwei Lesungsabende eröffnen | begleiten die Schau :

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“Der letzte Professor” : Karl Wagners Wiener Rede für Wendelin Schmidt-Dengler



||| GERETTETES GEDENKEN | DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU” | DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008 | RELATED

GERETTETES GEDENKEN

czz-pikto-blind-fuer-todAm 7. September ist der Wiener Germanist , charismatische Lehrer und in jeder Hinsicht förderliche Fürsprecher gegenwärtiger Literatur , Wendelin Schmidt-Dengler , fürchterlich überraschend verstorben . Die volatilen Worte der öffentlichen Personen waren rasch verweht . Umso nachhaltiger ist inzwischen die für “Nachrufe und Erinnerungen” eingerichtete Webseite des Instituts für Germanistik angewachsen : Die Zusammenschau der verschiedensten Stimmen mag einen Eindruck von der ausserordentlichen Vielseitigkeit und Wirkkraft des unorthodoxen Gelehrten gewähren .

Auf 31. Oktober war die offizielle Akademische Gedenkfeier im Grossen Festsaal der Universität datiert . Dort , wo sonst die talargeschmückten Rituale von Promotionen unter lateinischen Formeln den Anverwandten Tränen der Rührung in die Augen treiben , fand man sich betreten zusammen . Und mochte seinen Ohren kaum trauen , als der Dekan im säuselnden Flughafen- Durchsage- Sound eine geistfreie Serie von Sätzen aneinander reihte . - Eine unfreiwillige Selbstparodie akdemischer Routine , welche den Ernst des Verlustes nur umso stärker bekräftigte .

Für einen kurzen Moment hatte sich - wie auch die “Frankfurter Rundschau” bemerkte - die Mechanik der Institution unverstellt gezeigt . Und genau in diese Fuge zwischen institutioneller “Lehre” und “Leere” fuhr Karl Wagners Rede wie ein scharfes Beil hinein . Scheute sich nicht , Namen und Nachrichten von Nöten zu nennen und nahm die Universität coram publico in die Pflicht , in und unter Schmidt-Denglers Namen mittels eines Stipendiums geistesgegenwärtige Forschung zu fördern .

Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT

  1. Julia Kospachs Bericht in der “FR” vom 3. 11. 2008
  2. Karl Wagners Rede für Wendelin Schmidt-Dengler und wider den Ungeist der Institution ( mit Dank an den Autor für die vertrauensvolle Übermittlung der Textfassung ) .

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DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU”

czz-pikto-blind-fuer-todHerr mit Spielraum - Zur Gedenkfeier für den Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler an der Universität Wien ( Julia Kospach , FR , 3. 11. 2008 )

( … ) Schmidt-Dengler, der Anfang September überraschend mit 65 starb, las stets vor vollen Sälen. Acht Wochen ist es her seit seinem Tod. Jetzt sei klar, sagt sein Nachfolger als Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik: “Die Löcher, die gerissen worden sind, lassen sich nicht so einfach schließen”. Seltsamerweise hatte man mit “stopfen” gerechnet. Vielleicht weil der Festsaal so vollgestopft ist. Schmidt-Dengler füllt noch einmal spielend einen großen Saal.

“Wendelin, dem unermüdlichen Dengler” steht auf einer, auf eine Leinwand projizierten Zeichnung des dichtenden Architekten Friedrich Achleitner, der hier für seinen toten Freund ein paar seiner sprachverspielten Kurz-Prosatexte vorliest. Er sorgt für den feinen Humor, für den sonst Schmidt-Dengler zuständig war. “Ich vermute, so schnell wie Wendelin redete, konnte er auch zuhören”, sagt Achleitner.

Seine Zeichnung zeigt, in wenigen Strichen, unverkennbar Schmidt-Denglers runde Brille und seine freundlichen Hamsterbacken. Der Gezeichnete hält einen kleinen Hammer in der Hand. Schmidt-Dengler dengelt. Schmidt-Dengler, dessen Name allein “der Reduktion schon einen gewissen Widerstand” entgegengesetzt habe. So sagt sein langjähriger Kollege, der Germanist Karl Wagner, in einer herrlichen Rede, die eine hinreißende Liebeserklärung an Schmidt-Dengler ist und eine schallende Ohrfeige für die Institution Universität, die ihren Weltklasse-Gelehrten mit Stolpersteinen versorgte, ihm seine Gewandtheit und Beliebtheit verübelte und neidvoll auf sein uneitles Tausendsassatum blickte.

Wagner spricht mit W.B.Yeats - “no marble, no conventional phrase” -, und er geißelt die Fertigrhetorik der Universität, die zu Beginn der Feier in der Ansprache des Dekans der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät einen lupenrein dahingeleierten Auftritt absolviert. “Dieser Verlust ist einfach unersetzlich”, singsangt der Dekan, als wär’s die hundertste Vorrede zu einer der steifen Promotionsfeiern, die sonst hier stattfinden. Und weil ihm auch wirklich gar nichts einfällt, sagt er dann noch “Wendelin Schmidt-Dengler fungierte als langjähriger Institutsvorstand, und als solcher ist er ja auch verstorben.” Augenverdrehen im Publikum.

Schmidt-Dengler war hunderterlei gleichzeitig: Als Ermöglicher, Unterstützer und Vermittler von Literatur und germanistischer Forschung stürmte er wie ein Irrwisch durch die literarische Landschaft, immer in Eile, immer höflich, “ein Herr”, wie Karl Wagner sagt, aber nicht um des Habitus des Herren willen, sondern wegen des sich dadurch eröffnenden Spielraums. Schwindeln könnte es einen angesichts des Arbeitspensums dieses Mannes, das hier noch einmal von Kollegen, Studenten, Freunden aufgezählt wird.

In der Pension, die er nicht mehr angetreten hat, wollte er sich endlich einmal ausführlich Dantes “Göttlicher Komödie” widmen, hatte er vor Kurzem in einem Interview gesagt. “Die studiert er jetzt womöglich vor Ort”, sagt eine Frau beim Rausgehen ohne jede Ironie zu einer anderen. Was hatte Schmidt-Denglers Freund Friedrich Achleitner gerade noch vorgelesen ? “Auch das Endgültige hat ein Hintertürl.”

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DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008

czz-pikto-blind-fuer-todEs gibt keinen Trost. Ich werde daher, um mit dem russischen Dichter Joseph Brodsky zu sprechen, auch keine magere Rede “nach oben schicken / in Richtung der altherkömmlich stummen Gebiete”, wie es in seinem “Wiegenlied von Cape Cod ” heisst.

Unübertroffen bleibt also weiterhin das berühmte Epitaph, das sich William Butler Yeats für sein eigenes Grab im Friedhof von Drumcliff, am Fusse des wie ein gekentertes Boot daliegenden Bergrückens Ben Bulben gedichtet hat: “Cast a cold eye / On Life, on death, / Horseman pass by”, verbunden mit der Anweisung: “No marble, no conventional phrase.”

Ein anderer berühmter Lakonismus, der auch nicht in Erfüllung gegangen ist, stammt von William Faulkner, der dieses gewünscht hat: “It is my aim … that the sum and history of my life … shall be …: He made the books and he died.”. Im Blick auf Wendelin Schmidt-Dengler, dessen langer Name - selbst ohne Titelei - der Reduktion einen gewissen Widerstand entgegensetzt, könnte das Lakonische so lauten: “Er hat gesprochen und er ist tot.” Vielleicht darf ich hier noch Heimito von Doderers Satz über den Dichter anfügen, den Wendelin so gern zitiert hat wider den Künstlerkult: Dieser sei nämlich “ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhause begegnet”.

So eine Verkürzung überhaupt zu denken, ist nur bei einem möglich, von dem man weiss, dass von ihm durch noch so radikale Reduktion etwas bleibt: etwas, das gerade durch die Reduktion ausgesprochen und verstärkt wird. Für uns Gewöhnliche ist eher das blow up des Nachrufs tauglich und beliebt, das aus der Mücke einen Elefanten macht. Deshalb sind die konkreten Ausprägungen dieses Genres fast immer unangenehm, geheuchelt und verlogen.

Und deshalb ist das Schweigen auch so berechtigt; allerdings nur dann, wenn es nicht insinuiert, damit die wahre Trauer zu sein. Berufungen auf Elfriede Jelinek sind jedenfalls unstatthaft; denn wenn ihr auch die Worte zu seinem Tod gefehlt haben, hat sie immerhin nicht vergessen anzufügen, dass ihm, Wendelin Schmidt-Dengler, in einer solchen Situation die Worte auf keinen Fall gefehlt hätten.

So ist es. Dass mit Trostlosigkeit nichts zu gewinnen sei, war ein Credo, das er mit Fontane gemeinsam hatte und das beide zu unglaublicher Produktivität befähigt hat. Was natürlich für keinen von beiden (und von uns) Ilse Aichingers radikalen Satz auszulöschen vermag: “Positiv denken ist das Gegenteil von Denken”.

Ich habe nicht im Geringsten die Absicht, hier und jetzt mit dem Gestus des Abschliessens zu sprechen - in mehrfachem Sinne wäre das zu früh und auch pietätlos. Trauer ist keine Sache von Schnelligkeit; das darf man gerade dann sagen, wenn einer gegangen ist, der es mit dem Davongehen viel zu eilig hatte. Ich wünsche also der Wiener Universität, womöglich zum Schrecken ihrer Funktionäre, dass ihr dieser begnadete Mann noch lange zu schaffen macht.

Zweifellos wird diese Institution noch einige Zeit brauchen, um zu begreifen, dass sie nicht einen “Formulierungskünstler” verloren hat, wie sie in einer ersten sprachlosen Reaktion und garantiert ohne jede Einfallskunst verlauten liess, sondern einen international geschätzten und gesuchten Gelehrten. Einen also, den sie in ihrer desperaten und selbstgefälligen wie auch inflationären Fertig-Rhetorik ständig als Leitbild verkündet hat, ohne zu merken, dass sie in Wendelin Schmidt-Dengler längst schon einen hatte, der dies wirklich war. Und vor allem auch ohne auf die Idee zu kommen, ihm dies als Anerkennung zuteil werden zu lassen, womöglich vor dem Tod.

Zu diesem Verkennen mochte beigetragen haben, dass man sich “Weltklasse” wohl etwas zu willfährig und weniger unbequem vorgestellt hat; oder vielleicht auch nur etwas eitler und gerade in diesem Narzissmus allzu berechenbar ?

Mit solchen Wahrnehmungsmustern konnte man “naturgemäss” nicht auf einen wie Schmidt-Dengler verfallen, der das Unvorhergesehene liebte und zu überraschen verstand. Die Kunst des Einfalls statt des Rituals der Routine war sein Elixier: das machte ihn so überzeugend als Lehrer, als Wissenschaftler und als Person.

“Naturgemäss” ergibt das auch Friktionen mit dem Institutionellen. Es ist aber angezeigt zu bemerken, dass Schmidt-Dengler gerade dadurch die Dauer und Haltbarkeit von Konventionen und Ritualen zu erhöhen wusste. Statt mit dem Bruch der Routine, frei nach Kafka, lediglich eine neue zu begründen, setzte er auf den Reiz der Reibung. Je weniger die Institution das kapiert hat, desto mehr reizte es Schmidt-Dengler, selbst zu einer Institution zu werden: Das ist die subtilste Rache an einer Institution. Und sie ist ihm gelungen. Seine vielen Jahre als Institutsvorstand sind ja nur als eine Vorkehrung gegen die Zumutungen der Umständlichkeit und der Bürokratie wirklich zu begreifen - und vor allem auch gegen die Demütigungen durch kollegiale Herrsch- und Eifersucht.

In diesem Sinne darf man sagen: Schmidt-Dengler fehlt, wie jede gute Institution fehlt - man bemerkt es erst, wenn sie nicht mehr da ist. Das Unkonventionelle innerhalb der Konvention - zum Beispiel die Höflichkeit und das Abstandhalten (nicht die “Krankheit der Distanz”, wie Thomas Bernhard einmal über sich selber gesagt haben soll) - ist gerade in einer Einrichtung wie der Universität nichts Einfaches. Keiner konnte es ihm auch darin gleichtun. Umso überraschender lesen sich die Nähe-Erlebnisse der Nachrufenden.

Obwohl Wendelin Schmidt-Dengler viele Bücher geschrieben und noch mehr angestiftet, befördert und bevorwortet hat, ist für ihn als Wissenschaftler und Schreiber - anders verhält es sich mit dem Leser - das Buch nicht das charakteristische Medium. Etwas viel Flüchtigeres nämlich, das gesprochene Wort, seine Stimme und seine sokratischen Fähigkeiten, machen sein Unvergängliches aus. Wenngleich auch geschrieben und ausformuliert, war die Vorlesung und die Rede (in allen universitären oder sonstwie öffentlichen Formen) sein eigentliches Terrain.

Dass er wie “gedruckt” reden konnte, ist in einem Land, wo die Kunst der öffentlichen Rede so danieder liegt, dass jeder halbwegs begabte Provinzdemagoge zum Popstar wird, lediglich eine Floskel, die vom Entscheidenden ablenkt: Sein Geschriebenes ist nämlich vor allem anderem geschriebene Mündlichkeit - somit eine gute Vorkehrung gegen das Gespreizte, das Unverständliche oder das akademische Imponiergehabe mit seiner Phrasenhaftigkeit und seinem Sprachbeton. Mit dem Flüchtigsten, seiner Stimme, wird er uns immer im Gedächtnis bleiben.

Dass die Universität, nicht nur die Wiener, so wenig darauf gibt, ist unverzeihlich: die Reaktionen auf Schmidt-Denglers Tod zeigen jedoch, dass das sokratische Erbe, der logos spermatikos, am unverwüstlichsten ist. Es kann nur nicht in pädagogisch-didaktischen care-Paketen verwaltet werden. Es ist eben so erstaunlich wie ermutigend, dass sich das Untrennbare von Wissenschaft, Lehre und Person - das Besondere also an Schmidt-Dengler - mit den Worten Leo Spitzers, eines anderen weltberühmten Philologen aus Wien, immer noch am präzisesten beschreiben lässt:

Und schliesslich ist, wie ich glaube, das wissenschaftliche Objekt doch letztlich nur jenes Medium, in dem die Geister der Lehrenden und Lernenden sich treffen - ein Mittel dazu, dass Menschen zueinanderkommen, weil sie direkt auf dieser Welt so selten zueinander können. Ziel der Wissenschaft ist doch letztlich nicht bloss die Sache, sondern “der Mensch”, der Mensch mit seiner Sache, der Sache, die er vertritt, der Sache, der er bedarf, um sich hienieden zu behaupten […] Ein grosser Romanist [sc. Spitzer war von diesem Fach] - das ist für mich nicht nur, wer ein Kompendium des Wissens zu bieten hat, sondern wer sein Gebiet seinem Publikum “vorzulegen”, “darzuleben” versteht”. ( Spitzer, Meisterwerke, 4 ).

Schmidt-Dengler hätte diesen etwas herrischen Gestus gemieden, gerade weil er ein Herr war, wie keine Berufenere als Daniela Strigl zu sagen wusste. In gewisser Weise war er wirklich der letzte Professor, dem man diese Rolle noch abgenommen hat; er hat sich zu dieser Rolle in ein Verhältnis gesetzt, das nicht nur ironisch war: Er wollte nämlich nicht den Habitus, sondern den Spiel-Raum dieser Rolle retten. Von der Art und Weise, wie er diesen Spiel-Raum nicht für sich, sondern für andere genützt hat, wird noch zu sprechen sein, nicht nur heute.

Ich möchte mit einem (womöglich gar nicht vollständigen) Momentbild - was weiss man schon, wenn man in Zürich ist ? - das nicht untypisch ist für Wendelin Schmidt-Denglers Arbeitsethos, seine Produktivität und seinen sokratischen Nimbus andeuten, wie einer gearbeitet haben muss, um jene Präsenz zu erzeugen, die viele bewundern - und einige verabscheuen, weil sie irrtümlich glauben, diese Präsenz sei ihm geschenkt worden.

Am Tag vor seinem plötzlichen Tod am 7. 9. 2008 erschien in der Wochenendausgabe des “Standard” Schmidt-Denglers Gegenrede zum üblich gewordenen Lamento über die nicht- oder nicht mehr lesenden Studenten; jeder von uns hat in diese schon einmal eingestimmt, auch er; und jeder von uns ist einmal, als Student, Adressat dieser Klage gewesen. Denn es wurde schon immer nicht mehr gelesen, jedenfalls in den Augen der Kulturkritiker.

Im September dieses Jahres erschien in der zweimonatlich erscheinenden Literaturzeitschrift “kolik” seine Laudatio auf Ann Cotten, aus Iowa stammend, in Wien aufgewachsen und jetzt in Berlin lebend. Sie hat hier in Wien Germanistik studiert und bei Schmidt-Dengler ihr Studium abgeschlossen. Die Laudatio von Wendelin Schmidt-Dengler auf das furiose Debüt dieser Autorin - “Fremdsprachensonette” in der edition suhrkamp - beweist, dass er nicht nur an der Universität Wien am Platz war, sondern auch auf den Plätzen draussen. Nur einen hat er da wie dort gemieden: den Gemeinplatz, etwas also, das in Österreich einen bedrohlichen Nebensinn entwickeln kann.

Und schliesslich erschien in jenen traurigen Septembertagen auch seine “Presse”- Rezension von Ruth Klügers Fortsetzung ihrer Autobiographie, die den Titel “unterwegs verloren” trägt. In diesen Erinnerungen kommen Wien, die Wiener Universität und insbesondere auch das Institut für Germanistik nicht so vor, wie es die erwähnte institutionelle Strahle-Rhetorik gern hätte. Nebenbei gesagt: Es stünde den Universitäten, nicht nur der Wiener, gut an, wenn sie mehr auf die Bilder achteten, die sich die Schriftsteller von ihr bzw. von ihnen machen. Vertriebene Nobelpreisträger aufzubieten, ist dagegen in jeder Hinsicht ein Gemein-Platz. Schmidt-Dengler hat in seiner Rezension von Klügers Buch etwas gemacht, das er wie kein anderer beherrschte: durch Höflichkeit und Takt etwas zu retten, was sonst verloren gegangen wäre. In diesem Fall: die Verbindung Ruth Klügers zu dieser Institution, die ihr so fremd geblieben ist und in der sie nicht das fand, was österreichische Politiker und Professoren, insbesondere ohne Augenschein, so schnell finden, ohne dann einen Finger zu rühren, um vergleichbare Möglichkeiten zu schaffen: die amerikanische Ivy League. Schmidt-Denglers grandezza in dieser Besprechung erwies Ruth Klüger nachträglich ihren Respekt:

Ich weiß, es war das Letzte, was er gemacht hat. Er war ungeheuer großzügig, wenn man bedenkt, dass ich in dem Buch ja über sein Institut ziemlich hergefallen bin. Ich war gerührt und beschämt.

Hinzufügen möchte ich noch, obwohl der betreffende Band noch nicht erschienen ist, Schmidt-Denglers Arbeit an der Edition von Thomas Bernhards Werken, zuletzt: an dessen Roman “Alte Meister“. Denn damit ist, in jeder Hinsicht, die Arbeit an einem philologischen Lebenswerk bezeichnet.

Allein die Vielgestaltigkeit dieser letzten Arbeiten beweist, dass hier einer am Werk war, der Verschiedenes zur gleichen Zeit tun konnte, während die meisten von uns nicht einmal mit dem einen zurande kommen. Neid ist in einem solchen Fall ein nahe liegendes Gefühl; und er bekam ihn auch zu spüren. Wenn man schon selber die eine Rolle falsch spielt: wie muss erst einer sein, der mehrere Rollen zur gleichen Zeit beherrscht. Es ist eine Tragödie, dass in dieser akademischen Welt verlernt wurde, theoretische Gegensätze nicht als persönliche auszutragen: Undenkbar wäre heute, jedenfalls hier, eine Widmung à la Spitzer, die dieser, übrigens an die erste habilitierte Romanistin, Elise Richter, geschrieben hat: “in verehrungsvoller Gegnerschaft”.

Eine Trauerrede ist aber, wie mir die Selbstzensur sagt, nicht der Ort für Gedanken darüber, wie eine Institution mit Menschen umgeht; gar nicht zu reden von der Art, wie die Menschen in der Institution Universität miteinander umgehen. Das traditionell idealistische Sprechen über die sänftigende Wirkung von Literatur hat es nicht leicht an einem Institut für Literatur in dieser oder jener Sprache.

Natürlich durfte und darf man an Schmidt-Denglers Art und Weise, Literaturwissenschaft zu betreiben, auch Kritik üben. Er war in der Selbstkritik, die unter den Vorzeichen der Weltklasserhetorik zu einem auszurottenden Stigma geworden ist, den Opponenten auch darin eine Nasenlänge voraus. Wie alle, die nur eines können, haben sie seinen Umgang mit den Medien verabscheut, in denen sie selber nur zu gern vorgekommen wären. Und natürlich war der Konflikt zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik auch für ihn ein Problem. Vielleicht kann man als grösstes Kompliment sagen: nie hat er den Elfenbeinturm an die Plätze verraten, während viele, ohne Kontakt mit den Plätzen, den Elfenbeinturm preisgegeben haben, dessen Lob dereinst kein Geringerer als der berühmte Kunsthistoriker Erwin Panofsky in der amerikanischen Emigration angestimmt hat.

Für diejenigen, die Doppelrollen nicht kennen, stellte sich, naturgemäss nicht im eigenen Fall, diese frei nach Robert Walser formulierte Frage: Ists nicht mehr Wissenschaft, was Du da treibst ? - Schmidt-Dengler hat für diese Doppelrolle anlässlich der Auszeichnung als “Wissenschaftler des Jahres 2007 die wunderbare Formulierung gefunden: “Ich sitze gern zwischen den Stühlen und springe schnell auf”. Man darf annehmen, dass dies keine nur bequeme Position war.

Ich will aber nicht nur diese hinfälligen Sätze sagen, die im Augenblick auch schon wieder verrauschen. Ich möchte die öffentlichen Institutionen dieses Landes und dieser Stadt - vor Zeugen - an- und aufrufen, Wendelin Schmidt-Dengler dauerhaft zu ehren. Und ihm so auch dafür zu danken, dass er diese Universität, diese Stadt und die Literatur dieses Landes in der Welt bekannt gemacht hat.

Die Universität und die Stadt Wien mögen also übereinkommen, ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium ins Leben zu rufen. Ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium für junge osteuropäische Doktoranden und Doktorandinnen, damit diese hier in Wien ihre Forschungen zur österreichischen Literatur und Kultur vorantreiben können.

Es schiene mir angebracht, wenn die Öffentlichkeit darüber wachte, dass dieser Vorschlag Wirklichkeit wird.

Es bleibt freilich dabei. Es gibt keinen Trost. “Gerettet sind wir / durch nichts / und nichts / bleibt für uns”. Wann, wenn nicht jetzt, wären von diesem Dichter, Ernst Meister, meine Lieblingsverse zu zitieren ?

UND BIS ZULETZT
zärtliche Wissenschaft.
Das Vergebliche, kann sein,
nicht umsonst. Das wirklich Nichtige aber
ist voll deutlich
immer da.

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RELATED

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NEUES VON FREUNDEN



||| BERLIN : ROTTEN KINCK 3 | WIEN : GERHARD RÜHM GESAMT | WIEN - VIRTUELL : TEXT DES MONATS | WIEN : ERICH FRIED TAGE | WIEN MODERN : STOCKHAUSEN - GADENSTÄTTER - NEUWIRTH | WIEN MODERNST : TOMOROH HIDARI | KLANGAPPARAT

rotten kinck show ( click to XL )

BERLIN : ROTTEN KINCK SCHOW 3

czz-neuesvonfreundenDass Literatur vor Schaden nicht schützt und schon gar nicht als Abwehrzauber dient musste die zur ROTTEN KINCK SHOW unierten drei Grazien Ann Cotten , Monika Rinck und Sabine Scho fluchend am eigenen Festplatten- Täschchen erfahren : Gleichwohl lautet das in die Abgründe des menschlichen und technischen Unbewussten weisende Motto : MEINE MUSE , MEIN DÄMON , MEIN RECHNER .

Folgende Highlights werden überliefert :

+++ Working Girls’ Shamanism * ekballein, und vorher zartrammpeln * Yeats approves this kind of brutality +++
+++ natürliche geister, direkt befragt * die dämonen des unmittelbaren heimleuchtens, des selbstüberraschenden dranbleibens, der fehlgeleiteten
begeisterung und der sorge +++
+++ wohnschmaschinen - insistierte sippenschreibtische in serie +++
+++ superspreader - anglerfisch * die geheimen nähte der schlafakrobatin +++
+++ Numen-Nummer und Nadelöhr Wunsch * die zwei leeren päckchen zigaretten +++
+++ Die Lücke in der WH des HL * Figuren der pathologischen Nähe +++
+++ Fetisch und Partial: A Puzzle’s Puzzle * But Poets do not exist to accept Griefs. +++
+++ starre schatten der verliebten - Wo Starre Schatten Lehnen, Da Ist Wand - Bulkig, bulkig, bulkig - Das Ende der Wand +++

Völker , bannet die Dämonen : Ann Cotten , Monika Rinck , Sabine Scho : Kaffee Burger , 10 119 Berlin , Torstraße 60 - 4. 11. 2008 , 21 H
Am 4. November 2008 ab 21:00 Uhr im

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WIEN : GERHARD RÜHM GESAMT

czz-neuesvonfreundenWer kennt sie nicht , die drei prächtig gelben Bände , in welchen der Berliner Parthas Verlag mit Langmut und Akkuratesse das editorische Desiderat in Angriff nimmt , das in alle Windrichtungen , Klein- und Künstlerverlagen verstreute Gesamtwerk des Grossmeisters Gerhard Rühm zu sammeln . Vier Bände der zehnteilig und autorisiert angelegten GESAMMELTEN WERKE liegen nun bereits vor :

Band 1.1. : gedichte
Band 1.2. : gedichte
Band 2.1. : visuelle poesie
Band 2.2. : visuelle musik

In Vorbereitung :

Band 3.1 : auditive poesie
Band 5 : Theaterstücke

Mithin Grund genug , die Vielseitigkeit des Dichters , Sängers , Komponisten u. v. a. m. wieder einmal live und höchstselbst unter Beweis zu erleben , wie stets unter Mitwirkung von Monika Lichtenfeld - !010 Wien , Literatisches Quartier Alte Schmiede , 6. 11. 2008 , 19 H ( > siehe auch den heutigen KLANGAPPARAT )

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WIEN | VIRTUELL : TEXT DES MONATS

czz-neuesvonfreundenSeit zwei Jahren ediert und kommentiert die Schriftstellerin Liesl Ujvary monatlich ausgesuchte Texte von Autorinnen und Autoren auf der Webseite des Literarischens Quartiers : Die Lieferung 11 | 2008 ( Martin Breindl ) scheint indes noch nicht den Weg ins WWW gefunden zu haben : Ein guter Grund , Margret KreidlsIch habe einen Vogel” plus Oktober- Kommentar noch einmal zu lesen .

Edit :

martin breindls “restl.welt”,”gedankenprojektor” und “zwischenzeit zwischenraum” ist seit 15. oktober auf der homepage der alten schmiede zu sehen und zu lesen …

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WIEN : ERICH FRIED TAGE

czz-neuesvonfreundenWenn mit den jährlich den Novembernebel spaltenden Erich- Fried- Tagen das Steh- bzw. Sitzvermögen von Veranstaltern und Publikümern im Literaturhaus auf die Probe gestellt wird , geschieht dies durchaus auf hohem literarischen Niveau .
Freitag , 7. 11. ( 19 H ) : Wird mit Catherine Frieds “Über kurz oder lang - Erinnerungen an Erich Fried” eines der hübschen roten Bändchen aus der SALTO- Reihe des Wagenbach- Verlags vorgestellt : Kein Zweifel , die Witwe hat da Einiges zu erzählen .

Am Samstag , 8. 11. ( 19 H ) ist dann eine ebenso beredte wie witzige Jurorin des diesjährigen Erich- Fried- Preises am Wort : Katja Lange-Müller liest aus Erzählungen sowie ihrem im Vorjahr erschienen Roman “Böse Schafe und andere Enten” ( KiWi ) . Danach , dass es die akklamiert- lakonische Liebesgeschichte im Milieu deutscher Wende- Verlierer auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises anno 2007 brachte , kräht heute kein Hahn mehr .

So far for nachhaltige Förderung des deutschen Romans , wie sie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels versteht …

Sonntag , 9. 11. ( 11 H ) ist es schliesslich so weit und es wird der Erich- Fried- Preis 2008 an Alois Hotschnig verliehen : Eine zweifellos weise Entscheidung , trifft die mit 14.600 € dotierte Auszeichnung einen der leisen litarischen Feinarbeiter des Landes . In ihrer Begründung für ihre Wahl formuliert die alleinige Jurorin Lange-Müller einen äusserst bemerkenswerten Satz :

… weil er die Deutungshoheit dem Leser einräumt - mit und trotz größter stilistischer Genauigkeit. Den Leser schätzen, heißt: Ihn niemals unterschätzen.

Ob dies die Kinder nun beruhigen wird ?

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WIEN MODERN : STOCKHAUSEN - GADENSTÄTTER - NEUWIRTH

czz-neuesvonfreundenDass musikalisches Hören nicht notwendig das Sprachzentrum lahmlegt , dürfte das Konzert des Klangforum Wien am Samstag im Rahmen von WIEN MODERN mit einem vielver sprechenden Programm beweisen : Neben Karlheinz StockhausensKreuzspiel” ( 1951 ) bestreiten nicht weniger als zwei Uraufführungen von Auftragswerken ( ! ) die Playlist :

Mit Clemens Gadenstätter ( Jahrgang 1966 ) und Gösta Neuwirth ( Jahrgang 1937 ) treten zwei Generationen an , ihre semantisch | sprachlich | musikalischen Untersuchungen ins Werk gesetzt vorzustellen .

Mit einer “Semantical Inverstigation 1” ( für Violine und Ensemble” , UA ) geht Gadenstädter von der unabweislichen Bedeutungshaltigkeit jedewenden Klanges aus , womit der Illusion einer Reinen Musik grundsätzlich eine Absage erteilt wird ( vgl. auch Daniel Enders Essay ) . Viel eher ist eine kulturelle Selbstbefragung am Werk , akustische signifiers | signifiés auszutesten :

Alltäglicher Erfahrung wird auf den Grund gegangen durch die Untersuchung an solchen Signalklängen, die semantische Seite wird durch die klangliche Recherche befragt.

Ironie und Ernst der Lage liegen eng beisammen im Bewusstsein des Hörens: Was bedeutet Hören, wenn alles Gehörte bedeutet und wenn die Eindeutigkeit der Bedeutung des Gehörten sich im Hören auflöst, transformiert, hin zu einer Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit ? Das Be-Deuten des Hörens ist ein Akt des Bewusstseins, wie das Komponieren von zu Hörendem. Musikmachen wird mir hier zum Instrument, mir einmal in den eigenen Kopf zu schauen ( Büchner ) – Katapult einer musikalischen Erfahrungsreise durch den Alltag. ( Quelle : pdf )

Mit Stücken wie “Pisspott oder Pot of Pieces” hat der unfreiwillige Wahlberliner Gösta Neuwirth ( er hatte in den sechziger Jahren Wien verlassen , weil die Hochschule sein Dissertations- Thema zur Musik des von den Nazis verfolgten Franz Schreker ablehnte ) seit je einen Hang zum Sprachspiel bewiesen . Neuwirths Gestaltung von “Zeiträumen” ( “die Zeit muss genau gemessen sein , damit sie frei wird” , GN ) hat im Echtleben insofern einen tragischen Widerpart , als sich Österreich erst spät seines wegweisenden Komponisten und Lehrers besann .

Womöglich reflektiert Neuwirths Auftragswerk ( Erste Bank Kompositionspreis und Auszeichnung für das Lebenswerk ) “L’oubli bouilli - Vanish” ( für Sopran und Ensemble , UA ) ja genau dieses Vergessen - ?

Samstag , 8. 11.. 2008 , Wiener Konzerthaus, Mozartsaal , 19:30 H

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WIEN MODERNST : TOMOROH HIDARI

czz-neuesvonfreunden Grandmaster Crash aka Tomoroh Hidari ( MySpace ) aka Oliver Stummer packt Freitag , 7. 11. seine Siebensachen und Tausendsoundz aus , um - neben Reverse Tunes , Strang , Invitriol und Assimilatah - live elektronisch aufzugeigen . Ab 21 H in den Gürtelbögen à la quebra duro @ venster99 . Dort wird man es um die Ohren geschlagen kriegen , dass Klänge nie unschuldig sind …

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KLANGAPPARAT

Wie oben angedeutet , wirdmen wir den heutigen Klangapparat der jüngsten Kunstradio- Produktion Gerhard Rühms erinnern : “Paradiesische Passage” ( Ursendung 14. 9. 2008 ) - neue Sprechtexte , kurze Stücke mit Stimme und Klavier und speziell für das Radio .czz-hoerempfehlung Interpretiert werden diese von Gerhard Rühm und von seiner Frau Monika Lichtenfels- Rühm .

Zitat Rühm :

Wenn man sich intensiv mit Sprache beschäftigt, und zwar nicht mit der Sprache nur als bloße Mitteilung, sondern mit der Sprache als Material, dann kommt man bei geschriebener Sprache automatisch in den Bereich der bildenden Kunst und bei gesprochener Sprache automatisch in einen Zwischenbereich zur Musik. Weil ja die gesprochene Sprache musikalische Parameter hat, zum Beispiel: Tempo, Lautstärke, Tonhöhe. Das sind alles Momente, die den Text emotional differenzieren, die man nur durch das hören der Stimme in dieser Form wahrnehmen kann. Bei mir liegt das sehr nahe, weil ich Musik studiert habe, ich habe auch Komposition studiert, war auch bei Josef Matthias Hauer. Ich habe die Schönbergsche Zwölftontechnik ebenso wie von Hauer - die übrigens ganz anders ist - studiert. Und Musik ist für mich eine Art tägliches Brot. Dadurch ist das schon sehr nahe. ( … )

Was noch für mich ein wichtiger Punkt ist, dass Sprache, so wie ich sie verwende, das wäre ein vollkommenes Missverständnis, das als abstrakte Angelegenheiten anzusehen, sondern für mich ist es eine sinnliche Angelegenheit. Wenn man sinnlich mit Sprache umgeht, muss man mit dem Material Sprache umgehen. Und nicht nur mit dem was Sprache mitteilt. Die sinnliche Form von Sprache ist eben die menschliche Stimme.

Sprechtexte von Gerhard Rühm :

  • “Orange Ted” ( Audio )
  • “Schwanenwut , Trauerkatze” ( Audio )
  • “Rufe des letzten Menschen” ( Audio )
  • “Kleinanzeigen” ( Audio )
  • “Flugschwindel” ( Audio )
  • “Getäuschtes Vertrauen” ( Audio )
  • “Gewagte Klage” ( Audio )
  • “Gebären und Bestatten” ( Audio )
  • “Sprechtänze” ( Audio )

Weiteres zu den Sprechstücken sowie zur titelgeben Klanginstallation @ Kunstradio .

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Salon Littéraire Spécial | Ann Cotten : NACH DER WELT - Die Listen der Konkreten Poesie



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Salon Littéraire | Ann Cotten :

NACH DER WELT - Die Listen der Konkreten Poesie

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Die uns so verhasste Charakterisierung “assoziativ” meint, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes, als dass die Natur der Beziehungen zwischen den Einheiten nicht festgelegt ist. Das kann “beliebig” sein, ist es aber in guten Texten nicht, auch wenn sich keine Regel feststellen lässt außer bewusstmachbare, begründete Urteile für jede spezifische Verbindung und ihr Zusammenspiel. Wie Neil Young über Songtexte sagte, dass sie am besten offen und widersprüchlich sind, wenn das Ziel ist, dass viele sie mit ihrem Leben verflechten wollen, ziehen auch die vielen losen Enden im Geflecht assoziativen Texts das Denken und Fühlen und Erinnern der Leserin, die den Text durchwühlt und mit den in ihrem Leben gelernten Bedeutungen verknüpft, ins Gedicht hinein. Und auch wieder hinaus. Das an sich lässt alle Qualitäten zu. Wenn wir “fünffache darstellung eines textes” durchwühlen oder, sagen wir, abtippen, finden wir Zitate und intertextuelle Verweise, aber auch Dinge, die es nicht schwer ist, aus eigener Erfahrung zu kennen, etwa “zuzweit”, “wegen andern”, “wegen einem andern”, “wer zuerst”, “allein gelegen”, “im schnee gelegen”, “anders als es alle sahn von weitem”, “anders wie zuvor”, “zu einem andern anders wie zuvor”, “als alle allein gelegen”, “wars wie zumeist” und so weiter. An Kulturgut finden wir neben Märchen wie Schneewittchen ( Farben, Wege, Eifersucht, Mord und Belege ) und Filmen wie “Fargo” etwa Schuberts Winterreise mit “andern wegen” und, vager, der Motivik eines Herummanövrierens in öder Winterlanschaft vor dem Untergrund einer problematischen Liebesbeziehung, die Hin-und-her-Schaufeleien von Anziehung “zuzweit” und “geschieden”, die in naher Rückperspektive wie das Umhäufen von gewaltigen Massen von Banalität oder Schnee zu aus unterschiedlichen Motiven gewünschten Wegen erinnert in einer Arbeit, die immer wieder von neuem angegangen werden kann, bis der Schnee, in eine andere Jahreszeit herübergerettet, zu Gatsch und Schmelze geworden ist. Abgesehen von diesen konkreten Bezügen ist die “assoziative” Ordnung etwas, was nicht so sehr “nachvollzogen” als realisiert wird. Die assoziativen Beziehungen sind weder etwas, was im System der Sprache jemals als etwas rein Allgemeines und Objektives fixiert werden kann, da sie, um Existenz zu gewinnen, von konkreten Erfahrungen konkreter Menschen ausgefüllt oder erweckt werden müssen, noch etwas, was von außen bzw. von einem Inneren von Individuen als Zusatz zur Sprache draufgepappt wird, die ohne sie einen rein beliebigen, axiomatischen Bezug zur Welt hätte - was wir zurecht behaupten, doch wenn das nicht nur die eine Seite der Geschichte wäre, wäre die Sprache wohl gar nicht entwickelt worden, weil zur Kommunikation zu aus dem, was wir in Metaformulierungen anerkennen, logisch begründbaren Zwecken auch ein kleines System an freudlosen Grunzern genügt, mit einigen Vokabeln aus der Industrie augmentiert. Wir suchen also in der Sprache schon auch das, worüber wir nicht so genau Bescheid wissen, und wenn sich auch nicht der heilige Gral dabei zeigt, zeigen sich die Suchbewegungen und sich gegenläufig kreuzenden und überlagernden Sinngeflechte. So ist es nicht so sehr eine Aussage als eher eine mehreren Teilen von Welt gemeinsame Funktionsweise, dass die gleichen Elemente immer neu gruppiert und kombiniert werden, wobei ein Wort, und auf einer anderen Ebene eine bildliche Vorstellung, etwa Schneelandschaft, weite Entfernung oder Affäre, zu mehreren benachbarten Zusammenhängen, von Denken über Fühlen bis zu Sehen, als Scharnier funktioniert. Und zwar in Einzelheit, Differenz und Wiederholung.

Materialität, dichte Anhäufung, Litanei, Trance, Intensität: Die Wiederholung stellt etwas vor, was einem so real vorkommt wie eine konkrete Masse. Wir bilden uns ein, dass wir das Konkrete der KP [ Konkreten Poesie ] spüren können wie harte Welt. Cognitive satiation wird in der Linguistik das Phänomen genannt, dass durch materielles Wiederholen eines Worts, sei es schriftlich oder mündlich, seine Bedeutung verlorengeht. Das Verlorengehen der Bedeutung ist ein Prozess, der viele Einzelheiten beinhaltet, die beim Verlorengehen noch einmal sehr deutlich und klar aufploppen, was die Reduktion der KP vorführt und uns daher interessiert. Die KP als Film des Lebens ist ein bisschen ein Cutup, wie ja auch unser Verständnis des Lebens, es entspricht sehr wohl. Wie könnten wir sonst denken ?

( … )

Wenn die KP für das Wort einen Status erstrebt, in dem es nichts als sich selbst bedeutet, so nähert sie es den Materialien von Musik und bildender Kunst an. Wie wir oben bemerkt haben, ist eine solche Konkretheit inkompatibel mit dem praktischen Sinn einer Liste, etwas aufzuzählen. Es gibt indessen zahllose Beispiele, wie das in Bezug auf die “Tabellenfrage” angeführte von Franz Mon, die formal sehr stark Listen evozieren, deren Funktion jedoch im Wesentlichen rhythmisch und nicht semantisch ist. Auch Dinge wie Auszähl- und Kinderreime sowie Zaubersprüche stehen auf dieser Kippe; sind womöglich urspünglich, als Rezepte, Listen gewesen, und der Listencharakter verlor sich inzwischen zusammen mit der Bedeutung der Wörter zugunsten einer musikalisch-rhythmischen inkantatorischen Funktion.

Wir untersuchen hier dreierlei. Zum einen, was für Eigenschaften haben Liste und Rhythmus gemeinsam ? Wir werden dann das Erstellen von Listen als Technik zur Textproduktion betrachten - Produktion und Rhythmus sind ja quasi metonymisch verbunden - und die Frage stellen, auf welche Weise Eigenschaften einer Liste dazu beitragen, dass an einem Text sein Rhythmus hervorsticht und die Semantik überschattet: die Materialität den Sinn überragt. Zuletzt vergleichen wir anhand konkreter Übertragungen die Liste als visuelles und als akustisches Phänomen.

Wir können, scheint uns, den Punkt, an dem eine Liste zu einem rhythmischen Gebilde wird, genau bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Perspektivwechsel, die entscheidende Überschreitung eines gewissen Horizonts, sodass dasselbe Material von der anderen Seite rezipiert wird. Das Phänomen als sinnliches kennen wir von cognitive satiation, dem Sinnverlust eines Worts oder Symbols durch seine materielle Wiederholung. Der Inhalt einer Liste wird sekundär, der Sinn tritt hinter den Klang oder die Erscheinungsform zurück, also hinter den Rhythmus.

Die Semantik verschwindet mitnichten. Auch Witze, Wortfelder und Bedeutungen können rhythmische Strukturen erzeugen, tun es häufig auch im Zusammenspiel, im Wechsel von Einklang und Widerspruch mit den materiellen Erscheinungsformen.

Der Kipppunkt ist in der Art wie die Stelle, wo zwei Eisenbahnen aneinander vorbeifahren, ein flüchtiger Moment im Verhältnis von zwei graduellen Skalen zueinander. Häufig lässt sich ein Kunstwerk auf beide Weisen gültig betrachten. Wir wissen von Dichtung allgemein, dass ihr musikalischer Klang kaum nebensächlich ist und sich nicht nur im Mitschwingen von Homologien am Funktionieren des Gedichts beteiligt. Wir wissen auch von den unzähligen Erscheinungsformen eines Gedichts und dass dieselben Worte, flüchtig linear durchgelesen, gehört, langsamer, durcheinander gelesen oder gar analysiert mit Mühe als dasselbe Gebilde erkennbar sind.

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Gemeinhin wird ein Gedicht als etwas Statisches untersucht, man zielt dabei auf Ergebnisse ab. Was man vom Gedicht erfährt und durch es erlebt, wird dem Gedicht zugeschrieben, gegebenenfalls gutgeschrieben und im Gedicht verbucht. Man macht das Buch zu und die Ergebnisse der Lektüre sind fortan an dieser Stelle im Regal zu finden, bzw. in Annexform in einer Rezension oder wissenschaftlichen Arbeit. So vergrößert sich die Menge davon, was ein Gedicht ist, mit den Lektüreinstanzen, die Lesarten stapeln sich sozureden auf dem Text. Etwas seltener wird die Rezeption eines Texts in seinem Ablauf untersucht, als Abfolge von Ereignissen. Wenn auch die Metapher vom Text als Partitur eine gängige und abgedroschene ist [1], sind die Konsequenzen einer solchen Sicht- oder Hörweise nichts, womit wir sehr vertraut umgingen [2]. Während, wenn wir etwas mehr ins Detail gehen, der Klang, die sinnliche Manifestation von Texten durchaus ein akzeptiertes und bekanntes Rezeptionsfeld ist, sind die damit oft simultanen, aber ungleich komplexeren kognitiven Prozesse eher im Schatten geblieben, vermutlich gerade wegen ihrer Komplexität und Unsichtbarkeit einerseits, andererseits, weil Denken mit einem Hantieren mit Gedanken gleichgesetzt wird. Während uns die Terminologie der Musik zur Verfügung steht, um den klanglichen Ablauf eines Texts zu beschreiben, sind die Begriffe, mit denen wir arbeiten können, wenn wir geistige Prozesse untersuchen, disparat und erratisch, ziehen jeweils ganze philosophische Systeme und haufenweise Theorien und Annahmen mit sich, wie eben Pointe, Homologie, die ganze Terminologie der Rhetorik, der Psychoanalyse, etc. Hinzu kommt, dass die Metasprache häufig viel grober ist als ihre Untersuchungsgegenstände, wenn wir von Literatur sprechen. Erlauben wir uns dabei, alle sprachlichen Register zu ziehen, so kommt erst wieder ein quasiliterarischer Text zustande, der mehr abverlangt, als man offenbar auf einer normativen Ebene der Allgemeinheit zumuten kann.

( Was in der Literatur als “sprachliche Schöpfung” sanktioniert und als Originalität gefragt ist, wird in einem wissenschaftlichen Kontext als “Einführen neuer Begrifflichkeiten” scheel angesehen. Dann wird auf Ockham’s Rasiermesser verwiesen, obwohl ein Prinzip der begrifflichen Ökonomie ja gerade nicht besagt, man solle lieber mit umständlichen und plumpen, aber etablierten Begrifflichkeiten arbeiten, als neue zu erfinden. Außerdem kann sich ein literarischer Text erlauben, Wohlwollen vorauszusetzen, während wissenschaftliche Begrifflichkeit zwingend, allgemein einleuchtend, leicht handhabbar und übertragbar sein sollte, um in ganz unterschiedlichen Kontexten gebrauchstüchtig zu bleiben. Das sind nicht immer die Eigenschaften, die überlieferte Begriffe aufweisen. Sie sind nicht einmal immer besonders deppensicher. Jedes Mal muss man sie neu klären, bevor man mit ihnen arbeitet, nicht alle machen das, dann müssen auch noch Missverständnisse geklärt werden. Weil wissenschaftliche Begriffe nichts mit Unwägbarkeiten der Seele zu tun haben dürfen, bleiben diese außen vor und verdrücken dann doch alles in einem kaum unter Kontrolle zu haltenden Rahmen außerhalb der Reichweite der Wissenschaft. Man mag einen Begriff oder lehnt ihn ab, und meistens hat das Gründe, die für die Verfeinerung der Begriffe sehr interessant wären. Andererseits steht, wenn man das macht, immer mehr in Frage, als man überhaupt untersuchen kann, man verzettelt sich und so weiter.)

Ein textrezeptiver Ablauf, der völlig klar und einfach im Erleben vorliegt, kann oft kaum beschrieben werden, obwohl nichts Mysteriöses oder Außergewöhnliches an ihm ist, zum Beispiel sehen die Ironietheorien meist ziemlich blass aus. [3]

Auf einer primitiven strukturellen Ebene haben ein rhythmisches und ein Sinngebilde gemeinsam, dass sie sich dialektisch in den Möglichkeiten von Gleichförmigkeit und Differenz ( Abweichung, Kontrast ) bewegen. Das lässt sich nicht von der Funktionsweise des menschlichen Hirns abstrahieren. Wie Regelmäßigkeit und Abweichung erkannt werden, wird, zum praktischen Nutzen in der Informatik, als Pattern Recognition erforscht, ein Feld, das die Rezeption von allem betrifft und das wir hier nicht betreten wollen, mangels Übersichtsliteratur auch nicht können. Diese Dialektik lässt sich allerdings mit der von Selektion und Projektion kurzschließen. Um überhaupt den Unterschied zwischen Gleichförmigkeit und Abweichung zu konturieren, ist eine ausreichende Manifestation von Gleichförmigkeit notwendig, andernfalls wäre die ständige Unterschiedlichkeit gleichförmig. Die Liste “Ei, Lauch, Abstraktion, Jessasmaria, T-shirt, verdammt, Stift, Tisch, Erhabenheit, gegessen, singen, dreckig” werden wir, unfähig, darin Parameter zu erkennen, als zufällig, chaotisch, sinnlos verbuchen, während wir in “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” sofort ein Muster erkennen, das von einer Abweichung durchbrochen wird, ebenso in “Ei, T-shirt, Lauch, Tisch, Stift, Messer, Tesafilm, Papier, Erhabenheit, Laptop”: ein plötzliches Abstraktum sticht heraus. In “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” wird die Abweichung parallel zum Sinn auch durch den Klang erzeugt. Wir haben einige dieser Dynamiken oben beim Pointenwitz illustriert. Eine Pointe jedoch stellt eine Einlösung durch plötzliche Enthüllung der Doppelnatur der im Anlauf auf sie erlebten Strukturen dar, eine Sinngebung dessen, was wir bis zu ihr durchgemacht haben. Oswald Wiener zufolge vergessen wir danach die Sache, verbuchen sie als erledigt [4] , zumindest: Wenn wir Menschen sind, die sich keine Witze merken, dann aus diesem Grund.

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[1] - Aus irgendeinem Grund wird einfach das Wort “Partitur” gerne gesagt. Es klingt wohl etwas gelehrter und weniger naiv, als wenn man bloß ein Gedicht mit Musik vergleichen würde. Tatsächlich gibt die Metapher in den Fällen, wo sie nicht hinkt - beispielsweise angewandt auf Lautgedichte fuer mehrere Stimmen, wie sie Hugo Ball oder Tristan Tzara für ihr Cabaret zu Papier brachten, oder in Gerhard Rühms Stück “12:4 für 4 stimmen” (1962; in: Die Wiener Gruppe. Wien, New York: Springer 1997. S. 616ff) - nicht viel her, weil sie wörtlich zutrifft, und wo dies nicht der Fall ist, hinkt sie zum Himmel.
[2] - Und doch sein müssten, sind sie doch das, was auf Visualisierungen von Gehirnaktivitätsmessungen erscheinen.
[3] - Jemand müsste die Geduld und die wissenschaftliche Selbstsicherheit haben, um in der Arbeit eines Lebens ein paar der grundlegendsten und einfachsten geistigen Vorgänge auf einer Metaebene zu bezeichnen, denkt man sich. Damit man, jetzt im Beispiel Ironie, nicht immer von Differenz wie von einem großen fetten Kausalgrund spricht und dort stehenbleibt. Und so. Allerdings haben es eh schon viele gemacht. Sie haben sich mit ihren Begriffssystemen dabei aus intrinsischer Notwendigkeit zu weit aus dem Fenster der Konvention gelehnt, um vom Kanon getragen zu werden. Viele sind im Irrenhaus gelandet oder in der Gosse.
[4] - Oswald Wiener: Humbug. In: Der Ficker 2. Wien: Schlebrügge 2006. S. 96-116.

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Ann Cotten : Nach der Welt - Die Listen der Konkreten Poesie und ihre Folgen . Nicht- Erzählung mit Manifest - Klever Verlag , Wien 2008

Ann Cotten @ Salon Littéraire

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HINWEIS

Heute , 25. 9. , stellt Ann Cotten in Wien ihr neues Buch “Nach der Welt” im Rahmen der Inaugurationsveranstaltung des Klever- Verlags vorstellen . Es lesen weiters : Andreas Okopenko und Leopold Federmair . Literarisches Quartier Alte Schmiede , Wien , 19 H .

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KLEVER VERLEGT



||| KLEVER VERLEGT | VORSTELLUNG | AUSBLICK | MORGENGABE | LINKS | KLANGAPPARAT

Ganz Germanien ist ‘08 nach Christus vom “Deutschen Buchpreis” besetzt … bis auf ein kleines Dorf an der Donau . Dort wohnen unbeugsame Avantgarden , die Dank einer geheimnisvollen Poesieformel unbesiegbar sind . Die romanschreibenden Germanen in den Lagern rund um das Dorf sind es leid , ständig für den “Deutschen Buchpreis” verprügelt zu werden . Sie entführen den Druiden Daniel Kehlmann , um von ihn das Geheimnis des Zaubertranks zu erpressen . Dummerweise haben die romanschreibenden Germanen die Rechnung ohne den KLEVER- Verlag gemacht …

Es ist ja nicht so , dass es der sogenannten “Literaturlandschaft Österreich” an Erschliessungsposten für literarische Quellen mangelte . Der Zapf- und Verlagsstellen gibt es viele . Manches verlegt sich , wie es mitunter scheint , mehr der Druckkostenzuschüsse wegen denn aufgrund von nachhaltiger Beobachtung , Begleitung und Betreuung von Werken , deren Roh- Stoffen und Autoren .

Fünfzehn Jahre lang hat RALPH KLEVER das literarische Programm des Klagenfurter Ritter Verlags im Alleingang entwickelt , betreut und ausgebaut zu einer der profiliertesten poetischen Adressen . Eine Adresse freilich , in deren Haus - bei allem literarischen Reichtum - ökonomischer Sparzwang Küchenmeister war .

In Sachen Produktion . Betreffend Werbung . Und nicht zuletzt : Bezüglich der Bezüge für Autoren , Herausgeber und den Lektor selbst .

So wurde Ritter einer jener Orte , wo die Grossen und Betuchteren ihre Limousinen halten liessen , um fixfertig entdeckte Autoren zur Präsentation in den grösseren und nobleren Salons abzuholen .

Fünfzehn Jahre lang hat Ralph Klever einen Korpus neuerer österreichischer und deutscher ( seltener auch : übersetzter - aber immerhin : Gertrude Stein … ) ins Werk gesetzt , von dem mit Stolz die Rede sein kann - und nachhaltig die Rede sein wird :

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VORSTELLUNG

Nach fünfzehn Jahren diskreter und stetiger Arbeit unter fremden Namen arbeitet Ralph Klever nun unter eigenem : Heute und morgen stellt er im Wiener ‘Literarischen Quartier Alte Schmiede‘ Idee , Programm und Autoren des KLEVER- Verlag vor .

Heute , 24. 9. ( 19 H ) wird es zunächst einmal theoretisch und strukturbetont hergehen , wenn die Frage erörtert wird : “Welche Möglichkeiten und Anforderungen findet ein neuer literarischer Verlag vor , welche möchte er schaffen ?” - An der Gesprächsrunde nehmen neben Ralph Klever die Buchhändlerin Petra Hartlieb , der Autor , Kritiker und Essayist Leopold Federmair sowie Standard | Album- Redakteur Stefan Gmünder teil .

Morgen , 25. 9. ( 19 H ) wird sich die Literatur des Verlags mit kräftigen Lese- Lebens- Zeichen hören und sehen lassen . Und zwar in konsequenter Kontinuität der Zusammenarbeit mit langjährigen Ritter- Autoren ebenso wie mit einer neuen Stimme . Es lesen :

Federmair-KLeopold Federmair : Formen der Unruhe - Essays zur Literatur

Zentrale Essays des in Japan lehrenden Autors, Übersetzers und Kritikers -
Im 1. Teil Programmatisches: Das Prinzip Unsicherheit hinterfragt auf den Spuren der ‘Grass-Wolf-Frisch-Ära’ den alten Gegensatz Ethik versus Ästhetik. Für eine barocke Literatur forscht nach der Weltbarockheit in der Gegenwartsliteratur. Human Trash widmet sich Motiv und Dynamik des Übermenschen in der Literatur und der Frage, warum die ‘Trashliteratur’ eines Michel Houellebecq oder Maurice Dantec so erfolgreich sein konnte. Die Figur im Hintergrund thematisiert die “Negationsleistung“ der Literatur exemplarisch an Fernando Pessoa und Antonio Tabucchi.

Im 2. Teil schlüpft der Autor in die Rolle des Lesers und Übersetzers. Ausgehend von Lektüreerfahrungen seiner Jugend (Als ich das ‘Kalkwerk’ von Thomas Bernhard las) werden Erzählperspektiven des Nachkriegs mit Schreibpositionen unter den Bedingungen der Globalisierung konfrontiert. Geschlechterverwirrung berichtet über Mannfrauen und Männerfrauen in der japanischen Gegenwartsliteratur. Auskunft über die Zeit entführt uns über Schulzeitträume von unlösbaren mathematischen Problemen in die Zwischenwelten von Zahlen und Formeln, Spiel mit Paradoxa, Unendlichkeit und Zufall. Ding mutmaßt über die Frage der geschichtlichen Perspektive beim Krimi-Schreiben: warum leidet Andrea Camilleri nicht unter dem Wiederholungszwang des Genres und warum setzt Wolf Haas auf postmoderne Strategien ?

okopenko-KAndreas Okopenko - Erinnerung an die Hoffnung - Gesammelte autobiographische Schriften

Andreas Okopenkos autobiographische Schriften bieten nicht nur einen guten Einstieg in Leben und Werk dieses bedeutenden Vertreters der österreichischen Nachkriegsavantgarde, sondern darüber hinaus grundlegende Einblicke in das Werden der Literaturlandschaft nach 1945.

Das Buch sollte “kein Versuch einer kontinuierlichen Selbstbiographie“ werden, sondern eine ‘Reihung von Mosaiksteinen, größeren und kleineren, zum Thema – besser: den Themen – meines diffusen, divergenten Lebens’ (AOk). Nicht Anekdoten und Schnurren, vielmehr ‘Begegnungen mit Lebens-, Denk- und Fühlkreisen’ führen die Leserinnen und Leser quer durch die Wirren des 20. Jahrhunderts.

Okopenkos Reportage über das abenteuerliche Leben seines Vaters – ‘General Okopenko, im Dienst der Ukraine’ – schildert eine Biografie zwischen Zarismus, Revolution, Krieg und Stalinismus. Seine Aufsätze über ‘Östliche Kindheit und Karpatenbeben‘ verorten eine glückliche wie schwierige Jugend zwischen Idylle und Untergang. ‘Die ewigen Mädchen’ verraten uns, warum der Autor bis heute am liebsten mit Mädchen spielt. ‘Das ewige Kritzeln‘ beleuchtet die Wege zum Schriftsteller, gibt Einsicht in Arbeitsmethoden, nennt ‘Bezugsdichter’ und dokumentiert Verworfenes aus der Zeit der Schreibkrise.

und

Cotten-KAnn Cotten : Nach der Welt - Die Listen der Konkreten Poesie und ihre Folgen ( Nicht- Erzählung mit Manifest )

Wie funktionieren Listen eigentlich und vor allem – in welchen Relationen zu anderen Textformen ?
Warum schaffen manche Texte ihren Erkenntnisschub gerade aufgrund eingebauter Listenmechanismen, ohne deswegen Listen zu sein, und warum hören umgekehrt Listen, sofern sie wirklich Listen sind, mit der Literarizität auf? Die Welt als Liste, Ver- und Vorstellung ?

Der Liste wie der Konkreten Poesie, schreibt Ann Cotten, ist eine gewisse Nacktheit gemeinsam, eine Reduktion auf wenige sprachliche Effekte, die dadurch mit großer Klarheit ausgestellt sind und durchaus auch im Sinn einer Versuchsanordnung lesbar sind.

Nach der Welt‘ dokumentiert eine deskriptive Erfassung möglichst vieler Spielarten von ‘Listenartigkeit’ in der Literatur, illustriert diese mit zahlreichen Beispielen aus der Gegenwartsliteratur und bietet ein poetisch-poetologisches Glossar im Anhang.

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AUSBLICK

Darüber hinaus im Programm :

Weitere Termine und Infos auf der KLEVER- Webseite : www.klever-verlag.com

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MORGENGABE

Zur Feier und höheren Ehre von Verlag , Autoren und Texten werden wir in|ad|ae|qu|at den morgigen Tag zum Sonn- und damit ‘Salon Littéraire‘ - Tag erheben . Mit einem Gast und Textauszug aus dem Klever- Programm .

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LINKS

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KLANGAPPARAT

Dem Auftritt des Klever- Verlags gemäss , also ohne Pomp und Gloria , gestaltet sich der heutige Klangapparat eher sanftmütig und diskret . Dafür mit einem Hauch von “plein air” und jenem Lagerfeuer , um welches ein guter Verleger seine Autoren , Kritiker und Leser zu versammeln versteht . czz-hoerempfehlungUND - eine Seltenheit in den Klangfarben unsererer bisher 285 “Apparate” : mit Singstimme ! -

Mit dem aus Marburg stammenden Cantaloup ( aka Thomas Peters - MySpace ) allerliebst akustisch , süss und nymphisch an die Adresse der literarischen Quellenkunde gesandt : “On a hill not far away” ( Aerotone ) : 01. Wake up call ( 3:48 ) | 02. Fireworks ( 3:14 ) | 03. When my girl walks through this garden | 04. Last song ( 6:14 ) | 05. Day by day ( 6:39 ) | 06. My discurse with Mr. Lloyd ( 3:23 ) - CLICK LINKS TO LISTEN AND ENJOY

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