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Dokumentation : “Verunsicherung bei allen Beteiligten” - “Alte Schmiede vor ungewisser Zukunft” ?



Das “Literarische Quartier Alte Schmiede” - seit 33 Jahren unverzichtbares Kraftwerk und Ideenschmiede im Literarischen Leben Wiens und Österreichs - muss um seinen angestammten Standort im Herzen Wiens bangen . Die Hiobsbotschaft , am 17. Mai von Ronald Pohl im “Standard” angedeutet , wurde gestern mittels einer per Rundbrief versandten Sachverhaltsdarstellung des Trägervereins differenziert .

Eine in|ad|ae|qu|at|e Dokumentation .

Alte Schmiede Was tun

I. DIE ALTE SCHMIEDE VOR UNGEWISSER ZUKUNFT

Die Alte Schmiede vor ungewisser Zukunft : Gesamtinhaberin der Immobilie Schönlaterngasse Nummer 9 erwägt, das Haus zu verkaufen - Der Leidtragende könnte das Literarische Quartier der Schmiede werden ( Ronald Pohl , Der Standard , 17. 5. 2008 )

Wien - Veränderungen der vorerst ungewissen Art stehen der Alten Schmiede in der Wiener Innenstadt ins Haus. Wie Walter Famler, Generalsekretär des Kunstvereins Wien, bestätigte, trägt sich die Wiener Städtische Versicherung als nunmehrige Gesamtinhaberin der Immobilie Schönlaterngasse Nummer 9 mit der Absicht, das Haus zu verkaufen. Der Leidtragende könnte das Literarische Quartier der Schmiede werden. Potenzielle Kaufinteressenten erwägen offenbar eine weitgehende Umwidmung der Wohn- und Nutzflächen, die unweigerlich den Betrieb von Literaturquartier und Musikwerkstatt infrage stellen würde.

Famler, der von einer “Verunsicherung bei allen Beteiligten” spricht, macht auf den “wasserdichten Mietvertrag” aufmerksam, den der Kunstverein vor Ort besitze: “Wir sprechen von einer unverzichtbaren Kultureinrichtung - und davon, dass auch eine Instanz wie die Wiener Städtische schließlich öffentlich-städtische Interessen wahrzunehmen hat.”

Die Alte Schmiede residierte einst im Wohneigentum von Jugend & Volk, ehe die Wohnung und der Veranstaltungsraum nebst Keller in den Besitz der Wiener Städtischen übergingen. Um rein kommerziellen Verwertungsinteressen vorzubeugen, trägt sich Famler mit Umwidmungsideen, die einer Bestandsgarantie gleichkämen. “Es wäre von Vorteil, eine Stiftung zu gründen. Mit der Deklaration einer Kulturimmobilie wäre die Idee, Luxuswohnungen zu schaffen und für sie Garagen zu bauen, vom Tapet.”

Famler glaubt, auf dem Verhandlungswege eine ersprießliche Lösung finden zu können: “Das Haus steht ja immerhin unter Denkmalschutz!” Im Zuge einer Verlagerung von Büro- und Veranstaltungseinheiten könnte auch auf den frei gewordenen Besitz der sanft entschlafenen SPÖ Zukunftswerkstätte zurückgegriffen werden. Tatsache ist: Die Alte Schmiede scheint als eingeführter Veranstaltungsort für literarische Erkundungen, die Autor Kurt Neumann anleitet, nicht ohne weiteres dislozierbar. Oder, wie Famler sagt: “Umzuziehen in eine aufgelassene Bäckerei, um dort womöglich eine Neue Literatur-Bäckerei aufzumachen - das wäre doch absolut witzlos!”

Die Stadt scheint sich der Problematik auf Nachfrage bewusst: “Nach dem bereits erfolgten Ausbau der Alten Schmiede treten wir in eine zweite Phase - und warten auf Vorschläge!”, heißt es im Büro Mailath-Pokorny. Alle anderen Festlegungen seien Bestandteil von noch zu führenden Verhandlungen. Famler hat Planungen angestellt. Bereits um 700.000 Euro könnte man Umbauten vornehmen - und vor Ort einen Veranstaltungsraum für 200 bis 300 Personen “bespielbar” machen.

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Alte Schmiede Was tun

II. ÜBER KURT NEUMANN UND DAS “LITERARISCHE QUARTIER ALTE SCHMIEDE”

Vorbemerkung zu : Öffentlichkeit und Charakter . Essays . Sonderzahl Verlag 2000 ( Auszug )

Von Christiane Zintzen

LESEN + LESEN LASSEN

Lesung , Vorlesung , Vortrag , Rezitation : Ein Text - gelesen , verlesen - verlautet , verlautbart . Person der Autorin , Stimme des Autors , Vollzug in realer Gegenwart . Der Raum : ein Kreis von Anwesenden , von Hörenden , von im Hier und im Jetzt Aufnehmenden . Und entsteht also ein Viertes - ein der Triade von Werk , Person und reflektierendem Publikum Zuwachsendes - ein Echoraum . Bei jeder Lesung neu , bei jeder Vorlesung anders , bei jedem Vortrag unvorhersehbar , bei jeder Rezitation unverwechselbar . Eine je charakteristische “Öffentlichkeit” .

Wenn das Lesungs- und Veranstaltungsprogramm des Wiener Literarischen Quartiers | Alte Schmiede im Herbst 2000 in sein 26. Jahr geht , überschneidet sich die vollbrachte Rundung von 3.500 literarischen Veranstaltungen mit dem runden Geburtstag Desjenigen , als dessen LebensWerk die Alte Schmiede recht eigentlich geltend zu machen ist : Kurt Neumann .

Als Promotor eines dezidiert an der Moderne orientierten Literaturverständnisses , als Schöpfer einer institutionellen ( aber eben auch gesellschaftlichen und sozialen ) Stätte für die komplizierte Literatur , aber auch als Mensch von grosser Wahrnehmungsfähigkeit und Sensibilität ist es KURT NEUMANN gelungen , mit dem Literarischen Quartier eine Alternative zu den üblichen Veröffentlichungsmodalitäten von Presse , Funk und Buchmarkt aufzubauen und einen Raum von Öffentlichkeit zu schaffen , der literarische Professionalität mit “familialer” Soziabilität verbindet . So ist jener Humus entstanden , auf welchem sich die österreichische Literatur zu dem entwickeln konnte , wofür sie die internationale Literaturkritik heute schätzt .

DIALOG + LABOR

Zugleich hat das von Kurt Neumann nun seit fast 25 Jahren gestaltete und getragene Programm die Alte Schmiede als eine konsequent gepflegte und nachhaltig wirksame Plattform für den Austausch verschiedener künstlerischer und wissenschaftlicher Kulturen im geistigen Leben Österreichs verankert . Experimentierfeld für Literatur , verpflichtete sich die Alte Schmiede allerdings stets auch der Pflege diskursiver Reflexion durch und über Texte , weshalb in zahlreichen Veranstaltungsreihen ein Dialog zwischen Texten und Autoren , aber auch zwischen Literatur- und Kulturwissenschaftern kontinuierlich gefördert worden ist .

Umfassend ist mittlerweile die Agenda derjenigen “Labor”- Konstellationen , in welchen Wissenschafter ( aus den Natur- ebenso wie aus den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften ) und Künstler gemeinsam an den Möglichkeiten interdisziplinärer Zeit- und Gesellschaftsreflexion gearbeitet haben . Biologen und Physiker , Historiker und Soziologen , Rechtswissenschafter und Geologen waren und sind Gäste in einer Institution , deren Reichweite und Interessenspektrum mit der Sigle Literarisches Quartier nur unzureichend bezeichnet wäre .

KULTUR + KONJUNKTION

“Kultur” wird hier nicht unter der segmentierenden Linse von Spezialwissenschaften , -künsten und -zuständigkeiten verstanden , sondern als eine im weitesten Sinne “geistige Kultur” , die die ethisch-philosophischen Kompetenzen des Denkens mit den unterschiedlichen Performanzen des Ausdrucks reflektierend vermittelt . Durch die insistierende Konsequenz eines solchen Programms , welches Reflexionsprozesse kontinuierlich weiterentwickelt , haben sich für viele Künstler und Wissenschafter Türen zu neuen und transdisziplinären Kooperationen geöffnet . Tatsache ist , dass Kurt Neumann ( und mit ihm Programm und Veranstaltungsraum der Alten Schmiede ) sich kaum einem durchdachten Projekt - sei es von wissenschaftlicher , sei es von künstlerischer Seite vorgetragen - gegenüber verschliessen wird .

III

Erst im Februar 2008 wurde in den strassenseitigen Räumen der ehemaligen Artothek eine “Galerie der LiteraturZeitschriften” als öffentlicher Leseraum eingerichtet . Dieser steht - wie sämtliche Veranstaltungen der anspruchsvollen und vielseitigen Literatur- und Musikprogramme - allen Interessierten entgeltfrei offen .

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LINKS

RELATED

KLANGAPPARAT

Das von der Poetry Foundation in Kooperation mit dem Musik- , Literatur und Medienkunst- Archiv UbuWeb alle sechs Wochen veröffentlichte Podcast AVANT- GARDE ALL THE TIME stellt unter dem Titel “Best Decade Ever ?” ( 14:00 ) Sound- Poetry aus den 1980er Jahren vor : Zwischen czz hörempfehlungEthnopoesie und Paul Bowles . Den Stream gibt es hier.

Die älteren Folgen sind inzwischen via MP3 abhörbar
( CLICK LINKS TO LISTEN ) :

  • Avant-Garde All the Time , Introduction : An Introduction to the UbuWeb Sound Archives ( MP3 ) - Marie Osmond performing Hugo Ball , Guillaume Apollinaire , Gertrude Stein , Patti Smith , Ogden Nash , Charles Bernstein .
  • # 1 : Giorno Poetry Systems ( MP3 ) - Giorno Poetry Systems aka The Dial-A-Poem Poets , a series of double LPs put out back in the 70s featuring artists such as Patti Smith , Laurie Anderson , Philip Glass , Meredith Monk , John Cage , Richard Hell , Frank O’Hara u. a. and hundreds of others .
  • # 2 : The World of Outsiders ( MP3 ) - Antonin Artaud , Jim Roche , Bern Porter , Francis E. Dec , Benjamin Weismann , Sean Landers u. a.
  • # 3 : The Sound of Aspen Magazine ( MP3 ) - Aspen Magazine , ein “Multimedia Magazine in a Box” , erschien 1965 bis 1971 und präsenterte Künstler wie Samuel Beckett , William S. Burroughs , John Cage , John Cale and The Velvet Underground , Marcel Duchamp , John Lennon , Yoko Ono , Jackson Mac Low , Morton Feldman u. a. |||

Salon Littéraire | Dieter Sperl : DIARY SAMPLES II



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Dieter Sperl :

DIARY SAMPLES II

Copyright_Dieter Sperl

DIARY SAMPLES ist eine Ansammlung von Tagebuchaufzeichnungen; Gedankensplitter aus verschiedenen Begegnungen, Lektüren, werden nebeneinander gestellt, Zitate und Aphorismen mischen sich ein, Impulse, Wünsche, Ideen, Anregungen, Träume, Assoziationen und Intuitionen, sie schwingen miteinander, greifen sich an oder fordern sich wechselseitig heraus, schaukeln sich hoch, um vielleicht im nächsten Moment abzustürzen. Man kann auch bloß einzelne Teile befragen, sich darin vertiefen oder in nachlässigen, von Zufall bestimmten Lesebewegungen nach vorne und zurück switchen, oder mag versuchen, die semantischen Standorte der Einzelstücke, ihre diesbezüglichen Bewegungsmöglichkeiten und Wirkungsgrade in einem selbst auszukundschaften, um möglicherweise damit die Flugbahnen der eigenen Existenz variieren zu können.

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Einen Liter Wein gestern im Adlerhof, die Wiener Austria gewann 1:0 gegen Real Saragossa, der GAK gegen Wronci aus Polen gar mit 3:1. Ein Mann saß direkt beim Tresen auf einem Holzstuhl, trank ein Glas Wein, schlief ein und pisste sich die Hosen voll. Ein etwa fünfundvierzig jähriger Stammgast zeigte mir das Herkunftswörterbuch, welches er dem Adlerhof geschenkt hatte. Irgendwie kamen wir auf das Wort
überkandidelt zu sprechen. Kandieren, Früchte einzuckern, wurde im 17. Jh. dem von it. candi abgeleiteten verb it. candire einzuckern nachgebildet. Der Wirt und Besitzer des Adlerhofs wischte die Pisse weg, und der Mann blieb einfach verloren sitzen. Kurze Zeit später muss er – unbemerkt von uns – aufgestanden und nachhause gegangen sein.

Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der Marille.

Du trägst schon fast jeden Tag eine andere Maske, um schließlich überhaupt nichts mehr zu verbergen, wenn du so weiter machst.

Ekstase: wurde im 16. Jh. aus dem kirchlat. Ecstasis (griech. Ekstasis, das Aus-sich-heraus-Treten, die Begeisterung) entlehnt. Als der berühmte christliche Zen-Meister Pater Lassalle seinen Zen-Meister, der das Erlebnis der Erleuchtung schon zwei oder drei Jahre nach seinen ersten Exerzitien hatte, fragte, ob man selbst mit Sicherheit feststellen könne, dass man die Erleuchtung erhalten habe, lachte dieser und antwortete: “Selbstverständlich. Man sieht hundertmal mehr als vorher.”

Kôsen Imakita: “…ich war wie tot…ein unbegrenztes Licht strahlte in mir…wie einer, der von den Toten auferstanden ist…da verstand ich alles…” Dôgen: “Leib und Seele sind mir ausgefallen.” Alles, was den Menschen ausmacht, ist also fort, verschwunden, es strahlt ein als unbegrenzt wahrgenommenes Licht, und es wird gesagt, dass sich in solchen Momenten die ursprüngliche Gestalt des Menschen zeige (Jap.
Kensho / Wesensschau). Sie ist ein Erlebnis des Absoluten und Unbegrenzten. Wie dies allerdings vorherrschend ausformuliert wird, hängt von der Artikulations- und aus der spezifischen Kultur kommenden Konstruktions- und damit einhergehend der Rezeptionsfähigkeit des einzelnen ab. “Die Erleuchtung kann an sich jeder Mensch haben, wenn er nur den richtigen Weg dazu geht. Sie ist in sich weder buddhistisch noch christlich noch mit einem anderen religiösen Erkenntnis notwendig verbunden. (…) Die Erleuchtung ist die Inbesitznahme einer geistigen Kraft, die jeder Mensch in sich hat, die ihm aber bisher verborgen war und daher nicht zur Verfügung stand. (…) Jeder benutzt dieselbe Kraft und vertieft und verstärkt damit seine Weltanschauung. Oder aber auch die Erleuchtung ist eine Intuition, eine intuitive Einsicht in den Wert unseres eigenen geistigen Wesens, ein Innewerden unserer eigenen Wirklichkeit…”

Ziemlich erschlagen aufgewacht, hatte M. im Traum immer etwas Marihuana in ihrem Hosensack, von dem sie hin und wieder naschte. Irgendwann hatte sie gesagt: “Die Strasse zur Anarchie ist heiß und staubig,” und schon war sie voller umtriebiger Aufgewecktheit. Wieso, fragte ich mich. Was spricht ein solcher Satz in ihr an? Ihre schundige immer schon auf staubigen Strassen daher geschlürfte undeutliche Lust gepaart mit einer schlechten Witz-Sucht? Und der Witz seinerseits befreit sie momentlang von den Logistiken der ihr entgegenkommenden Sach- und Verhaltensaufführungen, und für einen Augenblick befindet sie sich beinahe in einer Freiheit aufgehoben ? Alle Programme wären ausgefallen, niemand dächte an Havarie, sie befände sich im unendlichen Weltraum und hätte keine Angst, die in eine Zukunft dächte, die irgendwohin wollte, und könnte ihr Gesicht sorgenlos dem Wind anvertrauen? Oder alles wäre sich selbst anvertraut? Oder ich kapiere einfach nichts, und wieder tritt irgendein Programm aus dem wesentlichen Himmel direkt in mich hinein, reisst mir dir Hose runter und nimmt mich einfach, was möglicherweise sozialisationsgeschichtlich gesehen nicht allzu schwer erklärbar wäre, hätte man mehr Daten von mir?

Der Schriftsteller hatte begonnen, alle seine bisher getätigten Aufzeichnungen immer wieder zu lesen, weil er mit seinen darin verwendeten Ausdruckskräften nicht zufrieden war. Er arbeitete ausschließlich an sehr kleinen Sequenzen. Der Schriftsteller schrieb: Haus der Künstler. Maria Gugging. Fast gegenüber des Gebäudes: Zwei schon in den Winter geschickte Tennisplätze, Tennismeisterschaften für offenes Bewusstsein.

Von: ELTERn
HALLO IHR LIEBEN. ENSTATION RABAC. HEUTE RUBIN UND PULA. ESSEN UND WEIN
S. GUT. LB.GR.

Die TV-Station im Hintergrund meines Glücks erzählt von den Biografien der Fußball-Stars von Real Madrid, die zur Zeit von ihren expliziten Gegnern eher vorgeführt werden, aber sich nichtsdestotrotz dem Fernsehen verpflichtet fühlen. Ich bilde mit mir zusammen ein Ereignis, das aus der Leere kommt und eine bestimmte historische Wirklichkeit durchmisst, bevor es sich wieder zurückzieht, und der Marktplatz liegt allein in seiner Stille und trägt.

Copyright_Dieter Sperl

Mit nur wenigen Strichen auf einem Blatt Papier ein Gesicht erscheinen zu lassen, das von uns sogleich veröffentlicht wird, um sich Sekundenbruchteile später wieder zu verflüchtigen: Walter Schachner, der Trainer des Fußballvereins GAK, hat nach der 0:3 Niederlage seine Vereins gegen die Glasgow Rangers behauptet, dass seine Mannschaft, auch nach internationalen Maßstäben, bis zum Null zu Eins eine wirklich reife Leistung geboten hätte. Allerdings hätte sich im Anschluss daran Klasse und Qualität durchgesetzt . Der GAK hätte nur dann eine wirkliche Chance gehabt, wenn er sein Spiel über 90 Minuten hätte durchziehen können.

Ich hatte gestern Nacht eine Erleuchtung oder ich hatte einen Traum, in welchem ich eine Erleuchtung hatte, oder ich sprach einfach zu mir, dass ich eine Erleuchtung habe, ich war wach, sprach zu mir, das ist jetzt eine Erleuchtung , fühlte einen warmen Flow, der durch mich hindurch ging und sich ausbreitete, ich sagte, ich habe jetzt eine Erleuchtung, wusste zugleich, dass die Erleuchtung dem Körper entsprungen war.

An die Zeit meines Vaters: ich musste fünfzehn oder sechzehn gewesen sein, und mein Bauch hing bis zum Boden, wo die Zypressen wohnten, und ein Bauer im Kittel lief vorüber…

…dieses wilde ansatzlose Erzählen.

Der Basketballspieler Larry Bird von den Boston Celtics, der für einen Werbespot springen und einen Fehlwurf vortäuschen sollte, traf neun mal hintereinander den Korb, bevor er sich dazu durchringen konnte, danebenzuzielen.

Das Gehirn ist mehr an Wechsel und Bewegung interessiert als an statischen Phänomenen, so lassen sich immer mehr Durchschnittsbürger im Bann der Society-Prominenz in neue Lust- und Erkenntnismodelle einüben.

Ich befinde mich immer im Jetzt, auch wenn mir die Vergangenheit oder die Zukunft oftmals einen Vogel auf den Kopf setzt, erscheine ich permanent am Ausgang der Höhle, die im Halbdunkel hinter mir liegt, und wenn der Zen-Meister Claude Durix von seinem Meister Sengoku Roshi eines Abends im Kloster Obaku-San Manpuku-ji eine Schriftrolle geschenkt bekommen hat, auf welche zwei Fische gezeichnet sind, heißt das: Augen offen halten, sich niemals rückwärts bewegen, praktisch nie schlafen, zwei Fische, die dem Geschenk in ihrer absoluten Wachheit keine Richtung geben. Aber tun wir das in gewisser Weise nicht alle? Sind wir nicht genauso wach? Sind unsere Sorgen nicht bloß abstraktere Formen dieser Wachsamkeit, auch wenn sie bisweilen ununterbrochen herumwandern in Gehirnen, in denen, wie uns manchmal scheinen mag, zu viele Wege wichtig geworden sind.

“Sorgen kommen nicht als einzelne, sie kommen in ganzen Bataillonen, Gezeitenkräfte, Gebirgsketten, Eiszeiten, überforderte Politiker und Beobachter, und die Apokalypse bringt nun Blut und Zerstörung auch in den entferntesten Teil der Welt, den wir zu schätzen gelernt haben, seit wir dort unsere exotischen Ferien verbringen.”

“Warum sollte ich wach sein, wenn die Zeit wie ein Blitz vergeht?”

Claude Durix erzählte diesbezüglich, sein Meister habe einmal in einem Gespräch gemeint, er solle sich, soweit es ginge, keine Sorgen machen, einfach im Augenblick leben, welcher unendlich wäre, auch wenn die Zeit wie ein Blitz verginge. Alles, was gesagt worden sei, und alles, was noch gesagt werden würde, besäße weder Raum noch Zeit, es befände sich im inneren Leben, welche keine Grenzen kenne, in diesem Inneren jetzt, das niemals zu hoch gegriffen sei.

Den Sturm
treibt kein Verhängnis zur Eile

Doris und Susanne wollten mich besuchen. Es war ein schöner Tag, als sie die Strasse verließen und einen schmalen Weg entlang gehen mussten. Schließlich kamen sie zu einem großen Haus, in welchem ich wohnte. Dieses befand sich inmitten der Stadt, gleichzeitig aber auch außerhalb. Es stand auf einem Hügel, und man konnte viele kleine Häuser sehen. Als sie eintraten, verwandelte es sich in ein Schulgebäude, in welchem unzählige Tafeln herumstanden. Auf einer dieser Tafeln, die allesamt sehr schön geschmückt waren, stand geschrieben: Nur für Anfänger! Einige Birken waren vor dem Gebäude. Es regnete in langen Strichen, als hätte ich absichtslos das Universum geküsst, und alle meine besonderen Interessen waren plötzlich in einen Schweigmarsch getreten.

Leider ist mir heute nur eine Ahnung von meinen Träumen geblieben, eine Stimmung, Strömung, wie entrückte Wege am Horizont, etwas, das gerade um die Kurve ist, ein Regen, der augenblicklich aufgehört hat, und man sieht auf den leeren und absolut klaren Himmel. Und die jetzt
zugänglichen Strassen sind fast menschenleer.

Blumen sammeln an der Donau /
Sehr früh aufstehen /
Gehen /
Atmen /

So viele Dinge sind als Kelche getarnt an uns vorüber gegangen, dachte der Schriftsteller für einen Moment, knapp vor Einbruch der Dunkelheit, kalter Novemberwind, kräftige, ihn wärmende Stille in seinem Inneren und leichter Regen. Shakyamuni Buddha sagte: “Ohne einen Schritt zu tun, kommen wir bei unserer Bestimmung an.”

Alles was sie tun, scheint total durchorganisiert und minuziös geplant zu sein. Sie konsumieren mehr Tiere als alle anderen Fleischfresser auf der Erde zusammen. Das Individuum gilt ihnen nichts, der Superorganismus fast alles. Und sie verständigen sich so unglaublich schnell und in der Tat unmissverständlich .
Gewinnfrage: Wer ist die heimliche Weltmacht auf diesem unseren Planeten?

Die unerbittliche und scheinbar gemeinnützige Gedankenkraft meiner Vorfahren drängt manchmal durch meine Anwesenheit, dann kremple ich die Ärmel hoch und nehme eine Schaufel in die Hand.

Die Schritte, wo auch immer sie mich hintragen, achtlos und aufmerksam in Schwebe haltend, weisen und unterweisen mich stets auf das Nötigste.

Schreiben ist vielleicht die genauste Bewegung, die am weitesten von mir absieht.

Der Blick in unsere antrainierte Meinung ist so eindeutig definiert, dass wir mögliche Unstimmigkeiten nicht zur Kenntnis nehmen und den Augenschein unterdrücken.

“Hast du dich manchmal nach einer Frau gesehnt, nach Kind und Familie?”
“Zumeist dachte ich in brennenden Filmausschnitten, nur hin und wieder gelangte auch ein Weihnachtsabend in mich, damit gleichzeitig ein weicher und lautloser Schneefall, der tatsächlich bis zum heutigen Tag niemals mehr aufhörte. Diese Ahnung einer längst verlorenen Zeit. Peter Rosegger wanderte irgendwo mit seiner Laterne in der Winternacht. Im Haus waren alle Lichter an. Die Familie saß beieinander und wartete,
obwohl, eigentlich, wenn ich mich recht erinnere, wartete niemand, es gab nichts zu warten. Wir waren wie die Kerzen am Christbaum, die eine zeitlang zusammen brannten, bis sie - eine nach der anderen -, manche gleichzeitig, verloschen.”

“Je größer die Hoffnungen, umso gelungener ihr Sturz, der freie Fall, eine Katastrophe nach der anderen.”

Jeder Fernseh-Polizist belebt ununterbrochen seinen glaubhaften Gerechtigkeitssinn durch den vermehrten Einsatz unvergesslicher Szenen…

Fast zwangsläufig bleibt man häufig allein in den internationalen Straßenschluchten und Hotelzimmern, hängt sich Neonreklamen um den Hals, trinkt einen Espresso, und je mehr du gedenkst, dem Tod davonlaufen zu können, desto überzeugter ist er hinter dir her.

Immer waren da Einflüsterer, die mir die Welt erklärten, und ich kam mir sofort unnütz vor, und beschränkte mich darauf, das Eingeflüsterte weiter zu sagen. Die meisten dieser Einflüsterer wollten mich - im Hinblick auf ihre wohl erworbenen Wertvorstellungen und Lebensziele - nur besser und richtiger machen, und ich spürte jedes mal den Morgen einer neuen Mutlosigkeit herauf ziehen.

“Du und ich, wir bilden zusammen ständig ein ernst zu nehmendes Ereignis, wenn wir uns am Marktplatz treffen mit unseren Eigenheimen.”

“Aber im Kampf kommen wir letztlich immer in der Gegenwart an, die oftmals unsere Heimat genannt wird und alle für unser Leben nötige Kraft bereithält, auch wenn wir den Kampf verlieren mögen.”
“Da schiesst einer im Dunkeln einen gewaltigen Pfeil ins Dickicht, nachdem der Räuber längst geflohen ist.”

OLD SUN / auch der kalte Winter mit seiner Klarheit und Kindheit / naseweise.

Letzte Nacht reichte mir ein Geist seine Hand durch ein ebenerdig gelegenes Küchenfenster. Ich streckte ihm die meinige entgegen, als ich plötzlich aufgebracht realisierte, dass ich mich wehren musste und so sandte ich alle mir möglichen Abwehrkräfte durch meinen rechten Arm, um den Geist zurückzudrängen. Dafür war eine enorme Kraftanstrengung nötig. Vor dem Haus lag eine Regenrinne, die aus einem ausgehöhlten
Baumstamm bestand. Im Wasser konnte ich den Geist sehen. Solche Regenrinnen gab es, als ich noch ein Kind war, häufig auf dem Land. Sie wurden auch als Tränken für Kühe und Wild gebraucht. Davor erzählte ich einer Frau, der ich noch niemals zuvor begegnet war, dass ich eben erst die Nase meines Großvaters mütterlicherseits angenommen hätte. Es war dies eine große Nase, und ich hatte obendrein einen ziemlich unförmigen und verbeulten Kopf.

Das permanent anonymer werdende organisierte Verbrechen kennt keine Schlüsselfiguren mehr und kommuniziert als fluktuierendes Wesen lieber mit den Aktienströmen internationaler Finanzmärkte.

Der österreichische Kunststaatssekretär sagte in einem Gespräch mit einem Journalisten in etwa: Wir haben viele Stipendien, die die Einsamkeit der Autoren finanzieren, den Zugang zum Arbeitsmarkt können sie jedoch nicht regeln.

… und ich möchte heute das Fest der willkommenen Erinnerungen feiern !

Ich liebe die absolut klare und feuchte Herbstluft, die im Spätsommer am frühen Morgen über dem Land ruht, aber am meisten liebe ich jene über den Seen liegende.

Eine geistige Revolution ist keine des Lärms oder der Geschwätzigkeit, sondern eine der Konzentration, der Kontemplation und ständig größer werdender Wachheit und Bewusstheit, welche aus der Kraft absoluter Stille genährt wird. Für einen offenen, vielfältigen, klaren, sich ständig erweiternden Geist.

Gerne würde ich einmal einen Schweigemarsch organisieren. Zur Sammlung, um zu sehen, zu gehen, zu hören, gemeinsam, zu atmen. Solch eine Demonstration dürfte sich nicht gegen etwas richten, beispielsweise nicht gegen den Lärm der Welt, sondern sie sollte eine poetische Manifestation sein, die sich selber als Qualität - ohne Mehrwert und ohne verstecktes Ziel - ausdrücken und die nicht über den Augenblick hinausreichen sollte.

Schon seit Jahren verwandelt sich der Rathausplatz im Dezember in einen Adventkalender.

“Wilde Klarheit” des Artaud’schen Denkens: Dass es in uns viele umherirrende, entfesselte, befreite, sich ständig mit Energie und neuem Saft anreichende, ungezügelte, brennende, gefährliche, entschlossene und gegeneinander gerichtete Kräfte gibt, vor denen wir uns in Acht nehmen sollten.

Sie hielt vollständigen Blickkontakt .

Und Sie? Wollen Sie tatsächlich Ihren Urlaub mit Leuten verbringen, die es nicht einmal in einen einzigen Vorstand geschafft haben, die noch keine Start-Ups gegründet haben und die nirgendwo Aktienmehrheiten besitzen?

Copyright_Dieter Sperl

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Henri Chopin ( 1922 - 2008 ) || Echoes



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SE TAIRE - TUER

czz- pikto blind fuer TOD“Aujourd’hui , la poésie sonore est sans voix . Henri Chopin s’est tu le 3 janvier 2008 .”

Besser als das Blog Les infos T.A.P.I.N. vermag man es gar nicht zu formulieren , “s’ est tu” für “ist verstummt” , mit gleichzeitigem Anklang an “tuer” / “Töten” .

( In Österreich , wo Chopin 1992 bis 2004 an der Schule für Dichtung lehrte , traf die Nachricht erst am 9. / 10. 1. ein . )

Diese akustische Verwandschaft von “Verstummen” und “Töten” bezeichnet genau die Antithese zu Henri Chopins dezidiert körperlicher “poésie sonore” : Krieg , Résistance , Arbeitslager , KZ , das zufällige Überleben des grossen Todesmarsches : “Ich lernte ,” so der Dichter bei einem Interview 2004 ( 1 ) , “ich lernte , geschlagen zu werden und als Skelett in Zweierreihen zu gehen ” . Extreme Körpererfahrung , auch später , Anfang der 50er Jahre , schwer krank im Lazarett in Korea . |||

TABULA RASA

czz- pikto blind fuer TODZurück in Frankreich war klar : Der Wunsch zu dichten . Aber das Mittel ? - Die klartönende und -tötende Sprache des Befehls , wie er sie bereits von früher Kindheit an von seiten des Vaters - einem glühenden Pétainisten - kennen gelernt hatte , verbot sich . Verbot sich nach diesem Krieg , dessen fatale Sprache als fernes Echo im Land der Parnassiens und der sakrosankten Académie Francaise nachhallte . Verbot sich der Schrift im traditionellen Sinne . Verbot sich der tabula rasa des blütenweissen Papiers .

Ihm , der nach eigener Aussage “Tausende Leichen gesehen hat” , ging es um die Dichtung als präsente Entäusserung des lebendigen Körpers . |||

HAND , MUND , MAGNETOPHON

czz- pikto blind fuer TODAls ihm 1955 ein Grundig- Tonbandgerät in die Hände geriet , war Werkzeug und Weg gefunden , den per Mikrophon abgetasteten Körper zum Sprechen zu bringen : Und dies weit über den Mund und das Gehege der Zähne hinaus . Am Anfang standen Experimente mit Sprach- und Lautaufnahmen , einspurig , zweispurig , vierspurig . Manipulation der Abspielgeschwindigkeiten - ergo : Tonhöhen und -Verzerrungen . Versetztes Abspielen identer Aufnahmen : Echo , Delay . Hier wurde experimentell ein Repertoire von Effekten erarbeitet , die heute via presets und plug- ins als selbstverständliche Voraussetzungen des Dispositivs elektronischer Musik gelten .

Sound example ( click to listen ) : Extrême Tension ( 1974 , 4:30 ) |||

MIKROPHON ALS MIKROSKOP

czz- pikto blind fuer TODAber Chopin trieb es noch weiter : Wie zuvor die Forscher das Mikroskop zum Sichtbarmachen von bis dato unsichtbarer Feinstrukturen gebrauchten , setzte Chopin das Mikrophon für akustische Erkundungen des - eigenen - Körpers ein . Er beliess es indes nicht beim systematischen Erkunden des “Orchesters” im Klangraum der Mundhöhle ( so , wie es Franz Mon Anfang der 60er Jahre mit seinen “artikulationen” fortgeführt hat) . Kontaktmikros auf der Haut , Herztöne , Atem ( der biblische Brodem , welcher Materie zu “Leben” verwandelt ) . Und immer weiter arbeiteten sich Chopins Klang- Explorationen im Selbstversuch ( nicht selten schmerzhaft ) ins Innere der Speiseröhre vor , hinab in den Magen . Die medizinischen Assoziationen bleiben : Rachenspiegel , Stethoskop , Sonde . |||

DISTORTED BODY SOUNDS

czz- pikto blind fuer TODDie solcherart “zu Tage” geförderten Klänge ent- sprachen dabei den gesellschaftlichen und zivilisatorischen Verdrängungen der unkontrollierten , animalischen- archaischen “body language” . Auf Band gebannt , unterlief Chopin die pur akustische Reproduktion eines naturalistischen Materialismus , indem er das so gewonnene Klang- und Bandmaterial in Verzerrungen , Stauchungen und Überlagerungen abspielte . Live zerlegte er vor diesem Hintergrund Wörter in deren Einzellaute , so dass sich zum “akustischen Sturm im Innern” ( Chopin ) die Entäusserungen von mündlichen Artikulationen , die Zersprengung von Wörtern in deren Einzellaute , addierten .

1994 hat Chopin in einem Short extract about my working method das Fehlen jeder schriftlichen Vorlage für seine Performances hervorgehoben :

it is now thirty years that I do not write any scores before assembling an audio-poem. It is just by heart and using only my memory that I conceive the expressions of my body. basically through my mouth with its breathing etc., which become my only solid score. There, I discover a world without limits, from prattles to phonic lacerations. All this happens on, and with the help of, a Revox tape machine, with the addition of sound effects like echoes, changes of speed, larsen effects, until the final editing through sound collages.

Michael Lentz , selbst virtuoser Sprechperformer und Verfasser des Standardwerks zur LAUTPOESIE , hat auf den alten romantischen Gedanken vom “Ausstülpen des Inneren” hingewiesen ( 1 ) . Neu an Chopins radikal “konkreter” Praxis von Poesie war freilich die absolute Negation jeder Idee des Schön- und / oder Wohlklangs . |||

WIDER DIE ORDNUNG DER DINGE

czz- pikto blind fuer TODDer Körper , das Tonband , das absichtsvolle Zerbrechen intakter Worte und damit der Dienstbarkeit von Alltagssprache : In Chopins Performances bleibt kein Element dort , wo es in der üblichen Ordnung der Dinge hingehört : Dem Leib entweichen akustische Urlaute , die Technik wird - via Tonbandgerät - ebenso malträtiert , der Mund schreit , spuckt und stottert . Kein Teil benimmt sich , wie es sein sollte .

Sound example ( click to listen ) : 2500 , les Grenouilles d’Aristophane ( 1967 , 4:29 )

Wäre demnach Chopins “poésie sonore” folglich lediglich als totale Negation und Verweigerung zu verstehen ? - Als technisch generierter Anachronismus ? - Chopin demnach ein “Primitiver des elektronischen Zeitalters ” ? |||

FX : MISSING LINKS

czz- pikto blind fuer TODDiskussionen , wie sie eben - sehr lesenswert - zum Thema auf Seiten wie create digital music stattfinden, erweisen , dass der Poet mit seinen ( auf YouTube ausgestellten ) Performances gerade die jüngere Generation noch zu schockieren vermag . Hier klaffen enorme information gaps , missing links , welche die produktiven Avantgarden der 50er und 60er Jahre mit einer aktuellen Soundkultur vermitteln würden ; einer Klangkultur , welche ohne die Vor- und Forschungsarbeit von Grenzgängern wie Chopin heute zweifellos eine andere wäre . Fritz Ostermayer hat die methodische Soundpoesie Chopins einmal in den Kontext früher Formen des Samplings gerückt :

Und wiederum andere wie Henri Chopin, mit seiner konkreten Poesie, erforschen die Mikrostruktur ihrerselbst. Chopin die seiner Stimme. Chopin sampelt eine Kleinsteinheit seiner Stimme - nur einen Vokal - und bauscht sie auf zu einem Fest der stimmlichen Elementarteilchen.

Elektronische Musik , Soundpoesie , das embodiment und disembodiment of voice : Heute dreht man Knöpfchen , schaltet den Vocoder ein , jongliert mit preset- “FX” und Filtern auf 48 Studiospuren . |||

KRIEG : BEUYS , ARTAUD , CHOPIN

czz- pikto blind fuer TODAuch wenn es pathetisch klingen mag , so sei noch einmal auf die psychischen und physischen Grenzwerte der Kriegserfahrung hingewiesen : Sei’s in den Obsession mit den Basal- Materialien wie Filz und Fett eines Joseph Beuys , sei’s im entmenschten Schrei eines Antonin Artaud , sei es in der geradezu medizinisch- pathologischen Audio- Auto- Biopsie eines Henri Chopin . Wie sich für die “Generation Dada” nach dem Ersten Weltkrieg die instrumentelle Sprache und deren linearer Sinn versagte ( ebenso wie die Gegenständlichkeit in der Malerei ) , so verantwortete der “Zivilisationsbruch” durch Zweiten Weltkrieg und Holocaust eine weitere “broken language” .

“Ich wollte” , so Chopin 2004 , “eine ungreifbare Sprache finden , eine Sprache , die von den Mächtigen weder kontrolliert noch zensuriert werden kann ” . Sprache - im engeren Sinne Poesie - hat sich auf dem Wege ihrer Zersplitterung in Laute ( sowie in ihrem JETZT- Charakter der unmittelbaren Performance ) weiter der Musik angenähert . Und erfüllt damit - paradoxerweise kraft Zerstörung - die uralte Sehnsucht der Dichtung , ins Reich der körperlosen musikalischen Harmonie einzugehen . |||

POESIE , MUSIK , HARMONIE ?

czz- pikto blind fuer TODDass sich aber just diese ungetrübte Harmonie für jede akute Musik seit Schönberg verbietet , ist bekannt . Es sei denn , man lebt in der Welt der Schlager . Dann , aber nur dann , darf man sich heute noch über Werk , Wesen , Wirken dieses Charismatikers erregen .

Hier noch ein schönes Zitat aus erratum ( welches fast überall ohne Angabe von Quelle und oder Autor herumgereicht wird - vielleicht finden wir auf diesem Wege seinen Schöpfer ?) :

Thanks to the systematic use of microphones, amplifiers, tape recorders, editing and mixing consoles, he has given a voice to realms beyond modern or experimental music, beyond any note system and headed for spaces without norms, categories, definitions or limits: spaces of permanent metamorphosis. But despite misleading appearances, Henri Chopin is not merely doing a new kind of music; he is not just a consequence of Pierre Schaeffer’s concrete music principles and Pierre Henry’s experiments in the fifties. Henri Chopin is an individual (in Stirner’s sense: the ego and its own) who has always resisted absurd attempts to reduce him to part of a movement, a school, an academism; what one perceives are Henry Chopin’s bio-psychical vibrations, that he himself constructed by electronically recording, then modifying, amplifying and transforming the energies of his own body.

Allerdings gibt es Andere , deren Audio Art , Laut- und konkrete Poesie , Ars Acoustica , Radiokunst , Mikrotonalität und Soundscapes Wissen und Geist dieses grossen kleinen Mannes weitertragen . |||

LINKS

( 1 ) Mein Körper ist eine Klangfabrik . Henri Chopin : Ein Pionier der akustischen Poesie , Feature von Eva Roither und Martin Leitner , ORF Tonspuren , 14. 10 . 2005

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