“Liebe Mutti Bitte Erschrick Nicht Wenn Du Bin Ich” ( Robert Schindel)

Robert Schindel : Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt ( Rede, gehalten in Wien im Oktober 1992 )
Obwohl nie der Folter ausgesetzt, begleitete sie mich schon von Anbeginn. Eine enge Kampfgefährtin meiner Mutter sowohl in Frankreich als auch in Linz, Franzi, nahm mich ab 1949 immer im Sommer zu sich in ihr Haus nach Llienfeld an der Traisen. Dort erzählte sie mit bald Gutenachtgeschichten der besonderen Art. Denn diese Geschichten haldelten vom Pepi- Onkel, das war Josef Stalin, der gütig und seine Pfeife anrauchend na der Wand hing. Vom aufrechten Kampf der Kommunisten, der brutalen und mörderischen SS. Mein Kinderhimmel hing voller Hakenkreuze und Sowjetsternen. ( … ) Franzi erzählte und erzählte. Plötzlich gab es einen jungen Kommunisten namens Mottl, der im Verhör nackt auf eine heisse Kochplatte gesetzt worden sei und hernach alle verriert. Sie selber, Franzi, bekam Ohrfeigen im Wiener Landesgericht und schwieg. Gerty, also meine Mutter, so Franzi, wurde mit mir gefoltert Man schug meinen Kopf gegen den Schreibtisch des Verhörenden, ich war damals fünf Monate alt, brach mir die Nase, deshalb heute noch der Knick an der Wurzel. Doch Gerty schwieg eisern, erzählt Franzi. Ich ging zu meiner Mutter und fragte sie erstaunt, ob sie mich noch liebhat, und sagte ihr gleichzeitig, dass ich auch so ein Held sein möchte wie sie. Meine Muttter betreitet bis zum heutigen Tag, dass auch nur eine Silbe wahr ist an Franzis Geschichte ( …. ). Zur Folter gehörte das Schweigen darüber, beides war sehr präsent.
Gerty wuchs in einem leidlich fommen jüdischen Haus auf ( … ), sie entfloh mit fünfzehn aus dem Judentum in den Kommunistischen Jugendverband, die Partei wurde zu ihrer Heimat. Die Solidarität, sagte sie, war im Lager das wichtigste. Es war die Solidarität unter Genossen. ( …. ) Gerty fuhr mit einer Gestapoakte als Hochverräterin nach Auschwitz, als Schutzhäftling, durfte gar nicht über die Rampe nach links oder rechts gehen, sondern musste in diesem, dann in einem andern Lager auf ihre Hinrichtung warten. ( …
Gerty verlor ihre Heimat erst jetzt in diesen Jahren, doch der Gram wegen der politischen Misere tarierte mit ihrem Stolz auf den schriftstellernden Sohn, so lebt sie leidlich in der Welt, aber nicht ohne Freude.
© Robert Schindel , © Suhrkamp- Verlag
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- Robert Schindel und der Holocaust ( Gerlinde Ulm , TRANS , Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 7 / Setember 1999 )
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