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( Kollektiv geschaltete Trauernachricht im Standard , 17. 9. 2008 )
TODESFALL - BEREAVEMENT
Die Historikerin , Kuratorin und wissenschaftliche Leiterin der Sigmund Freud Privatstiftung , Lydia Marinelli , ist am 8. September verstorben . Plötzlich . Im 44. Lebensjahr .
“Todesfall - Bereavement” steht in der “Betreff”- Zeile der entsprechenden zweisprachigen Mail- Aussendung vom 12. 9. 2008 , 11:51 Uhr . Und mit diesem “Bereavement” ist nicht ‘nur’ das Unsägliche , sodern auch dessen weiteren Abschattungen von Schmerz und Trauer wörtlich gefasst .
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FREUD’SCHE ARCHÄOLOGIE
In der Vorbereitungszeit der von Lydia kuratierten und mit immenser Geduld zusammen getragenen Ausstellung ‘Meine … alten und dreckigen Götter’ - Aus Sigmund Freuds Sammlung hat uns das gemeinsame Thema “Freud und die Archäologie” vor zehn Jahren wissenschaftlich und menschlich zusammengeführt - Lydia ist mir in der Rolle der klugen Spurensucherin und feinen Fährtenleserin als Vorbild in Erinnerung geblieben . Und als anekdotenreiche Humoristin , wenn es darum ging , die ‘Geschichte’ der Exponate und ihrer oft labyrinthischen Wege nach Wien zu erzählen .
Ihr zusammen mit Andreas Mayer herausgegebener Band zum Jahrhundertwerk der Traumdeutung ( Die Lesbarkeit der Träume - Zu einer Geschichte von Freuds ‘Traumdeutung’ - 2000 ) ist ein emientes Kompendium geblieben . Glücklicherweise ist dem bei Fischer vergriffenen Titel drei Jahre später ein weiteres Gemeinschaftswerk Träume nach Freud - Die ‘Traumdeutung’ und die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung bei Turia und Kant nachgefolgt .
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DIG WHERE YOU STAND : NS- BARBAREI IN DER BERGGASSE
Mit der Schau Freuds verschwundene Nachbarn ( 2003 , Katalog ) hat Lydia das Haus Berggasse 19 - Sitz und Ausstellungsort des Sigmund Freud Museums - “in sich selbst” zum Thema gemacht : Mitten in die laufenden Debatten um “Arisierung” und “Restitution” wurde damit die Geschichte eines zufällig prominenten und historisch prototypischen Wiener Mietshauses transparent . Die Übernahme jüdischen Wohnraums und Besitzes geriet dabei ebenso in den Blick wie die bürokratisch verfügte und dokumentierte Deportation .
Zum ersten Mal drang das Thema der “Sammelwohnungen” - wo man die aus ihren ursprünglichen Habitaten zwangsweise Ausgesiedelten ebenso zwangsweise einquartierte - an ein breiteres öffentliches Bewusstsein : Schliesslich diente auch Sigmund Freuds Privatwohnung Nr. 5 nach der Flucht des greisen Arztes und seiner Familie als “Sammelwohnung” . An solchen Orten waren jene Menschen zuletzt gemeldet , welche dann per Massentransport ‘nach Osten’ verschickt wurden .
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VOM DENKEN IM LIEGEN
Kulturhistorisch kundig , mit Esprit und Witz hat Lydia Marinelli schliesslich die erhellende Ausstelung ( samt inspiriendem Katalog ) Die Couch - Vom Denken im Liegen 2006 im Sigmund Freud Museum Wien realisiert : Mit sorgfältig ausgewählten Sitz- , Lehn- und Liegemöbeln wurde der Konnex zwischen Körper- und Geistes- Haltung anschaulich dokumentiert . Künstlerische Werke von der Décadence bis zur Moderne illustrierten diverse Dispositive von erotischem , rauschhaften und medizinischem Kontrollverlust . Freuds berühmte Couch und die Methode des freien Assoziierens in horizontaler Position erhielten damit Kontext und Rahmung . Herrlich - und die indiskrete Neugier des Betrachters befriedigend - Shellburne Thurbers Photographien , welche Einblicke in die ‘Couch’- Arrangements internationaler psychoanalytischer Privatpraxen gewähren .
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BEREAVEMENT
Dies nur ein paar wenige Bezugspunkte zu den vielseitigen - und im wirklichen Sinne des Wortes - transdisziplinären Projekten , die Lydia Marinelli auch konkret skrupulös und elegant ins Werk zu setzen verstand . Ohne Lydias Neugier , ihre originelle und wissenschaftliche Intelligenz , nicht zuletzt ohnr ihre Fähigkeit und Bereitschaft zur Kommunikation wäre das Zustandekommen eines so ungewöhnlichen Oeuvres nie möglich gewesen . Mit ihrer natürlichen Anmut und Klarheit war da ein selten ungekünstelter Mensch zu treffen - ganz ohne die falsche Wienerische Lieblichkeit .
“Bereavement” - das Wort dreht sich im Kreis um eine undurchdringliche Leerstelle . Zu “fassen” ist hier nichts .
Der Eintrag ins Kondolenzbuch ist möglich .
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NACHRUF MICHEL HAGNER ( FAZ )
Die Seele Freuds - Zum Tod der Historikerin Lydia Marinelli
Wer in den letzten Jahren das Freud-Museum in der Wiener Berggasse besuchte, dem bot sich die Gelegenheit, neben der etwas angestaubten Dauerausstellung eine der wunderbaren kleinen temporären Ausstellungen zu sehen, die stets eine überraschende Perspektive auf
Freuds Leben und Arbeiten gestatteten. Erfunden hatte diese Ausstellungen die Kuratorin Lydia Marinelli, die als promovierte Historikerin früh sah, dass es jenseits von unbedingter Verehrung oder Verachtung Freuds andere Wege geben musste, sich dem Schöpfer der Psychoanalyse und seinem Werk anzunähern.
So war es ein ironisch-verspielter Parcours, den der Zuschauer vor zwei Jahren, zum 150. Geburtstag Freuds, in der Ausstellung über “Die Couch. Vom Denken im Liegen” durchschritt. Daneben lud die Kuratorin auch Künstler wie Louise Bourgeois oder Joseph Kosuth ein, die ehemalige koschere Metzgerei Kornmehl in Freuds ehemaligem Wohnhaus mit einer Kunstinstallation zu bespielen.
Vorher schon hatte Lydia Marinelli “meine alten dreckigen Götter”, Freuds große Antiken-Sammlung, für einige Monate zurück in die Berggasse gezaubert und Freud als Sammler kenntlich gemacht. 2003 war sie in einer spektakulären Ausstellung den Spuren von “Freuds verschwundenen Nachbarn” nachgegangen, also jenen zumeist jüdischen Bewohnern der Berggasse, die 1938 aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren. Atemberaubend war, dass diese Schicksale ausschließlich durch Dokumente von Wiener Behörden dargestellt wurden. Je länger man las, desto beklemmender erschien jede einzelne Biographie. Und wo kaum Dokumente vorhanden waren, konnte man sich denken, dass die Behörden nach 1945 auch darin begabt waren, prekäre Akten vernichten zu lassen. Eine gewagte Rauminstallation, bei der Inhalt und Form eins wurden, führte vor Augen, dass sich die ansonsten gefürchtete Flachware sehr wohl anziehend präsentieren lässt, wenn nur wissenschaftliche und ästhetische
Fantasie zusammenkommen.
Lydia Marinellis Ausstellungen waren genuine geisteswissenschaftliche Forschungsarbeiten, die nicht zuletzt aus einer Skepsis gegenüber reiner ideenhistorischer Ziselierarbeit entstanden und die Bedeutung der Dingwelten exemplarisch vorführten. Und so verfuhr sie auch in ihren
wissenschaftlichen Texten. Sie verband dabei eine stupende historische und philologische Kenntnis Freuds mit einem theoretischen Einfallsreichtum (sie übersetzte Slavoj Zizek zu einem Zeitpunkt, als man in Deutschland nicht einmal seinen Namen buchstabieren konnte), der neue Einsichten in den Zusammenhang von psychoanalytischer Theorieentwicklung und materieller Kultur erlaubte. Ihre gemeinsam mit Andreas Mayer verfasste Monographie über “Träume nach Freud” zeigt minutiös, wie sehr die unterschiedlichen Auflagen der “Traumdeutung” das Resultat der Lektüren und Einwände von Kollegen und nicht zuletzt von Patienten waren, die mit dem Buch unter dem Arm in die Praxis kamen und ihren Therapeuten so zur Überprüfung und Revision seiner Thesen anhielten.
Nachdem das Freud-Museum vor einigen Jahren in die “Sigmund Freud Privatstiftung” umgewandelt wurde, bestand trotz schwieriger Bedingungen die Aussicht, die etwas unbewegliche Institution in einen lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und ihrer Geschichte zu verwandeln. Lydia Marinelli, die als wissenschaftliche Leiterin und Kuratorin tatsächlich Hirn und Seele des Freud-Museums war, hätte dafür
entscheidende Impulse geben können. Doch dazu wird es nun nicht mehr kommen. Ihr Tod Anfang dieser Woche im Alter von nur dreiundvierzig Jahren beraubt uns einer der originellsten Geisteswissenschaftlerinnen ihrer Generation.
( Michael Hagner , FAZ print , 11. 9. 2008 )
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NACHRUF FALTER | STADTZEITUNG WIEN
( Falter 38 | 17. 9. 2008 , Wien )
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Freud- Expertin Lydia Marinelli verstorben ( ORF ON science | 12. 9. 2008 )
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