||| DIE SITUATION | DAS WORTUNGEHEUER | DIE KAMPAGNEN | DAS STATEMENT DES SWR- INTENDANTEN | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT
DIE SITUATION
Online ist kostbar . So kostbar , dass sich seit Monaten ein Grabenkampf vollzieht : Hier die öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten mit ihren Bestrebungen , Service- und Informationsangebote auch online anzubieten . Dort die privaten Sender- und Verleger- Verbände ( VPRT | VDZ ) , denen in ihren Stammformaten Publikum und Anzeigenkunden schwinden . Spät und widerstrebend begab man sich ( oft trotz rhetorischer Beibehaltung kulturpessimistischer Anti- Internet- Thesen ) ins Netz und fand - oh Schreck ! - , dass - quel horreur ! - dort bereits gebührengestützte Konkurrenten Raum und Reklame ( -Gelder ) einnahmen . J’ accuse !
Die Debatte um eine unterstellt ungebührliche “Online- Expansion” der gebührenpflichtigen Öffentlich- Rechtlichen geht nun über Jahr und Tag , insoferne auch die EU Bedenken wegen möglicher Wettbewerbsverzerrung anmeldete .
Kurz : Bevor es wieder einmal so weit ist und die Ministerpräsidenten der Länder im Zuge ihrer Dresdener Sitzung vom 22. bis 24. Oktober erneut versuchen werden , einen Beschluss zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag zu finden , nutzte SWR- Hörfunkintendant Bernhard Hermann den Anlass der Rede zur Verleihung des Karl- Sczuka- Preises 2008 für einen Appell gegen das Errichten kontraproduktiver Fronten .
Ein ( mit einer entsprechenden Resolution des SWR- Rundfunkrates akkordierter ) Ruf zur Vernunft gegen die hysterisch geschürten Ängste um den Werbekuchen und eine Erinnerung daran , dass auch öffentlich- rechtliche Qualitätsangebote mit der Zeit und dem Medienwandel zu gehen haben , um nicht an realexistierenden Gebührenzahlern und zukünftigen Hörer- Generationen “vorbei” zu produzieren .
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DAS WORTUNGEHEUER
Wer wissen will , was sich hinter dem Wortungeheuer dieses Rundfunkänderungsstaatvertrages No. 12 - recte : “Arbeitsentwurf zur Umsetzung der Zusagen gegenüber der EU- Kommission im Rahmen des EU- Beihilfeverfahrens ARD | ZDF ( Stand: 12. Juni 2008 )” - verbirgt , mag dies im betreffenden PDF- File nachlesen . Kurz gesagt , geht es darum , wie die Öffentlich- Rechtlichen ihrem definierten Auftrag gemäss netzwerken dürfen sollen und wo die Grenzen dieses Auftrages enden . Wo also , banal gesagt , einfach Geld gemacht wird . Hier sollen künftig per externer Kontrolle eventuelle Wucherungen gekappt werden .
Im Gegensatz zum VPRT sehen die Grünen in dem Staatsvertrag eine zu weitgehende Einengung der öffentlich-rechtlichen Sender. Mehrere Abgeordnete des Bundestags, des Europaparlaments sowie mehrerer Landtage forderten die Ministerpräsidenten auf, aus diesem Grund den Vertrag nicht zu beschließen. Insbesondere wenden sich die Medienpolitiker dagegen, dass ARD und ZDF bestimmte Inhalte nur sieben Tage lang ins Netz stellen dürfen. Gerade dieses unterstützt ausdrücklich der VPRT, nach dessen Vorstellungen eine Verlängerung der Sieben-Tage-Frist “grundsätzlich nicht oder allenfalls in begründeten Einzelfällen möglich sein” soll. ( dpa , 21. 10. 2008 )
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DIE KAMPAGNEN
Als treibende Kraft der Frontenbildung hat sich in den vergangenen Monaten die FAZ hervorgetan : Wenig wählerisch , was die Mittel der publizistischen Kampagnenführung betrifft , kam jeder Anlass zupass , auf “Regulierung” , “Kontrolle” und “Limitierung” zu pochen . Erst gestern bot das Feuilleton eine redaktionsexterne Fachkraft auf , um die Dringlichkeit einer “Wettbewerbskontrolle” zu akzentuieren :
ARD und ZDF sollten auch außerhalb dieses Grundversorgungskerns machen können, was sie für richtig halten, allerdings unter den Bedingungen von Markt und Wettbewerb. Alle Angebote, die aus dieser eng gefassten Kernkompetenz herausfallen, dürfen nicht durch Gebühren finanziert werden. Dazu können die Anstalten kommerziell aktiv werden und auch Kooperationen mit privatwirtschaftlichen Medienunternehmen eingehen, wie WDR und WAZ das schon tun. Wichtige Voraussetzung: Diese Aktivitäten müssen geprüft und kontrolliert werden, etwa durch die Landesrechnungshöfe, um sicherzustellen, dass keine Gebührengelder verwendet werden.
Von Polemiken à la “Schafft die Gebühren ab !” über einen “Brandbrief” des Verlegerverbandes bis hin zu Vorwürfen der “Propaganda“, respektive des konzertierten “Kleinredens” öffentlich- rechtlicher Net- Aktivitäten . Die Öffentlich- Rechtlichen kontern : Die Privaten betrieben “Lobbyismus mit groben Mitteln” . Tertium non datur .
Die Tatsache , dass der deutscher Pressemarkt im dritten Quartal 2008 an Auflage verloren hat - Tageszeitungen , incl. Sonntagsausgaben & Sonntagszeitungen : minus 380.000 Stück verkaufter Auflage im Vergleich zu Quartal 2 | 2008 , minus 650.000 im Vergleich zum Quartal 3 | 2007 - , wird das Klima nicht eben sanieren .
Edit : Im Laufe des Tages legt - im pochend publizistischem Countdown zur Dresdener Konferenz - die FAZ noch zwei Scheiter “Brandrede” nach . Michael Hanfeld , unermüdlich wetternder Retter der medialen Fairness im Lande ( unser einschlägiges Artikel- Archiv reicht weit in den April ) , bespielt die Register von ganz unten - den ( wie wir aus schmerzlicher Selbsterfahrung wissen ) gekappten Rechten der für die ÖRs schöpfenden Autoren - bis ganz oben : den universalen Medien- und Datenkraken wie Google und Yahoo .
Die “freie Presse” werde von Global Playern und nationalen Subventionsselbstversorgern im “Zangengriff” bedroht : Der alarmistische Tonfall spielt dabei einer gleitenden Semantik in die Hand , welche bestrebt ist , die Begriffe von “freiem Unternehmertum” und publizistischer “freier Meinung” zu vermischen . Dass Superkonzerne wie Springer oder Burda mit am Strick der Verleger- Initiative gegen die Öffentlich- Rechtlichen ziehen ( “Münchner Erklärung” ) , wird man aus Robin- Hood- Artikeln dieser Manier sicherlich nicht erfahren .
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DAS STATEMENT DES SWR- INTENDANTEN
SWR- Hörfunkdirektor Bernhard Hermann : Rede zur Verleihung des Karl- Sczuka- Preises 2008 an Thomas Meinecke und David Moufang und des Karl- Sczuka- Förderpreises 2008 an Anja Utler
Donaueschinger Musiktage , 18. Oktober 2008 ( Druckfassung , Auszug )
Wenn wir nämlich die Jungen und Jüngsten nicht mehr erreichen mit unseren Programmen – und es muss ja nicht gleich das Sczuka- Preiswerk zum Einstieg sein – dann steht es schlecht um unsere Zukunft. Aber wo und wie können wir sie überhaupt erreichen ?
Wenn Sie selbst Kinder haben ( … ) dann können Sie beobachten, welche Medien diese Generation heute nutzt: Die meisten haben natürlich ein Handy und einen Computer. Nachmittags, nach der Schule, skypen die Kids mit ihren Klassenkameraden, dabei laden sie sich am PC die neuesten Songs oder Podcasts auf ihren iPod runter, stellen bei Facebook oder SchülerVZ die Fotos der letzten Klassenfahrt ein und checken nebenbei, ob bei YouTube das neue Bushido-Video schon drinsteht.
Wenn Sie das jetzt nicht alles genau mitbekommen haben, ist das nicht schlimm und sogar verständlich – denn die meisten von Ihnen sind wie ich mit den klassischen Medien – Radio, Fernsehen und Zeitung – aufgewachsen. Und diese drei spielen bei den nachwachsenden Generationen eine immer geringere Rolle. Leider gilt das für die öffentlich-rechtlichen Angebote ganz besonders. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist der Generationenabriss schon passiert, beim Radio arbeiten wir mit allen Mittel dagegen an – und sehen noch Chancen.
Denn: Wenn wir als öffentlich-rechtliche Inhalte-Anbieter bei Jugendlichen noch eine Rolle spielen wollen, dann müssen wir das geschickt anstellen und mit attraktiven Angeboten in deren junger Medienwelt dabei sein. Darum bieten unsere jungen Programme SWR3 und DASDING eigene Communities an, darum bieten wir von unseren wichtigsten Sendungen – auch von SWR2 – Podcasts an, die man zeitsouverän anhören kann – und darum erforschen wir in einem Pilotprojekt das ‘Radio der Zukunft‘, um herauszufinden, welche Inhalte und Angebote und Formate junge Menschen von uns erwarten. ( … )
Arthur Sulzberger, der Herausgeber der New York Times hat bereits vor Jahren erkannt, was die mediale Umbruchsituation für seine Zeitung bedeutet – und dies trifft auf die anderen ‘klassischen’ Medien in gleicher Weise zu: Wir folgen unseren Lesern wohin sie uns führen. Wenn sie uns gedruckt wollen, werden wir gedruckt da sein. Wenn sie uns im Netz wollen, werden wir im Netz sein. Wenn sie uns auf Handys oder zum Runterladen wollen, damit sie uns hören können, dann müssen wir auch dort sein.
Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle davon gesprochen, wie erfreulich es ist, dass das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinem Urteil vom September 2007 eine Entwicklungsgarantie auch in der digitalen Welt gegeben hat. Jetzt, ein Jahr später, beobachten wir mit Sorge, wie diese Garantie durch einen neuen Rundfunkänderungsstaatsvertrag schon wieder infrage gestellt, eingeschränkt und bedroht wird. Wo wollen wir hin im Netz und wo dürfen wir hin ?
Internetangebote sind für uns kein Selbstzweck und wir betreiben auch keine ‘Online-Expansion‘ – wie uns mancherorts vorgeworfen wurde und wird – wir folgen nur ganz selbstverständlich den Wünschen unserer Zielgruppen. Wir wollen im Internet keine Geschäfte machen, keine Werbung und kein Online-Business, aber wenn uns die publizistische Präsenz im Netz verwehrt oder derart eingeschränkt wird, dass sie für Nutzer nicht mehr attraktiv ist, dann würde das dem Tenor des Karlsruher Urteils wider-sprechen. Mit manchen Beschränkungen werden wir leben müssen, mit allen aber nicht. Wir werden uns überall dort zur Wehr setzen, wo unter dem Deckmantel verlegerischer Existenzsicherung im Internet letztlich ein Jahrzehnte alter Krieg wieder neu aufgelegt werden soll: der Kampf gegen das duale System im Allgemeinen – und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Besonderen.
Auch scheint mir, dass die Verleger, die unsere Internetaktivitäten einschränken wollen, ihre wahren Gegner noch gar nicht identifiziert haben: Google und Yahoo drängen immer stärker auch in den europäischen Markt ein und unterliegen keinerlei staatsvertraglicher Regulierung. In der schönen neuen Welt der Flut von ungefilterten Angeboten sind es doch vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die Zeitungsverlage, die – bei allem verständlichen Bemühen auch um Auflage und Quote – nach wie vor Qualitätsjournalismus gegen die niveaulose Beliebigkeit stellen. Insofern müssten wir eigentlich Seite an Seite stehen und einander nicht bekriegen.

Aber trotz aller Interneteuphorie werden die linearen, analogen Programme nach wie vor im Mittelpunkt stehen – denn mit unseren Hörfunkprogrammen erreichen wir nach wie vor täglich fast 50 Prozent der Menschen in unserem Sendegebiet. Selbstverständlich übertragen wir auch kulturelle Höhepunkte wie die Donaueschinger Musiktage live im Radio, wir produzieren nach wie vor aufwändige Hörspiele, laden Anfang November wieder zu den ARD-Hörspieltagen ins ZKM nach Karlsruhe ein und loben Preise für Hörspielkunst aus, wie den Karl- Sczuka- Preis.
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LINKS
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Arbeitsentwurf zur Umsetzung der Zusagen gegenüber der EU- Kommission im Rahmen des EU- Beihilfeverfahrens ARD | ZDF ( Stand : 12. Juni 2008 ) , PDF
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Rundfunk : Schafft die Gebühren ab ! ( Claudius Seidl , FAZ , 16. 6. 2008 )
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ARD und ZDF im Internet : Brandbrief an die Medienpolitik ( Michael Hanfeld , FAZ , 17. 7. 2008 )
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Das ZDF und das Internet - Mit dem Zweiten sieht man Propaganda ( Michael Hanfeld , FAZ , 3. 9. 2008 )
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Rundfunkänderungsstaatsvertrag : Für einen digitalen Marshallplan ( Miriam Meckel , FAZ , 21. 10. 2008 )
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Rundfunkänderungsstaatsvertrag : Freie Fahrt im Internet ( Michael Hanfeld , FAZ , 21. 10. 2008 )
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Medienpolitik : Die Kampfzone wird ausgeweitet ( Michael Hanfeld , FAZ , 22. 10. 2008 )
- Medienpolitik : Angebote der Öffentlich-Rechtlichen begrenzen [ "Münchner Erklärung" der Deutscher Zeitschriftenverleger ] ( bb , 29. 7. 2008 )
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ARD- Journalist Thomas Leif zur Kritik an den Online- Aktivitäten von ARD und ZDF : “Lobbyismus mit groben Mitteln” ( tagesschau.de , 30. 4. 2008 )
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SWR- Rundfunkrat verteidigt Internetangebote von ARD und ZDF ( radioforen , 5. 4. 2008 )
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Ministerpräsidenten beraten Rundfunkstaatsvertrag - Was ARD und ZDF im Internet dürfen ( tagesschau.de , 12. 6. 2008 )
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12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag | ARD- Vorsitzender Raff : “Unterhaltung ist Grundversorgung und unverzichtbare Säule des öffentlich-rechtlichen Rundfunks” ( na presseportal , 12. 6. 2008 )
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Entwurf zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag : “Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“ ( Infosat , 16. 5. 2008 )
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Deutscher Pressemarkt verliert im dritten Quartal 2008 an Auflage ( heise , 21. 10. 2008 )
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RELATED
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donaueschinger musiktage 2008 | track two : angewandt konzertant ( in|ad|ae|qu|at , 21. 10. 2008 )
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KLANGAPPARAT
Für stetige Qualität steht das Leib- und Magen- Netlabel broque , welches sich nach südwärts bestrebter geographischer Veränderung gleich mit einer
“echten” LP von Max Cavalerra sowie einer neuen Net- Release in den Senderaum zurückmeldet . Was per Podcast ( > brotcast ) längst eingetroffen ist , harrt allerdings noch der Handhabbarkeit auf der im herbstlichen Transformationsprozess befindlichen Webseite.
Während wir für die in|ad|ae|qu|ate Verströmung gerne noch auf die entsprechende Ausreifung der fruchtigen Spätlese von “Terra Australis” zuwarten , vertreiben wir Misstöne , Sturmböen und Oktoberöde mit einem akustischen Blick zurück in Sanftheit : Das “broque.de- Set” , welches vor zwei Jahren bei deepindub erschien , erweist einen nach- hall- tig feinherbperlenden Abgang - zweiundneunzig Minuten lang . CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP ).
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