Valerie Besl : “ein rascheln ist dort wo ich glaube zu sein” oder “Wie kann man überhaupt (noch) erzählen ?” [ 1 ]
Zur Verleihung des Reinhard Priessnitz-Preises 2008 an Angelika Reitzer
ORT NUR IM WORT
“ein rascheln ist dort wo ich glaube zu sein” heißt es in einem der “vierundvierzig gedichte” von Reinhard Priessnitz, und es ist dieselbe Ahnung und dasselbe Misstrauen, die sich auch beim Lesen von Angelika Reitzers Texten einstellen. Texten, die aus der Skepsis der Autorin gegenüber Ort, Zeit, Handlung und meist auch Figuren entstehen.
Als “oszillierend”, “schwebend” wird das Erzählen von Angelika Reitzer bezeichnet, und auf der Suche nach einer bildlichen Entsprechung finde ich diese in einer Szene im Text “Super-8″ aus dem jüngsten Band “Frauen in Vasen“: Wenn eine Frau auf ihrem Zimmerfahrrad dem auf die gegenüberliegende Wand projizierten Leben entgegenfährt und dabei zu einem Teil der Projektion wird, die ungreifbar bleibt:
Das Bild franste aus oder das Gegenteil davon : in einzelnen dürren Fransen reichte das Schwarz in den Bildrand herein; [ Angelika Reitzer: Super-8 - In: Frauen in Vasen - Haymon Verlag, Innsbruck 2008, S. 262 ]
Dieses Ungreifbare des Erzählten als etwas klar Konturierbares entsteht bei Angelika Reitzer in der Überlagerung verschiedener Ebenen, die ihre Texte ins Mehrdimensionale öffnet, erweitert. Und so wie bei Priessnitz “das zu schreibende der beginn eines anderen [ist]” [ 2 ], schickt die Autorin den Leser ins Unterwegs, im Handgepäck als Kompass eine ganze Palette von Lebensentwürfen, die einem vom Erzähler angeboten werden und die als einzelne doch nicht mehr zu verwirklichen sind. Und darin liegt eine zentrale Begründung, die die Texte von Angelika Reitzer für mich unverzichtbar macht: Sie gibt Wirklichkeit als Wirklichkeiten wieder, gleichermaßen reflektiert und gebrochen. Oder, wie es bei Reinhard Priessnitz heißt:
literatur soll entfremdung darstellen, literatur soll tatsächlich entfremdung sein. [ 3 ]
Nie sind es daher linear erzählte Geschichten, sondern vielmehr dicht verwobene Stimmen, Ebenen und Möglichkeiten, es ist eine Literatur des Versuchs, niemals die einer Behauptung, ein Summen und Sirren, das in der Rezeption fortzusetzen, weiterzudenken ist. Und wieder dieses Bild: eine Frau auf dem Zimmerfahrrad, deren zerfranster Alltag, die prekäre Wirklichkeit zwischen Familie und Arbeit, sich an den Bildrändern mit der Projektion, der Fiktion von einem anderen Leben verzahnt. Als Leser findet man sich plötzlich in einer irritierenden Gleichzeitigkeit wieder, die Angelika Reitzer so meisterhaft zu schaffen versteht.
|||
MODERNE : UNTERWEGS
Auch ihre Figuren sind stets unterwegs, unterwegs zwischen traditionellen, sicheren, weil vorgegebenen Lebensentwürfen hin zu den unerschöpflich scheinenden Möglichkeiten von Zwischenmenschlichkeit und Arbeitswelt. Früher, bei den Großmüttern, ist eine Ansichtskarte noch eine Geschichte,
gibt es immer nur einen Ausschnitt zu hören … Was nicht auf die Karte passt, findet in ihrer [der Großmutter] Erzählung keinen Platz. Das Dasein hat nur eine Seite, unter ungeklärten Umständen zwei, wie ein Blatt hinten und vorn. [ Reitzer: Blattgold - In: Frauen in Vasen, S. 115 ]
Das Leben der Enkelinnen sprengt diesen Rahmen, bleibt unerzählbar.
Früher wusste ich bestimmt, dass es immer nur noch besser werden wird… Dass man alles haben könne - da haben wir uns getäuscht … Wir sind auf der Flucht.[ Reitzer: uzoud - In: Frauen in Vasen, S. 51f ]
Doch es sind keine Adoleszenzgeschichten, hier wird niemand erwachsen, hier kommt niemand irgendwo hin, weil kein Ziel zu benennen ist. Auch wenn es sich um Figuren handelt, die auf den ersten Blick mitten in einem glänzenden, erfolgreichen Leben zu stehen scheinen, zwischen Networking, Patchworking und Developing. Und doch ist das Unbehagen nicht wegzulächeln, bewegen sich die Protagonisten auf unsicherem Boden, entlang steiler Abbrüche. Wenn unter der heilen Oberfläche des Familienhauses im Text “Super-8” ein Heer von Ameisen unermüdlich den Verputz lockert, dann weiß man, wie es um das Fundament unseres Lebens, unserer Gesellschaft bestellt ist - ein System ohne solides Fundament, ein Netz aus kurzlebigen, locker geknüpften und leicht zu lösenden menschlichen wie ökonomischen Beziehungen. In einer solchen Gesellschaft muss man sich dekorativ präsentieren und arrangieren, um seinen Platz zu behaupten, als tragendes Teilchen dieses Konstrukts.
|||
ZERSPLITTERTE WIRKLICHKEIT
In diesem thematischen Fokus liegt eine weitere Konsequenz und Besonderheit im Schreiben von Angelika Reitzer: Kritik an gesellschaftspolitischen Verhältnissen wird nie mit erhobenem Zeigefinger geübt, nie entrüstet sich da ein Erzähler selbstgefällig, pathetisch oder moralisch. Weil es eben weder die eine noch die andere Seite gibt, weil Alltag, Lebenswelt und Arbeitswelt, die sich in immer schnellerem Tempo ineinander verheddern, zu komplex sind, um genau die eine, alles erklärende Position zu bieten. Folgerichtig beschreibt Reitzer nüchtern, präzise, aber dennoch höchst poetisch die Wirklichkeit als eine unendliche Summe von Einzelteilen. Gleichzeitig gelingt es ihr mit der ihr eigenen Kunstfertigkeit, exemplarisch unser Heute wiederzuspiegeln, eine Form für diese sich überlappenden Sequenzen zu finden. Weil sie Distanz schafft zwischen sich und dem Beobachteten, ihrem Blick eine Kamera vorsetzt, um das unmittelbar Wahrgenommene zu brechen, es in seine Elemente aufzulösen, um das Mögliche festzuhalten. Reitzer bedient sich filmischer Techniken, sie blendet auf, leuchtet aus, stellt scharf, um wieder auf ein anderes Detail zu schwenken, zu kippen, das sich dann plötzlich doch in der Unschärfe verliert. Und darin liegt vielleicht die Antwort auf die Frage, wie man heute überhaupt noch erzählen kann: Genau so, wie Reitzer es vorführt.
Der brüchigen Wirklichkeit steht die Sehnsucht der Figuren nach Eindeutigkeit gegenüber, eine verbleibende Ahnung, wie es sein müsste, sollte und vielleicht sogar könnte. Angelika Reitzer stellt dem in fast jedem ihrer Texte in “Frauen in Vasen” eine Vielzahl von Räumen zur Verfügung, einem Haus gleich. Das Leben als “Umkleidekabinen”, wie sie einen ihrer Texte betitelt: Im Unterwegssein verwandeln sich die Zimmer und Wohnungen zu einer einzigen Wohneinheit mit durchlässigen, hellhörigen Wänden, auf die in allen unterschiedlichen Lebensphasen doch nur die stets gleichen Wünsche projiziert werden. Vergangenes, Gegenwärtiges und Erträumtes greifen so ineinander, die Illusion der Kindheit als heimatlicher Zufluchtsort verblasst wie eine Erinnerung auf einem Foto, so sehr hält die Endlosschleife des nimmermüden Sicheinrichtens die Figuren gefangen. Es sind sachliche Befunde, die Angelika Reitzer darstellt, und sie verlieren auch im Ineinandergreifen der Szenen nie an Klarheit: Denn sie lässt das zu Beschreibende nie aus den Augen, ihre Literatur verkommt nie zum selbstverliebten Erzählfluss, oder, wie Priessnitz in “in stanzen” schrieb, zu “immer gleichen schriftsalaten”. Denn, nocheinmal Priessnitz:
das windig wirkliche in allen schriften
gestanzt von den instanzen der verwerfung
(es droht, ins tanzen fallend, abzudriften… [ 4 ]
|||
FILMISCHE SCHNITTE
Die Konsequenz ist für Priessnitz die “unterminierung der normen und das überwinden von erwartungen”[ 5 ] ; dem auch Angelika Reitzer folgt: Ihrem Misstrauen gegenüber der Abbildungsfunktion der Sprache kommt sie bei, indem sie mit filmischen Schnitten Brüche sichtbar macht, Satzzeichen als Stolpersteine im Lesefluss platziert, frei stehende Doppelpunkte setzt, um Bedeutungen zu öffnen. Das verleiht ihrer Sprache einen unvergleichlichen Rhythmus, der eben nur scheinbar der Klang von Wirklichkeit ist:
So leben heißt : stückeln, die ganze Zeit, und vielleicht ist das eh das Einzige, das ich haben kann. [ Reitzer: Sonnenschirme - In: Frauen in Vasen, S. 13 ]
An das Ende ihre Texte wäre somit stets gedanklich ein Doppelpunkt zu setzen, oder ein Komma, als Fortsetzung, Wiederaufnahme, einer weiteren Zeit, eines weiteren Ortes, einer weiteren Geschichte.
“es ist ein rascheln dort wo ich glaube zu sein” denke ich beim Lesen von Angelika Reitzers Texten, und aus dem Misstrauen wird Neugier auf ihre Wirklichkeiten - und das soll Literatur sein und vermitteln: die Ahnung von Möglichkeiten.
Wien , 27. 10 . 2008 , Literaturhaus Wien
|||
[ 1 ] Angelika Reitzer, Interview - Anzeiger 07/2008
[ 2 ] Reinhard Priessnitz: der blaue wunsch - Priessnitz: vierundvierzig gedichte (= Werke, 1) - Literaturverlag Droschl, Graz 1987, S. 39
[ 3 ] Reinhard Priessnitz: literatur als entfremdung ( = Werke, 4: texte aus dem nachlass) - Literaturverlag Droschl, Graz 1994, S. 192ff
[ 4 ] Priessnitz: stanzen - In Priessnitz: vierundvierzig gedichte. ebda, S. 42
[ 5 ] Priessnitz: literatur als entfremdung, ebda, S. 192 ff
|||
|||
|||
KLANGAPPARAT
Geradezu zauberhafte Sounds sendet gerade mal wieder Detroit aus : Nein , die Rede ist hier nicht von Carl Craigs | Moritz Von Oswalds phänomenaler “Recomposed“- Bearbeitung einiger der Partikel aus dem Material der 50- Spur- Aufnahmen , welche von Ravels Boléro
und Mussorgskys Bildern einer Ausstellung unter Herbert von Karajan eingespielt worden sind . Nein , wir nähern uns der lokalen Techno- Szene von Suburbia her , also auf den schmalen Pfaden der Netlabels und Creative- Commons- Lizenzen .
Hier umspielen uns etwas sanftere Gebilde , schwebend fast , doch nie , ohne den firmen Willen zum Beat zu verlieren . Was Chechnyan Love aka Samuel Qualls ( MySpace ) mit seiner LP ( ! ) “amalgamation” bei clear cut ( respektive @ Virb ) da liefert , ist vom Reinsten & Feinsten , weist dabei jeden Kitschverdacht weit von sich : Geniessen .
CLICK LINKS TO LISTEN . 01. intro | 02. florigen | 03. interior monologue | 04. specious present | 05. bang-bang principle | 06. essential contestability | 07. chiaroscuro | 08. tragedy of the commons | 09. convergent evolution | 10. dissociation of sensibility | 11. outro
|||
Musste man über Jahre hinweg lesen die stereotypen Stoss- Seufzer über den Bachmannpreis am ( Vorsicht : Wortspiel ! ) Wörther See und wie man sich abends bei Maria Loretto im berühmten Fischrestaurant unter den gruselig präparierten Fischköpfen an den Wänden ( Vorsicht : Bildwitz ! ) beim Gastmahle traf und wie dort oder auf den literaturjournalistischen Amateur- Fussballfeldern der Ehre es die Outsider den Insidern gaben…
In chorisch harmonierenden Einzelstimmen wendet man sich gegen die Layoutierung der Show zu Zwecken und zu Gunsten der 3- sat- TV- Übertragung . Im fernsehgerechten Format , so der beleidigte Tenor ( 










aktuellste kommentare