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DIE SCHÖNE NEUE WELT DES HÖRENS : SO UNÜBERSEHBAR WIE UNÜBERSICHTLICH – AUDIOITERATUR AUF ALLEN KANÄLEN

Wo in den neunziger Jahren beim Rundfunk noch massiv Wortproduktionen abgebaut wurden , boomt heute eine neue Hörkultur . Zwischen Radiosendern und Audioverlagen ist Kooperation angesagt

NZZ , 12. 3. 2007 - Christiane Zintzen

RCA his masters voice original photoViel war während der vergangenen Jahre von der «Konjunktur» , ja gar von einer «Renaissance des Hörens» die Rede . Die Trend-Rhetorik inspirierte sich an den Wachstumsraten des Hörbuchmarktes , den Zugriffsziffern der Downloadportale und den Selbstdarstellungen der Radiosender . Der Existenzkampf der Anbieter in der Konkurrenz von Kanälen , Medien und Streams verursacht eine PR-Kakofonie , welche allerdings eher dazu beiträgt , den Endverbraucher , Kunden und User zu verunsichern und zu verwirren .

Dieser gute alte Hörer mag über das Spektakel heiteren Geistes hinwegsehen . Mit einer Backlist von 20 000 Titeln und 2000 jährlichen Novitäten mutet der Hörbuch- Berg womöglich unüberwindlich an , doch hat man ja auch mit einem Vielfachen an Buchneuerscheinungen zu leben gelernt . Zudem bremste die Wachstumsrate der «Warengruppe Hörbuch» im Jahr 2007 mit nur 2,6 Prozent erstmals deutlich aus bisher zweistelligen Höhen ( 2006 : 17,4 Prozent , 2005 : 14,1 Prozent ) auf einen kargen Wert ab . Ob dies der Branche , die allzu rasch expandiert hat , Ansporn sein könnte , sich auf Basisqualitäten in der – oft klanglich wie editorisch mangelhaften – Produktion zu besinnen , ist fraglich .

MAGAZINE , LISTEN , PORTALE , PREISE

RCA his masters voice labelBekannt ist , dass es starken Nachholbedarf in der Ausbildung von Buchhändlern gibt . Spezialseminare und Fachtreffen bringen Endverkäufern die neue Materie näher , wobei nicht selten grosse Anbieter als Sponsoren auftreten . Die Leipziger Buchmesse offeriert einen «Crashkurs : Hörbücher besser verkaufen» , der Arbeitskreis Hörbuchverlage organisiert «Hörbuch backstage : Wie ein qualitativ hochwertiges Hörbuch entsteht» . Was überhaupt unter «Qualität von Hörbüchern» zu verstehen wäre , will das seit Mai 2007 sechs Mal pro Jahr in hochglänzender Aufmachung erscheinende Zielgruppenmagazin «HörBücher » erörtern .

Das betont «unabhängige» Magazin bietet nur eine Option zur Orientierung im Dickicht der Novitäten . Webportale wie «Die Hörothek» schaffen breiten Überblick . Preise und Auszeichnungen lenken die Aufmerksamkeit auf herausragende Titel . Publikumspreise des Buchhandels ( «Hörkules» , «Hörkulino» ) formulieren Verbrauchervoten zusätzlich zu den Daten der Bestsellerlisten . Eher den traditionellen Qualitätsstandards öffentlichrechtlicher Wortproduktion entsprechen die Empfehlungen der monatlichen HR-2-Bestenliste . Deren Fachjuroren küren zusätzlich ein «Hörbuch des Jahres» . Diesmal wurde für eine exzellent komplexe Produktion optiert : Karl Bruckmaiers vielschichtige Lese-Inszenierung von Peter Weiss’ «Ästhetik des Widerstandes» errang darüber hinaus und wenig später den “Deutschen Hörbuchpreis” ( BR / DHV ) .

RADIO UND HÖRBUCH

RCA his masters voice original photoPopulismus ist solchen Entscheiden nicht anzukreiden . Vielmehr verweisen sie auf die traditionell hohe Kultur von «Wort-» und Hörspielproduktionen der öffentlichrechtlichen Anstalten . Das Verhältnis zwischen Hörbuchverlagen und Sendern ist – nach anfänglicher Verunsicherung – mittlerweile in den Hafen produktiver Wechselseitigkeit eingelaufen . Als die Hörbuchverlage Mitte der neunziger Jahre von der knarzenden Kassette auf die praktikable CD umstiegen und der Audiomarkt schnell an Terrain gewann , war in den Funkhäusern gerade Sparzwang angesagt . Formatradio und private Konkurrenz schienen die Reduktion des gesprochenen Wortes nahezulegen .

Da kam die Hausse des Hörbuchs gerade recht , um augenfällig den Wunsch eines ( sogar zahlenden ! ) Publikums nach akustischer Sprachware aufzuzeigen . Häuser wie der 1993 in Kooperation mit prominenten belletristischen Qualitätsverlagen ( Suhrkamp , Hanser , Rowohlt ) gegründete Hörverlag ( DHV ) boten sich den Radiostationen zur Aufbereitung von Archivalien und zum Vertrieb von Wortproduktionen auf CDs an . Inzwischen spielen die CD- Verlage nicht nur eine wichtige Rolle bei der Wieder- und Weiterverwertung hochwertiger Lesungen und Hörspiele , sondern ermöglichen durch Kooperationsmodelle sogar Radiowerke , welche die Sender im Alleingang weder finanziell noch ästhetisch gewagt hätten .

BRANDING UND MERCHANDISING

RCA his masters voice labelDie in die Dürregebiete von Randsendezeiten und «low budget» gescheuchte Hörfunksparte «Wort» fand zu neuem Selbstbewusstsein . Die Sender-Logos von BR, HR , WDR , SWR , Deutschlandradio Kultur , NDR und DRS haben sich als Markenzeichen für Qualität etabliert . Akustische Sonderreihen von Zeitschriften wie «Der Spiegel» ( Audio-Verlag ) verleihen den betreffenden CD-Editionen ein gewisses Image , garantieren Marketing und sind als Multimedia- Erweiterungen des Print- Geschäftes willkommen . In legendären Sphären schwebt der Erfolg der Hörbuchreihen des reichweitenstärksten Frauenmagazins : Von den insgesamt 24 Titeln der zwei «Brigitte»-Staffeln «Starke Stimmen» ( Random House Audio ) wurden pro Titel durchschnittlich 100 000 Stück verkauft . «Petra» zog im Frühjahr 2007 mit von «Scharfen Stimmen» gelesenen Erotika nach ( Hoffmann und Campe ) , «Geo» und «Geolino » kooperieren seit 2007 in je zwölfteiligen Reihen ( «Abenteuerliteratur» ) mit Random House Audio . Freilich entsprechen längst nicht alle dieser Cross- Marketing- Produkte dem guten Ruf , den sie eigentlich befördern sollten .

MARKTMACHT , REAL

Solche Schnelldreher suchen und finden ihren profitablen Markt jenseits der Empfehlungslisten und der Kritik . Gleiches gilt für das Gros der auditiven Krimi- , Ratgeber- und Konsumliteratur aus Häusern wie Lübbe- Audio oder Radioropa . Auch die 6000 deutschsprachigen Hörbücher des Marktführers unter den digitalen Portalen , Audible.de , illustrieren das Auseinanderklaffen von realem Markt und dem schmalen Segment der in der publizistischen Öffentlichkeit präsenten Titel . Ganz zu schweigen von der Gratisware , die im Netz abzurufen ist . Enthusiasten wie die Macher von Vorleser.net oder Mindcrushers.de haben es auf diese «freie» Weise auch zu professionellen Aufträgen gebracht . Gleichzeitig stellen auch Verlage wie Argon und Random House Audio Gratisdownloads als «Teaser» ins Netz : Wer sich auf diesem Wege erstmals durch das Genre «Hörbuch» fesseln lässt , könnte dereinst bereit sein , auch gutes Geld dafür auszugeben .

RADIOVIELFALT

RCA his masters voice original photoDem Zug der Zeit in Richtung Netz und zur nutzerdefinierten Auswahl von Inhalten mögen sich auch die öffentlichrechtlichen Sender nicht verschliessen . Abonnierbare Podcasts stellen bevorzugte Sendungen ausserhalb der Sendezeiten zur Disposition . Hörspiele können – freilich bei reduzierter Klangqualität – noch eine gewisse Zeit nach der Sendung im Netz abgehört werden , wobei auch Live- Streams von ARD- Hörspielen möglich sind . Dabei helfen die ausgezeichneten Programmlisten bei Blütenleser.de . Auch die unentbehrliche Datenbank «Hördat» lässt sich nach Wochenprogrammen abfragen : Sie listet für die Woche vom 10. bis 16. 3. nicht weniger als 53 Hörspiele bei ARD , DRS und ORF .

Eine schöne neue Welt des Hörens also ? – Für den Konsumenten , User , Hörer stimmt dies gewiss . Dabei gerät leicht aus dem Blick , dass all die , welche als Autoren , Sprecher und Regisseure am Zustandekommen dieser Vielfalt mitwirken , oft unter finanziell und rechtlich prekären Umständen werken . So mag man es als Signal nehmen , dass sich freie Radioregisseure vorigen Dezember in einem Verband ( VdHR ) versammelt haben , um ihre «Interessen in künstlerischer , perspektivischer und wirtschaftlicher Hinsicht» zu wahren . Mit Walter Adler und Leonhard Koppelmann als Initiatoren sind keineswegs ewig Zukurzgekommene am skeptischen Wort , sondern zwei prominente Hörspielregisseure . |||

KLANGAPPARAT

Eine echt elegante EP trägt Lady Annèke Laurent ( MySpace ) über die Labelnennung auflegware in den hörmöglichen Frühling : Tief schwingend , czz hörempfehlungwürden wir mal sagen , mit minimaler Phrasierung im Kontrast zu fast schon funky gesetzten Akzenten . Auch Blues- Reminszenzen steh’n der Berlinerin nur all zu gut . Die feinen Seiden von e- Piano- Klängen federn , ja : und auch die dezente Latino- Posaune wird uns jetzt in|ad|ae|qu|at nicht dazu bringen , Alles über “The Hip Back” auszuplaudern . - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Touken ( 05:16 ) | 02. My Jacket ( coffemamas ) ( 6:12 ) | 03. The Hip back ( 4:00 ) |||

SIEHE AUCH

Der Rhythmus des Widerstandes . Mehr Sprachoper als Hörspiel - Peter Weiss’ opus magnum in gelungener CD- Edition ( NZZ , 1. 6. 2007 ) |||

REZENTE REZENSIONEN

Roth , Doderer : Kakaknien - elegisch bis szenisch ( NZZ , 7. 3. 2008 )
Günter Eichs “Träume”: Böse Hörbilder ( NZZ , 7. 3. 2008 )
Werner Bräunigs “Rummelplatz” - Nach 40 Jahren ( NZZ , 7. 3. 2008 ) |||

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