||| Selten gelingt’s , sozusagen per Divination auf den ersten Click einen dem Thema des täglichen Eintrags gemässen KLANGAPPARAT zu erhaschen : Aber da wir ja heute über Echt- Welt- Texte beispielsweise zu Elias Canettis “Stimmen von Marrakesch” handeln , lag der Aufruf der Seite des in Orléans situierten - laut Eigendefinition aber auch “marokkanischen” - Netlabels Fresh Poulp Records sozusagen auf unter der Maus- Hand , um die monatliche Revue sogenannter ‘Hörbücher‘ musikalisch zu eskortieren .
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CANETTI , KAFKA - RADIKAL MUSIKALISCH
Wie es klingt , wenn fundamentale Texte der Moderne in den Resonanzraum charismatischer Künstler geraten , erweist die in allen Aspekten der Audio- und Bibliophilie liebevoll gestaltete “Bibliothek der Töne” des Mandelbaum Verlags . Kraftwerk und musikalischer Nukleus der Sprach-Musik-Kompositionen sind Peter Rosmanith als Produzent und Multi- Perkussionist sowie der Akkordeonist Otto Lechner .
Zusammen mit der Schauspielerin Anne Bennent , die die Bretter der Weltbühnen zugunsten von kleineren Räumen kompromissloser Selbstbestimmung verliess , hat man sich der “Stimmen von Marrakesch” angenommen , Elias Canettis Bericht über die Erfahrung der Fremdheit in Form der Undurchdringlichkeit sprachlich- klanglicher Kakophonie . Der Vektor vom Eigenen ins “Fremde” wird dabei einerseits durch das Neu- Arrangement des Textes akzentuiert , anderseits durch die allmähliche Ablöse von europäischen Klangfarben ( Prévert- Chansons , Mozarts “Entführung” ) zu exotischen Melodien und Instrumenten ( Vienna Rai Orchestra ) . Solche melodischen Exotik hält Anne Bennent jene innere Fremdheit entgegen, mit welcher sie Canettis Text exzellent spricht , diesen aber nicht “spielt” . Die reine Stimme - und darin mündet ja Canettis Erzählung - ist und bleibt das undurchdringlich “Andere” .
Einen notwendig umgekehrten Weg geht Otto Lechner mit seiner sehr persönlichen Adaptierung ausgewählter Kafka- Texte . Der Titel “nicht einmal gefangen“* zitiert mit einem Aphorismus jene Dialektik von offensichtlicher Freiheit und Selbstgefängnis , welche so charakteristisch ist für Kafkas Konstellationen . Lechner , der sich als blinder Musiker die Texte durch auditives Auswendiglernen des von Freunden auf Kassette Vorgelesenen aneignet , kennt und benennt deren inkommensurablen Sinn inwendig .
Die Rezitation mit der Ziehharmonika auf melodisch illustrierende oder rhythmisch skandierende Weise begleitend , erschliesst der hellhörige Improvisator die intensive Kraft Kafka’scher Kurzformen . Sekundenkurz blitzt ein Volkslied durch das bleiernen Ambiente von “Ein Landarzt” , insistierende Ostinati illustrieren das mechanische Kreisen der Zirkusreiterin und die “Dampfhämmer” des Applauses “Auf der Galerie” und in die grausame Parabel “Der Geier” sickert ganz leise die Weise “Oh Haupt voll Blut und Wunden” . In Lechners musikalischen Assoziationen bewahrheit sich das Diktum Walter Benjamins, Musik und Gesang seien bei Kafka “ein Pfand des Entrinnens” . ( credits … )
* Nicht vorenthalten können und wollen wir indes den titelgebenden Text des Otto Lechner- Kafkaniaden . Die Notiz entstammt dem Konvolut “Er - Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920 ” :
Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener enden - das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig. Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zu Hause strömte durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entging ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander, nicht einmal gefangen war er. ( Hervorhebung czz )
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UNERHÖRTES KAFKANIEN
Kein anderes Medium manifestiert den Wandel der Kafka- Rezeption so deutlich wie das akustische . Als sinnlichste und unmittelbarste unter den Interpretationen bleibt die Vorlesung nicht lediglich Angelegenheit von Fertigkeit und Auffassung des Sprechers , sondern transportiert jeweils auch die historische Stimmung der gerade geltenden Be- Deutung des Kafka’schen Werks .
Lag in den fünfziger bis achtziger Jahren der Fokus der Radio- und Schallplattenproduktionen auf den enigmatisch- existenzialistisch aufgefassten Kurztexten , so hat sich das Interesse in jüngerer Zeit den Romanen zugewandt . Dies dankt sich einerseits der Entwicklung von praktischen und potenten Datenträgern ( CD , MP3- CD ) , geht andererseits aber parallel einher zu dem geschärften Interesse für einen “alltäglicheren” Kafka und dessen kulturell- biographischen Horizont. Welten liegen zwischen Gustav Gründgens‘ knapp einstündiger Lesung von Schlüsselstellen aus dem “Prozess” ( 1961 , DG ) und den achteinhalb Stunden , in welchen Christian Brückners energische Komplettlesung der Figur des K. einen so überraschenden wie plausiblen Dreh ins Aufsässige und fatal Lässige gibt ( Zweitausendeins ) .
Ob als interessante Verfremdung gedacht oder als Reverenz an K.s erotisch zwielichtige “Helferinnen” : Katharina Thalbachs metallisch changierendes Timbre akzentuiert den Aspekt jener Anzüglichkeit , die den Diatriben des Gerichts zutiefst eingewirkt ist ( GoyaLit ) . Eine nicht minder erhellende Lesart bietet Peter Matics akkurat punktierte Version ( DG ) : Vermitteln Gründgens’ verschliffene Konsonanten den Eindruck des gehetzt Nervösen , lässt Matics stoische Musikalität ein wenig Altösterreich durchschimmern .
Die Produktion des rbb ist Teil der eminenten Romanedition , welche die Deutsche Grammophon den Repertoireaufnahmen ( Reihe “Wortwahl” ) zur Seite stellt : Insbesondere der Fragment gebliebene Amerika- Roman ( “Der Verschollene” ) ist in Peter Simonischeks Intonation frisch zu entdecken . Angehaucht von den leicht ländlichen Anklängen , die der Sprecher seiner Kärntner Herkunft dankt , belebt sich Kafkas lapidare Sprache durch eben jene Dialektik von Beengung und Befreiung , von welcher der Text ja auch explizit berichtet . “Das Schloss” schliesslich erscheint - getaucht in Ulrich Matthes‘ charakteristisch “hohlwangigen” Ton - als das, was es stets war : Banger Alptraum , verzweifelt fern und atembenehmend nah . ( credits … )
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KLANGAPPARAT
Kurz aber … umso besser und einige Male im Kreise zu drehen : Die Ende Juli erschienene EP “El Plan B OST” des Pariser Multi- Musikanten Rafael
Aragón aka Rafiralfiro ( MySpace ) lässt auf engstem Raum sozusagen alle Register spielen . Eingerahmt von cölestinen Harfenklängen ( wenn’s denn eine wäre ) , gibt es heftig modernistische Streicher mit Tangoausklang ( Tango Agitato ) , trügerischen Frieden ( Berceuse Carnivore ) und - wie zu sehen und zu vernehmen : ein gutes Quantum an Sprach- und Spielwitz . Am besten auf die Release- Seite gehen und dort den Stream hören . - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND TO LISTEN TO STREAM .
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Das fängt ja gut an : In memoriam unserer in|ad|ae|qu|aten 









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