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Bachmannpreis 2009 - Nachand 1 Nachschrift



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NACHAND NOCH EINMAL : SO SEHEN SIEGER AUS

Nachdem wir die Preisträger des Ingeborg- Bachmann- Wettbwerbs bereits gestern der in|ad|ae|qu|aten MITSCHRIFT angefügt haben , kann deren Wiederholung nun auch im Nachhinein nicht schaden . Lange hat es gedauert , bis für die diversen Preise absolunte Stimmenmehrheiten erzielt werden konnten , aber nachand - ein Austriazismus für nachher , schliesslich - hatte man eine gediegene Truppe an Preistragenden beisammen .

Und damit einen Cluster eher mänllicher , eher realistischer Erzähformen , deren mehr oder weniger offen liegender Erzählmotor betrieben wird mit dem Sprit von Krisen , sämtlich ins Private gekrempelt . Auffallend und für die betroffene Gebietskörperschaft höchst frustrierend : kein noch so klitzekleines österreiches Prosastückerl hat es aufs Podest geschaft -

Ingeborg- Bachmann- Preis 2009 an Jens PetersensBis dass der Tod” - Jury im 2. Durchgang 5 : 2

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NACHAND NOCH EINMAL : PRESSE ORTET EINE REVANCHE FÜR CÓRDOBA ‘78

Dass der gastgebende Literaturweltmeister ( Selbsteinschätzung ) keinen Preis erringen konnte , wird selbstredend von den österreichischen Medien als schmerzlich vermerkt . Indes sparen auch deutsche und schweizerische Kommentare nicht mit der Registierung lokaler , regionaler bzw. nationaler Auszeichnung . So vermerkt der für Spiegel Online adaptierte Agenturbericht , dass lediglich mit dem Sieger Jens Petersen aus Pinneberg / Hamburg ein “Restdeutscher” geehrt wurde :

Die anderen Preise, die am Sonntag im Rahmen der Bachmann-Lesungen verliehen wurden, gingen allesamt nach Berlin. ( SpOn )

Ein klein wenig anders rahmt die aus derselben Agenturmeldung gespeiste Darstellung der WELT das Siegerbild :

Alle fünf im Rahmen der 33. Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur vergebenen Preise gingen in diesem Jahr an Deutsche. ( DIE WELT )

Dass mit dem Ausstechen der traditionell am Sprachspiel oientierten österreichischen Vorzeigetexte durch “deutsche Realisten” ein heikles Thema der bilateralen literarischen Beziehungen auf dem Spiele steht , beweist die wiederholt Berufung auf den berühmten Fussball- WM- Sieg Östereichs gegen Deutschland 1978 in Córdoba :

Läuft das hier auf ein neues Córdoba hinaus ? ( WELT )

fragt Elmar Krekeler im Zuge seiner Live- Notizen in der WELT rhetorisch , wohingegen Sandra Kegel im zusammenfassenden FAZ- Artikel bereits ex post deklarieren kann :

Die Revanche für Córdoba . ( FAZ )

Ins Ästhetische übersetzt heisst dies innerhalb des genannten Artikels nichts weniger als Folgendes :

Längst hat der Realismus die einst in Klagenfurt tonangebende Experimentalliteratur verdrängt. ( FAZ )

Nicht unredlich wird das Tertium Comparationis von Sandra Kegel referiert :

Ästhetische Ideologiekämpfe werden nicht mehr ausgetragen, aber die literarischen Vorlieben der Juroren weichen zum Glück noch immer erheblich voneinander ab. In diesem Jahr tat sich in der Jury eine weitere, länderspezifische, nämlich deutsch-österreichische Front auf, dass schon das Wort von Córdoba die Runde machte. Während die Österreicher bei der WM 1978 gegen die Deutschen gewannen, waren sie nun die Verlierer. Die Autoren der Wiener Juroren Karin Fleischanderl und Paul Jandl gingen durchweg leer aus. ( FAZ )

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“BLANKES ENTSETZEN” Vs. “LIEBLICHKEIT : ZWEIFEL AN DER KOMPETENZ DER JURY

Im konkreten Fall

brach die seit Beginn schwelende Realismus-Debatte dann über Andrea Winkler herein, die in einem überorchestrierten Textklotz ein skrupulöses Ich sprechen lässt, das es kaum wagt, den Fuß ins Gras zu setzen. Wohl weil der erratische Wortfluss - etwas für hartgesottene Poststrukturalisten, wie Ijoma Mangold seufzte - sich jeglicher Kritik entzog, schoss die Jury sich auf Formfragen ein. In ganz andere Richtung experimentierte Caterina Satanik, die eine unerhört harmlose Rollenprosa einer Frau vorlegte, die ihrem Liebsten samt Hund nachweint. ( FAZ )

Dass Winkler mit dem - selbst für ihre ( sonst legitimen ) Begriffe - solipsistisch und sprachphilosophisch abstrus aufgeblasenen Mantra auf wenig Gegenliebe stiess , haben wir in der in|ad|ae|ae|qu|aten MITSCHRIFT ( Teil 3 ) ebenso angemerkt wie enorme Befremdung angesichts der arg “lieblichen” Aufnahme des als Schlusstext präsentierten Débuts der Wienerin Caterina Satanik . Entsprechend erleichtert konnten wir heute ähnliche “????”- Reflexe bei anderen Beobachtern regiatrieren :

Gerrit Bartels , welcher den deutsch- österreichischen Grabenkampf um eine mögliche zeitgenössische Erzähl- Ästhetik durchaus vermerkt , vermochte im Tagesspiegel die einhellige Schlussbegeisteung der Jury noch auf deren “Erschöpfung” zu schieben :

Was auffiel, waren die deutsch- österreichischen Streitereien, verkörpert durch Fessmann und Ijoma Mangold auf der einen und Jandl und Fleischanderl auf der anderen Seite. Die Deutschen, zuweilen assistiert vom Schweizer Alain Claude Sulzer, redeten dem Realismus das Wort, ohne gleich Forderungen nach Alltagsabbildung stellen zu wollen. Die Österreicher brachten dagegen die Moderne in Stellung: Sprach-Experimente wie den verunglückten Wir-Text von Stift und den noch verunglückteren Ich-Text von Andrea Winkler, bei dem man sich nach wenigen Zeilen fragte: Was erzählt die denn da?

Dass die Jury den läppischen Text von Caterina Satanik ungeschoren ließ, mochte an deren Status als Debütantin liegen, die noch nie etwas veröffentlicht hat, vielleicht auch an der Erschöpfung der Jury: Satanik war die letzte Vorleserin dieses Jahrgangs. ( Tagesspiegel )

Das “blanke Entsetzen” angehörs des hochgelobten literarischen Débuts gibt Harald Klauhs in der Presse Grund genug , fundamentale Zweifel an der Kompetenz der Jury anzumelden :

Vom Versagen der Bachmannpreis-Jury sprach das Fachpublikum nach der letzten Lesung von Caterina Satanik. Blankes Entsetzen breitete sich nach dem Lob der Jury für Sataniks Text … aus. Literatur auch, wollte man der 1976 geborenen Wienerin bereits nach dem ersten Satz zurufen: Ich streichle noch immer über das fell vom hund, hieß es da und täuschte mit Kleinschreibung eine Avantgarde vor, die der Text des Weiteren in keiner Weise einlöste. ( Die Presse )

Der deutsch- österreichischen Dauerkonfrontation zum Trotz konnte diemsal die Schweiz quasi einen Einwanderer- Sieg für sich verbuchen :

Ein Deutscher beschert der Schweiz literarische Lorbeeren ( NZZ )

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STATE OF THE ART

Mit Andreas Breitensteins Résumée des Wettbewerbas- Jahrgangs 2009 sei die Runde der traditionellen Klagen über den dortigen “state of the art” eröffnet : “Ein biederer Jahrgang” wird konstatiert :

Kein Autor war angetreten, dem Bürger das Handy aus der Hand zu fegen oder die Decke des ORF-Theaters zu sprengen, keiner liess die Lehrer um die Moral ihrer Schulklasse im Saal bangen, die ‘Krise‘ blieb unbehelligt, der Terror pausierte, und der Klimawandel war anderswo (die politische Invektive übernahm Josef Winkler in seiner Eröffnungsrede gegen Kärntner Kulturbanausentum, Politfilz und Abzockerei). Keiner schrie, keine weinte, nur einer ass Papier. Es gab einen auf die Situation gezirkelten Klagenfurt-Text, und nur einmal wurde es ärgerlich. Realistisches Erzählen aus der leicht verunsicherten Mitte des Alltags dominierte. Surreales war ebenso rar wie Historisches und Experimentelles. Fehlervermeidung war fast schon alles. Ein Plan mittlerer Schwierigkeit sollgemäss erfüllt, und schon gehörte man zu den Besten. ( NZZ )

Wibeke Porombka deklariert in der taz weitgehend “handzahme Texte” - jedenfalls im Vergleich zu Joesef Winklers Eröffnungsrede - , reflektiert allerdings auch eine systembedingte Uneinlösbarkeit von Erwartungen hinsichtlich des prominentesten aller Literatur- Wettbewerbe :

Wie ändert sich der Anspruch an Texte, wenn man sie beim Bachmann-Wettbewerb hört ? Auf der einen Seite wartet man auf etwas Besonderes, etwas Extremes womöglich, weil durch diesen Preis ja eben auch eine Messlatte für das gelegt wird, was man ganz grundsätzlich an zeitgenössische Literatur heranträgt. Es sind also immer auch symbolische und programmatische Entscheidungen, die hier getroffen werden. ( taz )

Allerdings waren auch manche der Voten von Juymitgliedern dazu angetan , als unfreiwillige “Selbstauskünfte” zu fingieren :

Jurorin Meike Feßmann etwa konnte sich deshalb nicht recht für den den Text “Bis dass der Tod” von Jens Petersen erwärmen, weil er ihr zu beklemmend und klaustrophobisch war. Das ist schon ein etwas eigenartiges Argument, zieht es doch den Umkehrschluss nach sich, dass gute Literatur sich dadurch auszeichne, angenehme Atmosphäre zu evozieren. In solchen Momenten war man dann fast am Niveau des Eröffnungsabends angelangt, auf dem der stellvertretende Bürgermeister von Klagenfurt sein Herz für die Literatur damit begründet hatte, dass man sich durch sie so schön von dem ganzen Stress des Alltags erholen könne. ( taz )

Ostentativ abgeklärt charakterisiert David Hugendick in der ZEIT das alljährliche Klagenfurter Klage- Ritual :

Jedes Jahr das Gleiche. Sobald der Sieger des Bachmann-Preises feststeht und sich der dreitägige Literaturbetriebsauflauf wieder verflüchtigt hat, wird man über Sinn und Unsinn des Wettbewerbs diskutieren. Gar, was er über den Zustand der deutschen Literatur verrät – besonders dann, wenn eine Vielzahl der Texte in Klagenfurt blass sind. So wie diesmal.

Glücklicherweise: Über den Zustand der deutschen Literatur sagt der Bachmann-Wettbewerb wenig aus. In Klagenfurt blickt man nur durch ein kleines Fenster auf die laufende Produktion. In diesem Jahr erwischte man die Luke zur Rumpelkammer, in der es selten schmuckvoll glänzte. Das kann uns ärgern. Aber es muss uns keine Sorgen bereiten. ( DIE ZEIT )

Stefan Gmünder weist im Standard notwendig auf die - von vielen Artikeln unkritisch nachgeplapperten - dümmlichen Eröffnungs- Worte des ORF- Programmdirektors Wolfgang Lorenz hin , die “Tage der deutschsprachigen Literatur” seien “die am längsten sich behauptende Castingshow ( ! ) des deutschen Sprachraums” . Freundlich fasst er die alljährlich kurzfristig aufgebauschte Sinnkrise des Wettbewerbs in das Bild einer quasi naturgesetzlich reiterierten Mischung aus Anziehung | Neugier und Abstossung | Verwerfung :

Realismusdebatten wurden in diesen drei Tagen viele geführt, Sprachdiskussionen wenige. Bleiben wird vom 33. Bachmann-Preis Josef Winklers Eröffnungsrede, der angenehme Umstand, dass sich in Klagenfurt trotz allem alles um Literatur dreht - und ein ‘Was machen wir eigentlich alle hier ?‘ - Gefühl. ( Der Standard )

Weitere Wiederholungen , Variationen und “Etüden” ( Burkhard Spinnen ) dann im nächsten Jahr -

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KLANGAPPARAT

Natürlich hängt uns nach drei kondensierten Tagen Klagenfurt plus kollateraler Textproduktion und -Rezeption die Sprache einigermassen beim Halse heraus . czz-hoerempfehlungZwar kommen auch des Walisen Tom Ellis‘ ( MySpace ) gelassen instrumentirte Minimal- Tech- Tracks nicht immer ohne Sprach- Samples aus , doch bleiben deren Amplitude & Aussagekraft erträglich minimal .

Sonst bietet die bei trimsound erschienene “In Circles“- LP eine feine Dosis Langstreckensound aus diskret ineinanderfliessenden Strömen von Nu Jazz und Breakbeat , Dub- Anmutungen und geschmeidiger Elektronik .

CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP ) .

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RELATED

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Florilegien 2 : Umblätterer - Best of Feuilleton 2008 aka “Der Goldene Maulwurf”



||| DER GOLDENE MAULWURF | GLEICHSCHWEBENDE AUFMERKSAMKEIT | “BEST” & “WORST” : EIN RELATIVITÄTSPRINZIP | ABSEITS VOM BRANCHENGEBRABBEL | BACKLIST “BEST OF FEUILLETON” | KLANGAPPARAT

UBL goldener maulwurf banne

DER GOLDENE MAULWURF

UBL goldener maulwurf smallWenn das Kollegenblog “Der Umblätterer” seit 2005 alljählich eine 10er - Parade des “Best of Feuilleton” erkiest und vorführt , haben wir es , nota bene , mit keinem der üblichen Rankings zu tun .

Diesjahr erstmals mit dem Label “Der goldene Maulwurf” versehen , demonstirert das Superkonzentrat der Lese- , Lust- und Ärger- Feuileton- Früchte Selbstbewusstsein des gründlichen Wühltiers ( Talpa europaea ) im Bau der Krume “klassischer Qualitätspublizistik” , macht allerdings seiner natürlichen Zugehörigkeit zur Odnung der Insektenfresser ( Eulipotyphla ) alle Ehre , indem es in den weiten Wüsten der Blätterwälder und Onlinegewächse manchen “bug” heraus pickt.

Was den “Maulwurf” ebnenso wie die die Mühen der Ebene des Zeitungsblätterns von manchem Medien ( Motz- ) Blog unterscheidet , ist eine grundsätzliche Abwesenheit vorverurteilender Ressentiments sowie das strikte Draussenlassen einer kulturpolitischen Refkexion , welche den schön gedruckten Satz an die gesellschaftliche Praxis rückbinden würde .

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GLEICHSCHWEBENDE AUFMERKSAMKEIT

UBL goldener maulwurf smallAls nicht vom Räderwerk der realexestierenden Feulleton- Produltion Geknechtete und ebenso wenig im Labyrinth der Institutionen nach Mindestsubventionen für Buch- und Kulturproduktion canossisch Kriechende , kommt dem Fähnlein der Aufrecheten Maulwerfer rechtens eine postakademisch gleichschwebende Aufmerksamkeit für’s Gedruckte zu .

Im Gegenteil wendet man sich betont - wenn nicht geradezu provokant - hagiographisch einzelnen Schriftstücken zu , selbige aber dann nach allen Regeln der Stil- und Argumentationsanalyse paraphrasierend.

Anders als es das “börsenblatt online” kürzlich ( in fast wort- wörtlichen Wiederholung eines vor Monaten bereits gedruckten Artikels ) vollzieht und die Kurz- “Laudationes” auf die einzelnen Artikel “at face value” nimmt , um die drohende “Zeitungskrise” zu widerlegen , darf man den gewieften Stilistikern unter den “Maulwürfen” doch Einiges mehr an ausgefuchstem Double- Talk ( akademisch formuliert “semantischer Polysemie” ) zutrauen .

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“BEST” & “WORST” : EIN RELATIVITÄTSPRINZIP

UBL goldener maulwurf smallWer widerspruchslos Oliver Jungens ( in|ad|ae|qu|at mehrfach zitierter ) flott verfasste Denunziation ( “Hungert sie aus !” , FAZ ) des angeblichen Überangebotes von Stadt- , Land- , Fluss- und Flur- Literaturpreisen für eine Minderheit von Autoren lobt & auszeichnet , greift damit nicht nur einen allzu gängigen Witz auf , sondern redet einem billigen Populismus das Wort . Da hilft auch Richard Wagners pflichtschuldigst ex aequo in die Bewertung genommene Replik wenig . Dass nämlich ein Gros der Stadt- , Land- , Fluss- und Flur- Literaturpreise nichts anders als kostengünstige Lokal- PR darstellen ( darin den landauf , landab der Leichten Muse errichteten Tempeln der Sommertheatern gleich ) , wird mit keinem relativierenden Wort erwähnt .

Umgekehrt wird das beliebte Spiel des “Iris- Radisch- Bashing” durch die Zuweisung der ausser Rand und Band geratenen Rezension Reakion auf “Die Wohlgesinnten” Jonarhan Littells in doppelzüngiger Weise sowohl fortgeführt als auch gebrochen ( DIE ZEIT ) . An dieser Stelle weiss der “UBL” nämlich sehr genau , wovon er spricht : Man hat sich den Tausendseiter selbst und vollinhaltlich zur Brust genommen .

Es ist eine Binsenweisheit , dass jeder Preisende in dem von ihm gut Gepriesenen sich selbst ( oder Ich- Ideal ) darstellt , respektive : ästhetisch wahlverwandte Stile und Stimmen . Von daher sind Wahlverwandtschaften wie zu Benjamin von Stuckrad-Barre über eine lahme Bühnen- Debatte , wo drei angejahrte Schwerenöter ohne die feuchtgebietlich erkrankte Dame übers “Radikale” sprachen ( DIE WELT ) . Oder zu Alex Rühles schmerzensreich recherchierter “Poetologie des Waschzettels” ( SZ ) .

Mit bestem Recht wurde auch jenem Experiment Lob und Ehre , wo man die Not , was nach allerlei Zwiebelringen noch legitimerweise über ein neues Werk des Günter Grass zu sagen wäre , in eine Tugend verwandelt wurde : Mit dem Schriftsteller Andreas Maier ward einer der ( raren ? ) alphabetisierten Zeitgenossen gefunden , welcher tatsächlich bislang noch nie eine Zeile GG gelesen hatte : Die Rezension wurde solcherart zu einer ethnographischen Expeditions ins Fremde des Eigenen des deutschen Kanons und indem ein solcher Werk- Parzival ( siehe “Jochan Schmidt liest Marcel Proust” ) in dessen Wälder reitet , sammelt er Beobachtungen abseits der üblichen Abmachungen in seinen Mantelsack ( DIE ZEIT ) .

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ABSEITS VOM BRANCHENGEBRABBEL

UBL goldener maulwurf smallWunderbar gefunden und wichtig für die Nachwelt archiviert ! - Zwischen ironisch bedeutungs- offener Ironie und sachgemässer Indexierung changierend , geben die für den “Goldenen Maulwurf” jedenfalls Food for Thought . Sich dabei dankenswert fernhaltend von Betriebsnachrichten , kress- Köpfen und anderem Branchengebrabbel steht und bleibt hier im Mittelpunkt der Text .

Was , bei Seite gesprochen , wohl auch der Grund sein mag , dass Schnell- Linker wie Medienticker und -lesen sich kaum der Mühe unterzogen haben , in die Texte des “Goldenen Maulwurf” noch einmal hineinzulesen …

Ob wir in|ad|ae|qu|at das “Best” nun für’s “Worst” halten wollen oder umgekehrt , ist absolut unerheblich . Ceterum censeo dürfen wird allerdings auch an dieser Stelle nicht verhehlen , dass Frank Schirrmachers dezidierter Kampagnenjournalismus mit dem Anspruch , die FAZ sei ein “Qualitätsmedium” , unvereinbar ist .

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BACKLIST “BEST OF FEUILLETON”

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KLANGAPPARAT

Obwohl sich der Freitag als Spielort für die XLR8R- Mixes fast schon so etwa wie @ in|ad|ae|qu|at eingebürgert hat , wird auch eine freitägliche Night Session kaum diese Regel brechen . -

WTF is … ?! - Für diejenigen , welche das gute halbe Dutzend einschlägiger czz-hoerempfehlungKLANGAPPARATE nicht mit geschnitten haben : Es handelt sich um die aus höchst diversen Soundmaterialien gebrauten Mix- Podcasts des in New York und San Francisco situierten Metro- Mags XLR8R ( sprich “Accelerator” ) . Angemerkt sei freilich , dass die teils Rock- , teils Hip Hop- teils Chaos- inspirierten Streams längst nicht sämtlich geeignet scheinen zur Empfehlung im in|ad|ae|qu|aten Klangapparat .

Die Crowd des alljährlich in San Francisco stattfindenen “kontrol“- Festivals war indes so freundlich , vorab mit Material herauszurücken . Dass bei diesem “Techno Tear Up” keine stupiden Techno- Beats abrattern , sondern feine Soul- Shouts mit minimalen Patterns wechseln , sei nur am Rande dieser 65 Minuten- Energie- Ladung angemerkt - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN.

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Dokumentation : Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )



||| DOKUMENTATION | FRIEDERIKE MAYRÖCKER | JOSEF WINKLER | APA | MICHAEL ROHRWASSER | KONRAD PAUL LIESSMANN | ROLAND INNERHOFER | PAUL JANDL | ULRICH WEINZIERL | HERBERT OHRLINGER | PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG | WERNER WINTERSTEINER | KARL WAGNER | FRANZ SCHUH | KLAUS NÜCHTERN | ALFRED KOLLERITSCH | LINKS | RELATED

DOKUMENTATION

| espace d’essays |

czz-pikto-blind-fuer-todArtikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT Reaktionen auf das plötzliche Ableben des leidenschaftlichen Germanisten , Universitätslehrers und Freundes Wendelin Schmidt-Dengler . Auf dass diese Erinnerungen an den neugierigen und förderlichen Teilnehmer am Literarischen Leben zugänglich bleiben . Die Copyrights der zitierten Stimmen und Medien bleiben dabei selbstverständlich bei deren Inhabern .

Besonders sei dabei auf die Sammlung von Nachrufen auf der Heimseite des Wiener Insituts für Germanistik hingewiesen . Die Heimito von Doderer-Gesellschaft hat eine digitale Kondolenzliste eingerichtet .

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER : OHNE ZU AHNEN

WSD mayröcker nachruf ( click to XL )

Friederike Mayröcker , Der Standard , 10. 9. 2008

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JOSEF WINKLER : IM ZUG | NACH VARANASI

czz-pikto-blind-fuer-todVor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch.

Josef Winkler , Der Standard , 10. 9. 2008

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APA : BESTÜRZUNG IN ÖSTERREICHISCHER PRESSE

czz-pikto-blind-fuer-todWien (APA) - Mit großer Bestürzung hat die österreichische Presse auf den überraschenden Tod Wendelin Schmidt-Denglers reagiert. Nachrufe würdigen seine Leidenschaft für die Literatur, seine Fähigkeit, sie weiterzugeben und seine Expertise, die über die Bücher bis zum Fußball hinausreichte. ( … )

Im Ö1-Morgenjournal kamen auch einige Autoren zu Wort.

Robert Menasse reagierte tief betroffen auf den Tod seines Doktorvaters:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.

Und Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz !

Essayist Franz Schuh rühmte Schmidt-Denglers Verdienste um die Gegenwartsliteratur:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Ähnlich der Architekt und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Morgenjournal:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

APA0163 2008-09-09/11:01

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MICHAEL ROHRWASSER : LUZIDE UND UNBESTECHLICH

czz-pikto-blind-fuer-tod“Wäre es nicht wunderbar, diesen Mann bei einer langen Bahnfahrt durch Österreich zum Reisebegleiter zu haben ?“ fragt Lothar Müller in seinem heutigen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. So ist es, antworten wir, die wir solche Bahnfahrten mit ihm unternommen haben, und fügen wehmütig hinzu: Wir haben dieses Privileg für selbstverständlich genommen, und jetzt müssen wir ohne ihn weiterfahren. Wenn das geht. Wir können ihn nicht mehr um Rat fragen, keinen Hinweisen mehr folgen, kein Zitat nachhören, keine kritische Würdigung fremder und eigener Arbeiten einholen, obwohl wir immer noch seine Stimme im Ohr haben.

Meine österreichischen Freunde konnten viele Facetten und Nuancen seines Wirkens als Lehrer, Erzähler und Impulsgeber wahrnehmen, während für mich, der ich ihn erst 1991 kennengelernt habe, erst einmal ein Grundkurs in österreichischer Literatur angesetzt wurde, damals in Stanford. Ich traf ihn dort zuerst, wo sonst, in der Bibliothek, wo ich ihn, umgeben von Bücherstapeln, traf: Wendelin Schmidt-Dengler, den leidenschaftlichen Leser. Unser erster Dialog ging etwa so: Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen – aber man kann es zumindest versuchen – immerhin, so schränkte er ein, gebe es auch einige, mit denen man sich nicht näher einlassen wolle.

Er war nicht nur damals und nicht nur zu mir großzügig – er war es gegenüber vielen, die weniger gelesen hatten und weniger schnell waren ( also: gegenüber allen ). Er hat sich unterschieden von seinen Kollegen, den Literaturhistorikern, von jenen nämlich, die als ihren heimlichen Schutzpatron Prokrustes verehren, die ihre Anschauungen durch ein Zuviel an Lektüre gefährdet glauben: ein Unpassendes wird abgeschnitten, ein Unzureichendes wird gedehnt ( “Lesen macht befangen“ heißt eine Devise, die auch in Kommissionen immer mehr Anhänger findet ). Seine Gegner haben es sich leicht gemacht, wenn sie ihn zum großen Unterhalter und Plauderer herabwürdigten ( Mann mit “Formulierungsgabe“ stand in einem der Nachrufe ), denn für den kleinen Appetit hat er nicht gelehrt, Literatur wurde bei ihm nicht verharmlost und verkleinert zum mundgerechten Happen, zum event, Literatur war nicht zuletzt Beunruhigung, Provokation, auch Tröstung, und hier ging er nicht selten Bündnisse mit seinen Autoren ein.

Was mir damals zuerst auffiel, neben seiner stupenden Belesenheit, seinem phänomenalen Gedächtnis, neben seiner Fähigkeit, zum Lesen anzustiften und eigene Urteile zu überprüfen, neben seinen innovativen Blicken auf Texte und Autoren, die immer genau, unerbittlich, ja streng waren, das war seine Fähigkeit, sich in die Autorinnen und Autoren zu verwandeln. Mit einer kleinen Drehung seiner Hand, aus dem Ellbogengelenk heraus, war er plötzlich Gerhard Rühm oder Ernst Jandl, was ich spätestens dann verstand, als ich die Originale sprechen hörte.

Lesen und Leben waren bei ihm nicht getrennt, weil er auch beim Lesen alle seine Sinne geöffnet hatte. Er kannte keine kanonischen Hierarchien und, wo er die Quellen kannte, respektierte er auch keine Lehrmeinungen, so wenig wie er jenseits der Bücher den akademischen Hierarchien Respekt zollte: Er erkannte die akademischen Nichtleser und die autoritätsbeflissenen Nichtsnutze, und er hielt sich, wenn es irgend ging, von ihnen fern. Er konnte jenen den Rücken zuwenden, die in Selbstverliebtheit von ihrer Liebe zur Literatur sprachen und dabei ihre Stimme vibrieren ließen. Gleichwohl hat er die Wiener Germanistik geprägt wie kein anderer, und das in einer seltsamen, unheimlichen Bündelung: als Lehrer, Betreuer und Förderer ( wer wollte sich da mit ihm messen ? ), und auch als wissenschaftlicher Autor, der für seine Autoren Revisionsverfahren anstrengte, sie nicht selten von falschen Etiketten befreite. Es war eine Sisyphus-Arbeit, denn in einigen Fällen überlebten auf dem Literaturmarkt nicht seine kritischen Editionen sondern die verharmlosenden Lesarten ( etwa bei Herzmanovsky-Orlando ).

Schmidt-Denglers Stärke hat ihre Wurzeln gewiss auch außerhalb der akademischen Welt. Wir kennen alle die Sentenz, die in der hier zitierten Variante Jean Cocteau zugeschrieben wird: Wer nur etwas von Film versteht, versteht auch davon nichts. Hätte Schmidt-Dengler nur Augen für Bücher und für die Wiener Germanistik, hätte er auch hier keine starken Spuren hinterlassen können. Das heißt, dass wir auf den Bahnfahrten und Flügen und Autofahrten mit ihm nicht nur etwas über ( österreichische ) Literatur lernten – am Rande gesagt: seine Liebe zur österreichischen Literatur war nie, wie bei einigen anderen, verbunden mit der Missachtung anderer Literaturen, denn dazu war er ein zu leidenschaftlicher Liebhaber der Weltliteratur –, sondern die Gespräche zogen weite Kreise über Vereinsgeschichten, über europäische Geschichte, über den homo academicus, Erziehungsfragen und Bauernregeln. Die größten Literatursüchtigen, die unermüdlichsten Lesenden und Schreibenden sind gerade jene, die nicht in der Literatur als einer Scheinwelt verschwinden, die keine billigen Tröstungen suchen, nämlich ein Vergessen, sondern sich gerade hier ihre Genauigkeit für den Alltag gewinnen. Denn das machte das Eigene von Wendelin Schmidt-Dengler aus – und warum soll man nicht von Größe sprechen – dass seine gesellschaftspolitische Einmischung und sein universitätspolitischer Einspruch ebenso luzide und unbestechlich waren wie sein literarisches Urteil.

Wir haben den Größten verloren.

Michael Rohrwasser , Institut für Germanistik Wien , 10.September 2008

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KONRAD PAUL LIESSMANN : GLÜCKSFALL EINES GELEHRTEN

czz-pikto-blind-fuer-todWendelin Schmidt-Dengler war der Glücksfall eines Gelehrten: im klassischen Sinn humanistisch gebildet, fasziniert von Neuem, aufgeschlossen, engagiert. Humorvoll und hilfsbereit. Sein Fach “Literatur” war ihm nicht mehr Gegenstand, sondern Lebensinhalt, der weit mehr umfasste als das wissenschaftliche Interesse. Schmidt-Dengler war nicht nur ein begnadeter Lehrer und Vortragender, sondern auch ein Förderer der Literatur.

Wo immer er konnte, unterstützte er Institutionen, aber auch Menschen. Er prägte Generationen von jungen Wissenschaftern, Lehrern und Schriftstellern, er war nicht nur Kritiker, sondern vor allem auch Mentor, und er vertrat eine umfassende Idee von Bildung, die sich mit der wettbewerbsorientierten Manager-Universität unserer Tage schlecht vertrug. Nicht zuletzt aus Protest gegen diese Entwicklung hatte er sich nicht in den Senat wählen lassen, um - wenn auch vielleicht auf verlorenem Posten - für seine Vorstellung einer demokratisch organisierten Universität zu kämpfen.

Wendelin Schmidt-Denlger war voller Pläne gewesen. Mit ihm, dem ich seit mehr als 30 Jahren verbunden war, verliere ich nicht nur einen wunderbaren Kollegen, mit ihm verliert die Universität einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Sein Tod kam einfach viel zu früh.

Konrad Paul Liessmann , Der Standard , 10. 9. 2008

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ROLAND INNERHOFER : VITALITÄT , ENERGIE UND GÜTE

czz-pikto-blind-fuer-todWie kann jemand, dessen Anwesenheit in jedem Augenblick so spürbar war und ist, plötzlich nicht mehr da sein ?

Wendelin Schmidt-Denglers Vorlesung “Österreichische Literatur nach 1945“ hat mich am Beginn meines Studiums begeistert. Seither war er für mich Lehrer und später auch Freund, beides im emphatischen Sinn. Seine Leidenschaft für die Literatur war ansteckend, seine Geistesgegenwart war bewundernswert und unnachahmlich. Unzählige Studierende hat er durch seine Vorlesungen und Seminare für die Germanistik eingenommen. Seine Stimme wirkte im engen Kreis wie in der Öffentlichkeit gleichermaßen markant. Blitzschnell stellte er überraschende und präzise Verbindungen her und konnte dabei mühelos auf ein stupendes Wissen von der Antike bis zur Avantgarde zurückgreifen.

Wendelin Schmidt-Dengler ist niemals den Versuchungen machtgestützter Eitelkeit erlegen. Er ist sich selbst, seinen Freunden und der Literatur treu geblieben. Er hat sich nicht nur um die toten, sondern auch um die lebenden Autoren nach Kräften gekümmert. Die Vitalität, Energie und Güte, die er ausstrahlte, waren und sind beglückend. Leben wie lesen – wie kein anderer hat Wendelin Schmidt-Dengler diese Utopie verkörpert. Jetzt ist er verschwunden. In seinen Schriften und in unseren Erinnerungen lebt er weiter.

Roland Innerhofer , Institut für Germanistik

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PAUL JANDL | NZZ : IN DIE WELT GEDACHT

czz-pikto-blind-fuer-todEine Phänomenologie gescheiterter Feste in der Literatur wollte er noch schreiben, nun hat er auch sein eigenes Fest nicht mehr erlebt. Der renommierte deutsche “Preis der Kritik“, der neben einer Ausgabe der Werke Heinrich Heines aus neunundneunzig Flaschen Wein besteht, hätte Wendelin Schmidt-Dengler bei der kommenden Frankfurter Buchmesse verliehen werden sollen. Für einen, dem die Askesen der Wissenschaft zu wichtig waren, um sich auch noch im Leben zu kasteien, wäre diese Gabe passend gewesen. Die beigefügte Lobesprosa war dem Bescheidenen wohl etwas unangenehmer: «Für eine Kultur der aufgeklärten Lektüre, gründlich, kritisch und meinungsstark», stehe der Wiener Germanist.

Wendelin Schmidt-Dengler, 1942 in Zagreb geboren und vergangenen Sonntag in Wien überraschend gestorben, war ein Wissenschafter, der die Philologie nicht zum Orchideenfach verkommen lassen wollte. Weil er ihre Nutzanwendungen als Universitätsprofessor, Chef des Österreichischen Literaturarchivs und nicht zuletzt als Kritiker mit ironischer Eleganz in sich bündelte, strahlte sein Wissen weit über die Grenzen der elitären Forschung aus. Unter den Germanisten war Wendelin Schmidt-Dengler ein Erzähler von Graden. Dass der lebensnahe Vortrag dem Pädagogen Schüler ohne Zahl einbrachte, war gewiss nicht zum Schaden der Zunft.

Als 26-Jähriger wird der gelernte Altphilologe, der mit einer Dissertation zu den “Confessiones” des Aurelius Augustinus promoviert hat, damit beauftragt, den Nachlass Heimito von Doderers zu bearbeiten. Die Bekanntschaft mit Werk und Autor wird zur prägenden Erfahrung. Mit Österreichs idiosynkratischen Dichtern, den Unzeitgemässen und den Querköpfen, befasst sich Schmidt-Dengler immer wieder. Seit den sechziger Jahren entstehen grundlegende Essays zu Thomas Bernhard, zu einem Autor, dessen Werkausgabe der Germanist bis zuletzt federführend betreute. Von Johann Nestroy über Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Albert Drach reichte der Bogen von Wendelin Schmidt-Denglers Interessen bis zu Österreichs literarischer Avantgarde. Auf dem Podium der Universität und in den Foren der Kritik, etwa beim “Literarischen Quartett“, galt für Österreichs brillantesten Philologen das, was Karl Kraus über den von ihm verehrten Nestroy sagt: Er hat “aus dem Stand in die Welt gedacht”.

Paul Jandl : In die Welt gedacht
Zum Tod des österreichischen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , NZZ , 10. 9. 08

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ULRICH WEINZIERL | DIE WELT : LA GAYA SCIENZA

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Mit Buchstaben und Geist, mit Metaphern und Kontexten von Büchern hantierte er stets sachkundig und virtuos zugleich. Zudem war er in Österreich der erste, der Zeitgenössisches konsequent in seinen Vorlesungs- und Forschungsplan aufnahm.

Als Herausgeber der Werke Heimito von Doderers, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos, Albert Drachs und Thomas Bernhards ging sein Wirkungsradius weit über akademische Kreise hinaus. Er liebte Nestroy und Ernst Jandl, war bei Canetti nicht minder zu Hause als bei Karl Kraus.

Ein Bewohner des Elfenbeinturms wollte dieser Gelehrte, der eine fröhliche Wissenschaft unterrichtete und praktizierte, nie sein. Kein Wunder, dass ihn eine Fachjury 2007 zum “Wissenschaftler des Jahres” wählte. Österreichs Schriftsteller schätzten ihn als kritischen Wegbegleiter und scharfsichtigen Rezensenten, seine Schüler als immer hilfsbereiten Mentor und Freund auch jenseits der Studienzeit. Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag im 67. Lebensjahr unerwartet an den Folgen einer Operation verstorben.

Ulrich Weinzierl : Der Wiener Germanist Schmidt-Dengler ist gestorben , DIE WELT , 9. 9. 2008

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HERBERT OHRLINGER | FAZ : LESEN - LEBEN

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Doch Wendelin Schmidt-Dengler war viel mehr als ein besonders versierter Hochschullehrer, das Leben bedeutete für ihn Lesen - und Lesen war Leben. Er verkörperte Literatur und ihre Geschichte, indem er sie aus den Hörsälen hinaustrug und sich als Kritiker, Herausgeber, Vortragender, Diskutant für sie einsetzte. So verwundert es auch nicht, dass er Walter Benjamins Warnung vor dem fragwürdigen Ehrgeiz der Wissenschaft gegenüber der Tagesaktualität wiederholt entgegenhielt, ob es denn das Ziel der Literaturwissenschaft sein könne, es an Uninformiertheit mit dem “hauptstädtischen Mitteilungsblatt aufnehmen zu können”.

Dabei agierte er bei seinen Interventionen weniger als “Literaturpapst”, als der er in Österreich fälschlicherweise bezeichnet wurde, sondern eher als humorvoll- ironischer Vermittler, der bei aller Schärfe der auseinandersetzung die Interessen der Schriftsteller und die Ansprüche der Literatur nie vergaß. ( … )

Herbert Ohrlinger : Wiener Einmannbetrieb
Zum Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , FAZ print , 10. 9. 2008

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PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG ( PLUM ) : DEM DEMOKRATEN WIDER DEN ( UNIVERSITÄTS- ) POLITISCHEN ZEITGEIST

czz-pikto-blind-fuer-todLiebe Kolleginnen und Kollegen,

seit vergangenem Sonntag wissen wir: Wendelin Schmidt-Dengler wird uns seine feinsinnigen literaturwissenschaftlichen Analysen, seine entwaffnenden Beobachtungen im universitaeren und sonstigen Alltag sowie seine leidenschaftlichen Plaedoyers fuer eine Redemokratisierung der
oesterreichischen Universitaeten nicht mehr vortragen. Wir trauern um einen Kollegen, dem es beispielhaft gelungen ist, hoechste wissenschaftliche Qualitaet mit ihrer lustvoll gelungenen didaktischen Vermittlung, sowie einer kritischen und demokratischen Hochschulpraxis, zu verbinden.

Kollege Schmidt-Dengler, selbst ein Top-Wissenschaftler, wurde nicht muede, sich vom opportunistischen Elitismus von Vertretern des wissenschaftlichen Mittelmaszes zu distanzieren. Er hat den “autoritaeren Charakter“ des UG 2002, die oekonomistischen Engefuehrungen des Rektorats oder auch die Implementierung der Bologna-Studienarchitektur angeprangert.

Die internationale Wuerdigung seiner wissenschaftlichen, literaturdidaktischen und literaturkritischen Leistungen hat unmittelbar nach Bekanntwerden der schmerzenden Nachricht eingesetzt und kann dank der Bemuehungen von ORF und kulturpolitisch engagierten Printmedien ( vgl. “Der Standard“ 08-09-09:29 und 08-09-10:39 ) mitverfolgt werden.

Da uns mit Kollegen Schmidt-Dengler aber abgesehen von seiner wissenschaftlichen Vorbildwirkung auch zahlreiche hochschulpolitische Gemeinsamkeiten verbinden, moechten wir gerade diese in der folgenden Wuerdigung hervorheben, zumal sie in den offiziellen Darstellungen der Universitaet und der Oeffentlichkeit unterbelichtet geblieben sind.

Nicht erst seit seinem Inkrafttreten, sondern schon bei dessen Konzeption hat Kollege Schmidt-Dengler die autoritaeren und arbeitsbehindernden Zuege des UG 2002 in aller Schaerfe kritisiert. Sein Auftritt bei der diesbezueglichen parlamentarischen Enquete ist legendär ***. Er war es auch, der sich umgehend mit den gegen das UG 2002 protetsierenden Teilen der Kollegenschaft solidarisierte und als Vorstand des Instituts fuer Germanistik der PLUM bei ihrer Konstituierung als Vorstand des Instituts fuer Germanistik den benoetigten Hoersaal zur basisdemokratischen Organisation des Widerstands zur Verfuegung stellte.

An seinem Institut hat Schmidt-Dengler schlieszlich die Ausarbeitung und Umsetzung einer demokratischen Institutsordnung unterstuetzt, die zentrale Mitwirkungsrechte aller Lehrenden und Studierenden sicherte und zum Modell anderer Institutsordnungen vieler augeklaert gebliebener Institute geworden ist. In der Fakultaetskonferenz hat sich Kollege Schmidt-Dengler ebenso wie im Senat, in den er am 30. Maerz 2006 als Listenfuehrer einer eigenen Senatsliste mit einem beachtlichen Stimmenanteil von 25 % gewaehlt wurde, stets fuer die Anliegen einer geordneten Mitbestimmung und den Ausbau demokratischer Kontrollrechte auch an der Universitaet Wien verwendet und wiederholt seine wohlwollende Stimme erhoben, wenn sich Ansaetze fuer eine zumindest partielle Aufhebung der durch das UG 2002 vollzogenen “Entrechtung des Mittelbaus“ boten.

Es bleibt uns, ihm an dieser Stelle fuer seine beispielhafte Solidaritaet zu danken. Unter dieser Adresse haben wir ein Statement Schmidt-Denglers zur beabsichtigten Novelle des UG 2002 zugänglich gemacht. Es stammt aus der PLUM-Podiumsdiskussion vom 8. April 2008 ( “Reform des UG 2002: Retusche oder Korrektur ?“ ). Die einnehmende Verbindung von scharfsinniger Analyse und humorvoll vorbereiteter Pointe, die Schmidt-Denglers Beitraege oft strukturiert haben, zeichnet gerade auch dieses letzte uns verbliebene Dokument gemeinsamen hochschulpolitischen Auftretens aus.

Fuer die Plattform universitaere Mitbestimmung ( PLUM )
Karl Ille , Herbert Hrachovec , 11. 9. 2008

*** Nachfolgend : Die oben als “legendär” angesprochene Wortmeldung Schmidt-Denglers im Rahmen Enquete zur Weiterentwicklung des Universitätsgesetzes im Parlament | Uni-Enquete ( 3 ) : Das Leitungsdreieck und seine Akteure
( Quelle : Parlamentskorrespondenz/02/11.04.2008/Nr. 321 )

Schmidt-Dengler : Konsequente Entdemokratisierung durch das UG 2002

Univ.-Prof. Wendelin Schmidt-Dengler (Institut für Germanistik, Universität Wien) wies darauf hin, dass das UG 2002 es sich zur wesentlichen Aufgabe gemacht habe, einen Rückbau der Errungenschaften und Fortschritte des UOG 1975 zu erreichen. An diesem Gesetz war, betonte der Redner, nicht alles gut, aber das UG 2002 wurde ohne eine umfassend diskutierte Mängelfeststellung verabschiedet: “Der Kraftakt einer Regierung, die meinte, kräftig zu sein”.

Die Folge sei die konsequente Entdemokratisierung der Universität, die Abschaffung oder Zurückdrängung der Gremien, aus denen alle relevanten Entscheidungen ausgelagert wurden. Der Senat als einziges Organ, das die an der Universität Beschäftigten repräsentiert, sei weitgehend zur Passivität und zur Durchführung von Vorgängen ausersehen, die lediglich von administrativem Belang sind, so Schmidt-Dengler.

Dass der so genannte Mittelbau in diesem Gremium nur auf einer Schwundstufe begegne, sei ein “besonders skandalöser Aspekt”. Das UG 2002 weise in entscheidenden Fragen wie in der Funktion der Institute Lücken auf. “Institutsvorstände werden auf rätselhafte Weise bestellt oder auch nicht bestellt, es gibt sie oder es gibt sie nicht. Welche Kompetenzen sie haben, ist unklar. Unangenehme Entscheidungen werden ihnen überlassen oder werden ihnen in die Schuhe geschoben. Intransparenz bestimmt auch die jüngsten Entwicklungen, das Rektorat schottet sich ab, erteilt dauernd Arbeitsaufträge, die von den wichtigen Entscheidungen personaler und organisatorischer Natur ablenken oder es versucht, uns mit Kinkerlitzchen wie E-Learning zu beschäftigen”, kritisierte Schmidt-Dengler.

Seiner Ansicht nach müssen die vorliegenden Vorschläge zur Reform berücksichtigt werden. Die Kollegen an den Universitäten müssten sich wieder als “mitbestimmende und nicht bestimmte” MitarbeiterInnen fühlen.

Dem Hang zur Demotivierung müsse ein Ende bereitet werden, so der Redner.

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WERNER WINTERSTEINER : LIBERO IM LINKEN MITTELFELD

czz-pikto-blind-fuer-todDer “Wissenschaftler des Jahres“ 2007 war ein glänzender Kopf, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, den Wert eines anderen in den Schatten stellen zu wollen. Im Gegenteil, er hat aus eigenen Mitteln einen Preis für junge GermanistInnen ins Leben gerufen. Für uns junge StudentInnen in den 1970er Jahren war er der beste Lehrer von allen, der einzige, der uns ernst nahm und den auch wir protestierenden Jungspunde respektierten. Er setzte sich mit uns auseinander – aber er ließ uns auch seine Ironie spüren. Zum Beispiel, als er den Brief an eine Studentenzeitung mit den Worten begann: “Nachdem sie sich von dem schock erholt haben, dass auch ich der kleinschreibung mächtig bin, möchte ich festhalten …”

Sein Humor war eine weitere hervorstechende Eigenschaft, die ihn so beliebt machte, mit der er sich aber auch Gegner schuf – zumindest, bis er selbst zu einer Institution wurde. Und diese Institutionalisierung gelang ihm nicht nur aufgrund seiner Verdienste um die Hochkultur, sondern weil er es verstand, auch alltagskulturelle Phänomene, vor allem den so geliebten Fußball, enthusiastisch und kritisch zugleich zu kommentieren.
Ebenso liebenswürdig und humorvoll war er auch im beruflichen Umgang.

Als ich ihn bat, für das Themenheft “Fußball“ einer Zeitschrift einen Beitrag zu verfassen, antwortete er zunächst nicht, um sich dann, als ich ihn schon drängte, geschickt aus der Affäre zu ziehen: “Lieber Herr Kollege, pardon, ich habe nicht früher geantwortet, weil ich Ihnen im Herzen die Zusage schon gegeben habe. Sie haben mich ganz richtig aufgestellt, im linken Mittelfeld, von wo ich das ganze Geschehen überblicke.“

Als Libero im linken Mittelfeld, konziliant und kritisch zugleich, als jemand, der das ganze Geschehen überblickt, so möchte ich ihn auch in Erinnerung behalten. Und ihm, der uns “im Herzen seine Zusage gegeben“ hatte, dankbar sein für das, was er für uns, was er für die Literatur, was er für Österreich getan hat.

Werner Wintersteiner ( Klagenfurt ) , Institut für Germanistik

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KARL WAGNER : EINE KLAGE
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 6 - 7

czz-pikto-blind-fuer-todKalt gelassen hat er keinen, weil er nicht kalt war und kein Zyniker. Wohl aber war er sarkastisch und mit einem Witz begabt, der normalerweise für ein ganzes Institut reicht – und oft auch hat reichen müssen. Weil viele – bis heute – glauben, Humorlosigkeit sei mit Ernsthaftigkeit gleichzusetzen (oder deren Voraussetzung), hat er es nicht leicht gehabt. Von den Demütigungen des Betriebs ist auch Wendelin Schmidt-Dengler nicht verschont geblieben. Aber gegen seine Intelligenz, Belesenheit und Hilfsbereitschaft war auf Dauer kein noch so giftiges Kraut gewachsen.

Seine Schnelligkeit, für den Witz unerlässlich, hat manche, die gewohnt sind, ihre Irrtümer mit großer Pedanterie auszuarbeiten, dazu verleitet, ihn für vorschnell zu halten. In Wahrheit beherrschte er lediglich etwas, das selten ist: schnell und gut zu denken. Sein Urteil war treffsicher und nie dogmatisch; keine Rede über ihn ist törichter als das Klischee vom (österreichischen) “Literaturpapst“. In einer Studentenzeitschrift wurde er einmal als das berühmte Interpretationsduo Schmidt & Dengler bezeichnet: Tatsächlich hat das etwas sehr Einleuchtendes für uns Langsame. Angesichts seiner immensen Produktivität hat es ja auch etwas Tröstendes zu denken, es seien zwei am Werk gewesen: zumindest zwei. Und das nicht nur beim Schreiben, sondern auch bei den vielen organisatorischen Aufgaben, die zu übernehmen er sich nie zu schade war. Kein anderer hätte die Aufgaben des Institutsvorstands mit der Leitung des Österreichischen Literaturarchivs vereinbaren können; freilich habe ich ihn mitunter auch sehr müde und verloren gesehen. ( … )

Weil ein Fach wie die Germanistik einst ein Versprechen war, war und ist sie ein Massenfach, das auch höchstbegabte AbsolventInnen hervorgebracht hat, ohne dass die Gesellschaft dies gewürdigt hätte durch Berufsaussichten, Förderung und Anerkennung. Wendelin Schmidt-Dengler hat mehr als jeder andere diese strukturellen Defizite als persönliche Aufgaben zurückgespielt bekommen. Sein Einsatz für promovierte GermanistInnen ohne Stelle ist nie gewürdigt worden. Sein Versuch, strukturelle Defizite durch persönlichen Einsatz zu kompensieren, war eben so heroisch wie bewunderungswürdig – und der Melancholie günstig. Es wäre ein besonderes Experiment, wenn alle die, die von ihm einmal ein Empfehlungsschreiben oder eine Unterstützung bekommen haben, jetzt auch nur eine Dankeszeile schrieben.

Er war zu gut, um auf die Idee zu verfallen, es gäbe nur (s)eine Eigenart und Methode, mit Literatur umzugehen: Er hat sich nie auf Kosten von germanistischen Versuchen profiliert, die, im Unterschied zu seinen, nicht mit öffentlichem Beifall rechnen durften. Es war auch diese Solidarität zum Fach Germanistik, die ihn zu einer so bemerkenswerten Figur in der österreichischen Nachkriegsgermanistik haben werden lassen. Wie viele haben in seinem Windschatten die Kontroversen des Faches nicht einmal gespürt.

Seine Spezialität, die österreichische Literatur, hat er auch deshalb so glaubwürdig vertreten können, weil er nicht nur mit dieser vertraut war. Er war gewiss der belesenste Mensch, dem ich begegnet bin. Was für ein Glück, gleich im ersten Semester darüber staunen zu dürfen – und ich bin aus dem Staunen nicht herausgekommen. Er hat sich, so scheint es mir immer noch, auch alles gemerkt hat, was er je gelesen hatte. Sein Gedächtnis war jedenfalls phänomenal. Was aber noch mehr zählt: Bildungsdünkel kannte er nicht. Er wusste um seinen Wert, aber Eitelkeit war ihm fremd.

Er hat wie kein anderer dafür gesorgt, dass die Wiener Germanistik zu einem Ort für ausländische, insbesondere für osteuropäische Studierende geworden ist. Er war, wie alle wissen, ein hinreißender Lehrer; dabei hat er mich seinerzeit oft ratlos aus seinen Lehrveranstaltungen entlassen – wie froh aber war ich, dass er mich nicht mit didaktischem Billigtrost abgespeist hatte.

Schmidt-Dengler, der strikt Antisystematische, hat für die Erforschung der österreichischen Literatur Meilensteine gesetzt. Gegen die beliebte Rede von seiner Medienpräsenz und seiner Fußballbegeisterung (ja, ich war auch mit ihm im Hanappi-Stadion) sei daran erinnert: Er war ein Pionier für die Erforschung der österreichischen Literatur der 20er und 30er Jahre (und damit auch der fatalen Geschichte der Germanistik, die viele ihrer größten ideologischen Irrtümer mit ihrem Gegenstand teilte). Er war ein Pionier auch darin, die Gegenwartsliteratur zu einem Gegenstand der Wissenschaft und des universitären Unterrichts zu machen, als man in Wien und Zürich darüber noch die bildungsbürgerlichen Nasen rümpfte.

Mein erstes Proseminar bei ihm – er war noch Assistent – handelte von Thomas Bernhard, wohlgemerkt im Jahre 1971. Ihm ist auch er bis zuletzt treu geblieben: Mit Begeisterung zeigte er noch im Sommer dieses Jahres, beim Fest für Christoph Ransmayr, die Druckfahnen von Bernhards “Alte Meister“ für die bei Suhrkamp erscheinende Werk-Ausgabe. Andere Editionsprojekte wären anzufügen: Herzmanovsky-Orlando, Albert Drach oder Heimito von Doderer. Nicht alle waren gleichermaßen erfolgreich: es ist schade, dass die von ihm initiierte “Österreichische Bibliothek“ der Verlagspolitik zum Opfer fiel. Und er hat, nicht minder bedeutsam, die seit Karl Kraus bestehende Kluft zwischen der Germanistik und den Autoren der Gegenwart überbrücken können. Die Zeugnisse der Anteilnahme von den größten österreichischen Autoren und Autorinnen sind ein eindrucksvoller Beweis.

Zuletzt – und das ist in diesem Betrieb auch nicht so oft der Fall: er war mir ein Lehrer, ein Förderer und ein Freund: Was für ein Verlust, was für ein Schmerz.

Karl Wagner ( Zürich ) , Institut für Germanistik

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FRANZ SCHUH ( DIE ZEIT ) : DER ANDERE

czz-pikto-blind-fuer-todEs ist die Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern widerspricht. ” Wendelin Schmidt-Dengler hat diesen Satz von Peter Handke in einem Vortrag zitiert, dessen Titel als Frage das Lebenswerk des am 7. September im Alter von 66 Jahren verstorbenen Germanisten charakterisiert: Wozu und zu welchem Ende studieren wir österreichische Literatur ?

Schmidt-Dengler war der Anwalt dieser sanften Gewalt, und er war nicht zuletzt ein mäctiger Mann: Vorstand des Institut für Germanistik, Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich habe Schmidt-Dengler vor Jahrzehnten kennengelernt ( … ) . Damals ging das Gerücht um, es gäbe am Institut für Germanistik einen , der wäre anders. Wie sollte das möglich sein ? Mit dem Anderen fand eine von Studenten organisierte Diskussion statt, an der auch der Dichter Reinhard Priessnitz teilnahm. Priessnitz war in ästhetischen Fragen der am meisten avancierte Denker. Der Andere war Schmidt-Dengler, damals Assistent, also am Anfang angekommen. Ich durfte mitdiskutieren und quengelte gleich am Assistenten herum. Ich empfand vor dem universitären Establishment ja keinen Respekt. Hatte ich nicht in einer der Vorlesungen, in der Paula Grogger nicht zu kurz kam, gelehrt bekommen, Kafka würde ‘weltweit überschätzt” ? Bei der Diskussion mit dem Anderen ging es hoch her und am ende war klar, dieser Mann ist anders.

Wendelin Schmidt-Dengler hat durch all die Jahre die Wiener Germanistik verändert, vor allem, indem er sie der Gegenwartsliteratur öffnete. Er verkörperte einen Paradigmenwechsel, und er hat auch schon früh als Kritiker gearbeitet. Sowohl als Kritiker als auch als Gelehrter vertrat er eine philologische Rationalität: Er hat, siehe das Zitat von Handke, der Gesellschaft klar gemacht, wie politisch der Gebrauch von Wörtern ist.

Franz Schuh : Zum Tod von Wendelin Schmidt-Dengler
DIE ZEIT ( print ) 38 | 11. 9. 2008

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KLAUS NÜCHTERN ( FALTER ) : PÄDAGOGISCHER EROS

( … ) So sehr er vor dem Rundfunkmikrophon oder fallweise der Fernsehkamera mit seiner unübertroffenen Mischung aus sachlicher Seriosität und schelmischer Schlagfertigkeit zu überzeugen wusste, seine eigentliche Arena war der Hörsaal. Wo andere auf Pflichtvorlesungen und -bewusstsein angewiesen waren, um eine schüttere Studentenschaft um sich zu versammeln, da füllte Schmidt-Dengler das Audi Max spielend bis zum letzten Sitzplatz. Bei ihm wollte man nicht einfach nur einen Schein erwerben, ihm wollte man zuhören: Der pädagogische Eros, der in dieser muffigen, tageslichtlosen Atmosphäre Woche für Woche mit zähem Phlegma und hohlem Pathos zunichte gemacht wurde ( …. ) - in den mit polemischen Extempores gewürzten Vorlesungen des brillanten Rhetorikers und studierten Altphilologen ( …. ) durfte er endlich einmal sein lockiges Haupt erheben. ( …. )

In drei Jahrzehnten hat allein seine Hauptvorlesung über eine halbe Million Hörer angezogen.

Klaus Nüchtern : Eros im Audi Max - Am vergangenen Sonntag verstarb völlig überraschend
Österreichs denkbar unpäpstlicher Literaturpapst , Falter 37 | , 10. 9. 2008

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ALFRED KOLLERITSCH : [ MARGINALIE ]
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 4

Wendelin Schmidt- Dengler ist tot. Zahlreiche Nachrufre errichteten für ihn ein riesiges Wortdenkmal. Er jedoch ragt weit darüber hinaus. Seine Begeisterung für die Literatur, die andere in ihrem Amt gar nicht aufbringen können oder die mit ihrem Amt sehr oft der Literatur bloss schaden, wurzelt in seiner tiefen Naivität ( fast könnte man sie schillerisch umschreiben ), in einer ihm mitgegebenen Kraft und dürfte ich noch “begnadet” sagen, wäre mir das nur Recht.

Aus dieser Quelle schöpfe er die Kraft und de Lust ganz der Literatur zu gehören, ihr mit Überzeugung und Ehrlichkeit zu dienen und viele an die Literatur heranzuführen. Diese Liebe war verbunden mit einer ausserordentlichen Strenge, die gnadenlos jede Schwärmerei ausschloss, jeden Kompromiss und vor allem die Verhunzung der Literatur durch Ideologien. In hohem Masse förderte er das Gegenwärtige und prüfte es mit den Kriterien der Erfahrung. Noch nicht ganz Schätzbares leistete er für den Aufbau des Literaturarchivs der österreichischen Nationalbibliothek. Er schenkte dem Archiv das Gedächtnis für das Jetzt und die Zulunft der Schrift.

So sehr er zum Literaturbetrieb gehörte entkam er ihm und seinen Tücken. er war über ihn - den Literaturbetrieb - allgegenwärtig hinweg und reinigte und entgiftete die dort vorherrschenden Gepflogenheiten. Die ihm schaden wollten, die ihn nicht mochten, scheiterten an seinem Wissen, an seinem Fleiss und seiner Menschlichkeit.

Was wird jetzt gescheehen ? Wie werden seine Pläne auseinanderplatzen, was wird verschwinden, was sich verändern ? Keiner von seiner Sorte wird mehr kommen. Wer wird die schreibenden Talente erkennen, wer sie auf seine Art begleiten ? ( … )

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Henryk M. Broder - eine Heimsuchung Hildegards von Bingen ?



||| HL. HILDEGARD | DER HILDEGARD- VON- BINGEN- PREIS | POLITICALLY INCORRECT | DIE ACHSE DES GUTEN : NEOCONS AUS DEM GEISTE ‘68 | KEIN SCHWEIN | … UND DIE HEILIGE HILDEGARD ? | KLANGAPPARAT

HL. HILDEGARD

Hildegard von BingenHildegard von Bingen ( ca. 1098 bis 17. 9. 1179 ) : In lexikalischer Verkürzung gilt die Heilige als einflussreiche Mystikerin , deren Visionen in illuminierten Büchern “Liber Scivias Domini” ,”Liber Vitae Meritorum” sowie “Liber Divinorum Operum” ) sowie als Streiterin wider die Verweltlichung des Klerus .

Die Äbtissin des Benediktinerklosters Rupertsberg bei Bingen ist heute noch am ehesten als Autorin der heute von Esoterikern gleichwie von Kulturhistorikern geschätzten natur- und volksmedizinischen Heilbücher “Causae et Curae” bzw. “Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum” ( “Buch über das innere Wesen [ Beschaffenheit und Wesen ] der Heilkraft ) der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen” bekannt sowie für die von ihr überlieferte Sammlung geistlicher Lieder , “Symphonia armonie celestium revelationum” .

Wie mögen all diese aus Brockhaus , Meyer und Wikipedia kompilierte Daten mit dem Umstand zusammen hängen , dass ausgerechnet der bekennende Anti- Islamist, Anti- Zionist , ja bisweilen gar das Provokationsschlachtross eines jüdischen Antisemitismus reitende ex- linke Publizist Henryk M. Broder im Jahr 2008 den Hildegard- von- Bingen- Preis zugesprochen erhielt ?

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DER HILDEGARD- VON- BINGEN- PREIS

Hildegard von Bingen PreisDer “Tagesspiegel” , als dessen stets für kraftige Erregungen dienlicher Kolumnist Broder fungiert , berichtet am 18. 7. 2008 :

Mainz - Der Publizist und Schriftsteller Henryk M. Broder erhält in diesem Jahr den Hildegard- von- Bingen- Preis für Publizistik. Das teilte das Kuratorium des Preises am Freitag in Mainz mit. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird von der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz seit 1995 an Journalisten und Publizisten vergeben, “die sich in besonderer Weise verdient gemacht haben“. Der 61-jährige Broder arbeitet für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und den Tagesspiegel und ist Autor mehrerer Bücher. Er erhält die Auszeichnung am 13. September in Mainz.

Im vergangenen Jahr ging die nach der Mystikerin und Gelehrten Hildegard von Bingen (um 1098 bis 1179) benannte Auszeichnung an den Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Giovanni di Lorenzo. Zu den bisherigen Preisträgern zählen auch der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier, der Reporter und Buchautor Peter Scholl-Latour sowie die Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger.

Wir komplettieren in|ad|ae|qu|at die Liste der bisherigen Preisträger :

Maybrit Illner , Claus Kleber , Harald Schmidt , Joachim Kaiser , Joachim Fest , Johannes Gross , Gabriele Krone-Schmalz , Walter Kannengiesser sowie Helmut Markwort . Letzterem - der als alleiniger Preisrichter fungierte - verdankt Broder übrigens bereits den Ludwig- Börne-Preis 2007 . Eine Entscheidung für den “geborenen Polemiker“ [ ? sofern dies ontogenetisch überhaupt möglich ist ? ] , welche Jedem , der auch nur eine Zeile Börne gelesen hat , sofort einleuchtet .

Hilfreich zum Verständnis des Zustandekommens der Kür eines einstmals originellen und streitbaren , mittlerweile allerdings zum unflätigen anti- islamistischen und -liberalen Hassprediger mutierten Publizisten mag dabei sein , dass das Wahlkuratorium des Hildegard- von- Bingen- Preises für Publizistik aus dessen bisherigen Preisträgern besteht . Schlagen wir die Satzung und Begründung des Preises nach , erfahren wir Folgendes :

Der mit 5.000 Euro dotierte Hildegard- von- Bingen- Preis zeichnet ein Lebenswerk oder eine große, umfassende publizistische Leistung aus. Er soll ‘die Pluralität im Chor der Meinungen’ fördern und Frauen und Männer ehren, die ‘nicht ohne Zivilcourage ihr Bild von der politischen, sozialen und kulturellen Welt‘ besonders markant weitergeben.

Gewürdigt wird damit eine herausragende, die Gesellschaft prägende publizistische Leistung.

Dabei verweist die Namensgeberin nicht nur auf den regionalen Bezug zu der den Preis auslobenden Körperschaft, sondern vor allem auf die zu ihrer Zeit Weg weisende publizistische Arbeit der Hildegard- von- Bingen im Hochmittelalter.

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POLITICALLY INCORRECT

PI logoDiese sogenannte “Pluralität der Meinungen” , vorgetragen in beispielloser “Zivilcourage” : Mehr noch in den per Print und im TV unter fremdredaktioneller Aufsicht publizierten Glossen und Suaden lässt sich des Broders Kern in allen Formen des lexikalischen und argumentativen UNTERGRIFFS studieren : Sowohl in Broders eigenem Kollektiv- Blog “Die Achse des Guten” als in dessen Gastkommentaren in Stefan Herres “Politically Incorrect” [ Policy : "Gegen den Mainstream" , "Proamerikanisch und -israelisch" , "Grundgesetz und Menschenrechte" und last , but surely not least : "Gegen die Islamisierung Europas" *] wird mit provokativem Unflat nicht gespart .

[ * Im November 2007 schreibt Stefan Herre : PI sei in den drei Jahren seines Bestehens "zum grössten politischen Blog in deutscher Sprache herangewachsen und informiert derzeit täglich 20.000 Leser. Das hat mir natürlich nicht nur Freunde, sondern auch erbitterte Feinde eingebracht. Aufgrund massiver Morddrohungen gegen mich, meine Familie und sogar meine Eltern, übergebe ich 'Politically Incorrect' an einen neuen Besitzer im Ausland. - Dafür meldet sich Herre per 1. 7. 2008 mit neuer HP und Lincoln Zitat cowboybehütet zu Wort : "Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt ..." ]

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DIE ACHSE DES GUTEN : NEOCONS AUS DEM GEISTE ‘68

Achse des Guten logoIn der WELT hatte “Achse”- Koautor Hannes Stein 2005 sogar die Stirne , das Blog der Seinen

als “Zentralgestirn” der quasi in den Untergrund abgedrängten “Amerikafreunde” zu bezeichnen und die Community der pro- amerikanischen resp. : pro-israelischen Blogger als neues Samizdat auszurufen . So viel Gutheit in einem von Rot- Grün geschürten Klima des Anti- Amerikanismus ?! - Vgl. Dazu Philipp Dudek in der taz : Wohin sind denn hierzulande nur all die streitbaren Freunde der USA verschwunden ? Ins Internet , ach so.

Thomas Rothschild , dem die Aporien der Linken in dern zurückliegenden Jahrzehnten nicht verborgen geblieben sind , steuert eine unauferegte Herleitung der Neocons aus dem Geist von ‘68 anlässlich des Verleihung Börne- Preises an Broder bei :

Der Ludwig-Börne-Preis wird von jeweils einem einzigen Juror vergeben, und das war in diesem Jahr der Herausgeber und Chefredakteur des Magazins Focus, Helmut Markwort, dem man gewiss nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als ausgewiesenen Verfechter eines militanten Konservatismus charakterisiert. ( …. )

Als ich Henryk M. Broder vor knapp 40 Jahren kennen lernte, trat er als wohltuend frecher, gescheiter Provokateur auf, der formidabel in die Landschaft der 68er-Rebellion passte. Er liebte es, Tabus zu brechen, vor allem die herrschenden Tabus der restaurativen Gesellschaft, in der sich alte Nazis ungeniert breit machten und Spießer das Sagen hatten. ( … )

Inzwischen aber hat sich in Broders Kopf ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Es existiert ein weit über Broder hinausgehendes Phänomen, das der genaueren Untersuchung bedürfte. In den Jahren des Nationalsozialismus, aber auch schon davor, gab es unter jüdischen Intellektuellen eine Tendenz, mit der Linken zu sympathisieren, ja in kommunistische Parteien und andere Organisationen der Arbeiterbewegung einzutreten, weil diese die konsequentesten Gegner der Nazis waren und somit auch des Antisemitismus unverdächtig zu sein schienen. Als dann der lange verdrängte Antisemitismus in der Sowjetunion und - im Zusammenhang mit dem Rajk- oder dem Slánsky-Prozess - in deren Satellitenstaaten erkennbar wurde, als sich zudem im Kalten Krieg die ursprünglich positive Haltung der UdSSR gegenüber Israel zu einer antizionistischen Position umzukehren begann, gerieten viele von diesen Juden in einen Loyalitätskonflikt.

Solch einem Konflikt ist Broder offenbar erlegen, als er in seiner deutschen Umgebung den “linken Antisemitismus” zu entdecken meinte. Nun wäre es borniert, wollte man leugnen, dass es auch unter Linken antisemitische Ansichten und Äußerungen gibt. Aber für Broder wurden sie - ungeachtet des ungebrochenen Einflusses alter und neuer Nazis - zum zentralen Objekt seiner Angriffe. Als er dann bald zur Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus gelangte, war es nur noch ein kurzer Weg zum Vorwurf des “jüdischen Antisemitismus” gegenüber Juden, die seine Einschätzung der Politik Israels nicht teilten. ( … )

Aber warum muss die Ablehnung des Antizionismus einhergehen mit einer bedingungslosen Apologie des Kapitalismus, den Broder in seiner Jugend durchschaut hatte? Warum muss sie einhergehen mit der Befürwortung sozialer Kälte, dem Kotau vor den USA und der Hetze gegenüber dem Islam? Gewiss wurden diese Begleitmelodien nicht in Hinblick auf den Luwig-Börne-Preis intoniert. Aber sie dürften ganz wesentlich dazu beigetragen haben, die Zuneigung von Helmut Markwort zu erobern. Die Zuneigung des Focus-Chefs für einen Mitarbeiter des konkurrierenden Spiegel immerhin. ( … )

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KEIN SCHWEIN

Aus der Perspektive einer jüngeren Generation sah dies die Netzzeitung schon etwas gelangweilter:

Und auch in der Vision von einem Islam-beherrschten Europa der Zukunft fällt ihm außer den zu erwartenden Verboten von Schweinefleisch, Sexkinos und Bikinis nichts ein. Ja, der Islam, im Moment entzündet sich hier sein Furor. Eine seiner Lieblingsgeschichten: Britische Banken haben keine Sparschweine abgeschafft aus Rücksicht auf Moslems! Die Story, die 2005 durch englisch-sprachige Medien geisterte, war eine schlichte Ente, vom australischen Fernsehsender ABC längst enttarnt.

Broder hat damit auch das kommerzialisierte Weblog ‘Die Achse des Guten’ bestückt, das er mit dem Autorenteam Maxeiner & Miersch betreibt. Die Achse trägt akribisch zusammen, was die katastrophalen Folgen von Gutmenschentum und Political Correctness für die zivilisierte Welt beweist. Die wirklich «Guten» munitionieren sich hier für ihre Schriften. Aktivster Sammler: Hendryk M. Broder.

Lassen wir die mit allen Mitteln der gegenseitigen Verstänkerung betriebene Privatfehde zwischen dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier ( 1 , 2 , 3 ) und der Fraktion “PI- DADG- Broder” ( 1 , 2 - Nachdruck bezeichnenderweise in der WELT , 3 ) als Profilierungsduell beiseite .

Auf ästhetisch wie intellektuell höchst differenten Niveaus beobachten Seiten wie “Der Spieglefechter” ( “Rechtspopulisten unter sich” , “Tabubruch reloaded” oder Erhard Arendts “… selber schuld , wenn Sie so schreiben Henryk M. Broder !” Broders ( blog- ) publizistische Umtriebe . Auch Thomas Knüwer ist in anderem Zusammhang die “sinkende Schamgrenze” Broders aufgefallen .

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… UND DIE HEILIGE HILDEGARD ?

Hildegard von Bingen Liber Divinorum OperumWarum allerdings ein Publizist , dessen ( satirisch getarnten ) Tiraden regelmässig weit unter die Gürtellinie greifen - so wird aus Jürgen Todenhöfers Versuch , den Irak- als Angriffskrieg vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen bei Broder die “Achse des Guten“- Schlagzeile : “Hodentöter will es wissen” , Sefan Niggemeier wid abwechselnd als “Schweinchen Schlau” , “die Laus die brüllte” tituliert .

Warum ein Journalist , welcher derart regelmässig mit faulen Eiern wirft , ausgerechnet mit dem nach einer grossen Ethikerin und Heiligen benannten Preis ausgezeichnet werden sollt , ist kein , sondern nimmt Wunder .

Vielleicht lässt sich da nur in Hildegards eigenen Worten replizieren . In der Sammlung “Heilwissen” schreibt sie “Vom Wasser” :

… Sumpfwasser, wo auch immer auf der Erde es sei, ist ganz wie Gift; denn es hat in sich die werthlosen und schädlichen Feuchtigkeiten der Erde und den giftigen Geifer der Würmer. Dies ist ganz schlecht zum Trunk und überhaupt zum Gebrauch der Menschen und kann nur zum Waschen dienen, wenn man es hierzu nehmen muss. Wer es aber aus gänzlichem Mangel an anderm Wasser trinken will, muss es vorm Genuss erst kochen und dann abkühlen lassen;

P. S. Ob die Auspreisung etwas mit Broders jüngster Konversion zum Islam ( ! ) zu tun haben könnte ? - Weiss der Teufel !

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KLANGAPPARAT

Lange vernachlässigt , endlich wieder zurückgefunden : Das japanische Netlabel BUMP | FOOT ( dessen generischem Splitmodell seither viele czz-hoerempfehlunggefolgt sind ) bringt mit “Tuesday Morning Huricane” eine ebenso nachdenkliche wie kraftvolle Vexation in die tristen Kulissen dieser sommerlichen Regentage . Instrumental International für Fortgeschrittene - mit selten geglücktem Einsatz digitaler Streicher . Schöpfer dieser Sounds einer urban tristesse mit sanften Achtziger- Alusionen ist Jupiter Makes Me Scream aka Kafka aka Karolis Buržinskas aus Litauen , der - tröstlich genug - Musik auffasst als eine fortschreitend zu erkundende “science of soul” . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Alinai ( 3:16 ) | 02. Picture ( 2:03 ) | 03. Routine ( 3:28 ) | 04. Sunshine Radio ( 3:52 ) | 05. This Girl ( 2:24 ) |||