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“Der letzte Professor” : Karl Wagners Wiener Rede für Wendelin Schmidt-Dengler



||| GERETTETES GEDENKEN | DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU” | DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008 | RELATED

GERETTETES GEDENKEN

czz-pikto-blind-fuer-todAm 7. September ist der Wiener Germanist , charismatische Lehrer und in jeder Hinsicht förderliche Fürsprecher gegenwärtiger Literatur , Wendelin Schmidt-Dengler , fürchterlich überraschend verstorben . Die volatilen Worte der öffentlichen Personen waren rasch verweht . Umso nachhaltiger ist inzwischen die für “Nachrufe und Erinnerungen” eingerichtete Webseite des Instituts für Germanistik angewachsen : Die Zusammenschau der verschiedensten Stimmen mag einen Eindruck von der ausserordentlichen Vielseitigkeit und Wirkkraft des unorthodoxen Gelehrten gewähren .

Auf 31. Oktober war die offizielle Akademische Gedenkfeier im Grossen Festsaal der Universität datiert . Dort , wo sonst die talargeschmückten Rituale von Promotionen unter lateinischen Formeln den Anverwandten Tränen der Rührung in die Augen treiben , fand man sich betreten zusammen . Und mochte seinen Ohren kaum trauen , als der Dekan im säuselnden Flughafen- Durchsage- Sound eine geistfreie Serie von Sätzen aneinander reihte . - Eine unfreiwillige Selbstparodie akdemischer Routine , welche den Ernst des Verlustes nur umso stärker bekräftigte .

Für einen kurzen Moment hatte sich - wie auch die “Frankfurter Rundschau” bemerkte - die Mechanik der Institution unverstellt gezeigt . Und genau in diese Fuge zwischen institutioneller “Lehre” und “Leere” fuhr Karl Wagners Rede wie ein scharfes Beil hinein . Scheute sich nicht , Namen und Nachrichten von Nöten zu nennen und nahm die Universität coram publico in die Pflicht , in und unter Schmidt-Denglers Namen mittels eines Stipendiums geistesgegenwärtige Forschung zu fördern .

Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT

  1. Julia Kospachs Bericht in der “FR” vom 3. 11. 2008
  2. Karl Wagners Rede für Wendelin Schmidt-Dengler und wider den Ungeist der Institution ( mit Dank an den Autor für die vertrauensvolle Übermittlung der Textfassung ) .

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DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU”

czz-pikto-blind-fuer-todHerr mit Spielraum - Zur Gedenkfeier für den Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler an der Universität Wien ( Julia Kospach , FR , 3. 11. 2008 )

( … ) Schmidt-Dengler, der Anfang September überraschend mit 65 starb, las stets vor vollen Sälen. Acht Wochen ist es her seit seinem Tod. Jetzt sei klar, sagt sein Nachfolger als Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik: “Die Löcher, die gerissen worden sind, lassen sich nicht so einfach schließen”. Seltsamerweise hatte man mit “stopfen” gerechnet. Vielleicht weil der Festsaal so vollgestopft ist. Schmidt-Dengler füllt noch einmal spielend einen großen Saal.

“Wendelin, dem unermüdlichen Dengler” steht auf einer, auf eine Leinwand projizierten Zeichnung des dichtenden Architekten Friedrich Achleitner, der hier für seinen toten Freund ein paar seiner sprachverspielten Kurz-Prosatexte vorliest. Er sorgt für den feinen Humor, für den sonst Schmidt-Dengler zuständig war. “Ich vermute, so schnell wie Wendelin redete, konnte er auch zuhören”, sagt Achleitner.

Seine Zeichnung zeigt, in wenigen Strichen, unverkennbar Schmidt-Denglers runde Brille und seine freundlichen Hamsterbacken. Der Gezeichnete hält einen kleinen Hammer in der Hand. Schmidt-Dengler dengelt. Schmidt-Dengler, dessen Name allein “der Reduktion schon einen gewissen Widerstand” entgegengesetzt habe. So sagt sein langjähriger Kollege, der Germanist Karl Wagner, in einer herrlichen Rede, die eine hinreißende Liebeserklärung an Schmidt-Dengler ist und eine schallende Ohrfeige für die Institution Universität, die ihren Weltklasse-Gelehrten mit Stolpersteinen versorgte, ihm seine Gewandtheit und Beliebtheit verübelte und neidvoll auf sein uneitles Tausendsassatum blickte.

Wagner spricht mit W.B.Yeats - “no marble, no conventional phrase” -, und er geißelt die Fertigrhetorik der Universität, die zu Beginn der Feier in der Ansprache des Dekans der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät einen lupenrein dahingeleierten Auftritt absolviert. “Dieser Verlust ist einfach unersetzlich”, singsangt der Dekan, als wär’s die hundertste Vorrede zu einer der steifen Promotionsfeiern, die sonst hier stattfinden. Und weil ihm auch wirklich gar nichts einfällt, sagt er dann noch “Wendelin Schmidt-Dengler fungierte als langjähriger Institutsvorstand, und als solcher ist er ja auch verstorben.” Augenverdrehen im Publikum.

Schmidt-Dengler war hunderterlei gleichzeitig: Als Ermöglicher, Unterstützer und Vermittler von Literatur und germanistischer Forschung stürmte er wie ein Irrwisch durch die literarische Landschaft, immer in Eile, immer höflich, “ein Herr”, wie Karl Wagner sagt, aber nicht um des Habitus des Herren willen, sondern wegen des sich dadurch eröffnenden Spielraums. Schwindeln könnte es einen angesichts des Arbeitspensums dieses Mannes, das hier noch einmal von Kollegen, Studenten, Freunden aufgezählt wird.

In der Pension, die er nicht mehr angetreten hat, wollte er sich endlich einmal ausführlich Dantes “Göttlicher Komödie” widmen, hatte er vor Kurzem in einem Interview gesagt. “Die studiert er jetzt womöglich vor Ort”, sagt eine Frau beim Rausgehen ohne jede Ironie zu einer anderen. Was hatte Schmidt-Denglers Freund Friedrich Achleitner gerade noch vorgelesen ? “Auch das Endgültige hat ein Hintertürl.”

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DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008

czz-pikto-blind-fuer-todEs gibt keinen Trost. Ich werde daher, um mit dem russischen Dichter Joseph Brodsky zu sprechen, auch keine magere Rede “nach oben schicken / in Richtung der altherkömmlich stummen Gebiete”, wie es in seinem “Wiegenlied von Cape Cod ” heisst.

Unübertroffen bleibt also weiterhin das berühmte Epitaph, das sich William Butler Yeats für sein eigenes Grab im Friedhof von Drumcliff, am Fusse des wie ein gekentertes Boot daliegenden Bergrückens Ben Bulben gedichtet hat: “Cast a cold eye / On Life, on death, / Horseman pass by”, verbunden mit der Anweisung: “No marble, no conventional phrase.”

Ein anderer berühmter Lakonismus, der auch nicht in Erfüllung gegangen ist, stammt von William Faulkner, der dieses gewünscht hat: “It is my aim … that the sum and history of my life … shall be …: He made the books and he died.”. Im Blick auf Wendelin Schmidt-Dengler, dessen langer Name - selbst ohne Titelei - der Reduktion einen gewissen Widerstand entgegensetzt, könnte das Lakonische so lauten: “Er hat gesprochen und er ist tot.” Vielleicht darf ich hier noch Heimito von Doderers Satz über den Dichter anfügen, den Wendelin so gern zitiert hat wider den Künstlerkult: Dieser sei nämlich “ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhause begegnet”.

So eine Verkürzung überhaupt zu denken, ist nur bei einem möglich, von dem man weiss, dass von ihm durch noch so radikale Reduktion etwas bleibt: etwas, das gerade durch die Reduktion ausgesprochen und verstärkt wird. Für uns Gewöhnliche ist eher das blow up des Nachrufs tauglich und beliebt, das aus der Mücke einen Elefanten macht. Deshalb sind die konkreten Ausprägungen dieses Genres fast immer unangenehm, geheuchelt und verlogen.

Und deshalb ist das Schweigen auch so berechtigt; allerdings nur dann, wenn es nicht insinuiert, damit die wahre Trauer zu sein. Berufungen auf Elfriede Jelinek sind jedenfalls unstatthaft; denn wenn ihr auch die Worte zu seinem Tod gefehlt haben, hat sie immerhin nicht vergessen anzufügen, dass ihm, Wendelin Schmidt-Dengler, in einer solchen Situation die Worte auf keinen Fall gefehlt hätten.

So ist es. Dass mit Trostlosigkeit nichts zu gewinnen sei, war ein Credo, das er mit Fontane gemeinsam hatte und das beide zu unglaublicher Produktivität befähigt hat. Was natürlich für keinen von beiden (und von uns) Ilse Aichingers radikalen Satz auszulöschen vermag: “Positiv denken ist das Gegenteil von Denken”.

Ich habe nicht im Geringsten die Absicht, hier und jetzt mit dem Gestus des Abschliessens zu sprechen - in mehrfachem Sinne wäre das zu früh und auch pietätlos. Trauer ist keine Sache von Schnelligkeit; das darf man gerade dann sagen, wenn einer gegangen ist, der es mit dem Davongehen viel zu eilig hatte. Ich wünsche also der Wiener Universität, womöglich zum Schrecken ihrer Funktionäre, dass ihr dieser begnadete Mann noch lange zu schaffen macht.

Zweifellos wird diese Institution noch einige Zeit brauchen, um zu begreifen, dass sie nicht einen “Formulierungskünstler” verloren hat, wie sie in einer ersten sprachlosen Reaktion und garantiert ohne jede Einfallskunst verlauten liess, sondern einen international geschätzten und gesuchten Gelehrten. Einen also, den sie in ihrer desperaten und selbstgefälligen wie auch inflationären Fertig-Rhetorik ständig als Leitbild verkündet hat, ohne zu merken, dass sie in Wendelin Schmidt-Dengler längst schon einen hatte, der dies wirklich war. Und vor allem auch ohne auf die Idee zu kommen, ihm dies als Anerkennung zuteil werden zu lassen, womöglich vor dem Tod.

Zu diesem Verkennen mochte beigetragen haben, dass man sich “Weltklasse” wohl etwas zu willfährig und weniger unbequem vorgestellt hat; oder vielleicht auch nur etwas eitler und gerade in diesem Narzissmus allzu berechenbar ?

Mit solchen Wahrnehmungsmustern konnte man “naturgemäss” nicht auf einen wie Schmidt-Dengler verfallen, der das Unvorhergesehene liebte und zu überraschen verstand. Die Kunst des Einfalls statt des Rituals der Routine war sein Elixier: das machte ihn so überzeugend als Lehrer, als Wissenschaftler und als Person.

“Naturgemäss” ergibt das auch Friktionen mit dem Institutionellen. Es ist aber angezeigt zu bemerken, dass Schmidt-Dengler gerade dadurch die Dauer und Haltbarkeit von Konventionen und Ritualen zu erhöhen wusste. Statt mit dem Bruch der Routine, frei nach Kafka, lediglich eine neue zu begründen, setzte er auf den Reiz der Reibung. Je weniger die Institution das kapiert hat, desto mehr reizte es Schmidt-Dengler, selbst zu einer Institution zu werden: Das ist die subtilste Rache an einer Institution. Und sie ist ihm gelungen. Seine vielen Jahre als Institutsvorstand sind ja nur als eine Vorkehrung gegen die Zumutungen der Umständlichkeit und der Bürokratie wirklich zu begreifen - und vor allem auch gegen die Demütigungen durch kollegiale Herrsch- und Eifersucht.

In diesem Sinne darf man sagen: Schmidt-Dengler fehlt, wie jede gute Institution fehlt - man bemerkt es erst, wenn sie nicht mehr da ist. Das Unkonventionelle innerhalb der Konvention - zum Beispiel die Höflichkeit und das Abstandhalten (nicht die “Krankheit der Distanz”, wie Thomas Bernhard einmal über sich selber gesagt haben soll) - ist gerade in einer Einrichtung wie der Universität nichts Einfaches. Keiner konnte es ihm auch darin gleichtun. Umso überraschender lesen sich die Nähe-Erlebnisse der Nachrufenden.

Obwohl Wendelin Schmidt-Dengler viele Bücher geschrieben und noch mehr angestiftet, befördert und bevorwortet hat, ist für ihn als Wissenschaftler und Schreiber - anders verhält es sich mit dem Leser - das Buch nicht das charakteristische Medium. Etwas viel Flüchtigeres nämlich, das gesprochene Wort, seine Stimme und seine sokratischen Fähigkeiten, machen sein Unvergängliches aus. Wenngleich auch geschrieben und ausformuliert, war die Vorlesung und die Rede (in allen universitären oder sonstwie öffentlichen Formen) sein eigentliches Terrain.

Dass er wie “gedruckt” reden konnte, ist in einem Land, wo die Kunst der öffentlichen Rede so danieder liegt, dass jeder halbwegs begabte Provinzdemagoge zum Popstar wird, lediglich eine Floskel, die vom Entscheidenden ablenkt: Sein Geschriebenes ist nämlich vor allem anderem geschriebene Mündlichkeit - somit eine gute Vorkehrung gegen das Gespreizte, das Unverständliche oder das akademische Imponiergehabe mit seiner Phrasenhaftigkeit und seinem Sprachbeton. Mit dem Flüchtigsten, seiner Stimme, wird er uns immer im Gedächtnis bleiben.

Dass die Universität, nicht nur die Wiener, so wenig darauf gibt, ist unverzeihlich: die Reaktionen auf Schmidt-Denglers Tod zeigen jedoch, dass das sokratische Erbe, der logos spermatikos, am unverwüstlichsten ist. Es kann nur nicht in pädagogisch-didaktischen care-Paketen verwaltet werden. Es ist eben so erstaunlich wie ermutigend, dass sich das Untrennbare von Wissenschaft, Lehre und Person - das Besondere also an Schmidt-Dengler - mit den Worten Leo Spitzers, eines anderen weltberühmten Philologen aus Wien, immer noch am präzisesten beschreiben lässt:

Und schliesslich ist, wie ich glaube, das wissenschaftliche Objekt doch letztlich nur jenes Medium, in dem die Geister der Lehrenden und Lernenden sich treffen - ein Mittel dazu, dass Menschen zueinanderkommen, weil sie direkt auf dieser Welt so selten zueinander können. Ziel der Wissenschaft ist doch letztlich nicht bloss die Sache, sondern “der Mensch”, der Mensch mit seiner Sache, der Sache, die er vertritt, der Sache, der er bedarf, um sich hienieden zu behaupten […] Ein grosser Romanist [sc. Spitzer war von diesem Fach] - das ist für mich nicht nur, wer ein Kompendium des Wissens zu bieten hat, sondern wer sein Gebiet seinem Publikum “vorzulegen”, “darzuleben” versteht”. ( Spitzer, Meisterwerke, 4 ).

Schmidt-Dengler hätte diesen etwas herrischen Gestus gemieden, gerade weil er ein Herr war, wie keine Berufenere als Daniela Strigl zu sagen wusste. In gewisser Weise war er wirklich der letzte Professor, dem man diese Rolle noch abgenommen hat; er hat sich zu dieser Rolle in ein Verhältnis gesetzt, das nicht nur ironisch war: Er wollte nämlich nicht den Habitus, sondern den Spiel-Raum dieser Rolle retten. Von der Art und Weise, wie er diesen Spiel-Raum nicht für sich, sondern für andere genützt hat, wird noch zu sprechen sein, nicht nur heute.

Ich möchte mit einem (womöglich gar nicht vollständigen) Momentbild - was weiss man schon, wenn man in Zürich ist ? - das nicht untypisch ist für Wendelin Schmidt-Denglers Arbeitsethos, seine Produktivität und seinen sokratischen Nimbus andeuten, wie einer gearbeitet haben muss, um jene Präsenz zu erzeugen, die viele bewundern - und einige verabscheuen, weil sie irrtümlich glauben, diese Präsenz sei ihm geschenkt worden.

Am Tag vor seinem plötzlichen Tod am 7. 9. 2008 erschien in der Wochenendausgabe des “Standard” Schmidt-Denglers Gegenrede zum üblich gewordenen Lamento über die nicht- oder nicht mehr lesenden Studenten; jeder von uns hat in diese schon einmal eingestimmt, auch er; und jeder von uns ist einmal, als Student, Adressat dieser Klage gewesen. Denn es wurde schon immer nicht mehr gelesen, jedenfalls in den Augen der Kulturkritiker.

Im September dieses Jahres erschien in der zweimonatlich erscheinenden Literaturzeitschrift “kolik” seine Laudatio auf Ann Cotten, aus Iowa stammend, in Wien aufgewachsen und jetzt in Berlin lebend. Sie hat hier in Wien Germanistik studiert und bei Schmidt-Dengler ihr Studium abgeschlossen. Die Laudatio von Wendelin Schmidt-Dengler auf das furiose Debüt dieser Autorin - “Fremdsprachensonette” in der edition suhrkamp - beweist, dass er nicht nur an der Universität Wien am Platz war, sondern auch auf den Plätzen draussen. Nur einen hat er da wie dort gemieden: den Gemeinplatz, etwas also, das in Österreich einen bedrohlichen Nebensinn entwickeln kann.

Und schliesslich erschien in jenen traurigen Septembertagen auch seine “Presse”- Rezension von Ruth Klügers Fortsetzung ihrer Autobiographie, die den Titel “unterwegs verloren” trägt. In diesen Erinnerungen kommen Wien, die Wiener Universität und insbesondere auch das Institut für Germanistik nicht so vor, wie es die erwähnte institutionelle Strahle-Rhetorik gern hätte. Nebenbei gesagt: Es stünde den Universitäten, nicht nur der Wiener, gut an, wenn sie mehr auf die Bilder achteten, die sich die Schriftsteller von ihr bzw. von ihnen machen. Vertriebene Nobelpreisträger aufzubieten, ist dagegen in jeder Hinsicht ein Gemein-Platz. Schmidt-Dengler hat in seiner Rezension von Klügers Buch etwas gemacht, das er wie kein anderer beherrschte: durch Höflichkeit und Takt etwas zu retten, was sonst verloren gegangen wäre. In diesem Fall: die Verbindung Ruth Klügers zu dieser Institution, die ihr so fremd geblieben ist und in der sie nicht das fand, was österreichische Politiker und Professoren, insbesondere ohne Augenschein, so schnell finden, ohne dann einen Finger zu rühren, um vergleichbare Möglichkeiten zu schaffen: die amerikanische Ivy League. Schmidt-Denglers grandezza in dieser Besprechung erwies Ruth Klüger nachträglich ihren Respekt:

Ich weiß, es war das Letzte, was er gemacht hat. Er war ungeheuer großzügig, wenn man bedenkt, dass ich in dem Buch ja über sein Institut ziemlich hergefallen bin. Ich war gerührt und beschämt.

Hinzufügen möchte ich noch, obwohl der betreffende Band noch nicht erschienen ist, Schmidt-Denglers Arbeit an der Edition von Thomas Bernhards Werken, zuletzt: an dessen Roman “Alte Meister“. Denn damit ist, in jeder Hinsicht, die Arbeit an einem philologischen Lebenswerk bezeichnet.

Allein die Vielgestaltigkeit dieser letzten Arbeiten beweist, dass hier einer am Werk war, der Verschiedenes zur gleichen Zeit tun konnte, während die meisten von uns nicht einmal mit dem einen zurande kommen. Neid ist in einem solchen Fall ein nahe liegendes Gefühl; und er bekam ihn auch zu spüren. Wenn man schon selber die eine Rolle falsch spielt: wie muss erst einer sein, der mehrere Rollen zur gleichen Zeit beherrscht. Es ist eine Tragödie, dass in dieser akademischen Welt verlernt wurde, theoretische Gegensätze nicht als persönliche auszutragen: Undenkbar wäre heute, jedenfalls hier, eine Widmung à la Spitzer, die dieser, übrigens an die erste habilitierte Romanistin, Elise Richter, geschrieben hat: “in verehrungsvoller Gegnerschaft”.

Eine Trauerrede ist aber, wie mir die Selbstzensur sagt, nicht der Ort für Gedanken darüber, wie eine Institution mit Menschen umgeht; gar nicht zu reden von der Art, wie die Menschen in der Institution Universität miteinander umgehen. Das traditionell idealistische Sprechen über die sänftigende Wirkung von Literatur hat es nicht leicht an einem Institut für Literatur in dieser oder jener Sprache.

Natürlich durfte und darf man an Schmidt-Denglers Art und Weise, Literaturwissenschaft zu betreiben, auch Kritik üben. Er war in der Selbstkritik, die unter den Vorzeichen der Weltklasserhetorik zu einem auszurottenden Stigma geworden ist, den Opponenten auch darin eine Nasenlänge voraus. Wie alle, die nur eines können, haben sie seinen Umgang mit den Medien verabscheut, in denen sie selber nur zu gern vorgekommen wären. Und natürlich war der Konflikt zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik auch für ihn ein Problem. Vielleicht kann man als grösstes Kompliment sagen: nie hat er den Elfenbeinturm an die Plätze verraten, während viele, ohne Kontakt mit den Plätzen, den Elfenbeinturm preisgegeben haben, dessen Lob dereinst kein Geringerer als der berühmte Kunsthistoriker Erwin Panofsky in der amerikanischen Emigration angestimmt hat.

Für diejenigen, die Doppelrollen nicht kennen, stellte sich, naturgemäss nicht im eigenen Fall, diese frei nach Robert Walser formulierte Frage: Ists nicht mehr Wissenschaft, was Du da treibst ? - Schmidt-Dengler hat für diese Doppelrolle anlässlich der Auszeichnung als “Wissenschaftler des Jahres 2007 die wunderbare Formulierung gefunden: “Ich sitze gern zwischen den Stühlen und springe schnell auf”. Man darf annehmen, dass dies keine nur bequeme Position war.

Ich will aber nicht nur diese hinfälligen Sätze sagen, die im Augenblick auch schon wieder verrauschen. Ich möchte die öffentlichen Institutionen dieses Landes und dieser Stadt - vor Zeugen - an- und aufrufen, Wendelin Schmidt-Dengler dauerhaft zu ehren. Und ihm so auch dafür zu danken, dass er diese Universität, diese Stadt und die Literatur dieses Landes in der Welt bekannt gemacht hat.

Die Universität und die Stadt Wien mögen also übereinkommen, ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium ins Leben zu rufen. Ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium für junge osteuropäische Doktoranden und Doktorandinnen, damit diese hier in Wien ihre Forschungen zur österreichischen Literatur und Kultur vorantreiben können.

Es schiene mir angebracht, wenn die Öffentlichkeit darüber wachte, dass dieser Vorschlag Wirklichkeit wird.

Es bleibt freilich dabei. Es gibt keinen Trost. “Gerettet sind wir / durch nichts / und nichts / bleibt für uns”. Wann, wenn nicht jetzt, wären von diesem Dichter, Ernst Meister, meine Lieblingsverse zu zitieren ?

UND BIS ZULETZT
zärtliche Wissenschaft.
Das Vergebliche, kann sein,
nicht umsonst. Das wirklich Nichtige aber
ist voll deutlich
immer da.

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vienna demolition IX : a story in pictures - Zinshaus Herminengasse im Spiegel veröffentlichter Halbwahrheit



||| U2- AUSBAU : “PROBLEMHAUS” | “VERKEHRSBERUHIGT” IN ZWIEFACHER PERSPEKTIVE | KRIEG , KRITIK , KRISE | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT

Hermine 08 08 08 01 ( 8. 8. 2008 )

Wie ein kunsthistorisch notorisches Baudenkmal zwischen Strategien von Spekulanten und dem Taktieren von Stadtbeamten buchstäblich zerrieben wird , erweist das Beispiel des frühhistoristischen Zinshauses Herminengasse 2 | Obere Donaustrasse 61 . Wir haben den eben erst von der Wiener Zeitung gemeldeten Vorgang seit August beobachtet und bis dato in|ad|ae|qu|at dokumentiert .

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 8. 8. 2008 )

Erbaut 1868; viergeschossiges Zinshaus mit reich gegliederter frühhistoristischer Fassade; Balkon über Eingangsachse, an West-Ecke Runderker, Einfahrt mit Pilastergliederung, Vierpfeilerstiege.

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 8. 8. 2008 )

Was der “Dehio” als bemerkenswertes Baudenkmal notiert , wurde von der Liste schutzwürdiger Einzelobjekte des Bundesdenkmalamts ignoriert .

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U2- AUSBAU : “PROBLEMHAUS”

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 13. 9. 2008 )

Im Gegenteil wurde der massive Eckbau am Wiener Donaukanal zum “Problemhaus” erklärt , da sich dessen Eigentümer den Plänen der Verlängerung der U- Bahn U2 vom Schottenring in Richtung Prater widersetzte . Die Stadt , unter Zeitdruck , diese vom Stadtzentrum direkt an den Austragungsort der Fussball- EM führende Linie termingerecht zum Anpfiff fertigstellen zu müssen , beklagte im Jahr 2006 “Verzögerungen” öffentlicher Interessen durch private Querstände :

U2-Ausbau bis auf einen Bauabschnitt voll im Zeitplan
Im Bereich der Hochstrecke konnten die Wiener Linien bereits im Mai 2005 die Rohbauarbeiten abschließen. Die Tunnelvortriebsarbeiten zwischen Praterstern und Messe konnten trotz eines Wassereinbruchs im September 2005 ebenfalls termingerecht beendet werden. Selbst im Bereich der zukünftigen Station Schottenring - hier liegen die Stationsröhren direkt unter dem Donaukanal - sind die Wiener Linien absolut im Zeitplan.

Zwei Problemhäuser zwischen Donaukanal und Taborstraße
Zu Verzögerungen im Baufortschritt kam es im Bauabschnitt U2/2 “Taborstraße”, der im 2. Wiener Gemeindebezirk zwischen dem Donaukanal und dem Praterstern liegt. Hier legten sich die Eigentümer zweier Grundstücke im Bereich der Nickelgasse und im Bereich Obere Donaustraße | Herminengasse gegen die Untertunnelung ihrer Häuser quer. ( rk , 7. 6. 2006)

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 13. 9. 2008 )

Aus Perspektive der Wiener Stadtplanung wurde das Rechtproblem wie folgt dargestellt :

Aufwändiger Rechtsstreit brachte Verzögerung
Für den Bau einer U-Bahn-Röhre auf einem fremden Grundstück brauchen die Wiener Linien ein so genanntes Servitutsrecht. Wenn dieses Recht gegen entsprechende Entschädigungen von den Eigentümern nicht freiwillig eingeräumt wird, besteht die Möglichkeit, es über ein eisenbahnrechtliches Enteignungsverfahren zwangsweise zu erwirken. Die Wiener Linien haben diese Rechte in beiden Fällen durch zwei Instanzen (1. Instanz MA 64, 2. Instanz BMVIT) bereits Mitte 2005 erworben.

Darüber hinaus musste allerdings nach der damals gültigen Rechtslage vom zuständigen Bezirksgericht die Höhe der Entschädigung für die Servitute festgestellt werden. Obwohl die Grundstückseigentümer versucht haben, alle rechtlichen Möglichkeiten auszunutzen, sind beide Verfahren inzwischen abgeschlossen. Im Falle der Liegenschaft Nickelgasse 5 ( … ) wurde der Beschluss über die Höhe der Entschädigungssumme im April 2006 zugestellt. Für das zweite Problemhaus in der Oberen Donaustraße 61 | Herminengasse 2 (hier sind beide Tunnelröhren betroffen) wurde das Verfahren mit der Festsetzung der Entschädigungshöhe am 1. Juni 2006 beendet. ( rk , 7. 6. 2006)

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 13. 9. 2008 )

Das Résumée kündete - unter Auslassung einiger entscheidenden Details - von einem erfolgreichen Ende :

U2 wird rechtzeitig fertig
Durch die Umstellungen im Bauablauf ist es gelungen, die durch den Rechtsstreit entstandenen Verzögerungen soweit aufzufangen, dass die Eröffnung des neuen U2-Teilstücks nach wie vor vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 möglich ist. Um den geplanten Eröffnungstermin halten zu können, müssen allerdings in diesem Bauabschnitt auch in Zukunft alle weiteren Schritte extrem komprimiert erfolgen. So ist bereits jetzt eingeplant, alle noch nachfolgenden Arbeiten zum Großteil im Schichtbetrieb durchzuführen. ( rk , 7. 6. 2006)

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 29. 9. 2008 )

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“VERKEHRSBERUHIGT” IN ZWIEFACHER PERSPEKTIVE

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 15. 10. 2008 )

In schöner Umschreibung einer aus dem Hausstreit erwachsenen Groteske verbucht die Stadt Wien nicht nur das Erfolgsprojekt der U- Bahnverlängerung , sondern auch die einwohnerfreundliche Schaffung PKW- verkehrsberuhigter , fussgängerfreundlicher Zonen plus Radweg- Bonus :

Station Herminengasse
An der Ecke Obere Donaustraße 61 | Herminengasse wurde ein neuer U-Bahn-Aufgang mit Stiegenanlage und Aufzug errichtet. Über den neuen U-Bahn-Aufgang gelangt man direkt auf den Vorkai des linken Donaukanalufers, ohne die Fahrbahn der Oberen Donaustraße queren zu müssen. Die Fahrbahn der Oberen Donaustraße musste in Richtung Donaukanal verschwenkt werden.

Über die Obere Donaustraße wurde eine neue Fuß- und Radwegquerung errichtet. Die Herminengasse wurde für den motorisierten Individualverkehr zur Sackgasse, um vor dem Stationsaufgang genügend Platz für Fußgängerinnen und Fußgänger beziehungsweise Radfahrerinnen und Radfahrer zu erhalten.

Im Zuge der Wiederherstellung der Oberfäche im Bereich der Station Herminengasse konnte auch ein Radweg entlang der Unteren und der Oberen Donaustraße im Abschnitt Aspernbrückengasse bis Rembrandtstraße realisiert werden. Der Radweg wurde als Zwei-Richtungs-Radweg auf Seite der Bebauung in Verlängerung des bereits 2004 gebauten Radweges an der Unteren Donaustraße angelegt. ( Webservice Stadt Wien)

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzenAbbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen

Die schön tönende Halbwahrheit ist bis in den Wikipedia- Artikel “Schottenring ( U- Bahn- Station )” vorgedrungen :

Mit der Verlängerung der U2 zum Stadion wurden auch auf der Leopoldstädter Seite neue Ausgänge geschaffen: einer führt neben der Staustufe Kaiserbad direkt auf den auf den Treppelweg entlang des Donaukanals, ein weiterer Ausgang unterquert die stark befahrene Obere Donaustraße und führt in die Herminengasse, eine verkehrsberuhigte Straße im 2. Bezirk.

Dass die Stadt Wien diese Verkehrsberuhigung nie wirklich im Sinne hatte , sondern durch falsches Taktieren sich letztlich gezwungen sah , durch einen solitären Separatbau auf der Fahrbahn Herminengasse , diese vom Fliessverkehr abzuschneiden , erweist die Archiv- Recherche der heutigen Ausgabe der “Wiener Zeitung” . Demnach war mit der Planung des U- Bahn- Ausgangs in der Sockel des Eckhauses Oberen Donaustraße 61 | Herminengasse 2 dessen Schicksal eigentlich bereits besiegelt .

Die Wiener Linien wollten in und unter diesem Haus an der Ecke zur Herminengasse die Treppen und Lifts zur U2-Station Schottenring sowie einen Zugang unter der Fahrbahn zum tiefer liegenden ‘Vorkai’ – einem künftigen Vergnügungsstreifen – unterbringen. Im Jahr 1999 wurde der Baubeginn für die Strecke Schottenring-Stadion für das Jahr 2002 angekündigt. Im Juni 2003 folgte der erste Spatenstich. ( … )

Die U-Bahn-Bauer veröffentlichten 2003 | 04 ihre Detailzeichnungen zum U-Bahn-Zugang Herminengasse. Damit war der Segen des Magistrats für den Abbruch und die ‘Verwertung’ mit einem Neubau noch deutlicher vorgezeichnet. Mitkalkuliert war auch die Vertreibung der letzten Mieter (’Bestandfreimachung’) durch eine Enteignung wegen öffentlichen Interesses – was billiger kommt, als ihnen akzeptable Ersatzwohnungen anzubieten. ( WZ , 24. 10. 2008)

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Nun kommt - als zusätzlicher Twist - die spezielle Agenda der konservativen “Wiener Zeitung” ins Spiel : Im Zuge der Agitation gegen die sozialdemokratische Stadt ver planung wird die Episode mit dem Eckhaus nicht dessen möglichen Erhalts wegen erzählt , sondern als Geschichte einer verpassten Gelegenheit , die Immobilie 2004 zu erwerben , selbst abzureissen und die bauliche Ausgestaltung des Grundes selbst zu kontrollieren . Stattdessen kaufte die Wiener Bauträger-GmbH Consentia die Liegenschaft 2004 und zwang den U- Bahn- ausgang damit buchstäblich “auf die Strasse” :

Hätte die Stadt Wien 2004 selber das ganze Haus erworben, wäre sie heute nicht blamiert. Im März 2005 wurde der ‘Sonja’-Tunnel (benannt nach der Patin Sonja Wehsely) angestochen – die Verbindung unter dem Donaukanal in die Donaustraße. Aber es fehlten die Verträge mit dem Hauseigentümer, bei dem der Tunnel enden sollte. Zulange wurde von den Beamten taktiert, und zuletzt ist der Stadt die Zeit davongelaufen und der Deal geplatzt.

Die Wiener Linien mussten sich mit ihrem Ausgang Herminengasse in die Fahrbahn zwängen. Der patzigen Steinverkleidung sieht man an, dass sie nicht mit dem sonstigen Stationendesign abgestimmt ist. Das sensible Umfeld von Otto Wagners ‘Schützenhaus‘ ist überdies durch einen Beton-Tubus gestört, durch den Luft in den Untergrund gesogen wird. ( WZ , 24. 10. 2008)

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Mit der Referenz auf Otto Wagners berühmtes Wehrkrangebäude und dessen denkmalschützerisch “sensibles Umfeld” kommt das genehme Selbstbild des “Jugendstil- Wien” auf den Tisch . Damit sind Frühhistorimus , Demolierungsdrang und der - de facto positive - Aspekt der Verkehrsberuhigung im Wohnviertel von ebendemselben gewischt . Und die Geschichte vom “armen alten Haus” erweist sich als lediglich sentimentaler Teaser .

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KRIEG , KRITIK , KRISE

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen ( 22. 10. 2008 )

Der nicht namentlich gezeichnete ( allem Anschein nach vom dem kürzlich zur Architekturkritik ( ! ) in die Redaktion geholten Literaturkritikers Hans Haider verfasste ) Artikel polemisiert primär gegen den Beamteapparat und die planerische Impotenz des “Roten Wien” : Wo , so der Tenor , eine als städtebauliches Statement gar nicht so üble Investoren- und Neuprunk- Architektur entstehen könnte , kappen die Deppen vom Amt alles Kühne .

Abbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzenAbbruchhaus_Herminengasse_Wien_copyright_christiane_zintzen

So biedert sich die Geschichte um die Schleifung des frühhistoristischen Hauses zunächst einem konservativen Leserkreis an , um dann jäh umzuschwenken in eine Apotheose der zukunftsträchtigen Kräfte freier Show- und Investorenarchitektur .

Der Donaukanal war in den letzten Kriegstagen 1945 eine Frontlinie zwischen der Roten Armee (die vom Westen her anrückte!) und SS-Verbänden. An den beiden Kais blieb wenig alte Bausubstanz erhalten. Neubauten prägten in grauem Durcheinander aus allen Dezennien die links- und rechtsufrige Kai-Line. Seit zehn Jahren wird am Donaukanal optisch aufgerüstet. Raiffeisen und die OPEC leisteten sich ein bescheidenes Face-liftig, Hans Hollein baute für die Fellner-Brüder den ‘News’-Tower, Dieter Henke und Marta Schreieck setzten der Zürich-Versicherung ihren “K 47“-Kubus auf das Dach des Neubaus, dem der 1911 vollendete ‘Kai-Palast’ weichen musste. Fritz Neumann [ korrekt : Heinz Neumann , czz ] gelang das bisherige Glanzstück am Donaukanal, der UNIQA-Tower. Jean Nouvel verbaut derzeit den Platz, von dem die Bundesländer-Versicherung gewichen ist.

Für die Planung von Fritz Neumann [ korrekt : Heinz Neumann , czz ] an der Oberen Donaustraße 61 will die Consentia-GmbH noch keine konkrete Nutzung angeben. Wohnungen, Büros, ein Hotel? Die spürbaren Krisenzeichen machen die Entscheidung schwierig, heißt es. Die Hülle aber steht fest, doch nur innerhalb der vom Magistrat vorgegebenen Höhenlinien, denn Neumanns Dachaufsatz, in Korrespondenz zu “K 47″, wurde nicht genehmigt. Weil dieser Akzent fehlen wird, setzt sich die Linie der belanglosen Nachbarschaft ohne Störung fort. Die für den Gesamteindruck entscheidende Fassade soll aus doppelwandigen Glaslamellen gefügt werden und damit ein Spiel mit dem sich außen und innen verändernden Licht in Gang bringen.

Doch nicht so bald! Noch immer prozessieren Stadt Wien und Consentia um Entschädigungen, denn die U-Bahn-Trasse quert auch das ganze Grundstück. Gutachter und Gegengutachter beziffern statische Dauerschäden und die Wertminderung, da wegen der U-Bahn nicht die vorgeschriebene Zahl von Tiefgaragenplätzen gebaut werden können. Weil Bewegung in den Untergrund kam, muss seine Beruhigung abgewartet werden. Darum wird vorerst Gras über die Abbruchnarben wachsen und ein gutes alten Haus vergessen werden. Nur die Autofahrer fluchen über die Schikane im einst geraden Straßenlauf. ( WZ , 24. 10. 2008)

Architektur , öffentlicher Raum , Stadtgestaltung : In welchem Masse auch der Diskurs darüber immer ein politischer ist , dessen werden sich die verkehrsberuhigten Nachbarn und Betrachter der Abbruchstelle peinlich inne . Kein Text ohne Tendenz , keine Antwort ohne Halbwahrheiten .

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KLANGAPPARAT

Aber jetzt ist sie da , die neue broque , die fesche Webseite , wie vorgestern angesagt . Juno6 ( aka Stefan Schultz ) gibt mit der ep czz-hoerempfehlungterra australis” einen gut geerdeten Mix aus Ambient, Field Recordings und versonnener Klangbastelei . Und ist ein Hinhorchen . Und ist ein Staunen . Neugierige vierzig Minuten aus Fleisch und Fisch , Mensch und Ding , Stadt, Land und den Schreiern derer , welche sich über unseren blöden Köpfe höhnend emporflattern . 01. terra australis | 02. uretic urgent | 03. come back to me | 04. whippersnapper | 05. h8 - CLICK TRACKS TO LISTEN .

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BLOG ACTION DAY 2008 : POVERTY | “Die Arbeitslosen von Marienthal”



BLOG ACTION DAY 2008 10 15

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ARMUT | ARBEITSLOSIGKEIT

Mag man über Sinn oder dessen Leere von international installierten Ge- oder Bedenk- Tagen rütteln und schütteln : Die BLOG ACTION DAY- Anregung , sich für einmal im Jahr mit gesellschaftlichen Fragen zu befassen , wird von den bisher regisrierten 9.325 Bloggern und Seitenbetreibern wohl in grösst möglicher Diversität beantwortet werden .

Das für den heutigen Donnerstag , 15. Oktober ausgegebene Thema “Armut” kommt unseren in|ad|ae|qu|aten Plänen auf halbem Wege entgegen da es doch gilt , den in der Reihe ABSCHIEDE 1938 - DIE VERNICHTUNG DES GEISTIGEN WIEN für heute angesetzten Vortrag des Soziologen Christian Fleck anzukündigen : “Wie viel Arbeit brauchen Menschen ? - Marie Jahoda und das Denken über Arbeit und Arbeitslosigkeit

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DIE ARBEITSLOSEN VON MARIENTHAL

marienthalUntrennbar mit dem Namen der grossen Sozialpsychologin und dem Begriff der Arbeitslosigkeit verknüpft ist natürlich jene bahnbrechende Studie über “Die Arbeitslosen von Marienthal” , die Marie Jahoda zusammen mit Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel von November 1931 bis Mai 1932 in jener niederösterreichischen Arbeiterkolonie ( Gramatneusiedl , Reisenberg ) durchführten , wo mit der Schliessung der Textilfabrik 1929/30 etwa 50 % der Bevölkerung arbeitslos und etwa 75 % der Familien von Arbeitslosigkeit betroffen waren . Damit brach den Arbeiterfamilien nicht nur die ökomischen Grundlagen zur Lebenshaltung weg , sondern allmählich auch soziale und psychische Gewissheiten .

Die Folgen des radikalen Umwertung der Werte “Geld” ( Mangel ) und “Zeit” ( Überfluss ) konnten bis zur totalen Apathie führen . All dies belegt eine reichhaltiges