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LITERATUR ALS RADIOKUNST | Ilse Kilic und Fritz Widhalm im ORF- Studio | Produktionsnotizen



||| VOM “FRÖHLICHEN WOHNZIMMER” … | … ZUM FUNKHAUS - ZUGANG ZWEI | FUSSBALLPLATZ VS. FERNSEHSTUDIO | ZISCH - BLUBBER - HÜPF | BEKANNTMACHUNG

VOM “FRÖHLICHEN WOHNZIMMER” …

Funkhaus_RP1_Aufnahme_copyright_Christiane_Zintzen

Leben und arbeiten im “Fröhlichen Wohnzimmer ” : Ilse Kilic und Fritz Widhalm haben ihre Lebens- , Lese- , Schreibstube eines Tages in einen Verlag verwandelt und ( ganz den ökonomischen Glückensbedingungen einer Klein- und Autoren- Edition entgegen ) dezidiert als “enchantiert” deklariert . In den vergangenen 22 Jahren sind nicht nur Bücher , Comix , CDs , Super-8- Filme und Videos dort aus der Taufe gehoben , sondern auch die je eigene und immer wieder gemeinsamen Werke verfasst , geschrieben und gezeichnet worden .

Literatur als Radiokunst” sollte für einmal den sonstigen Gastgebern das Gastrecht gewähren : Drei Tage professionelles Studio , Monate und Wochen zuvor Gespräche und angewandte Einführung in die dortigen Tools . Denn : Eigenregie - wenn auch sanft begleitet - lautet die Devise , auf dass Autorin | Autor für einmal auch im Radio so Laut geben - ja , gar Krach machen - kann , wie es ihm | ihr nun einmal gefällt .

Zugegeben : Auch über mögliche Texte wird lange vor der konkreten Studioarbeit verhandelt . Zugegeben : Für “Literatur als Radiokunst” gilt - ebenso wie für das “Kunstradio” - dass mediengerecht gearbeitet wird . Für das übliche Ablesen von Erzählungen oder Gedichten gäbe es ( vom Sendeplatz her ) bessere und leichter bespielbare Formate .

Hier aber könnte der Ort sein , wo man sich im Medium mit dem Medium auseinandersetzt . Hier aber könnte man die Möglichkeit , ein genuin radiophones Stück zu verfassen und in die eigene Poeto- Logik zu integrieren , als freundlichen Appell verstehen . - Mehr als Einladen , Einführen , Einleiten und Begleiten kann und mag “Literatur als Radiokunst” nicht . - Wie gesagt , denn auch LARK ist ja nur Gastgeber . Und das Studio ein Drei- Tages- Lebens- Wohn- und Arbeitszimmer . Sowohl vor als auch hinter der Glasscheibe ( vulgo : im Aufnahmestudio - dem berüchtigten schalltoten Raum - genauso wie am “RP” | Regieplatz bei der gemeinsamen Bearbeitung der aufgenommenen Tonspur ) .

Was also wunder , wenn die Schriftstellerin und der Schriftsteller mit einem Text zur optimalen Möblierung des - Sie sind Kunde ! - Wohn- und Lebensraumes mit ( gnadenlos Gender- gemainstreamten ) “Schriftellern und Schriftstellerinnen” in Funkhaus kommen . Auf welche Weise sich ein dekorativ- funktionelles Ensemble von Schriftstellern und Schriftstellerinnen im Eigenheim arrangieren lässt , ist nun mal nicht anhand der Readers Digest- Bände im IKEA- Schauraum zu ermitteln . Da braucht’s schon echte , die uns Unkundigen dies im dichten Doppel- Talk explizieren .

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… ZUM FUNKHAUS - ZUGANG ZWEI

Ganz so offen wie es die Absicht besagt , gibt sich das reale Wiener Funkhaus in Zeiten der Hoch ( un ) Sicherheiten leider nicht mehr . Gegen Pfand kriegt man dann aber doch eine RFID- Karte in die Hand und mag dann weiter unbehelligt durch alle Sicherheitstüren schreiten . Zum Beispiel diejenige bei “ZUGANG 2″ , von wo kafkanische Gänge zu den Produktionsstudios für Musik , Hörspiel , Feature und Radiokunst führen .

Hier hat man die ( vordisponierte ) Wahl zwischen dem großen RP4 mit Fairlight- Workstation , dem RP2 mit der kolossalen Capricorn- Konsole , dem RP3 für Pro-Tools Mix | Mastering und dem kleineren Hörspielstudio RP1 . Gemäß den Überlegungen im Vorfeld der aktuellen Produktion für “Literatur als Radiokunst” mit Ilse und Fritz schien Letzteres geeignet , auch aufnahmetechnisch eine passable Basis für weitere Bearbeitungsschritte zu legen : Trockene Akustik , vielseitige Soundtracs-Konsole , ProTools - Aufnahmesystem und die geradezu wohnzimmerliche Atmosphäre des Regieplatzes bilden das “Framework” . Einen interessanten Strauss diverser Mikrophone hatten man vor Produktionsstart aus dem Lager gepflückt .

Ausgangspunkt einer Wortaufnahme für “Literatur einer Radiokunst” ist oft die Entscheidung , ob schon beim Sprechen spezifische Räume und Hör-Ebenen einfliessen sollen , oder ob möglichst “trocken” aufgenommen wird , und erst im weiteren Bearbeitungsverlauf artifizielle Simulationen zugefügt werden . Dem mitgebrachten Text entsprach zweitere Methode besser . Trotzdem wurde das Gros der diversen Aufnahmen in unterschiedlichsten Artikulationsformen und ebenso vielen Mikrophonen mehrmals parallel auf Harddisk gebannt , auf dass beim Mixdown schönes Möglichkeitsmaterial zur Variation und Umspielung vorhanden sei ( wie beim Bergsteigen : man kann nie genug Seil mithaben ) .

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FUSSBALLPLATZ VS. FERNSEHSTUDIO

Funkhaus_RP1_LARK_Ilse_Kilic_Fritz_Widhalm_copyright_Christiane_ZintzenFunkhaus_RP1_LARK_Ilse_Kilic_Fritz_Widhalm_copyright_Christiane_Zintzen

Bereits das Manuskript für das hochernst- volksdidaktische Oratorium

Ergänzen Sie die Einrichtung Ihrer Wohnung mit einem Schriftsteller oder eine Schriftstellerin !

beinhaltet phantasievolle sprachliche Paraphrasen & Regianweisungen zur gedachten Klanglichkeit einzelner Textteile :

“… der satz verschwimmt langsam im raum oder zerstäubt leiser werdend in alle richtungen …” - “… die worte bohren sich schrill nach vorne und reißen abrupt ab …” - “… kursive teile werden leierartig wiederholt und schleppen sich bis zum nächsten zwischentitel …” - “… der satz setzt sich als echo fort , wird wie bei einem abfluss richtung mitte gezogen und vergurgelt ins nichts …”

Viele dieser Vorstellungen können nur mit hinterlistigem Effekt- Instrumentarium realisiert werden , einige Anweisungen beziehen sich aber direkt auf die Intensität und Lage der Sprechstimme in der Aufnahmesituation . Enstprechend wurden drei wesentliche Artikulations- Typologien herausgearbeitet :

  • Der bekannte Klang von bemüht ernsthaften “Experten” einer TV- “Sach”- Sendung
  • Der eindringlich- beschreibende Gestus von Sportreportern bei einer Livesendung
  • Der abstrakte Tonfall zweier Trickfilm- Figuren mit breitem Spektrum an Intonation

Funkhaus_RP1_LARK_copyright_Christiane_Zintzen

Als Standard- Mikrophon für Studio- Stimmen schlechthin gilt das AKG C414 . Deshalb auch hier die erste Wahl für den “Experten”- Klang . Sprechabstand recht knapp mit 10cm , Charakteristik : kontrollierte Modulation der Stimmen , verbindlicher Ton : Ein perfekter Kontrast zu den oft absurden Textzeilen darüber , wie eine Schrifstellerin oder ein Schriftsteller gefällig zur Steigerung des Wohlbehagens in den eigenen vier Wänden drapiert werden kann .

Funkhaus_RP1_LARK_copyright_Christiane_Zintzen

Viel höher dann der Schalldruck bei der Sport- Reportage : zwanzig Jahre alte Electro - Voice RE 11 - Miks . In der Hand gehalten und im Stehen besprochen , erwecken sofort den typisch- knarzigen Klang aus dem Hanappi- Stadion im Eingangskanal der Mischkonsole .

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Eine sehr intime , extrem direkte Ebene wird dann noch mit dem VM-1 von Brauner erzielt , tiefste Bässe und höchste Höhen perlen aus den Lautsprechern , allerdings weren dabei auch die weniger erstrebendwerten Details wie zischende S- Laute , Schmatzen und Blubbern verstärkt - s’ ist halt ein sehr zartfühlend- empfindliches Ding .

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Dieses Modul direktester Stimmvermittlung werden wir bei der Mischung für die abstrakten “Regieanweisungen” heranziehen .

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ZISCH - BLUBBER - HÜPF

Funkhaus_RP1_LARK_copyright_Christiane_Zintzen

Nach acht Stunden Textaufnahme wechseln wir in den wirklichen und grossen Regieraum des Studio 3 . Hier schwingen die Membrane der stattlichen GENELEC - Lautsprecher in 5.1- Surround Sound im Takt der vielzähligen Effekte aus der ProTools- Plugin Trickkiste . Parallel zum Hauptcomputer mit TDM - Technologie kommt auch ein Laptop mit ProTools LE und angeschlossenem KORG padKONTROL zur Anwendung , damit werden Parameter des Sampler - Plugins KONTAKT und der Multieffekt - Software GUITAR RIG in Echtzeit manipuliert . Silbendehnungen und Wortstauchungen werden experimentell mit den neuen Elastic Time- Funktionen von ProTools 7.4 realisiert , das Gurgeln entsteht mittels Ringmodulator , extreme Verfremdungen sind das Ergebnis von sehr kurzen Sound- Loops , deren Startzeit und Länge am padKONTROL in raschen Bewegungen verändert werden . Nach und nach werden neue Effekt- Spuren in der Session angelegt , am Ende sind dann rund 52 Tracks in Verwendung , viele davon zur räumlichen Panoramisierung auch noch mehrkanalig .

Die dynamischen Richtungsänderungen der Sprachspuren in Verbindung mit wechselnden Effektanteilen und variabler Filterung stellen auch die höchsten logistischen Anforderungen an den Denkapparat des Maschinisten . Gleichzeitig und unabhängig voneinander müssen oft Hallsignal und Direktstimme zwischen den Kanälen plaziert werden , dazu noch ein PRE - FADER - Routing der Auxiliary Sends , Automatisierung der Höhen- und Bassfilter , sich aufschaukelndes Delay- Feedback : Erst dann zischen , blubbern und hüpfen die Sätze durch Raum und Zeit .

LARK Ilse Kilic Fritz Widhalm an den reglern RP3

Neben hunderten manuell gesetzten Punkten in der ProTools Automation und dem padKONTROL waren auch die beiden Joysticks am ProControl EditPack - Extenders hilfreich für die Gestaltung der dynamischen Verläufe . Obwohl diese mitunter erst zur Mitarbeit überredet werden müssen , lassen sich damit die zwei Kanäle eines Stereo- Basissignals unabhängig im Surround- Raum pannen ( und wenn die Joysticks nicht mitmachen wollen , kann man dafür immer noch die Maus verwenden : Danke , Ilse , für diese gute Idee ) .

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BEKANNTMACHUNG

Da stehen sie nun in Raum und Laufzeit , die herrlich ins Klangliche gestellten Schriftsteller und Schriftstellerinnen : Wann das “Fröhliche Wohnzimmer ” mit seiner aufgestellten Kulturmöbel- Beratung via Funk in Ihr trautes Heim dringt und klingt , das dürfen wir zu gegebener Zeit galant bekannt geben -

( kap | czz )

|||lärm no radio

Aus gegebenem Anlass des Ausmasses
an akustisch evokativen Vokabeln
vertrauen wir auf deren prallen Nachhall
und verzichten
auf den in|ad|ae|qu|aten KLANGAPPARAT

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