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In|ad|ae|quats Handexemplar aus der ideologischen Antike : 1947
‘DAS KAPITAL’ IN MODE
Fatale Freitage , morose Montage , drohende Rezession : Kalt erwischt von der Kreditkrise sickert das Gespenst einer Meldung aus den Newstickern der Presseagenturen . Mit sichtlichem Genuss am Retro- und Exotismustouch der Sache zitiert man geniesserisch :
In Zeiten der Finanzkrise stößt die Kapitalismus-Kritik von Karl Marx (1818-1883) auf neues Interesse. ‘Marx ist wieder in Mode’, sagte Jörn Schütrumpf, Geschäftsführer des Berliner Karl-Dietz-Verlags, der die Werke der Sozialismus-Vordenker Marx und Friedrich Engels verlegt, der Neue Ruhr | Rhein Zeitung (NRZ, Mittwoch). Der Verkauf des ersten Bandes des dreibändigen Marx-Hauptwerkes Das Kapital habe sich seit dem Jahr 2005 verdreifacht, sagte Schütrumpf. Nach 500 Exemplaren 2005 seien in diesem Jahr bereits 1500 Stück des in Blau gebundenen Buches verkauft worden.
Zum Jahresende werde der Absatz “noch steiler hochgehen”, so der Verlagschef. Die Leserschaft sei eine “jüngere akademische Generation, die erkennen musste, dass sich die neoliberalen Glücksverheissungen nicht bewahrheitet haben”, meinte Schütrumpf. Besonders gefragt sei “Das Kapital” derzeit in Hessen, wo die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin werden will. ( APA | dpa , Der Standard )
Acht Tage später die XL- Fassung derselben Meldung in der FR :
Mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit den 1920er Jahren hat Kapitalismus-Kritiker Karl Marx (1818-1883) Hochkonjunktur. Sein Standardwerk “Das Kapital” verkaufte sich allein in den ersten drei Wochen des Oktobers 417 Mal, von einem Tag auf den anderen sogar einmal 89 Exemplare, sagte der Geschäftsführer des Berliner Karl-Dietz-Verlages, Jörn Schütrumpf. ‘Mittwochmorgen war Marx ausverkauft.’
Seit November 2007 sei damit 2000 Mal ‘Das Kapital’ über den Ladentisch gegangen. Damit kletterte der Absatz des Klassikers - entweder im Einzelband oder als Band 23 der MEW-Gesamtausgabe (Marx | Engels Werke) - in diesem Jahr bereits auf 2400 Exemplare, erläuterte Schütrumpf. Im gesamten Jahr 2005 seien es dagegen nur 500 Bücher gewesen.
‘Seit 1946 ist Das Kapital in einer Auflage von einer Million Stück gedruckt und verkauft worden”, berichtete Schütrumpf. Der Verkauf sei immer in zyklischen Wellen verlaufen. ‘Verkauft sich Marx gut, geht es der Gesellschaft schlecht’, sagte Schütrumpf. ‘Wenn er sich verkauft, dann weiß man, dass man vom Elend der anderen profitiert.’ Dabei verlagere sich die Nachfrage nach Marx immer mehr in die westdeutschen Universitätsstädte.
‘Früher haben wir 25 Prozent der Auflage in Ost-Berlin abgesetzt. Heute sind es in Gesamt-Berlin vielleicht gerade noch zehn Prozent’, sagte der Geschäftsführer. Schütrumpf freut sich über die rege Nachfrage, ist jedoch gegenüber Marx ganz nüchtern. ‘Bei Marx gibt es keine neuen Lösungen für unsere aktuellen Probleme. Er erklärt nur Zusammenhänge.’ ( FR )

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‘DAS KAPITAL’ VIA KLUGE
Auch das neue Filmprojekt des für frühe Witterungen empfänglichen Alexander Kluge scheint geeignet , die nach ‘68 verlorene Tradition der Kapital- Lesekreise wieder aufleben zu lassen und um visuelle Eindrücke zu erweitern : Seine fast zehnstündige Filmcollage zieht Sergej Eisensteins Gedanken heran , Das Kapital in Form einer Grossmontage ( à la Benjamins Passagenwerk oder Joyce’s Ulysses ) und erweitert den perspektivischen Kreis bis ins 21. Jahrhundert .
Das knapp zehnstündige Grosswerk wurde unter dem Titel “Nachrichten aus der ideologischen Antike” kürzlich in Wien vorgeführt , figuriert auf Kluges Webseite als “Nachrichten aus der Antike” und wird Mitte November als programmatische Nummer Eins der neuen DVD- Edition ( filmedition suhrkamp 1 ) des Suhrkamp- Verlags erscheinen . Hier heisst das Werk nun “Eisensteins Kapital” .
Stefan Grissemann hat für die FAZ in Wien mit Alexander Kluge über das Grosswerk gesprochen. Wir zitieren zwei auf eine mögliche Aktualität des Kapitals replizierende Ausschnitte :
Grissemann : Ihr Film, in dem viel vom Schwarzen Freitag 1929 die Rede ist, wird von der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise gerade aktualisiert.
Kluge : Das ist eine Aufforderung, Marx genau nachzulesen. Bert Brecht hat das ‘Kommunistische Manifest’ einst in Hexameter verwandelt: Drei Viertel davon sind ein Hymnus auf die Befreiung der Kräfte durch das Kapital. Die ganze mittelalterliche Trägheit wird in Gang gesetzt, alles wird schöpferisch, einschließlich ’schöpferischer Zerstörung’. Als Problem bleibt: Das Kapital kann den Reichtum, den es produziert, anschließend nicht in Verwahrung nehmen, nicht weitergeben und die Folgekosten der Unternehmung nicht bezahlen.
Grissemann : So wie Brecht die kommunistische Grundsatzschrift ins klassische Versmaß übersetzt hat, arbeiten auch Sie, befeuert von Eisensteins Ideen, an der Poetisierung des Politischen.
Kluge : Nicht an der Poetisierung. Poetisch ist die Wirklichkeit selbst, für die Filmemacher genügt es, wenn sie dokumentieren. Aber man muss alle Ausdrucksformen nebeneinander verwenden, um mit etwas so Kompliziertem wie unserem Planeten und seiner Wirtschaft umzugehen. Sie brauchen also, wie das in meinem Film geschieht, sowohl die Oper Luigi Nonos als auch das Telefon, das Internet und den Kurzfilm, die auf die Ungeduld der Menschen antworten – die dokumentarische und die fiktive Szene.
( … )
Grissemann : Wie sehen Sie den aktuellen Umgang mit Marx? Stehen seine Gedanken denn noch in Verwendung ?
Kluge : Marx ist längst historisiert. Er ist nicht gegenwärtig. Er wäre heute 190 Jahre alt. An amerikanischen Universitäten befasst man sich mit Marx sehr intensiv; in Europa dagegen liegt er, durch die Protestbewegung und den orthodoxen Marxismus, wie unter 25 Meter Lava begraben. Wir müssen ihn erst ausgraben. Wie in Pompeji. Sie merken, wenn man über Marx nachdenkt, kommt man leicht in der Antike an. ( FAZ )

nicht eben holzfrei
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‘DAS KAPITAL’ IN PARIS
Dass die sprunghaft angewachsene Kapital- Nachfrage kein rein deutsches Phänomen ist , belegt der französiche Publizist Pierre Assouline mit Bezug auf die zitierte dpa- Meldung , den Amazon- Verkaufsziffern sowie einigen französischen Indizien . “Marx , le retour ?” fragt sein Blog- Eintrag rhetorisch :
Il fallait s’y attendre, même si, pour l’instant, il s’agit davantage d’un frémissement que d’un phénomène. Disons que le mouvement enregistré sur les ventes du Capital de Karl Marx sont un signe de la crise, même si le livre ne figure pas encore en tête des ventes d’Amazon. Deux reflets en témoignent.
A Berlin, les responsables de la maison Karl Dietz Verlag, éditeur du fameux opus, revendiquent près de 2000 exemplaires vendus d’ici à la fin de l’année alors qu’il s’en vendait 500 en 2005 ; même si depuis trois ans, le chiffre n’a pas cessé d’augmenter, ils y voient une tendance significative de l’air du temps. ( … )
A Paris, aux Presses universitaires de France, où l’on écoulait une cinquantaine d’exemplaires par mois, on en vendu le double en septembre et trois fois plus en octobre (et les ventes de la Théorie générale de l’emploi, de l’intérêt et de la monnaie de Keynes se portent de mieux en mieux). Autant dire que le solide dossier que lui consacre le Magazine littéraire (No 479, octobre, 5,80 euros) sous le titre ‘Marx les raisons d’une renaissance’, sous la direction de Patrice Bollon, est d’une brûlante actualité.

Ist Eigentum Diebstahl ?
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KAPITALISTISCHE LITERATURGESCHICHTE - EIN BRITISCHER VERRISS
Gleichzeitig ( wenn auch ohne direkte Referenz auf den notorisch verschuldeten Urheber des Kapitals ) vernichtet David Hawkes im Times Literary Suppelemt die forciert kapitalistisch orientierte Literaturtheorie des Stanforder Komparatisten Russell A. Berman ( “Fiction Sets You Free : On Literature In History” ) :
Today ( … ) a new breed of politicized critic is emerging, full of the passionate intensity that springs from a righteous sense of historical vindication. They tend to be American, and to define their politics in opposition to what they regard as the effete intellectual culture of old Europe. They point out that neoclassical economics has implications for literature that are at least as suggestive as those offered by the Marxist tradition, and they argue that the social and political triumph of the market ought to be reflected in humanities departments. They unabashedly apply their political agenda to their intellectual endeavours, they eagerly proselytize to a receptive, youthful audience, and they appear to herald a new era of overt political advocacy in literary criticism.
Russell A. Berman’s Fiction Sets You Free is a startlingly ambitious redefinition of literary politics in terms of the cultural theory developed in Berman’s previous book, Anti-Americanism in Europe (2004). Some familiarity with that work’s argument is useful to grasp the nature and scope of his project here. In the earlier book, Berman interpreted the cultural hostility which he claims many Europeans feel towards the United States as the manifestation of a deep-seated moral envy.
( … )
This Darwinian aesthetic fetishizes the bellum omnium contra omnes. Berman notes that a work of literature comes into existence surrounded by antecedent texts “which threaten to crush it”. The luckless text is thus plunged into a desperate struggle for survival, forced to “assert itself against its competitors and predecessors”. All literary texts are constantly competing against each other, and literature as a whole is constantly competing against everything else. The battles fought by literature include “a constant, and constitutive, competition with the visual image”, “a competitive relation to other kinds of writing” and an especially fierce “competition with other cultural forms”, in which literature’s fictional status constitutes its “competitive advantage”. The deployment of evolution as a universal explanatory key has already spread beyond biology into sociology, psychology and, above all, economics. Berman is trying to import it into literary theory. He uses “a Darwinian axiom” and an “evolution-theoretical claim” to support his contentions, and displays the influence of Richard Dawkins’s theory of “memes” in his speculations on “literature’s genomic character”. Darwin has long been invoked to suggest that market behaviour reflects human nature; Berman argues that literature exhibits a similarly competitive law of the jungle in its “capacity to model adversarial and entrepreneurial individuality”. ( TLS )
Wirkungsvoll hat die Redaktion des britischen Magazins den ( auch im Detail plausiblen ) Verriss zu einem Zeitpunkt ins Blatt gerückt , da sich der “Gewinner”- Diskurs eines akademischen Spekulanten selbst zur Kenntlichkeit entstellt .
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PUNKTUM
In der jüngsten Ausgabe des Magazins “Le Point” setzt der französische Demograph und Gesellschaftstheoretiker Emmanuel Todd noch Eins drauf : Im Interview zu seinem neuen Buch “Après la démocratie” ( Gallimard ) spricht er von der Finanzkrise als logischem Resultat der neoliberalen Pseudodemokratie . Man stehe vor einem historischen Wendepunkt - entweder wir entscheiden uns gegen die Allmacht des Marktes oder es wird die Geschichte sein , welche uns noch unsanftere Lehren erteilt :
Le problème fondamental de la démocratie, c’est que la classe politique refuse de mettre en question le libre-échange, ce qui mène à la baisse des revenus, à la montée des inégalités, bref à une baisse du niveau de vie pour le plus grand nombre. Et désormais à l’insuffisance de la demande, à la crise financière et à la récession. Jusqu’à présent, une démocratie de manipulation a animé, de plus en plus difficilement, un pseudo- débat politique. ( … ) Le PC est mort, mais Marx revient. Bonaparte aussi, malheureusement. Toutefois, il existe une chance de sortir par le haut de la course dépressive de la demande et des salaires : cette solution, européenne et non nationale, c’est le protectionnisme. Mais la crise financière rapproche l’heure du choix. Et celle du jugement.: ( Le Point )
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LINKS
- “Kapital” von Karl Marx in Finanzkrise gefragt - Verleger : “Marx ist wieder in Mode” ( der Standard , 15. 10. 2008 )
- Finanzkrise : Marx hat Hochkonjunktur ( FR , 23. 10. 2008 )
- “Das Kapital” verfilmen ? - Aus der ideologischen Antike ( Christoph Huber , Die Presse , 10. 10. 2008 )
- “Nachrichten aus der Antike” @ www.kluge-alexander.de
- filmedition suhrkamp | Alexander Kluge : “Eisensteins Kapital” ( ca. 17. 11. )
- Alexander Kluge – Eisenstein , Marx , Kluge auf DVD ( Spex , 23. 10. 2008 )
- Im Gespräch : Alexander Kluge - Karl Marx ist der Dichter unserer Krise ( Stefan Grissemann , FAZ , 22. 10. 2008 )
- Marx, le retour ? ( Pierre Assouline , La République des Livres , 22. 10. 2008 )
- Literature in the marketplace - Is fiction inherently capitalist ? ( David Hawkes , The Times Literary Supplement , 22. 10. 2008 )
- Emmanuel Todd : La révolution protectionniste ( Interview , Le Point , 23. 10. 2008 )
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KLANGAPPARAT
Was passt hier besser - schon dem Namen , wenn nicht gar Karl Marxens
Herkunft nach - , als hier das Kölner Netlabel iD.EOLOGY ins Spiel zu bringen ? - Mit zwei Remixes feiert man die 50. Release und zieht den Bogen weit von der urbanen Eleganz der hier bereits vorgestellten Zengineers über das zornige Brodeln der lokalen Rap- Szene ( “iD.Allstars - re-iD.d 2” ) bis hin zum minimalistisch elektronischen “Frühwerk” . Die frische Politur sämtlicher Werke mag Geschichtspuristen und Authentizitätsmeier entrüsten : Nun denn , es sei : Man darf ja schliesslich auch die musikalische Antike eines Tages verlassen . CLICK LINKS TO LISTEN TO STREAMS : “iD.Allstars - Frühwerk” & “iD.Allstars - re-iD.d 2” .
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