Tag Archive for 'erinnerung'

NEUES VON FREUNDEN



||| MONAT DER FOTOGRAFIE : TELLTALE TAUTOLOGY | MONAT DER FOTOGRAFIE : PRIVATSACHEN | MONAT DER FOTOGRAFIE : TRACES | TRACES : SILVIA M. GROSSMANN | PERSONALEN : LESSUNG , SATTMANN | MONAT DER FOTOGRAFIE : ELFRIEDE MEJCHAR | DOUBLE FEATURE MICHAEL HAMMERSCHMID | FORT ZUR FLORIANA | KLANGAPPARAT

MONAT DER FOTOGRAFIE : TELLTALE TAUTOLOGY

WESTWAERTS_copyright_Silvia_Maria_Grossmann

westwärts ( 2006 ) © Silvia Maria Grossmann
s/w – Fotografie auf Baryt - Bild 32,5 x 48,5 cm - Auflage 7 + 1 EA

ZWEI_WIRKLICHKEITEN_copyright_Silvia_Maria_Grossmann

Zwei Wirklichkeiten ( 2006 ) © Silvia Maria Grossmann
s/w – Fotografie auf Baryt - Bild 32,5 x 48,5 cm - Auflage 7 + 1 EA

Zwangsläufig ladet man in der Tautologie : Sei’s , man sagt , der “Monat der Fotografie” werfe seine Schlagschatten über das Stadtleben Wiens , sei’s man neigt der Formulierung zu , die täglich neu eröffneten Schauen und Ausstellungen lieferten dem Echtleben Lichtbilder aus dem Reich des Projizierten und Imaginären .

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MONAT DER FOTOGRAFIE : PRIVATSACHEN

czz-neuesvonfreundenIm Hinblick auf das “Realismusproblem” wäre angesichts der gestern eröffneten , vorgestern im “Salon Littéraire” vorgestellten “privatsachenLiesl Ujvarys einiges zu debattieren gewesen : Ujvarys extrem selektive Details aus real existierenden künstlerischen Arbeitsumgebungen haben ebenso viel mit teilnehmender Beobachtung zu tun wie mit dem “Image” der privatsachlich vorgestellten Kunstschaffenden und deren Stilisierung .

Die synoptische Schau der in ihrer “Blickhaftigkeit” ( “die Kamera schaut auf etwas” vs. “es ist” ) akzentuierten Bilder impliziert eine diskrete Reflexion darüber , was man in den wiederkehrenden marxistischen Termini ruhig die “materiellen und situativen Produktionsbedingungen” von Sound- Art und | oder Literatur nennen könnte .

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MONAT DER FOTOGRAFIE : TRACES - ERINNERUNGEN IN FOTOGRAFIEN

Der Titel der heute abend im Künstlerhaus eröffneten Sammelschau “traces - Erinnerungen in Fotografien” spricht die unweigerliche Tatsache , dass die Camera Obscura seit je Spuren und damit ‘Erinnerung’ aufzeichnet . Die ans Tautologische grenzende Formulierung des Titels ist freilich dazu angetan , den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern grösstmögliche Freiheit in der Werkwahl zu gewähren .

Die Gruppenausstellung traces – Erinnerung in Fotografien widmet sich der Fotografie als Anknüpfungspunkt persönlicher Erinnerung. Unsere Verwendung des fotografischen Mediums für die Tradierung und Vermittlung von Erfahrungen wirft grundlegende Fragen zum Wesen der Fotografie und ihrer Verortung zwischen Erinnerung und Gedächtnis auf. Die Ausstellung kann für diese Fragen ensibilisieren, gerade weil sich die Künstlerinnen und Künstler in der Auseinandersetzung mit dem Erinnern und der Erinnerung in Fotografien ihrerseits im Medium der Fotografie artikulieren.

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TRACES : SILVIA M. GROSSMANN

czz-neuesvonfreundenUnter diesen - vom Almblitz- Kollektiv über Linda Christanell , das Kommunikations- Kunst- Phänomen eSeL bis hin zu Willy Puchner und Kurt Straznicky - möchten wir in|ad|ae|qu|at besonders die Arbeiten Silvia M. Grossmanns hervorheben .

Von der in Wien lebenden Schweizerin , Künstlerin und Galeristin stammen auch die beiden Titelbilder on top of this page . Dass sie gleichzeitig in der eigenen Galerie “Atrium ed ArteChristof Aigners fotografische Reflexionen zu | von “Wasserformen und Pflanzenwelten” zeigt , zeugt vom pragmatischen Multitasking der nimmermüden Generalistin ( 12. 11. bis 20. 12. 2008 ) .

Die von Frachtschifffahrten und einem längeren China- Aufenthalt mitgebrachten Erinnerungen entraten allem subjektiv- Impressionistischen und schaffen einen Mehrwert , welcher die Spuren des Faktischen um eine eigenständige ästhetische Dimension erweitert .

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K / HAUS PERSONALEN : LESSUNG , SATTMANN ALS HORS D’OEUVRE

Zeitgleich eröffnen am selben Ort zwei Peronalen legendärer Fotografen- Persönlichkeiten : Über Erich Lessing und Didi Sattmann brauchen wir an dieser Stelle und unserem sicher besser informierten Leser kaum etwas zu erzählen .

Sämtliche Schauen des Künstlerhauses zum “Europäischen Monat der Fotografie” sind ab heute abend zu betaunen :

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MONAT DER FOTOGRAFIE : ELFRIEDE MEJCHAR - RÄNDER WIENS

czz-neuesvonfreundenWer nicht nachsieht , hat das Nachsehen : Wer sich die in Spuckweite vom Künstlerhaus eingerichtete Ausstellung “Fotografien von den Rändern Wiens” ( Timm Starl , pdf ) der Grossen Alten Dame vorausschauender blickender österreichischer | Wiener Fotografie , Elfriede Mejchar ,
etngehen lässt , verpasst ein historisches Ereignis der Dokumentation einer StadtLandschaft im Wandel :

Die Ausstellung konzentriert sich auf die Stadtfotografin Elfriede Mejchar, mit wichtigen Zyklen von den 1960er-Jahren bis heute. Mejchar (geb. 1924) war Fotografin des Bundesdenkmalamtes, als sie begann, die Simmeringer Heide, das Erdberger Mais oder den Wienerberg zu erkunden – Gegenden, geprägt von Brachen, Gärtnereien, Schlachthäusern, historischen Industriebauten und einfachen Arbeiterwohnhäusern.

Hunderte von Aufnahmen entstanden in dieser Randzone zwischen Stadt und Land, deren unmittelbar bevorstehender Wandel in Autostraßen, Industriezonen, Bürokomplexe und Forschungslabors sich damals bereits abzeichnete und heute längst vollzogen ist.

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IM ZWIEFACH DER KUNST UND LITERATUR - DOUBLE FEATURE MICHAEL HAMMERSCHMID

czz-neuesvonfreundenSchon schlimm , wenn man Monate an diversen Projekten arbeitet und dann werden sie sämtlich an ein und demselben Tag präsentiert : Da auch unser “Salon Littéraire“- und “Literatur als Radiokunst“- Autor Michael Hammerschmid nicht über die Gabe der Bilokation verfügt ( wie es sein Lehrer Wendelin Schmidt-Dengler formuliert hätte ) , muss der Kunstkatalog “Raumzeitpunkte sind Ereignisse” ( mit begleitenden Screenings performativer Arbeiten von Studierenden der Klasse Transmediale Kunst , Brigitte Kowanz ) unter Ausnahme der körperlichen Anwesenheit des essayistischen Co- Autors Hammerschmid präsentiert werden .

Sehr wohl und sehr körperlich vor Ort wird Michael Hammerschmid allerdings heute in der “Alten Schmiede” aus seinen in der neuen Nummer 43 der Literaturzeitschrift “kolik” erschienen Texten lesen . Leider wurde deren Webseite seit Ausgabe 41 nicht mehr ge- updatet . Aber deshalb strebt man ja zu Lesungen , um “ungeschaut” Neues ohne ( trans- ) medialen Zwischenfilter zu erfahren .

Übrigens wurde eben auch die Monatsschrift “Wespennest” Numerio 153 ausgeliefert ( Webseite leider ebenfalls noch nicht aktualisiert ) . Thematisch der lohnenden Reflexion der “Resignation” verpflichtet , bringt der Lyrikteil mit “verstecke - gedichte für kinder und erwachsene” eine der ebenso anrührenden wie heim- tückischen literarischen Facetten des 1972 geborenen Autors :

ich habe mich
in einem wort versteckt.
ich kann’s nicht sagen …

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FORT ZUR FLORIANA

Am Donnerstag geht’s dann in|ad|ae|qu|at beruflich ins landschaftsliebliche Sankt Florian zur “Floriana” , dem biennal ausgetragenen Wettbewerb für | der Literatur . Selbstverständlich geht es nach zweieinhalb Tagen voller Lesungen und Diskussionen letztlich um die nicht eben übel dotierten Preise und wer von den neun eingeladenen Autorinnen und Autoren diese mit nach Hause nehmen wird .

Unselig das double- bind für Juroren , dass jede Auszeichnung notwendig den Ausschluss derselben für andere , vielleicht sogar mehrversprechende Stimmen bedeutet -

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KLANGAPPARAT

Sounds wie differenzierte Kräuselbewegungen auf der Oberfläche eines stetig dahin fliessenden Gewässers : Treibende Takte im Wechsel mit skeptischen Breakbeatz . Klug konturierte Linien im ambient- flächigen Space . Akustisches Instrumentarium im Dialog mit elektroakustischen Klängen und Effekten : Was der Wiener Elektroniker Klabusta mit seiner zweiten Release “You Have Been Plutoed” da vorlegt , lässt sich im besten czz-hoerempfehlungund innigsten Sinne des Wortes mit “IDM” - Intelligent Dance Music - benennen . -

Vielleicht mag sich ja noch jemand an den Erstling , “Digital Dementia” , erinnern , wir hatten ihn vor einigen Monaten dem p. t. publico in|ad|ae|qu|at mit Empfehlung angetragen .

Nun aber retour zu Pluto . 40 Minuten polyrhythmisch hochmusikalische Ermunterung : 01. sweet idleness | 02. german wunderkind | 03. ueber confused | 04. no ecotourist | 05. include me out | 06. musically active | 07. world citizen - CLICK LINKS TO LISTEN AND ENJOY .

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Peter Kurzeck : Erinnerung , sprich



||| Das neue Werk des Erzählers Peter Kurzeck gibt es auschliesslich in gesprochener Fassung

czz | NZZ , 4. 7. 2008

icon welleWenige verstehen sich so auf die Kunst der Erinnerung und deren poetische Vignettierung wie der 1943 im einstigen Sudetenland geborene und mit der Familie 1946 in der hessischen Provinz gestrandete Peter Kurzeck . In seinem mittlerweile vier Bände zählenden Prosawerk spiegeln die trivialsten Daten den Abglanz jener Ur- Erinnerung, welche noch in den schlimmsten Krisen späterer ( Schreib- ) Einsamkeiten glimmt .

LEBENDIGE REDE

icon welleEine Grundpartitur der selten lichten Memoiren aus der Nachkriegszeit gab Kurzeck 1987 mit dem Roman “Kein Frühling” . Nun , da er mit der Erzählung “Ein Sommer , der bleibt” noch einmal in den Kosmos der Kindheit blickt , lässt er als Live- Erzähler die Lichtfäden dieser Erinnerung in der Brise des Atems flattern . Dank dem auf den Originalton freier Rede spezialisierten Label Supposé konnte das Stück in Form eines ausschliesslich gesprochenen Werks erscheinen . Im stillen Studio entstand beim allmählichen Verfertigen des Denkens beim Reden eine veritable Rhapsodie .

Die Anspielung auf antike Epen ist nicht zu hoch gegriffen : Die ursprünglich mündlich tradierten Stoffe handeln oft von Goldenen Zeitaltern und deren Verwehen . Sie spielen in einem geschlossenen Kosmos . Und sie bedienen sich der Memorialtechniken von Leitmotiven , Refrains und Rhythmen , um erinnerbar und erzählbar zu bleiben .

MODERNER RHAPSODE

icon welleKurzecks Umkreisungen des Dörfchens Staufenberg und seines Weichbildes erzählen sich keineswegs “irgendwie” hin . Im Gegenteil orientiert sich der Sprecher im Studio am Wechsel der Jahreszeiten , an topographischen Markern , kurz : an den “topoi” der klassischen Rhetorik . In den ersten Sequenzen von Kurzecks Erzählkreis wird mit dem Blick aus den Fenstern des Wohnquartiers nicht nur das Terrain des Geschehens abgesteckt , sondern auch eine Poetologie skizziert .

Hinter lehmigen Dorfstrassen weiten sich die Flusslandschaften von Lumda und Lahn , über Allem thront stolz der markante Basaltfelsen von Staufenberg mit Burg und Oberdorf . Steil erheben sich die nach oben gestaffelten Häuserfronten als Leinwand für atmosphärische Lichtspiele . Kurzeck erzählt von der ( Kinder ?- ) Phantasie , man möge dieses hessische Pueblo entweder in den verschiedensten Schattierungen schwarzer Farben malen oder aber in allen Nuancen von Weiss .

WILLE ZUR STILISIERUNG

icon welleDer Hinweis auf das Entweder- Oder von Schwarz und Weiss signalisiert ein Wissen um die Stilisierung des Berichtes : im Willen zur Verklärung dessen , was unwiederbringlich verloren ist , und in der Verdichtung der Kindheitserzählung auf den Lauf eines mythischen Jahreskreises .

Da ist der Frühling 1946 mit der Ankunft des kaum Dreijährigen und der aus Böhmen “ausgesiedelten” Familie und der Erkundung der neuen Lebenswelt . Maikäfer und Ameisenflug wecken pochende Vorfreuden . Endlich öffnet sich das Tor zu jenem “Sommer , der bleibt” , wo Dorf, Wald , Feld und Fluss sich den Streifzügen des Kindes unterbreiten : ein Huckleberry Finn an der Lahn .

Mit dem Herbst hebt ein weiterer Bogen an , der von walnussbraunen Fingern , Schule und wachsendem Lesehunger handelt . Der Winter bringt warme , ins Halbdunkel der 25- Watt- Birnen getauchte Innenbilder der Familie . In kristallinem Licht erscheint dahingegen eine Szene euphorischer Emanzipation : Über gleissenden Schnee jagt der Knabe unbändig freiheitsfreudig ins Weite . In den Farben des Schnees kehren jene Nuancen von Weiss wieder , in welchen Kurzeck eingangs das ganze Dorf gemalt haben wollte.

DEN BETON SPRENGEN

icon wellePeter Kurzecks erinnerte Zeit wandelt sich dort in eine “verlorene” , als mit dem Ausbau der Giessener Stadtautobahn die Landschaft hinter Beton verschwindet . Das mit der Automobilisierung parallel ziehende Zeitalter des Fernsehens entpuppt sich als Folge verstellter Nahsicht . Hier endet die Epoche der Kindersommer , und der Chronist findet eine Gegenwelt in den Bars der amerikanischen Soldaten . Unversehens und im Singsang der Rede führen die rhapsodischen Bögen aus dem Paradies sinnlicher Weltbegegnung in die Beton- Epoche des verwalteten Lebens .

Peter Kurzecks “Ein Sommer , der bleibt” spricht beredt , virtuos und akzentuiert von der lebendigen Erinnerung als einer Kraft , die fähig sein kann , den Beton des Jetzt zu sprengen .

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LINKS

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RELATED

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text verschlingen | Angelika Kaufmanns “VerBuchung” von Texten Friederike Mayröckers



||| I. RUF | II. RAHMEN | III. RAUM | IV. REFLEX | V. RÜCKGABE | VI. REGENBOGEN ||| KLANGAPPARAT | CLICK EMBEDDED PICTURES TO ENLARGE ( # 2 - # 7 )

Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 ( 01 )

Also immer für sich einen neuen Anfang machen,
Tatzen auf der Maschine ( Friederike Mayröcker )

angelika kaufmann U 01

I. RUF
Sie hat den besten , sie hat den schlechtesten Ruf : die Schrift .
Den Einen gibt sie als alphabetisiertes Sinn - Bild , als Chiffre für die “Lesbarkeit der Welt” ( Hans Blumenberg ) , ohne die sich Gesellschaft und Individuum nicht in im Chaos der Phänomene beheimaten könnten . Schrift setzen heisst : Spur legen , Sinn machen .

Schrift legt Fährten , gewinnt Gefährten .
Kommunikation , Überlieferung , Einbindung - all das ist Schrift .

Anderseits :
Es erscheint die Schrift meist an Stelle eines abwesenden Menschen . Dem Lesenden eines Buches bleibt die persönliche Friederike Mayröcker , ihre Stimme und deren charismatisches Wesen fern .

Das Pneuma der verlautenden Stimme atmet aus dem Notat und kehrt sich aushauchend - in produktiver Ausfällung wieder in ein Notat zurück .”das zu sehende - das zu hörende” wird wieder ein zu Schreibendes , ein zu Lesendes .

Es bleibt : die Schrift . Die Schrift , die wir lesen .
Die Schrift , die wir vor Augen haben, gedruckt , im Buch . Die Schrift aber auch , welche Angelika Kaufmann nach zeichnet .
Nach schreibt . Ab schreibt . Neu schreibt . Weiter und weiter schreibt , das Freud’sche “Fort” in ein “Da” verwandelnd . Die Schrift , welche Angelika Kaufmann aus der Vergangenheit schreibt , in die Gegenwart schreibt und in die Zukunft . Und schreibt und schreibt .

So gross schreibt und so haptisch gestaltet , dass sich der Betrachter darin verstricken möchte . Oder sich in die Schwingungen , Schlingungen der Ober- und Unterlängen ( wie in eine Schaukel ) setzen . Nehmen Sie Platz .

Keiner erwartet Sie . - Aber ja doch : Die Schrift nimmt sich Ihrer an .

Diese Schrift - Angelika Kaufmanns TagesMitSchrift seriell angezettelter “magischer blätter” - mag zwar den Sinn in eine Form ordnen , ordnet sich dabei allerdings keinesfalls unter .
Sie ist keine Gebrauchs- Schrift . Keine Brauch- Schrift , die von sich selbst absieht , um Anderes - “Inhalte” - zu transportieren . Angelika Kaufmanns VerBuchungen sind keine Transportmittel , Normgefässe , Container , Flachwaren oder Gebinde für Füllstoffe und Nettogewichtseinheiten .

Angelika Kaufmanns AbSchriften sind Dichtung , ja :
Diese Schriften sind Dichtung AN SICH , nicht mehr und nicht weniger als Friederike Mayröckers poetisches Werk . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_01.jpgII. RAHMEN
Doch ich greife vor . - Oder bin ich zu weit zurück gegangen ? … zurück gegangen zur Kritik der Schriftlichkeit , wie sie seit Platons “Phaidros” variantenreich kursiert ? … wie sie mit jedem frisch auf der BildFläche auftauchenden Medium in neuer Version kursiert ?

Eine Kritik , die - pointiert formuliert - besagt , als dass mit der AufZeichnung ( dem RECORDING ) von Wissen , erst eigentlich das VERGESSEN beginnt ? - Die Auslagerung von lebendigem , erzählten Wissen auf die Festplatte des geschriebenen Textes birgt bereits das Moment eines Sterbens . Wer auf Überlieferung setzt , auf Schrift , RECORD und Verzeichnis , denkt bereits die eigene Abwesenheit .

Damit wird - cum grano salis - schon der Tod ins Werk gesetzt und die Hybris des In-der-Schrift- bzw. des Im-Werk-Überlebens . Man schreibt also am eigenen Epitaph .
Kassiber ins Abwesende , sei dieses räumlich , sei dieses zeitlich .

Es sei : Da jede Autorin und da jedem Autor allerdings “meine stattliche Haut, eidesstattliche Fliespapierhaut” ( 2 ) der pragmatischen Schrift bei der Sprach- Setzung näher ist als der eschatologische Rock , da der Markt das Medium “Buch” als Grundbedingung für das praktische Überleben in Verbreitung , Vertrieb und Verwertung erzwingt , will Literatur gedruckt sein .
So codiert sich in der Gutenberg- Galaxis nun einmal die poetische Flaschenpost : Zwischen Umschlag , Einband und Vorsatz , blättert sich die Werk- Welt her . Im Grunde eine Schachtel , welche man öffnet und wieder schliesst . Text und Schrift zwischen Deckeln .

Mit ihren Schrift- Bildern, Text- und Buch- Zerlegungen stellt sich Angelika Kaufmann solchen Verpackungsroutinen entgegen . Über Jahre vollzieht dies die Künstlerin in sorgfältig gesetzten Anordnungen . Anordnungen , welche sie sich selber auferlegt , seitdem sie von der Poesie Friederike Mayröckers - konkret von dem Gedicht “Im Elendsquartier” ( 1956 entstanden und abgedruckt im 1974 erschienenen Band “In langsamen Blitzen” ) - getroffen wurde .
Aus einer Affinität zu Mayröckers radikaler Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst , handwerklicher Arbeit und Leben hat die gelernte Gebrauchsgrafikerin Angelika Kaufmann eine Selbst- Beauftragung formuliert und - speziell während der letzten zwanzig Jahre - mit jeder neuen Werkgruppe , Schriftgruppe aufs Neue in Angriff genommen .

Etwa beim Prosa-Fliess-Text des “Herzzereissende[n] der Dinge“: Ein WeiterSchreiben über die Blattgrenze hinaus, Wort und Zeilenbrüche entgrenzend. Zäsur, Offenheit und Rhythmus der poetischen Vorlage sind solcherart allerdings keineswegs sistiert. Im Gegenteil ereignet sich das stille Drama von Spannung und Entspannung, Ausschreiben und Aussparen, Betonung und Atemholen im einzelnen Buchstaben…

… hätte ich ein unendliches Schreibpapier, so dasz ich nicht immer wieder
ein neues Blatt in die Maschine einspannen müszte und das vorhergehende
ablegen müszte, nämlich die äuszerste Fassung, nicht wahr, nämlich
meditative Versenkung welche vom Rasen der Zeit befreit … ( Friederike Mayröcker 3 ) |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_03.jpgIII. RAUM
Angelika Kaufmann nennt es “TEXTZERLEGUNG” .
Man könnte auch sagen :
Angelika Kaufmanns schriftkünstlerische “Faktur” ( Roland Barthes ) bestünde in der Schöpfung einer genuin neuen Fraktur . Indem sie die Buchstaben aus der Fasson üblicher Vollständigkeit herausbricht , schafft Kaufmann neue Räume . Irritierende Räume , wie uns die Anschauung zeigt .
Denn wir wollen - beanspruchen gar - jederzeit alles lesen zu können , was geschrieben steht . Angelika Kaufmanns “VerBuchungen” indes verwehren uns die lineare Lesbarkeit . Wir entziffern Buchstaben , bleiben dabei aber doch Analphabeten .

Angelika Kaufmanns Methode des Zeigens und zugleich Verbergens von Schrift- Sinn gewährt so mannigfaltige Perspektiven , dass es der linearen Rede schwer ankommt , eine einigermassen geordnete Führung durch diese Assoziations- Agglomerationen anzubieten . Womit wir bereits nahe am Wesen des eigentlichen Gegenstandes dieser Kunst und unserer Rede über sie angelangt sind : nämlich am wesentlichen ( Im- ) Puls der Poesie .

Man kann nämlich sagen : Es gibt kein effizienteres Aufzeichnungs- und Sinn- Speicher- System als die Poesie . In jeder Silbe , in jedem Laut , in jedem Wort und in jedem Vers - ja , sogar in den Zwischenräumen und Interdependenzen - ist so viel Sinn eingelagert , explodieren so viele Zeitzünder an Kontaktschlüssen und Bedeutungen , dass die sekundäre Rede stets der Hase bleibt , welcher dem poetischen Igel hinterher hetzt .

Unternehmen Sie doch einfach die Gegenprobe , indem Sie deskriptiv darstellen , was in einem Gedicht “geschieht” : WAS es sagt und was es NICHT sagt , WIE es gesetzt ist und WAS es freilässt , WORIN es Nähe sucht und wo es Differenzen stiftet … und voilà sind Sie mitten im Sisyphus-Schicksal von Philologie und Hermeneutik .
Hilflos hier , geniesserisch dort , können beide nie zu einem Ende gelangen . |||

angelika_kaufmann_copyright_chinesischer blindenschriftband_max_02.jpg

IV. REFLEX
Kunst ist Tautologie . Sie sagt sich selbst . A rose is a rose is a rose .
Sie sagt , DASS sie sich sagt . Sie sagt , WIE sie sich sagt .
Ceci n’est pas une pipe .

Angelika Kaufmann stellt dieser beseelenden , dieser skandalösen Tautologie ein Gleiches zur Seite . Die Poesie verbirgt , indem sie zeigt . Sie sagt Manches und schweigt eben so Vieles im Sagen mit . Als bildende , als Schriftkünstlerin muss Angelika Kaufmann “dieses Stillsticken”( 4 ) ZEIGEN . Aber wir sehen ja , was sie uns zeigt : “Es regnete, regnete viele Wörter auf es herunter” ( 5 ), heisst es in “Pegas” , dem Text- Bilder- Buch-Pferdchen von Friederike Mayröcker und Angelika Kaufmann . Schon auf den beiden Dimensionen der Fläche unterbricht Kaufmann die Linie oder lässt diese über die Blatt- Bogen- Ränder hinaus schwingen .

Sie macht uns damit SEHEN , wie viel wir NICHT sehen . Kaufmanns Fraktur akzentuiert beides : das Anwesende und das Fehlen . Rest-Rundungen, Synchronbögen , Diagonal-Marker . Fragmentarisch horizontale und vertikale ArchitekturFragmente von Schrift . In ihrer Präsenz lenken sie den Blick des Betrachters auf ungewohnte formal- rhythmische Muster .

Dort , “wo was fehlt” , dort also wo unsere früh anerzogene DechiffrierPflicht auf die leere Fläche trifft , schiesst die Phantasie ein und damit die ( persönliche ) Projektion .

Hier rhythmische Kontraktion , dort tabula rasa :

Von Angelika Kaufmanns Blättern murmelt nicht nur die sibyllinische Stimme der Poesie . Viel mehr noch : Blicken wir uns selbst in Gestalt unserer Projektionen entgegen . Nicht zufällig waren es Friederike Mayröckers “14 Spiegeltexte” ( 6 ) , mit deren AufZeichnung sich Angelika Kaufmann Mitte der 70er Jahre zuerst befasste .

So viel zu den Dimensionen Numero Eins und Zwei , den Flächen- Koordinaten .
Angelika Kaufmanns Ein-, Ab- , Unter- und Überschreibungen fädeln ihre subtilen Linien allerdings auch durch die Dimensionen Numero Drei und Vier . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_05.jpgV. RÜCKGABE
Mit ihren Installationen , ihren Papier- und Buchobjekten gibt Angelika Kaufmann dem Text zurück, was dieser ( wir erinnern uns an den Topos der Schriftlichkeitskritik ) ersetzt , entbehrt oder gar exorziert : den Körper . Von Handen der Künstlerin holt die Schrift - etwa der mit Kaufmanns Notaten überschriebene “CHINESISCHE BLINDENSCHRIFTBAND” ( 2000 ) das verlorene Moment des Leiblichen zurück .

In diesem entstehenden Buch habe ich einen Nicht-Stil angewendet also eine Art literarischer Selbstentblöszung, nicht wahr, also das Kritzeln/ Beschmutzen: das Kritzeln auf meinen nackten Oberschenkel oder ins Handinnere schreiben und ein schwarzes Kreuz zeichnen, das nicht mehr zu löschen ist … ( Friederike Mayröcker 7)

Die haptische Anmutung der Papier-Objekte , die Fingerspitzen- Lektüre der Braille- Schrift , diverse Viskositäten von Farben und Tinten , Porosität oder Versiegelung von Texturen . Die mit viel Wissen , List und Lust am Material vollzogenen Schreibmanöver verwandeln Schrift und Text in ein Gegenständliches . Als Objekte , die uns im Raum begegnen , lassen sie sich umgehen , lassen sie sich mit ihnen umgehen , von hinten und vorne , von oben und unten anblicken .

Ja , sie sind da , präsent , still virulent . Sie ragen , stülpen , blättern sich , falten und entfalten sich im realen Raum .

… In meinem Schosz die Notizblätter zwitschern, während des Schreibens … und die Notizblättchen in meinem Schosz zwitschern, während des Schreibens … in meinem Schosz, während ich sitze vor der Maschine, in meinem Schosz die vielen Zettel … ( Friederike Mayröcker 8 )

Das Gegenständliche und Konkrete von Angelika Kaufmanns haptischen Schreib- Kunst- Stücken verweist wiederum auf die eigenwillig körperliche Qualität des poetischen Projektes Friederike Mayröckers . Schriften , Papiere , Zettel und Briefe spielen eine eminente Rolle in Mayröckers Texten . Nicht selten geht die Rede vom Palimpsest der Papiere , Notizen und Zitate , so dass das Murmeln der Namen , Exzerpte und Zettel teils aus der Lebenswelt der Dichterin berichten , teils eine unabtrennbare Komponente dieser Dichtung selber sind .

… denn mein Tisch die ganze Tischfläche : ein gehäuftes Wirrwarr von Schriften, Zettelchen, Büchern und schmutzigen Tellern und Tassen …( Friederike Mayröcker 9 )

Damit wird Gegenständlichkeit von Schrift und Text in Mayröckers Texten in Lust und als Last zu einem Leitmotiv . Die poetische Sprache , das Wortwerk kommt buchstäblich nicht umhin , die Physis des Textuellen - darüber hinaus aber auch diejenige des Leibes und der profanen Dinge - zu besprechen . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_04.jpgVI. REIHENFOLGE
Tertium datur . Friederike Mayröckers Verzettelungen , ihre getreuliche Mitschrift der an- und aufgelesenen Zitat- Objekte, Angelika Kaufmanns dreidimensionale Schrift- , Buch- und Papierobjekte : Beide untersuchen in immer neuen Aufgabestellungen und Serien- Regeln “ein Gleiches” , indem sie den Urtext , abschreibend , als ein Anderes realisieren . Ab- Schrift wird Um- Schrift und bildet dabei “ein GleichesANDERS ab.

Friederike Mayröcker selbst schreibt in ihrem Hörspiel “Gertrude Stein hat die Luft gemalt” ( 10 ) der Sprach- Fallen- Stellerin Gertrude Stein den Satz zu , man müsse AB- SCHREIBEN , um zu verstehen . Ähnlich hatte es Walter Benjamin formuliert , als er - für sein “Passagen-Werk” exzerpierend - in der Bibliothèque Nationale sass : Während bei der ( stillen ) Lektüre uns der Text äusserlich bleibt , dringt dieser bei der händischen Abschrift gleichsam physisch in uns ein . Wir be- greifen .
Begreifen den Text in der Dialektik zwischen der Hybris solcher Aneignung und der Demut des Kopisten .

Womit wir in der vierten Dimension angelangt sind :
Ab-schreiben kostet ZEIT . Silbe für Silbe , Wort für Wort lesen , memorieren , kopieren , kontrollieren … der Druck auf die START- Taste des Kopiergeräts scheint da doch wesentlich effizienter . Die Photokopie als Ersatzhandlung für unterlassene Lektüren ist ein beliebter Topos im Akademikerwitz . Zugleich erzählt diese Praxis aber auch vom Unterschied zwischen HABEN und SEIN . HABEN wir den Text physisch gespeichert , dünken wir uns in seinem BESITZ .

Angelika Kaufmann dahingegen zeigt mit ihren Schriften , dass ein solcher BESITZ nicht zu HABEN ist . Nie zu erlangen sein wird . Durch ihr Hand-Werk hindurch und mittels der tagtäglichen , peniblen Abschrift weiss die Urheberin der Umschrift , dass sie zu keinem Ende kommen kann und wird . Ihre Pinsel- Abstrich- und -Abtupf- Tagebücher manifestieren die ZEIT als Element : Zeit als materialgewordene Erstreckung, Laufmeter der Tagtäglichkeit . Mittels der Reihung verstreichender JETZT- Momente gewähren Angelika Kaufmanns Kladden , Konvolute und Palimpseste erhellenden Einblick auf Gestalt und Gestaltung von ZEIT . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_02.jpg VII. REGENBOGEN
Damit teilen sie weiteres Charakteristikum des tagtäglichen WortFortWerkens von Friederike Mayröcker . Es wird ver- zeichnet , dass ver- zeichnet wird . Schreiben über das Schreiben , das sich beim Schreiben zusieht .

Demgemäss sind Angelika Kaufmanns VerSchreibungen, AbSchriften , UmSchriften , NachSchriften , ÜberSchreibungen und UnterSchreibungen sowohl Illuminationen als auch Verschlüsselungen der Poesie .

Vom “öffnen und schliessen des mundes” ( Ernst Jandl ) zum Augenschein der ersichtlich hermetischen Schrift : Längst läuft ein “Blütenverkehr” - so Friederike Mayröcker in einem Angelika Kaufmann zugeeigneten Widmungsgedicht ( 11 ) - zwischen den einander zugeneigten Werken hin und her . Die einst separaten Positionen von Vorgängigkeit und Nachzeichnung , Ein- und Abschrift fliessen als Kontinuum wechselseitigen Wirkens ineinander .

Stilleben auf dem Schreibplatz: Schnabelkanne und Haube verschüttetes
Badewasser, mit Regenbogen, auf dem Parkett ( Friederike Mayröcker 12) |||

angelika kaufmann U 04

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czz in : Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 - wien , edition splitter 2007 , S. 38 - 71 | OUT NOW !

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( 01 ) Zur Ausstellung “Arbeiten von Angelika Kaufmann” [ zu Friederike Mayröckers Mein Arbeitstirol ] , Literaturhaus Wien
( 02 ) Friederike Mayröcker : Das Herzzerreiszende der Dinge - Suhrkamp 1985
( 03 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 04 ) op. cit.
( 05 ) Friederike Mayröcker, Angelika Kaufmann : Pegas , das Pferd - Neugebauer Press 1980
( 06 ) Friederike Mayröcker : Fantom Fan - Rowohlt 1971
( 07 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 08 ) op. cit.
( 09 ) op. cit.
( 10 ) Friederike Mayröcker : Gertrude Stein hat die Luft gemalt - Hörspiel , Regie : Klaus Schöning , DLF / ORF 2005
( 11 ) Friederike Mayröcker : für Angelika Kaufmann | sobald die Schneefeger [ 1. 1. 1997 ] - in: F. M. : Gesammelte Gedichte 1939 - 2003 , hg. von Marcel Beyer - Suhrkamp 2004
( 12 ) Friederike Mayröcker : ich habe angeboren das Blut | für Angelika Kaufmann [ 4. 3. 1997 ] - in : op. cit.

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KLANGAPPARAT

Dass Tom Larson mit seinen pulsierenden Patterns und fächelnden Flächen hat @ in|ad|ae|qu|at einiger Wertschätzung geniesst , dürfte sich über Jahr und Tag in der wiederkehrenden Erhebung seiner Mixes zum KLANGAPPARAT DES TAGES erwiesen haben . Zwar steht unmittelbar eine neue czz hörempfehlungRelease bevor , doch gehen wir noch einen Schritt hinter die jüngste ( Visions from above @ sonicwalker ) zurück und landen @ Loopazilla , dem ebenfalls hier schon charmant aktenkundig gewordenen Netlabel . Tom Larson ist - - - minimal auch ohne schal - - in poetischer Hochform und könnte in seiner luftig anmutenden , doch diskret strengen Manier eventuell in die Richtung der Papierarbeiten Angelika Kaufmanns weisen . CLICK HERE TO LISTEN |||

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